Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 15 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 12. Januar.

 

Ich hab’s mir wohl gedacht, als ich diese Bogen falzte, und ich hab’s auch wohl

mit aufgeschrieben, daß ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang haben würde. Ich

weile in der Minute und springe über Jahre fort; ich male Bilder und bringe

keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will

nicht lehren, sondern ich will vergessen, ich — schreibe keinen Roman!

Heute werfe ich zum erstenmal einen prüfenden Blick zurück und muß selber

lächeln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernünftigen Leute sagen,

wenn diese Blätter einmal das Unglück haben sollten, hinauszugeraten unter sie?

Doch — einerlei! Laß sie sprechen, was sie wollen: ich segne doch die

Stunde, wo ich den Entschluß faßte, diese Blätter zu bekritzeln, mit einem Fuß in

der Gegenwart und Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und in der

Vergangenheit! — Wie viel trübe, einsame Stunden sind mir dadurch nicht

vorüber geschlüpft sonnig und hell, ein Bild das andere nachziehend, dieses

festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes freundliches Wechselspiel! So

schreibe ich weiter.

Manche alte verstaubte Mappe mit Büchern, Heften, Zeichnungen,

vertrockneten Blumen und Bändern liegt da; ich brauche nur hineinzugreifen,

um eine süße oder traurige Erinnerung aufsteigen zu lassen, keine aber so duftig,

so waldfrisch, als die folgende, welche ich überschreibe:

 

E i n T a g i m W a l d e .

 

„Fahren wir, oder gehen wir?“ hatte Lischen am Abend jenes auf den vorigen

Seiten beschriebenen so ereignisvollen Tages noch gefragt.

„Wir fahren!“ war die Antwort gewesen, und glücklich darüber hatte das Kind

das Näschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen.

Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens,

den leichten Strohhut auf dem Kopf, die grüne Botanisierbüchse auf dem

Rücken, schon an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend.

Die alte Martha hatte den Kaffee fertig, und Lischen, die bei ihrem Eifer,

ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr Hilfe als gewöhnlich nötig gehabt hatte,

sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer hinter sich herziehend.

Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt. Er ist,

wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines Schulmeisters, der wiederum

der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn es einen Stand gibt, welcher sich durch Generationen fortpflanzt, so ist es das deutsche Volkslehrertum. Da bringt

der Vater vom Lande einen seiner gewöhnlich sehr zahlreichen Söhne in die

Stadt; mit einer Bibel, einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als

Bibliothek. Der Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein größeres Talent, die

Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere Stimme — wenn sie auch gerade sich

setzt? So ausgerüstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz seiner weitern

Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter der wilden Bande

seiner Mitschüler, die ihn hänseln und zum besten haben in seiner Gutmütigkeit

und Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur ein erster April, wo man die

Narren „umherschickt — in den April“. Selbst der Zuwachs seiner Bibliothek,

bestehend aus den Schulbüchern seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte,

vermag ihn nur mittelmäßig zu trösten; ein größerer Freund ist ihm in dieser

Epoche seines Daseins das alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater für ein

billiges gemietet und in sein Dachstübchen gestellt hat. Davor sitzt der Arme

und spielt seine Choräle und Volksweisen — letztere nach dem Gehör, und denkt

zurück an sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister, und vor allem an die

Schule, in welcher er der erste war — ja sogar in der Ernte den Vater zuweilen

vertreten durfte; während er hier — er der große Bengel! — ganz unten seinen

Platz unter den Kleinsten, Dümmsten und Faulsten bekommen hat!

Warte nur, armer Kerl — sieh, da bricht schon der erste freudige Strahl in dein

dunkles Sein. Gewöhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer, der ein

Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher Naturfreund ist, womit

meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet, dem begegne, du armes

einsames Gemüt, und du wirst einen Freund gefunden haben. Jetzt verändert sich

alles!

Welch ein Schweifen nun über Berg und Tal; welch ein Versenken in all die

kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im Wasser, auf und unter

der Erde! Wie sich das Dachstübchen füllt mit Käfern, Schmetterlingen,

Herbarien u. s. w. Welch eine selige Ermüdung an jedem Abend, welch ein

Träumen in der Nacht, welch ein Erwachen am Morgen!

Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden

durchflogen — den Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt sich

immer schöner und weiter vor uns aus. — Ach ein Faust zu sein, ist es nicht

nötig alles studiert zu h a b e n : das W o l l e n allein genügt, den Mephistopheles

aus dem Nebel hervortreten zu lassen!

Stütze nur die heiße Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen

durchwachten Nächten, beschwöre nur die Geister alter und neuer Zeit herauf,

sie sind doch stets um dich, die Gespenster: Lebensnot und Zweifel und

vergebliches Streben!

Der Arm der Notwendigkeit faßt dich und schleudert dich mit deinem

Wissensdrang in ein abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer

großen Stadt; da begrab dein volles Herz und suche — zu vergessen!

Glücklich, wenn du’s kannst; glücklicher aber vielleicht doch, wenn es dir

gegeben ist, auch hier weiter zu suchen. Der Pulsschlag des Weltgeistes pocht ja

überall: „Suchet, so werdet ihr ihn finden!“ sagt das schönste der Bücher, das so

leicht zu verstehen ist und so schwer verstanden wird.

Ungeduldig klatscht der Kutscher unten vor der Tür, ungeduldig treibt Elise;

während Martha noch immer Zurüstungen macht wie zu einer Reise nach dem

Nordpol. Endlich aber steigen wir in den Wagen.

Unsere Sonntagsodyssee beginnt.

„Hätte der Onkel Doktor nicht morgen abreisen können?“ fragt noch Lischen

nach dem Zettel droben schauend, auf welchem die Madame Pimpernell

ankündigt:

„Hier ist eine Stube mit Kabinett zu vermieten.“

Roder lächelt, scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber sich gegenwärtig

auf weiteres nicht einlassen zu wollen, und so rollen wir durch die noch stillen

Straßen dem Tore zu. An den Wochentagen ist’s um diese Zeit schon lebendig

genug, heute aber schläft das Volk der Arbeit in den Morgen und den Sonntag

hinein; es hat das Recht dazu nach sechs Schöpfungstagen.

Jetzt sind wir in den grünen Anlagen, die sich rings um die Stadt ziehen.

Landhäuser und Gärten fassen auf beiden Seiten die Straße ein. Eine

Eisenbahnlinie geht mitten über den Weg, und wir müssen anhalten, denn ein

Zug fliegt eben brausend und schnaubend dem Bahnhofe zu. Der Sonntag,

welcher den Städter hinausführt, bringt den Landmann hinein in die Stadt, und

alle die Tausende, die heute ein- und ausfliegen werden, suchen alle ein andres

Ziel des Genusses; jeder die Freude auf eine andre Weise.

Schon haben wir die letzten Gärten hinter uns und fahren nun langsam die

Pappelallee hinauf den Höhen zu, welche im weiten Umkreis die große Ebene

und die große Stadt umgrenzen. Die Sonne steigt empor über dem Walde; die

Knospen, die Blätter, die Blumen tragen alle einen Tautropfen, das Geschenk der

Nacht; die Lerche erhebt sich jubelnd in die blaue, frische Luft, und auch sie

schüttelt Tau von den Flügeln. Wenn wir zurückblicken, liegt die große Stadt

noch verhüllt in dem silbergrauen Duftschleier, den sie selbst sich webt, und den

sie, wie Penelope den ihrigen, nur zertrennt, um ihn von neuem zu knüpfen. Wie

eingewebte Goldsterne blitzen die Kreuze der Türme — die Zeichen des Leids

— darauf. — Wir aber fahren schon im vollen Sonnenschein, und jetzt sind wir

am Rande des Waldes angekommen; nun brauchen wir den Wagen nicht mehr,

und schnell rollt er die Höhen wieder hinab, der Stadt zu.

Was trappelt auf einmal vor uns und raschelt durch das welke Laub des

vorigen Jahres, das den Boden bedeckt? Was bricht da durchs Gebüsch, die

Ohren und den schwarzen Pelz naß vom Morgentau, lustig jetzt um uns her

bellend und springend und die hellen blitzenden Tropfen abschüttelnd?

„Hurra! Willkommen im Walde!“ ruft eine wohlbekannte Baßstimme.

Wer trabt da lachend her — hinter einer kleinen Rauchwolke, eine hohe

schwankende Königskerze auf dem Hut, — auf dem Fußpfade, der seitab tiefer

ins Holz führt?

