Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 15. April.
Der April, der einst mensis novarum hieß, ist der wahre Monat des Humors.
Regen und Sonnenschein, Lachen und Weinen trägt er in e i n e m Sack; und
Regenschauer und Sonnenblicke, Gelächter und Tränen brachte er auch diesmal
mit, und manch einer bekam sein Teil. Ich liebe diesen janusköpfigen Monat,
welcher mit dem einen Gesichte grau und mürrisch in den endenden Winter
zurückschaut, mit dem anderen jugendlich fröhlich dem nahen Frühling
entgegenlächelt. Wie ein Gedicht Jean Pauls greift er hinein in seine Schätze und
schlingt ineinander Reif und keimendes Grün, verirrte Schneeflocken und kleine
Marienblümchen, Regentropfen und Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer
und Schneeglöckchen, Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich
liebe den April, welchen sie den Veränderlichen, den Unbeständigen nennen,
und den sie mit „Herrengunst und Frauenlieb“ in einen so böswilligen Reim
gebracht haben. —
Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich früh durch das Geräusch des
Regens, der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine geraume Zeit
liegen und träumte zwischen Schlaf und Wachen in diese monotone Musik
hinein. Das benutzte ein schadenfroher Dämon des Trübsinns und des
Ärgernisses, um mich in ein Netz trauriger, regenfarbiger Gedanken
einzuspinnen, welches mir Welt und Leben in einem so jämmerlichen Lichte
vorspiegelte und so drückend wurde, daß ich mich zuletzt nur durch einen
herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten konnte. — Aprilwetter! Die
Hosen zog ich — wie weiland Freund Yorick — bereits wieder als ein Philosoph
an, und der erste Sonnenblick, der pfeilschnell über die Fenster der
gegenüberliegenden Häuser und die Nase des mir zuwinkenden Strobels glitt,
vertrieb alle die Nebel, welche auf meiner Seele gelastet hatten. Frischen Mutes
konnte ich mich wieder an meine Vanitas setzen, und als ich gar in einem der
schweinsledernen, verstaubten Tröster, die ich gestern von der königlichen
Bibliothek mitgebracht hatte, eine alte vertrocknete Blume aus einem
vergangenen Frühling fand, konnte ich schon wieder die seltsamsten
Mutmaßungen über die Art und Weise, wie das tote Frühlingskind zwischen
diese Blätter kam, anstellen. Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen
Feiertage ein uralter, längst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen
Feldwege, oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem Folianten
des gelehrten Vaters gepreßt? Hatte sie etwa ein Student von der Geliebten
erhalten und hier aufbewahrt und vergessen? Welche Vermutungen! hübsch und anmutig, und um so hübscher und anmutiger, als sie nicht unwahrscheinlich sind.
O, versteht es nur, Blumen zwischen die öden Blätter des Lebens zu legen;
fürchtet euch nicht, kindisch zu heißen bei zu klugen Köpfen; ihr werdet keine
Reue empfinden, wenn ihr zurückblättert und auf die vergilbten Angedenken
trefft!
Sei mir gegrüßt, wechselnder April, du verzogenes Kind der alten Mutter Zeit
und — —
„Beschütze Deinen Sohn Ulrich Georg Strobel! — Guten Morgen, Meister
Wachholder!“ sagte eine Stimme hinter mir.
Es war der Karikaturenzeichner, welcher, den grauen Filz auf dem Kopf, die
Reisetasche über der Schulter, den Eichenstock in der Hand, hinter mir stand.
