Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 10 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 24. Dezember.

 

Weihnachten! — Welch ein prächtiges Wort! — Immer höher türmt sich der

Schnee in den Straßen; immer länger werden die Eiszapfen an den Dachtraufen;

immer schwerer tauen am Morgen die gefrorenen Fensterscheiben auf! Ach in

vielen armen Wohnungen tun sie es gar nicht mehr. — Hinter den meisten

Fenstern lugen erwartungsvolle Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der

weißen Decke des Pflasters ein verlorner Tannenzweig. Es wird viel

Goldschaum verkauft, und bedeckte Platten von Eisenblech, die vorbeigetragen

werden, verbreiten einen wundervollen Duft.

„Was ist ein echter Hamburger Seelöwe?“ fragte Strobel, der bei mir eintrat

und beim Abnehmen des Hutes ein Miniaturschneegestöber hervorbrachte.

„Ein Hamburger Seelöwe?“ fragte ich verwundert. „Doch nicht etwa ein

Mitglied des Rats der Oberalten?“

„Beinahe!“ lachte der Zeichner. „Ein Hamburger Seelöwe ist eine Hasenpfote,

auf welche oben ein menschenähnliches Gesicht geleimt ist. Ein solches

Individuum versteht an einem Tischrande gar anmutige Bewegungen zu machen.

Sehen Sie hier!“

Dabei zog er den Gegenstand unseres Gesprächs hervor, hing ihn an meinen

Schreibtisch und brachte ihn durch eine Art Pendel in Bewegung.

„Ist das nicht eine wundervolle Erfindung?“

„Prächtig,“ sagte ich, „in meiner Jugend brachte man aber denselben Effekt

durch den abgenagten Brustknochen eines Gänsebratens, in welchen man eine

Gabel steckte, hervor; aber die Kultur muß ja fortschreiten.“

„Ja, die Kultur schreitet fort!“ seufzte der Zeichner. „Sogar die einfachen

Tannen machen allmählich diesen Pyramiden von bunten Papierschnitzeln Platz.

Papier, Papier überall! Aber was ich sagen wollte: wäre es nicht eigentlich die

Pflicht zweier Mitarbeiter der ‚Welken Blätter‘, jetzt auf die

Weihnachtswanderung zu gehen?“

„Auch ich wollte Sie eben dazu auffordern,“ sagte ich.

„Vorwärts!“ rief Strobel und stülpte seinen Filz wieder auf, während ich

meinen Mantel und roten baumwollenen Regenschirm hervorsuchte.

Wir gingen. Den Hamburger Seelöwen ließen wir ruhig am Tische

fortbaumeln, nachdem ihm Strobel noch einen letzten Stoß gegeben hatte. Zur

Weihnachtszeit habe ich gern ein solches Spielzeug in der Nähe; erfreute sich

doch auch der alt und grau gewordene Jean Paul zu solcher Zeit gern an dem

Farbenduft einer hölzernen Kindertrompete.

Welch ein Gang war das, den ich mit dem tollen Karikaturenzeichner in der

Dämmerung des Abends machte! In wie viel Keller- und andere Fenster mußte

der Mensch gucken; in wie viel kleine frostgerötete Hände, die sich an den

Ecken und aus den Torwegen uns entgegenstreckten, ließ er seine

Viergroschenstücke gleiten! Welch ein Gang war das! Die Geister, die den alten

Scrooge des Meisters Boz über die Weihnachtswelt führten, hätten mich nicht

besser leiten können, als Herr Ulrich Strobel. Jetzt betrachteten wir die

phantastische Ausstellung eines Ladens, jetzt die staunenden, verlangenden

Gesichter davor; jetzt entdeckte Strobel eine neue Idee in der Anfertigung eines

Spielzeugs, jetzt ich; es war wundervoll!

