Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 12 von 25

PDF-Seiten

Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 5. Januar.

 

Elise! — So oft ich diesen Namen niederschreibe, klingt es wider in der immer

dunkler herabsinkenden Nacht meines Alters wie ein Kindermärchen, wie

Lerchenjubel und Nachtigallenklage, umgaukelt es mich so duftig, so leicht, so

elfenhaft …… Elise, Elise, komm zurück! Sieh, ich bin alt und einsam! Weißt du

nicht, daß ich dich auf den Armen schaukelte, daß ich über dir wachte in langen

Nächten, wie nur eine Mutter über ihrem Kinde wachen kann? — Und aus

weiter Ferne glaube ich oft eine zärtliche wie Musik tönende Stimme zu

vernehmen: Ich komme! ich komme! Geduld, nur noch eine kurze Zeit!

Und ich warte und hoffe und fülle diese Blätter mit dem Namen meines

Kindes Elise.

So tauche denn auf aus dem Dunkel, du Idyll, bringe mit dir deine

Märchenwelt, dein Lächeln durch Tränen! Komm, mein kleines Herz; — aus den

schweinsledernen Folianten lassen sich so hübsche Puppenstuben bauen; schau

einmal her, was für ein prächtiges Bett gibt mein Papierkorb ab für die Jungfern

Anna, Laura, Josephine und wie die kleiegefüllten Donnen sonst heißen! Einen

niedlichen goldgelben Kanarienvogel schenke ich dir, wenn du nicht weinen

willst und hübsch herzhaft den Löffel voll brauner Medizin herunterschluckst!

— Weine nicht, Liebchen, sieh wie der Efeu aus deiner Mutter Heimatswalde

Blättchen an Blättchen ansetzt und immer höher an der Fensterwand sich

emporrankt. Schau, wie der Sonnenschein hindurchzittert und auf dem Fußboden

tanzt und flimmert; es ist wie im grünen Wald — Sonnenschein und blauer

Himmel! Du mußt aber auch lächeln!

Und wie der Efeu höher und höher emporsteigt, so wächst auch du, mein

kleines Lieb; schon umgeben ebenso feine lichtbraune Locken, wie die auf

jenem Bilde, dein Köpfchen. Wer hat dich gelehrt, dieses Köpfchen so hinüber

hängen zu lassen nach der linken Seite, wie s i e es tat?

Schüttle die Locken nicht so und gucke mich nicht so schelmisch an aus

deinen großen glänzenden Augen! Soll das ein R sein, dieses Ungetüm? O,

welch ein Klecks, Schriftstellerin! Welche Tintenverschwendung von den

Händen bis auf die Nasenspitze! Wie wird die alte Martha waschen müssen! Du

sagst: du habest nun genug Buchstaben gemalt, du müssest jetzt hinunter in die

Gasse; du meinst: sogar die Fliegen hielten es nicht mehr aus in der Stube, du

sähest wohl, wie sie mit den Köpfen gegen die Scheiben stießen?!

Nun so lauf und fall nicht, Wildfang; ich sehe ein, wir müssen dich doch wohl

zu dem Herrn Roder in die Schule schicken, damit du das Stillsitzen lernst.

Was ist das auf einmal für ein helles Stimmchen, welches drüben aus dem

Fenster meiner alten Wohnung in Nr. Elf ruft:

„Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Ausgehen, ausgehen!“

Quält die kleine Hexe nicht schon wieder den Doktor der Philosophie

Heinrich Wimmer, der da drüben seine guten Leitartikel und schlechten Romane

schreibt? Wirklich, es ist so. Eine Baßstimme brummt herüber:

„Wachholder, ’s ist ne absolute Unmöglichkeit, bei dem Heidenlärm, den Euer

Mädchen hier mit dem Buchdruckerjungen und dem Rezensenten — (Rezensent

heißt der Hund des Doktors, ein ehrbarer, schwarzer Pudel) treibt, weiter zu

schreiben. Ich bin mitten in einer der sentimentalsten Phrasen abgeschnappt, —

die kleine Range ist aus Rand und Band, und dabei grinst der Lümmel Fritze im

Winkel und will Manuskript für die morgende Nummer.“

„Schicken Sie doch das Mädchen fort, Doktor, und riegeln Sie Ihren

Musentempel hinter ihr zu!“ lache ich hinüber.