„Willkommen, fahrender Recke!“ ruft Roder, den Hut schwingend.

„Allerseits schönsten guten Morgen!“ grüßt der ausgewiesene Doktor, den

abgenommenen Maulkorb des Pudels in die Höhe schleudernd und

wiederfangend.

„Hast Du mit Rezensent im Walde geschlafen?“ fragt die kleine Lise.

„Der Herr Polizeikommissarius läßt Sie grüßen, Wimmer!“ lache ich.

Jeder hat zu gleicher Zeit zu fragen und zu antworten, und jeder tut es auch,

während Rezensent sich immer dicht an Elise hält, von Zeit zu Zeit ein kurzes

fideles Gebell ausstößt und fest unsern Proviantkorb im Auge behält.

Mit pathetischer Gebärde tritt jetzt der Doktor an den Rand der Höhe, streckt

den Arm gegen die Stadt aus und deklamiert: „Ha, da liegt sie — die

Undankbare, sie, in welcher ich meine Nächte durchwachte und meine Tage

verschlief — Sänger und Sängerinnen, Schauspieler und Schauspielerinnen,

Ballettänzer und Ballettänzerinnen lobte oder herunterriß — in welcher ich so

manchen Leitartikel schrieb — in welcher ich so manche Pfeife rauchte! Da liegt

sie wollüstig träumend im Morgenschlummer, während ich umherirre, verbannt,

vertrieben, an die Luft gesetzt, eliminito, wie der Doktor Brummer sagte;

gejagt, gemaßregelt — ein Lamm im scharfen Nordwind. Nest! — Brüste Dich

mit Deinen Gardeleutnants, Deiner famosen Musenbude, die ich dort über die

Dächer zwischen dem Pfeffer- und Salzfasse ragen sehe; ich verachte Dich, ein

deutscher Zeitungsschreiber! Mache in der Liste Deiner unter polizeilicher

Aufsicht Stehenden ein dickes Kreuz hinter dem Namen: Heinrich Theobald

Wimmer Dr. phil., setze ein dreimal unterstrichenes ‚A u s g e w i e s e n ‘

dahinter; ich schüttle Deinen Staub von meinen Füßen, ich verachte Dich! —

Bin ich nicht heimatsberechtigt in München an der Isar, stehen nicht viele

Löcher offen im edlen Was-ist-des-Deutschen-Vaterland? Zeugt nicht dieser

solide Bauch (hier schlug sich der Doktor auf den erwähnten Körperteil) von

Bayern? Es lebe München! — Ha, prophetisch verkünde ich Dir, ausweisender

Pascha von soundsoviel Roßschweifen: ein Schmächtigerer aber Giftigerer wird

meine Stelle einnehmen. Erfahren sollst Du zeitungenüberwachende Behörde,

daß das, was Ihr Unkraut nennt, wenigstens auch die Tugend desselben hat: nämlich nicht zu verderben und auszugehen! Fort in die Bresche, mein

unbekannter Mitkämpfer! Mein Segen begleitet Dich! Dixi, ich habe

gesprochen! — Komm, Lischen!“

Damit warf der Doktor den Maulkorb den Berg hinunter der Stadt zu, hob die

Kleine empor, setzte sie mit ihrer Tasche und den ersten während seiner Rede

von ihr gepflückten Blumen auf seine Schulter und schrie: „Allons, meine

Herren; hinein in den Wald! Kehren wir dem Nest den Rücken zu!“

Mit diesen Worten trabte der tolle Geselle auf dem Fußpfad, auf dem er

gekommen war, zurück ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der

Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her; gaudeamus igitur

tönte des Doktors Baß in das beginnende Konzert der Vögel, unser

Sommersonntag im Walde hatte begonnen.

Welch ein Tag war das!

Dieses erste Eintreten in die grüne Blätterwelt — dieses Aufatmen aus voller

Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig sträubenden Lise einen

ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen entschwunden, unsern

Ohren aber nicht. Die Kleine lachte — wurde ärgerlich — bat; der Pudel bellte

aus Leibeskräften, und der Doktor fiel aus einem seiner Studentenlieder ins

andre.

Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle gesellschaftlichen

Bande für aufgelöst zu halten.