„Ach Gott, nun ist mein’ Zeit vorbei!“ fuhr er lachend fort. „Ich komme,
Ihnen Lebewohl zu sagen, alter Herr.“
„Was, Sie wollen fort? Was fällt Ihnen ein?“
„Kann Deutschland nit finden
Rutsch allweil drauf ’rum!“
sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den
ziehenden Wolken. „Es ist nicht anders; haben Sie einen Gruß an die freie, weite
Welt zu bestellen, heraus damit! Oder noch besser; kommen Sie — dort steht Ihr
Regenschirm — begleiten Sie mich. Hören Sie, wie lustig der Spatz da ins
Fenster pfeift!“
Was sollte ich machen; ich schlug meinen Folianten zu, der tolle Vagabonde
bot mir seinen Arm, und wir traten hinaus in die Gasse.
„Leben Sie wohl, Mama; viel Glück, mein Fräulein!“ rief der Zeichner seiner
Hausgenossenschaft zu, die ganz aufgeregt in der Tür stand. „Gott grüß’ Euch,
Freund Marquart; lebt wohl, Mutter Karsten; lebt wohl, Meister und Meisterin;
lebt wohl, lebt wohl!“ rief er nach rechts und links hinüber. An der Ecke warf er
noch einen letzten Blick hinauf nach seiner verlassenen Wohnung, wo die
Fenster offen standen und eine zerrissene Gardine lustig im Frühlingswinde
flatterte, und brummte: „Zum Teufel, Du Nest!“
„Und wo wollen Sie nun hin?“ fragte ich meinen wunderlichen Begleiter.
Der Zeichner lachte. „Was meinen Sie,“ sagte er, „wenn ich mir das
Völkergewühl im Orient ein wenig ansähe, Kostüme zeichnete und über das
Bemühen lachte: einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklung
durch Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen?“
„Was?!“ rief ich mit offenem Munde.
„Wem gilt das ‚Was?‘“ lachte Strobel. „Meinem Vorhaben oder meiner
Meinung?“
„Sie glauben“ …
„Ich glaube, daß die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches Blut
und wollen nicht meinen, daß, weil man uns nur Geschichte der Vergangenheit
lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar zu gern in alles ein:
in unseren Rock, in unseren Körper, in unsere Familie, in unser Volk; wir freuen
uns, wenn ein kleiner verwandter Mitbürger das Licht der Welt erblickt; wir
ärgern uns, wenn wir den Rock zerreißen oder ein Krähenauge bekommen; wir
betrüben uns, wenn unser Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles
für natürlich, — bloß weil wir es leichter übersehen können. Soll nun auf einmal
in dem Krähenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der großen
Völkerfamilie der Erde ein Stillstand eintreten; ein deus ex machina mit
Manschetten in das ewige Werden fahren und sagen: Stop! halt da; entwickelt
euch in euch selbst und — entschlaft an Euthanasie? Bah!“
Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr fort,
während ich den Kopf bedachtsam schüttelte:
„Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und Maler
zu sein, die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu können: die
eisernen Männer Roms klopften an, stellten die griechische Bildung sub
hasta, spielten Würfel auf den Gemälden, fabrizierten korinthisches Erz aus
den Metall-Statuen, und — die Weltgeschichte ging einen Schritt vorwärts. Es
hat den Römern nichts geholfen, die größten Kriegs- und Verwaltungskünstler zu
sein, — Zündnadelgewehre und Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf
gegen die e i n e Macht im Weltall, welche die Gestirne treibt und die
Wandervögel, und welche die Völker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren
kümmerten sich nicht um Kommandowörter; sie stürmten die Tore Roms und —
die Weltgeschichte ging einen Schritt weiter!“
Ich schüttelte wieder das Haupt und brummte: „Immer zertrümmern,
zertrümmern!“
„Meine Mutter starb, indem sie mich gebar!“ sagte der Zeichner grimmig und
stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein kleiner
Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den Weg. „Jetzt will
ich Ihnen auch sagen, wo ich i n d e r T a t hin will; nicht wohin ich gehen
k ö n n t e ,“ sagte Strobel. „Kommen Sie!“
Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.