An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das fröhliche

Getümmel, welches sich dort umhertrieb, hineinblickend. Im ununterbrochenen

Zuge strömte das Volk an uns vorbei: Väter, auf jedem Arme und an jedem

Rockschoß ein Kind; Handwerksgesellen mit dem Schatz, den sie aus der Küche

der „Gnädigen“ weggestohlen hatten; ehrliche, unbeschreiblich gutmütig und

dumm lächelnde Infanteristen, feine, schmucke Garde-Schützen, schwere

Dragoner und „klobige“ Artillerie. — Hier und da wanden sich junge Mädchen

zierlich durch das Getümmel; jedes Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die

vornehmste Welt überschritt einmal ihre närrischen Grenzen und zeigte ihren

Kindern die — Freude des Volks.

Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. „Sehen Sie,“ sagte er, „da

strömt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum schöpft.

Nicht dadurch, daß man ihnen von Gott und so weiter Unverständliches

vorräsoniert, sie Bibel- oder Gesangbuchverse auswendig lernen läßt; nicht

dadurch, daß man sie — wo möglich in den Windeln — in die Kirche schleppt,

legt man den Keim der wunderbaren Religion in ihre Herzen. An das Gewühl

vor den Buden, an den grünen funkelnden Tannenbaum knüpft das junge Gemüt

seine ersten, wahren — und was mehr sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe

davon!“

Ich wollte eben darauf etwas erwidern, als plötzlich eine Gestalt in einen

dunkeln Mantel gehüllt, ein Kind auf dem Arme tragend, an uns vorbeischlüpfen

wollte. Ein Strahl der nächsten Gaslaterne fiel auf ihr Gesicht, es war die kleine

Tänzerin aus der Sperlingsgasse. Ich freute mich über die Begegnung und rief

sie an:

„Das ist prächtig, Fräulein Rosalie, daß wir Sie treffen. Vielleicht werden Sie

uns erlauben, daß wir Sie begleiten; denn um die Mysterien eines

Weihnachtsmarktes zu durchdringen, ist es jedenfalls nötig, ein Kind bei sich zu

haben.“

Die Tänzerin knixte und sagte: „O, Sie sind zu gütig, meine Herren; Alfred hat mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen, und da kein Theater ist, so mußte

ich ihm doch die Herrlichkeit zeigen.“

„Ja Mann,“ — sagte Alfred unter einer dicken Pudelmütze gar verwegen

hervorschauend — „mitgehen!“

Ich stellte der Tänzerin den Nachbar Zeichner vor, und das vierblättrige

Kleeblatt war bald in der Stimmung, die ein Weihnachtsmarkt erfordert. Was für

ein Talent, Kinder vor Entzücken außer sich zu bringen, entwickelte jetzt der

Karikaturenzeichner. Er hatte der Mutter den dicken Bengel sogleich

abgenommen, ließ ihn nun gar nicht aus dem Aufkreischen herauskommen und

schleppte ihn hoch auf der Schulter durch das Gewühl voran. „O ich bin Ihnen

so dankbar, so dankbar, Herr Wachholder,“ flüsterte die kleine Tänzerin, zu

deren Beschützer ich mich sehr gravitätisch aufwarf.

„Liebes Kind,“ sagte ich, „ein paar solcher Junggesellen wie ich und mein

Freund würden solche Abende wie dieser sehr übel zubringen, wenn nicht dann

ausdrücklich eine Vorsehung über sie wachte. Sie sollen einmal sehen, wie

prächtig wir heute Abend noch Weihnachten feiern werden; — hören Sie nur,

wie Alfred jubelt; sehen Sie, wie stolz und glücklich er unter der Pickelhaube

vorguckt, die ihm eben der Herr Strobel übergestülpt hat!“

Der Karikaturenzeichner hätte sich in diesem Augenblick sehr gut selbst

abkonterfeien können — er tat es auch, aber später. Wundervoll sah er aus. Im

Knopfloche baumelte ein gewaltiger Hampelmann, in der rechten Hand hatte er

eine große Knarre, die er energisch schwenkte; während auf seinem linken Arm

Alfred mit aller Macht auf eine Trommel paukte.

