Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 24. Dezember.
Weihnachten! — Welch ein prächtiges Wort! — Immer höher türmt sich der
Schnee in den Straßen; immer länger werden die Eiszapfen an den Dachtraufen;
immer schwerer tauen am Morgen die gefrorenen Fensterscheiben auf! Ach in
vielen armen Wohnungen tun sie es gar nicht mehr. — Hinter den meisten
Fenstern lugen erwartungsvolle Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der
weißen Decke des Pflasters ein verlorner Tannenzweig. Es wird viel
Goldschaum verkauft, und bedeckte Platten von Eisenblech, die vorbeigetragen
werden, verbreiten einen wundervollen Duft.
„Was ist ein echter Hamburger Seelöwe?“ fragte Strobel, der bei mir eintrat
und beim Abnehmen des Hutes ein Miniaturschneegestöber hervorbrachte.
„Ein Hamburger Seelöwe?“ fragte ich verwundert. „Doch nicht etwa ein
Mitglied des Rats der Oberalten?“
„Beinahe!“ lachte der Zeichner. „Ein Hamburger Seelöwe ist eine Hasenpfote,
auf welche oben ein menschenähnliches Gesicht geleimt ist. Ein solches
Individuum versteht an einem Tischrande gar anmutige Bewegungen zu machen.
Sehen Sie hier!“
Dabei zog er den Gegenstand unseres Gesprächs hervor, hing ihn an meinen
Schreibtisch und brachte ihn durch eine Art Pendel in Bewegung.
„Ist das nicht eine wundervolle Erfindung?“
„Prächtig,“ sagte ich, „in meiner Jugend brachte man aber denselben Effekt
durch den abgenagten Brustknochen eines Gänsebratens, in welchen man eine
Gabel steckte, hervor; aber die Kultur muß ja fortschreiten.“
„Ja, die Kultur schreitet fort!“ seufzte der Zeichner. „Sogar die einfachen
Tannen machen allmählich diesen Pyramiden von bunten Papierschnitzeln Platz.
Papier, Papier überall! Aber was ich sagen wollte: wäre es nicht eigentlich die
Pflicht zweier Mitarbeiter der ‚Welken Blätter‘, jetzt auf die
Weihnachtswanderung zu gehen?“
„Auch ich wollte Sie eben dazu auffordern,“ sagte ich.
„Vorwärts!“ rief Strobel und stülpte seinen Filz wieder auf, während ich
meinen Mantel und roten baumwollenen Regenschirm hervorsuchte.
Wir gingen. Den Hamburger Seelöwen ließen wir ruhig am Tische
fortbaumeln, nachdem ihm Strobel noch einen letzten Stoß gegeben hatte. Zur
Weihnachtszeit habe ich gern ein solches Spielzeug in der Nähe; erfreute sich
doch auch der alt und grau gewordene Jean Paul zu solcher Zeit gern an dem
Farbenduft einer hölzernen Kindertrompete.
Welch ein Gang war das, den ich mit dem tollen Karikaturenzeichner in der
Dämmerung des Abends machte! In wie viel Keller- und andere Fenster mußte
der Mensch gucken; in wie viel kleine frostgerötete Hände, die sich an den
Ecken und aus den Torwegen uns entgegenstreckten, ließ er seine
Viergroschenstücke gleiten! Welch ein Gang war das! Die Geister, die den alten
Scrooge des Meisters Boz über die Weihnachtswelt führten, hätten mich nicht
besser leiten können, als Herr Ulrich Strobel. Jetzt betrachteten wir die
phantastische Ausstellung eines Ladens, jetzt die staunenden, verlangenden
Gesichter davor; jetzt entdeckte Strobel eine neue Idee in der Anfertigung eines
Spielzeugs, jetzt ich; es war wundervoll!
