Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 2. Dezember.
Es ist heute für mich der Jahrestag eines großen Schmerzes, und doch trat heute
Morgen der Humor auf meine Schwelle, schüttelte seine Schellen, schwang
seine Pritsche und sagte:
„Lache, lache, Johannes, Du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren.“
Jener sonderbare lange Mensch von drüben, im abgetragenen grauen
Flausrock, einen ziemlich rot und schäbig blickenden Hut unter dem Arme,
klopfte an meine Tür, kündigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel
an, breitete eine Menge der tollsten Blätter auf dem Tische vor mir aus und
verlangte: ich solle ihm für den Winter — den Sommer über bummele er
draußen herum — eine Stelle als Zeichner bei einem der hiesigen illustrierten
Blätter verschaffen. Er behauptete, meinen dicken Freund, den Doktor Wimmer
in München, sehr gut zu kennen, und malte wirklich als Wahrzeichen das heitere
Gesicht des vortrefflichen Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des
Deckels eines daliegenden Buches. Ich versprach dem wunderlichen Burschen,
dessen Federzeichnungen wirklich ganz prächtig waren, von meinem geringen
Ansehen in der Literatur hiesiger Stadt für ihn den möglichst besten Gebrauch zu
machen, und er schied, indem er in der Tür mir die Hand drückte, mich süß-
säuerlich anlächelte und sagte:
„Sie tun sehr wohl, mich so zu verbinden, verehrtester Herr, denn als braver
Nachbar würde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken, die, zu
Papier gebracht, sich sehr gut ausnehmen könnte. Gute Nachbarn werden wir
übrigens diesen Winter hindurch wohl sein, teuerster Herr Wachholder! denn —
Sie sehen gern aus dem Fenster, eine Eigentümlichkeit aller der Leute, mit
welchen sich auf die eine oder die andere Weise leicht leben läßt. Guten
Morgen!“
Um eine originelle Bekanntschaft reicher, kehrte ich zu meiner Chronik
zurück, mit der Gewißheit, dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin wieder zu
begegnen.