„Das ist ein sonderbarer Menschentypus,“ sagte Roder lächelnd, als wir

langsamer hinterhergingen; „die personifizierte Gutmütigkeit unter dieser tollen,

barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar scheinen kann, da

er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, während ich auf dem Seminar

mich zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut hätte ein Guelfe mit einem

Ghibellinen Arm in Arm auf der via dei malcontenti in Florenz

spazieren gehen können. — Aber es war so, er lehrte mich Zigarren drehen, ich

dagegen brachte ihm bei: sich auf dem Klavier mit einem Finger zu dem

famosen Liede zu begleiten:

 

Mihi est propositum

In taberna mori …

 

Später verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hilfslehrer in Lammsdorf, er

ging auf die Universität. Da saß ich eines Abends und untersuchte Moose durch

die Lupe, als mich plötzlich jemand auf die Schulter klopfte, und eine

Bierbaßstimme — wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenkäs — ‚’n

Morgen, Roder,‘ hinter mir sagte. Es war Wimmer, der wegen Übertretung der

Duellgesetze relegiert, ‚die große Tour machte,‘ wie er sagte. Geld besaß er schon damals nicht, aber viel Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal

uns öfters wieder einander in den Weg geführt, und immer war der Doktor

Wimmer — derselbe …“

„Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, so lange man noch die

Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hört,“ sagte ich.

„Halt,“ rief der Lehrer, „welch ein prächtiges Aconitum, entschuldigen Sie!“

Damit sprang er ins Gebüsch, die Pflanze auszugraben, während ich in den Bart

murmelte:

Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, so lange noch in

e i n e Blüte das deutsche Gemüt sich versenken kann zwischen Weichsel und

Rhein.

„Onkel Wachholder, Onkel Wachholder; kommt alle schnell, schnell einmal

her!“ rief jetzt Lischen in der Ferne.

„Was gibt’s denn Lise?“ ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbüchse

legend.

„Ein wunder-wunderhübsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden!“

schallte es wieder, und wir setzten uns in Trab.

Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor, hochrot

vom Singen und Rennen und ließ die Kleine in einen Fliederbusch schauen.

Lise, den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu stören, guckte

selig durch die Zweige; während der Rezensent das Wunder weiter unten suchte

und, den Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur die Hinterbeine und den

wedelnden Husarenbusch zeigte.

„Nicht wahr, Lise, das mußte ich Dir doch zeigen? ’s ist doch prächtig, wenn

einen die Polizei so früh hinausjagt in den Wald!“

Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer zog’s

ihm heraus. Es war Reineke de Voß, des Doktors ewiger Begleiter auf allen

seinen Fahrten, den er fast auswendig wußte. Bei der Berührung des Lehrers sah

er sich auch sogleich um und begann:

 

„De quad deyt, de schuwet gern dat licht:

Also dede ok Reinke de bösewicht.

He hadde in de stad so vele missdan,

Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.

He schuwede seer des Konniges hoff

Darin he hadde seer kranken loff!“ —

 

„Aber hier, Lise, ist’s was andres; wenn wir hier ein Vogelnest finden, so dürfen

wir auch hineingucken und unsere Meinung darüber sagen.“

„O das ist wunder-wunderhübsch,“ ruft die Kleine, welche gar nicht hört, was

der Doktor sagt. „Sieh, der alte Vogel fürchtet sich gar nicht — o, welche große Schnäbel — er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach dem

Rezensenten hinunter! — Er tut Dir nichts, kleiner Vogel, bleib ruhig sitzen!“ —

Jetzt ließ der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: „Nun lauf zu Fuß,“

sagte er, „das Gras ist trocken.“

Welch ein Tag! Noch zogen weiße Wölkchen über die Baumwelt weg, bald

aber hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lächelte rein und klar auf

uns herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis: „Wo lassen

wir alle die Blumen, die wir pflücken, Lischen?“ — Die Händchen sind schon so

voll, daß wir bei jedem Schritt eine verlieren, und daß der Doktor sagen muß:

„Ist’s nicht wie im Märchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch

hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber —

schrecklich — die Häscher sind ihm auf den Fersen — wo hat er sich

hingewendet? — ‚Ha,‘ sagte der erfahrenste der Spürer, ein wahrer Pfadfinder

auf der Vagabondenjagd — ‚seht die Blumen — untermischt mit Zigarrenenden!