„Dummes Zeug,“ brummt der Doktor, der eine echte zeitungsschreibende

Bummelnatur ist, und dem die Störung durchaus nicht mißfällt. „Dummes Zeug;

ich schreibe ‚Fortsetzung folgt‘, und wir führen die Dirne in Schreiers Hunde-

und Affenkomödie; der Rezensent hat’s auch nötig, daß seine ästhetische

Bildung aufgefrischt werde, wie ein Pack verflucht sonderbar riechender

Zeitungsnummern in der Ecke zur Genüge beweist. Machen Sie sich fertig,

Verehrtester!“

Damit verschwindet der Doktor vom Fenster; ich höre drüben auf der Treppe

ein Getrappel kleiner Füßchen, und Lise erscheint, begleitet vom Rezensenten,

in der Haustür. Mit einem Satz ist sie über die Gasse, ebenso schnell bei mir und

im Handumdrehen fertig, wenn’s sein müßte, eine Reise um die Welt anzutreten.

Einige Minuten später stürzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tür von

Nummer Elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr naß zu sein scheint, denn

er trägt es gar vorsichtig und hält es mit beiden Händen weit von sich ab. Jetzt

erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den österreichischen Landsturm

pfeifend, die Zigarre im Munde und mit dem Hakenstock sehr burschikose

Fechterübungen gegen einen eingebildeten Gegner machend. Er brüllt herauf:

„Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu unvernünftig

lange warten.“

Halb gezogen von Lischen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der wie es

scheint, seiner höheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht, stolpere

ich die Treppe hinunter, über Eimer und Besen, über Kinder und Körbe. Aus

allen Türen blicken alte und junge, männliche und weibliche Köpfe, die alle der

kleinen Lise Ralff freundlich zunicken. Und wirklich, sie ist auch — wie einst

ihre Mutter, nur jetzt noch auf andre Weise — das bewegende Prinzip der ganzen Hausgenossenschaft. Auf der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner

Höhle auf und erhält von der Lise Gruß und Handschlag, nicht aber vom

Rezensenten, der den Feuerarbeiter haßt, und, wie es so oft in der Welt

geschieht, das Werkzeug für die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe

polizeiliche Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster

aller Pudel, den Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete

Schnauze geschlossen? Wer verdenkt es dem braven Köter, wenn er

wehmütigwütig vor dem Keller den husarenfederbuschartig zugeschnittenen

Schwanz zwischen die Beine zieht und seitwärts schielend vorbeischleicht, „sich

in die Büsche schlägt“ wie Seume und mein Freund Wimmer sagen? Und nun

durch die Gassen! Himmel, was sollen wir der Kleinen nicht alles versprochen

haben! Da eine „reizende“ Gliederpuppe mit Wachsgesicht, an jenem Laden

wieder ein „wonniges“ kleines Puppenservice von gemaltem Porzellan und so

fort, daß der Doktor ganz wehmütig den Hut auf die Seite schiebt und sich hinter

dem Ohr kratzt.

„Ja, gucke nur, Onkel Wimmer, hast Du nicht gesagt, Du wolltest mir solch

ein hübsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus Deinen alten,

schmutzigen Schreibbüchern dem Rezensenten einen Federhut machen wolle?“

„Denken Sie, Wachholder“ — sagt der Doktor zu mir — „da hatte die

Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze zwanzigste

Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwähnten Zwecke vermißbraucht!

Denken Sie sich meine Verblüfftheit, als der Köter so geschmückt aus seinem

Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir gegenüber springt und einen

verachtenden Blick über den Schreibtisch und die noch übrigen Bogen wirft, als

wolle er sagen: Pah, aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose

Jacke!“

„Kriege ich mein Geschirr?“ ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig.

„Ja,“ sagte der Doktor gravitätisch; „mit der zweiten Auflage der

Flodoardine!“

„Ach,“ mault die Kleine, wehmütig über diese dunkle, ihr unverständliche

Vertröstung, „ich sehe schon, Du hast wieder mal kein Geld!“

Lachend marschierte ich weiter, während der Doktor ebenfalls etwas

Unverständliches in den Bart brummte.

Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmückten Bude angekommen

und einen Augenblick darauf auch drinnen. Affen und Äffinnen, Hunde und

Hündinnen machten ihre Kunststücke, und die Bretter bedeuteten auch hier eine

Welt, und Affe und Äffin, Hund und Hündin betrugen sich wie Menschen. Die

kleine Elise jauchzte, und Rezensent starrte verwundert seinen

Stammesgenossen auf der Bühne zu. Er schien ganz perplex, und von Zeit zu Zeit stieß er einen heulenden Laut aus, den der Doktor verdolmetschte:

 

„Berichterstatter war außer sich vor Entzücken.“

 

Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das bedeute:

 

„Berichterstatter war außer sich über die Insolenz eines so unreifen

Künstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum, wie das unserer

Residenz, zu erscheinen.“

 

Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hieß das:

 

„Diese junge Künstlerin verdient alle Ermunterung. Bei fortgesetztem,

fleißigem Studium verspricht sie etwas Großes zu leisten.“

 

Gähnte der Köter, so sagte der Doktor:

 

„Berichterstatter rät dem Verfasser dieses geistvollen Stücks, sein elendes

Machwerk nicht für dramatische Poesie auszugeben. Mit einer Tragödie hat

es nichts gemein als fünf Akte!“

 

Als am Schluß der Vorstellung das große und kleine Publikum sich erhob und

Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer großen Verpflichtung befreit,

unter die Bank sprang, erklärte der Doktor, das bedeute:

 

„Gottlob, daß die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch mit

Gemütsruhe eine Zigarre anzünden und zu Butter und Wagener am

Gänsemarkt gehen.“

 

Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu sich

empor und gab ihr — wie sehr sie sich auch sträubte — einen tüchtigen

Schmatz.

„Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues

Teeservice an,“ sagte er lachend.

Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu sein, welcher von beiden

Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und

so weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.

Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gänsemarkt. Wir kaufen

noch Obst von der alten Hökerfrau an der Ecke, und kehren glücklich — das

kleine Herz voll vom Affen Kätz mit der Laterne und dem Spitz Hudiwudri, der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundern, zurück in unsere

Sperlingsgasse und schlafen, müde vom Gehen, Lachen und Jubeln, schon beim

Auskleiden ein.

Dann steigt der volle reine Mond über den Dächern auf. Der Abendwind weht

frischere Lüfte über die große Stadt. Der Lärm des Tages ist vorbei; manche

bedrückte Brust atmet leichter in der dämmerigen Kühle. Mancher sehnige

Mannesarm, welcher den Tag über den Hammer, das Beil, die Feile regierte, legt

sich sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm neuen Mut im harten Kampf

gegen die Materie gibt; manche harte Hände heben kleine, schlaftrunkene

Kindchen aus den ärmlichen Bettchen, um an den kleinen Lippen Hoffnung und

Mut zum neuen Schaffen zu saugen! Und auch ich beuge mich dann über meine

schlafende Pflegetochter, den leisen, ruhigen Atemzügen der kleinen Brust

lauschend, während die alte Martha am Fußende des Bettes strickt.

Das Lockenköpfchen des Kindes liegt auf dem rechten Ärmchen, das

Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen, reinen

Züge nicht sehen.

 

— — — — — —

 

Da sieh! Plötzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zu —

es murmelt etwas. „Mama!“ flüstert es leise, und ein heiliges, glückseliges

Lächeln gleitet über das Gesichtchen.

Wer raunt der Waise das süße Wort zu? — Die alte Martha hat die Hände

gefaltet und betet leise. — „Mama, liebe, liebe Mama!“ flüstert das Kind wieder,

das Ärmchen ausstreckend.

Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurück, über ihrem Kinde

zu schweben?

Dann fällt wohl ein Mondstrahl glänzend durch das Efeugitter auf das Bild

Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine Wolke legt

sich vor den Mond, der Strahl verschwindet, — das Kind versenkt, sich

umdrehend, das Köpfchen wieder in die Kissen.

„Gute Nacht, Elise! Felicissima notte, sagen sie in dem schönen

Italien, wo Du heute weilst, eine glückliche, liebende Frau: Felicissima

notte, Elise!“