An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das fröhliche
Getümmel, welches sich dort umhertrieb, hineinblickend. Im ununterbrochenen
Zuge strömte das Volk an uns vorbei: Väter, auf jedem Arme und an jedem
Rockschoß ein Kind; Handwerksgesellen mit dem Schatz, den sie aus der Küche
der „Gnädigen“ weggestohlen hatten; ehrliche, unbeschreiblich gutmütig und
dumm lächelnde Infanteristen, feine, schmucke Garde-Schützen, schwere
Dragoner und „klobige“ Artillerie. — Hier und da wanden sich junge Mädchen
zierlich durch das Getümmel; jedes Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die
vornehmste Welt überschritt einmal ihre närrischen Grenzen und zeigte ihren
Kindern die — Freude des Volks.
Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. „Sehen Sie,“ sagte er, „da
strömt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum schöpft.
Nicht dadurch, daß man ihnen von Gott und so weiter Unverständliches
vorräsoniert, sie Bibel- oder Gesangbuchverse auswendig lernen läßt; nicht
dadurch, daß man sie — wo möglich in den Windeln — in die Kirche schleppt,
legt man den Keim der wunderbaren Religion in ihre Herzen. An das Gewühl
vor den Buden, an den grünen funkelnden Tannenbaum knüpft das junge Gemüt
seine ersten, wahren — und was mehr sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe
davon!“
Ich wollte eben darauf etwas erwidern, als plötzlich eine Gestalt in einen
dunkeln Mantel gehüllt, ein Kind auf dem Arme tragend, an uns vorbeischlüpfen
wollte. Ein Strahl der nächsten Gaslaterne fiel auf ihr Gesicht, es war die kleine
Tänzerin aus der Sperlingsgasse. Ich freute mich über die Begegnung und rief
sie an:
„Das ist prächtig, Fräulein Rosalie, daß wir Sie treffen. Vielleicht werden Sie
uns erlauben, daß wir Sie begleiten; denn um die Mysterien eines
Weihnachtsmarktes zu durchdringen, ist es jedenfalls nötig, ein Kind bei sich zu
haben.“
Die Tänzerin knixte und sagte: „O, Sie sind zu gütig, meine Herren; Alfred hat mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen, und da kein Theater ist, so mußte
ich ihm doch die Herrlichkeit zeigen.“
„Ja Mann,“ — sagte Alfred unter einer dicken Pudelmütze gar verwegen
hervorschauend — „mitgehen!“
Ich stellte der Tänzerin den Nachbar Zeichner vor, und das vierblättrige
Kleeblatt war bald in der Stimmung, die ein Weihnachtsmarkt erfordert. Was für
ein Talent, Kinder vor Entzücken außer sich zu bringen, entwickelte jetzt der
Karikaturenzeichner. Er hatte der Mutter den dicken Bengel sogleich
abgenommen, ließ ihn nun gar nicht aus dem Aufkreischen herauskommen und
schleppte ihn hoch auf der Schulter durch das Gewühl voran. „O ich bin Ihnen
so dankbar, so dankbar, Herr Wachholder,“ flüsterte die kleine Tänzerin, zu
deren Beschützer ich mich sehr gravitätisch aufwarf.
„Liebes Kind,“ sagte ich, „ein paar solcher Junggesellen wie ich und mein
Freund würden solche Abende wie dieser sehr übel zubringen, wenn nicht dann
ausdrücklich eine Vorsehung über sie wachte. Sie sollen einmal sehen, wie
prächtig wir heute Abend noch Weihnachten feiern werden; — hören Sie nur,
wie Alfred jubelt; sehen Sie, wie stolz und glücklich er unter der Pickelhaube
vorguckt, die ihm eben der Herr Strobel übergestülpt hat!“
Der Karikaturenzeichner hätte sich in diesem Augenblick sehr gut selbst
abkonterfeien können — er tat es auch, aber später. Wundervoll sah er aus. Im
Knopfloche baumelte ein gewaltiger Hampelmann, in der rechten Hand hatte er
eine große Knarre, die er energisch schwenkte; während auf seinem linken Arm
Alfred mit aller Macht auf eine Trommel paukte.
