Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 1. Januar.
Neujahrstag! — Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien; ein
köstliches Neujahrsgeschenk. Er spricht von der alten dunkeln Sperlingsgasse
und Glück und Wiedersehen, und eine Frauenhand hat diese feinen, zierlichen
Buchstaben gekritzelt. Den Namen der Schreiberin nenne ich aber noch nicht,
sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort, wozu ich diesmal eine neue Mappe
hervorsuchen muß.
So war ich denn allein mit der kleinen Elise, die unbewußt ihres Waisentums
und des unbehülflichen Pflegevaters, auf Marthas Schoß tanzte, als ich auch von
d e m Begräbnisse zurückkehrte in diese vor kurzem noch so fröhliche, jetzt so
öde Wohnung in Nr. Sieben der Sperlingsgasse. Da stand — es steht noch da —
auf dem Fenstertritt Mariens kleines Nähtischchen mit unvollendeten Arbeiten,
Zwirnknäulchen, Nadeln und Bändern, wie sie es an j e n e m Abend, über
Kopfweh klagend, verlassen hatte, um nicht wieder davor zu sitzen, nicht wieder
durch die Rosen- und Resedastöcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse
hinaus zu sehen. Da waren noch allenthalben die Spuren ihrer zierlichen
Geschäftigkeit. Franz hatte die letzten drei Monate wie ein Argus über ihre
Erhaltung gewacht. — Dort auf jenem Stuhl hing noch ihr Hütchen, dort das
Handkörbchen, welches sie bei ihren Einkäufen mit sich führte.
Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei; das vollendete Bild Mariens,
lächelnd, wie sie nur lächeln konnte, — darauf lehnend. Seine farbenbedeckte
Palette hing daneben, seine Skizzenmappen und Rollen lehnten und lagen
allenthalben. Hinter der Tür hing sein zerdrückter Biber, den wir so oft auf
unsern Spaziergängen mit Blumen und Laubgewinden umkränzten, und der
Marien, seines jämmerlichen, manchen sturmdurchlebten Aussehens wegen, ein
solcher Dorn im Auge war.
Kein Fleckchen, kein Gerät ohne seine traurig süße Erinnerung. Zerbrochenes
Kinderspielzeug auf dem Boden …… und ich allein mit dem Kinde in dieser
kleinen Welt eines verlornen Glücks, — Erbe von so viel Schmerz und Tränen
und Verlassenheit!
Aber jetzt galt es zu handeln, nicht zu träumen. Ich mußte mich aufraffen. Ich
nahm der Wärterin das kleine Lischen aus den Armen, küßte es und versprach
mir leise dabei, dem Kinde meiner Freunde ein treuer Helfer zu sein im Glück
und Unglück, bei Nacht und bei Tage, und ich glaube den Schwur gehalten zu
haben. Das Kind sah mich mit seinen großen blauen — denen der Mutter so
ähnlichen — Augen lächelnd an, griff mit beiden Händen mir in die Haare und begann lustig zu zausen, wobei die alte Martha mit gefalteten Händen zusah.
Martha war schon Mariens Wärterin im Rektorhause zu Ulfelden gewesen, war
mit ihr zur Stadt gekommen und hatte sie nicht verlassen bis an ihren Tod.
Da meine Wohnung drüben in Nr. Elf zu beschränkt war, um die ganze kleine
Welt dahin überzusiedeln, so hielt ich zuerst mit Martha einen Rat, dessen
Resultat war, daß ich meine Bücher, Herbarien, Pfeifen und unleserlichen
Manuskripte nach Nr. Sieben herüber holte, worauf Martha alles aufs beste
einrichtete. Indem ich alle Liebe für die Eltern nun in dem Kinde konzentrierte,
hoffte ich, auf den Trümmern des zusammengestürzten Glücks ein neues
hervorblühen sehen zu können. Drüben blieb die Wohnung nicht lange leer;
mein dicker Freund, der Doktor Wimmer, zog ein und spielte eine geraume Zeit
den Haupthelden und Faxenmacher der Sperlingsgasse.