Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 1 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Pro domo Vorrede zur dritten Auflage

Pro domo

Vorrede zur dritten Auflage

 

Wenn es gewittert, verkriechen sich die Vögel unter dem Busch. Das wäre fast

als ein gutes und warnendes Beispiel auch für dieses kleine Buch zu nehmen; es

will sich aber nicht warnen lassen, und vielleicht darf es auch nicht.

Als vor zehn Jahren hinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlugen, da

regte es zum ersten Male seine Flügel und flatterte unbesorgt aus, wie finster

auch der Himmel sein mochte. Mancherlei Wechsel der Zeit erfuhr es, und es

wäre kein Wunder, wenn so viele fallende Trümmer es längst mit tausend

Genossen unter berghohem Schutt begraben hätten; aber es fand seinen Weg,

kam zu vielen Leuten, und sie nahmen es gut auf mit allen seinen Fehlern und

Wunderlichkeiten.

Wenn es aber auch nur unter e i n e m Dach eine trübe Stunde verscheucht,

eine schwere Stunde sanfter gemacht hätte, wie Herr Hartmann von der Aue

sagt; wenn es nur ein Lächeln, nur eine Träne hervorgerufen hätte, so wäre sein

Wirken und Sein nicht vergeblich gewesen.

Nun hängen wieder die Wolken drohend herab; der Krieg schlägt mit

gewappneter Faust dröhnend an die Pforten unseres eigenen Volkes, und es ist

niemand, so hoch oder niedrig ihn das Leben gestellt habe, der sagen kann,

welch ein Schicksal ihm die nächste Stunde bringen werde. Es steht zu keiner

Zeit ein Glück so fest, daß es nicht von einem Windhauch oder dem Hauch eines

Kindes umgestürzt werden könnte; wieviel weniger jetzt! In solcher Zeit ständen

die Menschen am liebsten mit leeren, müßigen Händen, horchend und wartend;

aber das ist nicht das Rechte. Es soll niemand sein Handwerksgerät, die Waffen,

mit welchen er das Leben bezwingt, in dumpfer Betäubung fallen lassen. Ein

Geschlecht gebe seine Arbeit an das folgende ab, und, gottlob, jener Epochen, in

welchen die Menschheit ihre Mühen ganz von neuem aufnehmen mußte, weil

die Sturmflut alles vorige fortgespült hatte, sind wenige.

Auch in diesem Sinne ist nichts zu hoch und nichts zu gering, und in diesem

Sinne finden auch diese Blätter die Berechtigung, ihren Flug durch die

stürmische Welt abermals vertrauensvoll zu beginnen. Mögen sie neue Freunde

zu den alten gewonnen haben, wenn wieder zehn Jahre ihres flüchtigen Daseins dahingegangen sind!

 

S t u t t g a r t , im Februar 1864.

 

Der Verfasser.