Laßt uns dieser Spur folgen, Brüder! — Ha, seht hier im weichen Boden die

Hundetapfen? — Er ist’s, er ist’s — Fort, ihm nach!‘ — Schrecklich!“

„Bravo, Wimmer!“ lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen

zerlegte. „Welcher Stoff für Dein nächstes Werk; wo Du es auch schreiben

magst, ich hoffe auf ein Exemplar.“

„In München werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen

Kontrakt mit dem Buchhändler und Eigentümer der ‚Knospen‘ — Gabriel

Pümpel, in der Tasche? Ist nicht Gabriel Pümpel mein Onkel? Ist nicht Nanette

Pümpel meine Cousine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem Nannerl!“

„Doktor! Doktor!“ rufe ich lächelnd.

„Wahrhaftig,“ seufzt der eliminierte Schriftsteller, „ich habe heute ordentlich

Lust solid zu werden.“

Ehrlicher alter Bursch!

„Also d a s waren Deine Gedanken,“ sagte der Lehrer lächelnd und gerührt,

„als Du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst? Ich konnte Dich

vor Tabaksqualm nicht recht sehen, aber Du schienst mir außergewöhnlich

nachdenklich und träumerisch. Gottlob, wenn diese Exilierung so ausschlüge.“

„Hurra,“ schreit der Doktor, den Hut in die Luft werfend: „Es leben die

Knospen! Es lebe das Bockbier! Es lebe das Haus Pümpel und Kompanie!“

Der Exredaktionspudel ist außer sich; jetzt hat er die größte Lust, Elise vor

Wonne über den Haufen zu werfen, jetzt springt er an seinem Herrn in die Höhe,

jetzt ist er im Gebüsch verschwunden, jetzt kommt er auf der andern Seite

wieder zum Vorschein! Bumms — da liegt er im Grase, wälzt sich, daß man

nicht weiß, was oben oder unten, Beine oder Rücken, Kopf oder Schwanz ist!

„Wer hat eine Uhr? Niemand? Desto besser, der Magen ist unsere Uhr. Hier unter dieser prächtigen Buche wollen wir uns lagern. Wie das Moos so weich ist!

Ausgepackt die Taschen, den Korb, die Botanisierbüchse! Eine Flasche Wein

erscheint. Wer hat einen Korkzieher? Niemand? Desto besser, wir schlagen ihr

den Hals ab; ein niedliches Glas hat Elise mitgebracht.“

„Holla, Roder, aufgepaßt! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche!“

„Welch Behagen, sich so im weichen Grase auszustrecken! Wie das schmeckt

im grünen Walde; — die alte Martha soll leben, sie hat prächtig gesorgt!“

„Komm, Kind, unsere kleinen Beine sind doch wohl müde! Was bedeuten

diese Faden? Aha, jetzt werden wir Kränze winden. Welche prächtigen wilden

Rosen!“

„Sieh, da kriecht ein Marienkäfer auf Deinem Arm, Lischen; — er entfaltet

die Flügel — prr, dahin geht er, ein kleines rotes Pünktchen im Sonnenstrahl.“

Elise schaut ihm nach und fängt an zu singen:

 

Marienvogel kleine,

Rühre deine Beine,

Kriech an meinem Finger nauf,

Setz dich als das Knöpflein drauf!

Ist er nicht ein hoher Turm

Für so kleinen roten Wurm?

 

Und dann mit ganz feiner Stimme:

 

Roten Purpur trag’ ich,

Flüglein viere schlag’ ich!

Gar kein Flüglein regst du,

Nur zwei Bein’ bewegst du —

Sechs Beine rühr’ ich,

Sieben Punkte führ’ ich,

Fliege höher als der Turm!

Wer ist nun der kleine Wurm? — Etsch!

 

Die Sonne muß draußen gar heiß und drückend sein, sie steht hoch im Mittag.

Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen und zwar so, daß man

gar nicht mehr weiß, wo Dunkel, wo Licht ist, so flimmert und zuckt beides

durcheinander.

„Wirst Du müde, Lischen? Berauscht Dich der Waldduft, kleines Herz?

