Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 7 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 3. Dezember.

O cara, cara Maria vale!

Vale cara Maria!

Cara, cara Maria vale!

 

Es war ein berühmter Dichter, welcher dies auf den Grabstein einer geliebten

Abgeschiedenen setzte, er hatte treffliche, herzerschütternde Gesänge gesungen;

h i e r wußte er nichts weiter als diese drei Worte, herzzerreißend wiederkehrend.

Und jenes: Morgen! dämmerte. Das Leben der großen Stadt begann wieder

seinen gewöhnlichen Gang; der Reichtum gähnte auf seinen Kissen, oder hatte

auch wohl das Herz ebenso schwer als die Armut, die jetzt aus ihrem dunkeln

Winkel huschte, um einen neuen Ring der Kette ihres Leidens, einen neuen Tag

ihrem Dasein anzuschmieden. Die Gewerbe faßten ihr Handwerkszeug; die

großen Maschinen begannen wieder zu hämmern und zu rauschen; die Wagen

rollten in den Straßen, und der Taufzug begegnete dem Totenwagen; denn es war

nicht die einzige Leiche drüben in der kleinen Kammer, welche in der

menschenvollen Stadt im letzten Schlaf ausgestreckt lag.

Ich ging hinüber. Der Kesselschmied Marquart — er war damals noch jünger

und kräftiger als heute — hatte sein Hämmern eingestellt und lehnte traurig in

der niedrigen Tür, die in seine unterirdische Werkstatt hinabführt; er liebte die

tote Marie so gut wie alle, die mit ihr je in Berührung gekommen waren. Hatte

sie nicht für jeden fremden Schmerz eine Träne, für jede fremde Freude ein

teilnehmendes Lächeln? War sie nicht in der dunkeln Sperlingsgasse wie jene

sonnige, gute, kleine Fee, die überall wo sie hintrat, eine Blume aus dem Boden

hervorrief?

Auf dem Hausflur standen flüsternde Frauen, die mir traurig, als ich

vorüberging, zunickten, und auf einer Treppenstufe saß ein kleines

schluchzendes Mädchen, eine zerbrochene Puppe im Schoß. O, ich weiß das

alles noch! Und jetzt trat ich ein —

Da lag sie in ihrem weißen mit roten Schleifen besetzten Kleide, eine

aufgeblühte Rose auf der Brust, in ihrem schwarzen Sarge; die einst so klaren

und innigen Augen geschlossen, die ewige ernste Ruhe des Todes auf der Stirn!

Franz fiel mir weinend um den Hals; junge Nachbarinnen in weißen

Sonntagskleidern befestigten Guirlanden von Tannenzweigen und Immergrün,

aus denen hier und da eine einsame Blume hervorschaute, um den schwarzen

Schrein.

Ach, die Armut und der Winter erlaubten nicht, allzuviel:

„Süßes der Süßen“

 

zu streuen!

Der junge Tischler Rudolf unten aus dem Hause stand die Augen mit der

Linken bedeckend, Hammer und Nägel in der Rechten zur Seite; seine junge

Braut lehnte schluchzend das Haupt auf seine Schulter. O, ich weiß das alles,

alles noch! — Einen letzten, langen langen Blick warf ich auf die schöne,

bleiche, stille Gespielin meiner Kindheit, die Heilige meiner Jünglingsjahre, die

Trösterin meines Mannesalters, dann hob ich leise Franz von ihrer Brust, über

die er hingesunken war, auf, und führte ihn an die Wiege seines Kindes. —

Rudolf der Tischler begann sein trauriges Werk. Unter dumpfen

Hammerschlägen legte sich der Deckel über dies Reliquarium eines

Menschenlebens. Ein kalter Schauer überlief mich! Vale, vale cara

Maria!

Die Träger kamen, hoben die leichte Last auf die Schultern und trugen sie die

schmale enge Treppe hinab; die Frauen schluchzten, Kinderköpfe lugten

verwundert ernst durch die Haustür und wichen scheu zur Seite, als der traurige

Zug hinaustrat auf die Straße. Freunde und Bekannte hatten sich eingefunden,

das Weib des Malers auf dem letzten Wege zu begleiten; der Kesselschmied zog

das Mützchen ab und strich mit seiner schwarzen schwieligen Hand über die

Augen. Den wie in einem bösen Traum gehenden Franz führend, schritt ich dem

Bretterhäuschen nach, welches unser Liebstes barg. O, ich weiß das alles noch

ganz genau. So ist das Menschenherz! Viele Jahre sind vorübergegangen seit

jenem traurigen Tage, und heute noch erinnere ich mich an alle die finstern

Gedanken, die damals durch meine Brust zogen, während ich so manche jüngere

Freude vergessen habe!

Es lernt und sieht sich manches auf einem solchen Gange, für den, welcher es

versteht, auf den Gesichtern der Begegnenden und Nachschauenden zu lesen.

Sieh dort an der Ecke die arme mit Lumpen bekleidete Frau aus dem Volk,

wie sie ihr Kind fester an sich drückt und flüstert: „Was sollte aus Dir werden,

mein kleines Herz, wenn ich heute so still läge wie die, welche man da

fortträgt.“

Dort kommt eine elegante Equipage, Kutscher und Bediente in prächtiger

Livree, mit Blumensträußen im Knopfloch. Bunte Hochzeitsbänder flattern an

den Kopfgeschirren der Pferde; der junge vornehme Mann führt seine schöne

Braut zur Trauung; ihr Auge trifft den Sarg, welcher langsam auf den Schultern

der Träger daher schwankt, und die junge Verlobte birgt zitternd ihr

juwelenblitzendes Haupt an der Brust neben ihr.