So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser Gasse
gewohnt, täglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trüben Fenstern
vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier wohnende
Familie dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die feuchten Stufen hinab zu ihr. Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor, dem Schuhmacher Burger,
einem Manne, welchem eine ganze Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen
war. Heute Abend führt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von
wo sie ein Schiff nach einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen
soll; und der Zeichner — will die Familie begleiten nach Hamburg.
Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der ärmlichen Wohnung
waren schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der Eltern, das
teilnahmlose der alten Großmutter, die auch heute noch am gewohnten Platz
hinter dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in den Winkeln kauerten,
alles machte einen tiefen, wehmütigen Eindruck auf mich.
Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche das
Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Städten und vom Lande; welche den
Köhler aus seinem Walde, den Bergmann aus seinem dunkeln Schacht reißt,
welche den Hirten herabzieht von seinen Alpenweiden, und sie alle fortwirbelt,
dem fernen Westen zu: Not, Elend und Druck sind’s, welche jetzt das Volk
geißeln, daß es mit blutendem Herzen die Heimat verläßt. Mit blutendem
Herzen; denn trotz der Stammzerrissenheit, trotz aller Biegsamkeit des
Nationalcharakters, der so leicht sich fremden Eigentümlichkeiten anschmiegt
und unterwirft, — worin übrigens in diesem Augenblick vielleicht allein die
welthistorische Bedeutung Deutschlands liegt — trotz alledem hängt kein Volk
so an seinem Vaterland als das deutsche.
In englischen Schriften läuft Deutschland öfters als „the fatherland“
κατ’ ἐξοχήν. Das wird zwar mit einem gewissen „sneer“ gesagt, aber es ist
eine Ehre für unsere Nation, und wir können stolz darauf sein.
O, ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt nichts, euer
Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die stolzesten Namen in
Poesie und Wissenschaften führt, so oft geschieht! Scheltet, spottet, geißelt, aber
hütet euch, jene schwächliche Resignation, von welcher der nächste Schritt zur
Gleichgültigkeit führt, zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen.
Als die Juden an den Wassern zu Babel saßen und ihre Harfen an den Weiden
hingen, weinten sie, aber sie riefen:
„Vergesse ich Dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen!“
D i e Worte waren kräftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines Volkes
durch die Jahrtausende zu erhalten.
Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormünder des Volkes, den
Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatsdorfes zu
schreiben; schreibt:
„Vergesse ich Dein, Deutschland großes Vaterland: so werde meiner Rechten
vergessen!“
Der Spruch in aller Herzen, und — das Vaterland ist ewig!
Das letzte Hausgerät war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in
der Gasse gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verödeten
Wohnung, die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte, um.
„’s ist ’n hart Ding, ’s ist ’n hart Ding!“ sagte seufzend der Meister, und
Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter.
„Es ist Zeit, Mann! Faßt Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten
Beispiel voran.“
„Der Totengräber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hügel draußen nicht
verrotten lassen!“ schluchzte die Frau.
Burger wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, erhob sich aus seinem
Hinbrüten und ging, seine alte Mutter hinaufzuführen auf die Gasse; seine Frau
weinte laut, brach einen Zweig von der verkümmerten Myrte im Fenster, legte
ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jüngstes Kind auf den Arm, während sich die
anderen an ihre Schürze und ihren Rock hingen. Die Familie stieg die enge
schwarze Treppe, welche auf die Straße führt, hinauf, — sie hatte ihren langen
Weg begonnen!
Draußen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich
brachte. Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir anderen folgten. Einen
letzten Blick werft zurück in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasse — ihr
werdet wohl oft genug an sie denken — und dann hinaus in die weite Welt, ihr
Wanderer!
Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schützlinge. Ein letzter
Händedruck, ein letzter Gruß! Wer weiß, ob wir nicht noch einmal uns wieder
sehen, Strobel! Lebt wohl! lebt wohl! — Und wieder einmal konnte ich einsam
und allein zurückkehren, einsam und allein dies Blatt der Chronik der
Sperlingsgasse aufzuzeichnen.