Komm, lege Dein Köpfchen hierher; keine Mücke, keine Fliege, und wenn sie

noch so golden wäre, soll Dich im Schlummer stören. Schließe dreist die Augen

und träume einen hübschen Elfentraum von Schmetterlingen und Blumen und

kleinen Vögeln.“

Wie behaglich der Pudel gähnt und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, mit

den Augen blinzelt.

„’s ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb, nicht wahr Rezensent?“

Wie der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwölkchen von sich bläst!

Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den ‚Knospen‘, denkt er an die Münchener

Cousine?

Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschätze seiner

Botanisierbüchse vertieft!

„Heda, Roder, was für ein Heft schaut da zwischen den Blättern und

Wurzelwerk hervor?“

„Her damit!“

Der Lehrer errötet und reicht lächelnd das Heft herüber.

„Was sehe ich! Vermag der Schulstaub solche Blüten zu treiben?!“

Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf über meine Schulter und

machte nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt, es für die

‚Knospen‘ mit Beschlag zu belegen, aber der Lehrer tat gewaltig Einsprache

dagegen. Später schenkte er es mir. Soll ich ein Blatt daraus der Chronik

einschieben?

Es sei! Da ist eins.

 

Ich lag am Rande des Baches und sann nach über die Geschicke der Völker und

Könige und über — meine Liebe. Hinten in der Türkei lagen jene einander in

den Haaren, und drüben in der kleinen Gartenlaube saß mein Schatz und

schmollte. Ah!

Lippe-Detmold ist mein Vaterland, — was geht mich die orientalische Frage

an und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?!

Aber das Frauenzimmer dort?

Beim großen Pan, d a m i t muß es anders werden!

Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel; goldne Wölkchen, weiße Tauben

schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken … Wo sind meine

Diplomaten, wo meine Kabinettskuriere?

Es schwanken die Gräser — es regt sich — es läuft, es kriecht, es klettert, es

hüpft, es flattert und fliegt — tausendbeinig, tausendflügelig! Es zwitschert und

summt — tausendtönig!

Dichterminister, Frühlingsräte, Liebesgesandte versammeln sich um mich zu

Rat und Tat.

Wohlan — die Konferenzen sind eröffnet! Allen Gegenwärtigen und

Zukünftigen Gruß! Wen send’ ich zuerst an jene dort, hinter den

Hollunderblüten?

Ach! Du da — fort mit dir zu ihr hin — du mein leichtgeflügelter, magenloser Herold, du, den sie den „roten Augenspiegel“ nennen, zeig ihr auf deinen weißen

Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei Herzblut — m e i n Herzblut

aus dem wilden Kampf um die Liebe, die rote Liebe! … Da flattert der Bote der

Laube zu; es zittert mein Herz, mein banges Herz. — (S i e — n i e s t ! ! !) O

Dank, Dank ihr ewigen guten Götter, Dank für das Omen! (Erkälte dich nicht,

Luise, nimm ein Tuch um, hörst du?)

Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige Biene;

— hin zu ihr — summe ihr ins Ohr, Honiggedanken, Hausgedanken, Leinen-

und Drellgedanken!

(Was hat das Frauenzimmer zu lachen über ihrem Nähzeuge, in der kleinen

Laube?)

Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu ihr!

Hör’, was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist zu Ende — die

Eintagsfliegen wurden müde, todmüde — der Bach schaukelt ihre armen kleinen

Leiber fort, vorüber an den Blumen, an denen sie noch vor einer Stunde tanzten

und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz; Luise, die Nacht bricht herein;

sieh den rotfinstern Streifen im Westen, sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt

und leuchtet — horch, wie es grollt!

(Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise!

(Sie tritt heraus!)

Luise, Luise!

Die Bäume schütteln ihre Blüten herab auf sie: Ave Louisa! Der

Abendwind flüstert ihr zu: Ave Louisa! Die Blumen des Tages neigen sich

ihr: Ave Louisa! Die Blumen der Nacht öffnen ihre Weihrauchkelche ihr —

Ave Louisa! Ave Louisa! (Sie winkt … sie lächelt …)

Friede?

Friede!

Friede! Läutet die Glocken im Reich! Erleuchtet die großen Städte, die

Dörfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen, Kirchen und

Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Männer, Weiber, Greise,

Kinder, Jünglinge und Jungfrauen:

 

Herr Gott! Dich loben wir!

Herr Gott! Wir danken dir!