„Kleine Dame,“ sagte der Zeichner jetzt zu unserer Begleiterin, „stecken Sie
mir doch einmal jene Tüte in die Rocktasche, ich komme nicht dazu! Heda, alter
Wachholder,“ schrie er dann mich an, „gleiche ich nicht aufs Haar einer
Kammerverhandlung? Rechts Geknarre, links Getrommel, und für das Fassen
und Einsacken der begehrten Süßigkeiten weder Kraft noch Platz!“
„Mama, d e r Onkel aber mal rechter Onkel!“ rief der Kleine entzückt von
seiner Höhe herab, als Rosalie der Anforderung Strobels nachkam, und ich
ebenfalls die Tasche mit allerlei füllte.
So ging es weiter, bis uns endlich die Kälte zu heftig wurde. Der Zeichner
löste sich auf — wie er’s nannte — und überlieferte mir die spielzeugbehangene
Linke, behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und nun ging’s durch die
menschen- und lichterfüllten Straßen nach Hause. Wie glänzte heute abend die
alte dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern bis zum sechsten Stock, bis in die
kleinste Dachstube war die Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht allenthalben
auf gleich „fröhliche, selige, gnadenbringende“ Weise. Welch einen Abend
feierten wir nun! Wir ließen unsere kleine Begleiterin natürlich nicht zu ihrem kaltgewordenen Stübchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der Universität
meines famosen Punschmachens wegen berühmt gewesen? (eine Kunst, die mir
mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte). Der Karikaturenzeichner
holte einen Tannenzweig, den er auf der Straße gefunden hatte, hervor und hielt
ihn ins Licht.
„Das ist der wahre Weihnachtsduft,“ sagte er, „und in Ermangelung eines
Bessern muß man sich zu helfen wissen.“
Horch! was trappelt da draußen auf einmal auf der Treppe? Ein leises Kichern
erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe höher steigen zu wollen.
„Zu mir?“ sagt Rosalie und springt verwundert nach der Tür.
„Ach, da ist sie?!“ schallt es draußen, und auch ich stecke meinen Kopf
heraus.
„Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Röschen!“
erschallt ein Chor heller lustiger Stimmen.
„Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum!“
„Hurra, das ist’s, was wir eben brauchen!“ schreit der Zeichner, seine Knarre
schwingend. „Schönen guten Abend, meine Damen, und fröhliche
Weihnachten!“
Aus dunkeln Mänteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein
halbes Dutzend kleiner Theaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine Stube
füllen, und — auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument hervorholen,
welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein Heidenlärm bricht
los; das knarrt und quiekt und plärrt und klappert, daß die Wände widerhallen,
und Rosalie, welche beschwörend von einer der kleinen Ratten zur andern läuft,
zuletzt die Ohren zuhaltend in dem fernsten Winkel sich verkriecht.
Endlich legt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der
ausgehenden Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne über das
Pandämonium kaum noch seine Knarre schwingen kann.
Welch ein Punsch war das! welche Gesundheiten wurden ausgebracht! welche
Geschichten wurden erzählt! Vom Souffleur Flüstervogel bis zum Ballettmeister
Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn Intendanten hinauf.
Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber s i c h selbst machte er oft
genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf der Erde
stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim Versuch, den
glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichts wieder anzublasen und bei
andern Kunststücken.
Alfred, der durch Unterlegung von Pfuffendorfs und Bayles schweinslederner
Gelehrsamkeit und durch Auftürmung verschiedener dickbändiger
Erziehungstheorien dazu gebracht war, neben seiner kleinen Mutter sitzend, über
den Tisch blicken zu können, jubelte mit, bis ihm die Augen zufielen, und er auf
meinem Sofa ein- und weiterschlief bis elf Uhr, wo das Fest endete, die kleinen
Gäste wieder in ihre Mäntel krochen, mich für einen „gottvollen alten Herrn“
erklärten, Röschen küßten und nach einem vielstimmigen „gute Nacht“ die
Treppe hinabtrippelten. Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe höher (wozu ich leuchtete) und — auch dieser Weihnachtsabend der
Sperlingsgasse war vorbei.