„Kleine Dame,“ sagte der Zeichner jetzt zu unserer Begleiterin, „stecken Sie

mir doch einmal jene Tüte in die Rocktasche, ich komme nicht dazu! Heda, alter

Wachholder,“ schrie er dann mich an, „gleiche ich nicht aufs Haar einer

Kammerverhandlung? Rechts Geknarre, links Getrommel, und für das Fassen

und Einsacken der begehrten Süßigkeiten weder Kraft noch Platz!“

„Mama, d e r Onkel aber mal rechter Onkel!“ rief der Kleine entzückt von

seiner Höhe herab, als Rosalie der Anforderung Strobels nachkam, und ich

ebenfalls die Tasche mit allerlei füllte.

So ging es weiter, bis uns endlich die Kälte zu heftig wurde. Der Zeichner

löste sich auf — wie er’s nannte — und überlieferte mir die spielzeugbehangene

Linke, behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und nun ging’s durch die

menschen- und lichterfüllten Straßen nach Hause. Wie glänzte heute abend die

alte dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern bis zum sechsten Stock, bis in die

kleinste Dachstube war die Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht allenthalben

auf gleich „fröhliche, selige, gnadenbringende“ Weise. Welch einen Abend

feierten wir nun! Wir ließen unsere kleine Begleiterin natürlich nicht zu ihrem kaltgewordenen Stübchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der Universität

meines famosen Punschmachens wegen berühmt gewesen? (eine Kunst, die mir

mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte). Der Karikaturenzeichner

holte einen Tannenzweig, den er auf der Straße gefunden hatte, hervor und hielt

ihn ins Licht.

„Das ist der wahre Weihnachtsduft,“ sagte er, „und in Ermangelung eines

Bessern muß man sich zu helfen wissen.“

Horch! was trappelt da draußen auf einmal auf der Treppe? Ein leises Kichern

erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe höher steigen zu wollen.

„Zu mir?“ sagt Rosalie und springt verwundert nach der Tür.

„Ach, da ist sie?!“ schallt es draußen, und auch ich stecke meinen Kopf

heraus.

„Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Röschen!“

erschallt ein Chor heller lustiger Stimmen.

„Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum!“

„Hurra, das ist’s, was wir eben brauchen!“ schreit der Zeichner, seine Knarre

schwingend. „Schönen guten Abend, meine Damen, und fröhliche

Weihnachten!“

Aus dunkeln Mänteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein

halbes Dutzend kleiner Theaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine Stube

füllen, und — auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument hervorholen,

welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein Heidenlärm bricht

los; das knarrt und quiekt und plärrt und klappert, daß die Wände widerhallen,

und Rosalie, welche beschwörend von einer der kleinen Ratten zur andern läuft,

zuletzt die Ohren zuhaltend in dem fernsten Winkel sich verkriecht.

Endlich legt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der

ausgehenden Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne über das

Pandämonium kaum noch seine Knarre schwingen kann.

Welch ein Punsch war das! welche Gesundheiten wurden ausgebracht! welche

Geschichten wurden erzählt! Vom Souffleur Flüstervogel bis zum Ballettmeister

Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn Intendanten hinauf.

Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber s i c h selbst machte er oft

genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf der Erde

stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim Versuch, den

glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichts wieder anzublasen und bei

andern Kunststücken.

Alfred, der durch Unterlegung von Pfuffendorfs und Bayles schweinslederner

Gelehrsamkeit und durch Auftürmung verschiedener dickbändiger

Erziehungstheorien dazu gebracht war, neben seiner kleinen Mutter sitzend, über

den Tisch blicken zu können, jubelte mit, bis ihm die Augen zufielen, und er auf

meinem Sofa ein- und weiterschlief bis elf Uhr, wo das Fest endete, die kleinen

Gäste wieder in ihre Mäntel krochen, mich für einen „gottvollen alten Herrn“

erklärten, Röschen küßten und nach einem vielstimmigen „gute Nacht“ die

Treppe hinabtrippelten. Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe höher (wozu ich leuchtete) und — auch dieser Weihnachtsabend der

Sperlingsgasse war vorbei.