 

Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

 

Ich kannte diese „Luise“ des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante bei den Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht später den Lehrer Roder

geheiratet? Hat sie nicht Glück und Kummer und Verbannung mit ihm geteilt?

Seid gegrüßt, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mögt!

„Ei, das war schön!“ sagte Lischen erwachend und das Köpfchen aufrichtend.

Sie dachte an ihren Traum im Grünen, nicht an des Lehrers Phantasien — die

hatte sie richtig verschlafen.

„Was hat Dir denn geträumt, Lischen?“ fragte der Doktor, und das Kind

blickte ihn verwundert an.

„Hab ich denn geschlafen?“ fragte sie.

„Das kann man bei solchem kleinen Mädchen wie Du bist, Lise, niemals recht

wissen. Was hast Du denn gesehen und gehört? Erzähle mal!“ sagte ich.

„O es war wunderschön, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht über das

Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge kleiner

Tiere lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde alles so rot,

als brennte der ganze Himmel, daß ich sie schnell wieder aufmachen mußte. Ich

dachte, ich wäre ganz allein, da kam auf einmal ein wunderschöner gelber

Schmetterling mit zwei großen Augen in den Flügeln, die unten ganz spitz

zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht auf einen Halm und sagte mit

ganz feiner, feiner Stimme:

‚Ein schönes Kompliment, kleines Fräulein, und ob Sie nicht zum Tee

kommen wollten, zur Waldrosenkönigin?‘

Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich hätte gern weiter

zugehört und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der Königin

säße ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar nichts von der

Geschichte, ich soll daher nur dreist mitkommen. Ich fragte den Schmetterling,

ob’s sehr weit wäre; er meinte: weit wär’s nicht, aber wir müßten einen Umweg

machen, da läge ein groß schwarz Tier im Grase, das habe greulich nach ihm

geschnappt, als er vorübergeflogen sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte

der Schmetterling: er müsse auch den giftigen Wolken ausweichen, die da

herumzögen und ihm seine hübschen Flügel ganz schwarz machten. Das war des

Onkel Wimmers Zigarrendampf! — Ich war auf einmal so klein geworden, daß

mich der schöne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rücken nehmen und

forttragen konnte zu d e m Rosenbusch dort bei d e r Buche. Da war eine gar

niedliche vornehme Gesellschaft bei der Königin. Da war der brummige, böse,

alte Herr Brennessel, dem jeder gern auswich; da war die dicke Madame

Klatschrose, welche dicht hinter der hübschen Königin stand. ‚Fräulein Elise,‘

sagte die Königin, ‚ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ist das

Ihr Onkel dort unten, welcher den häßlichen Dampf ausbläst?‘ ‚Nein,‘ sagte ich,

‚das ist der Onkel Doktor, den sie weggejagt haben aus der Stadt; er schreibt Bücher und ist unartig gewesen und hat zuviel Kleckse und Schreibfehler

gemacht!‘ ‚So, er schreibt Bücher? Dann will ich ihn mal besuchen!‘ sagte der

kluge Herr Brennessel böse …“

„Alle Wetter,“ lachte der Doktor hier, halb ärgerlich über Lisens Traum, und

griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. „Au, Teufel!“ schrie er

plötzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen Brennesselbusch gefaßt!

Wir lachten herzlich, und nur Lischen sagte ganz ernst: „Siehst Du, Onkel

Wimmer, d a s war er!“ Dann fuhr sie fort:

„Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder gibt

mir noch ein Butterbrot!) und jeder erzählte eine hübsche Geschichte vom

Frühling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wußten sie nichts — da

schlafen sie. Dabei hörte ich aber immer den Herrn Lehrer lesen, und Herr

Brennessel brummte dann dazwischen. Der war auch der einzige, welcher vom

Winter erzählen wollte, es ward aber nicht gelitten. — Auf einmal hörte Herr

Roder auf zu lesen, und ich lag wieder bei Dir, Onkel Wachholder, im Grase, und

Rezensent steckte dicht vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den

Halmen durch und guckte mich groß an. Das habe ich gesehen! — War das nicht

hübsch? Und nun, Herr Roder — lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal —

bitte, bitte!“

„Danke schön,“ sagte lachend der Lehrer. „Der kluge Herr Brennessel hatte

ganz recht, und j e t z t sehe ich auch ein; m e i n e Geschichten sind gar nicht

hübsch.“

Wie lange haben wir so geträumt, und erzählt, und im grünen Gras und

weichen Moos gelegen? — Schon steigt die Sonne wieder abwärts am blauen

Himmel! Muß nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nächsten

Eisenbahnstation? — Auf, Lise, winde dem Rezensenten den letzten Kranz um

den schwarzen Pelz! Laßt nichts zurück von euern Sachen! Vorwärts! — Auf

engen schattigen Waldpfaden geht’s nun quer durch das Holz, bis wir endlich das

Rollen der Wagen auf der großen Landstraße hören und zuletzt den weißen Streif

durch die Stämme schimmern sehen. Horch, Geigen- und Hornmusik! Im

Weißen Roß mitten im Wald an der Chaussee ist Tanz. Die Haustür ist mit

Laubgewinden geschmückt; Stadtvolk und Landvolk drängt sich allenthalben

davor und dadrinnen, im Haus und im Garten. Wir erobern noch eine schattige

Laube, und der Doktor gerät in sein Element. Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt

sich lustig herum mit einer frischen Landdirne oder einer kleinen bleichen

Näherin aus der Stadt; jetzt erregt er unter den Kegelnden ein schallendes

Gelächter durch einen wohlangebrachten Witz. Jetzt sitzt er wieder bei uns, den

Rock ausgezogen, glühend, pustend, fächelnd. Und überall, wo der Doktor ist,

ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll zwischen die Tanzenden fahrend; jetzt, ausgewiesen, wie sein Herr aus der Stadt, steckt er seine feuchte Schnauze

unter unserm Tische hervor.

Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir müssen scheiden!

Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hängt die Reisetasche um. Wir

alle stehen auf.

„Also mußt Du wirklich fort, Onkel Wimmer?“ fragt Elise weinerlich.

„Ja ja, liebes Kind!“ sagt der wunderliche Mensch plötzlich ernst. Er hebt die

Kleine empor, die sich diesmal nicht sträubt, sondern selbst ihm einen herzhaften

Kuß gibt.

„Wirst Du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lischen?“

„Ganz gewiß,“ schluchzt Lischen, „und ich will schreiben, und der Pudel —

nein, Du mußt’s auch tun!“ Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig wieder auf

ihren Stuhl: „Lebt wohl, Wachholder,“ sagt er, „leb’ wohl, Roder, alter Freund!“

Der Pudel blickt ganz verblüfft von seinem ernsten Herrn auf uns und wieder

zurück: es muß etwas nicht ganz in der Ordnung sein.

„Lebt alle wohl! Ein fröhliches Wiedersehn! Alle! En avant, Rezensent!“

schreit der Doktor, über die Gartenhecke und den Chausseegraben springend,

und rennt, ohne sich umzusehen, dem Walde zu. Am Rande bleibt er noch

einmal stehen und schwenkt den Hut.

„Smollis!“ ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. „Grüß die

Münchener Cousine, die hübsche Nannerl!“

„Fiducit! Soll geschehen!“ ruft der Doktor zurück und verschwindet hinter

den Büschen. Rezensent steht noch am Rande, blickt nach uns herüber und stößt

ein kurzes Gebell aus.

Jetzt ist auch er verschwunden.

Wir sitzen noch eine Weile still allein.

„Gott gebe dem ehrlichen alten Gesellen Glück!“ sagt der Lehrer vor sich hin.

Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch hier? Wir

nehmen Plätze und steigen ein.

Zurück geht’s nun nach der großen Stadt, die staubige Landstraße hinunter.

Fröhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten

Wagen! Wie die Sonne so prächtig untergeht! Ade, du schöner Wald! Ade, du

alter Freund Wimmer! —

Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntäglich geputzte Menge noch

ein- und ausströmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor; den Weg

durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse können wir wohl noch zu Fuße

machen.

Da sind wir, als es eben dämmerig wird. Sieh, dort steht die alte Martha

strickend vor der Tür; sie erblickt uns und ruft:

„Guten Abend, guten Abend!“

„Ach, Martha, das war schön — und — der Onkel Doktor ist fort!“ sagt die

kleine müde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurück in

sein einsames Stübchen, eine lange Woche mühsamer Arbeit vor sich.

Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer öden,

kalten Winternacht.