Sieh den Arbeiter, welcher dort das Beil sinken läßt und stier dem Zuge des Todes nachsieht. Schaffe weiter, Proletarier, auch dein Weib liegt zu Hause

sterbend; schaffe weiter, du hast keine Zeit zu verlieren; der Tod ist schnell; aber

du mußt schneller sein, Mann der Arbeit, wenn du sie in ihren letzten Stunden

vor dem Hunger schützen willst.

Beugt das Haupt und tretet zur Seite, ihr kettenklirrenden Verbrecher! Der Tod

zieht vorüber! Er wird auch euch einst von euren Ketten befreien!

Beugt das Haupt, ihr armen Geschöpfe der Nacht, der Tod zieht vorüber, und

auch euch hebt er einst, den erborgten Flitterputz, den armen beschmutzten

Körper, die Sünde der Gesellschaft euch abstreifend, rein und heilig empor aus

der Dunkelheit, dem Schmutz und dem Elend.

Von dir, du Spötter mit dem faden Lächeln auf den Lippen, fordere ich nicht,

daß du zur Seite tretest! Der Zug des Todes mag d i r ausweichen — du bist

würdig, dein Leben doppelt und dreifach zu leben!

Es ist ein langer Weg aus der Mitte der großen Stadt bis zu dem

Johanniskirchhofe draußen, und nie ist mir ein Weg so lang und doch zugleich so

kurz vorgekommen. Ich dachte an den Verurteilten, welcher dem Richtplatz

näher und näher kommt, welchem jede Minute eine Ewigkeit und der

stundenlange Weg ein Augenblick ist. Ach wir armen Menschen, ist nicht das

ganze Leben ein solcher Gang zum Richtplatz? Und doch freuen wir uns und

jubeln über die Blumen am Wege und sehen in jedem Tautropfen, der in ihnen

hängt, Himmel und Erde! Armes glückliches Menschenherz!

Die schweren, massigen Regenwolken wälzten sich dicht über der Erde weg,

als wir aus dem Tor traten. Grau in grau Himmel und Erde! Grau in grau Herz

und Welt!

Die Bäume streckten ihre leeren Äste wehmütig empor, eine Meise flog von

Ast zu Ast vor dem Zuge her.

Und jetzt waren wir angelangt vor der Pforte des Friedhofes. Langsam wand

der Zug sich den Weg entlang, an frischen und eingesunkenen Hügeln, stolzen

Monumenten und dürftig naivem Putz vorüber, der Stelle zu, wo die Hülle der

toten Marie ruhen sollte. Im folgenden Frühling machten wir einen hübschen

lieblichen Ort daraus, wo die Goldregenbüsche ihre duftenden Trauben

herabhängen ließen, und die Vögel in den Rosensträuchern zwitscherten, heute

jedoch war’s ringsumher gar traurig und unheimlich. Auf dem Grund der Grube,

die unser Liebstes aufnehmen sollte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser, in

welchem sich aber plötzlich eine lichte blaue Stelle, die oben am Himmel

zwischen den ziehenden Wolken durchlugte, widerspiegelte. — — Ich habe

nichts, nichts vergessen!

Und nun, ihr Männer, laßt den Sarg hinabgleiten; gebt der alten schaffenden

Mutter Erde ihr schönes Kind zurück! Und nun, Franz, wirf drei Hände voll Erde auf die versinkende Welt deiner Freude! — Ergreift die Schaufeln, ihr Clowns,

und vollendet euer Geschäft! Du alter rotnäsiger Bursch, bemühe dich nicht, ein

wehmütiges Gesicht zu ziehen, winke nur deinem Gefährten, daß er die Flasche

bei Yaughan füllen lasse, und brumme dein altes Totengräberlied in den Bart!

Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern, und wie jeder

Ton das arme Herz erzittern läßt in seinen tiefsten Tiefen! Wie das Auge sich

anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes, welcher durch die

bedeckende Erde schimmert, bis endlich jede Spur verschwindet, die

hinabgeworfene Erde nur noch Erde trifft, die Höhle sich allmählich füllt, und

endlich der Hügel sich erhebt, der von nun an mit dem geliebten begrabenen

Wesen in unsern Gedanken identisch ist!

Wunderliches Menschenvolk, so groß und so klein in demselben Augenblick!

Welch eine Tragödie, welch ein Kampf, welch ein — Puppenspiel jedes Leben;

von dem des Kindes, welches vergeblich nach der glänzenden Mondscheibe

verlangt und verwelkt, ehe es das Wort „ich“ aussprechen kann, bis zu dem des

grübelnden Philosophen, welcher in dasselbe Wörtchen „ich“ das Universum

legt und zusammenbricht, ein körper- und geistesschwacher Greis, der kaum

noch das Gefühl für Wärme und Kälte behalten hat.

Sieh um dich, Johannes: Verkehrt auf dem grauen Esel „Zeit“ sitzend, reitet

die Menschheit ihrem Ziele zu. Horch, wie lustig die Schellen und Glöckchen

am Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische Mützen — Männer-

und Weiberkappen bilden. Welchem Ziel schleicht das graue Tier entgegen? Ist’s

das wiedergewonnene Paradies; ist’s das Schafott? Die Reiterin kennt es nicht;

sie will es nicht kennen! Das Gesicht dem zurückgelegten Wege, der dunkeln

Vergangenheit zugewandt, lauscht sie den Glöckchen, mag das Tier über

blumige Friedensauen traben oder durch das Blut der Schlachtfelder waten —

sie lauscht und träumt! Ja sie träumt. Ein Traum ist das Leben der Menschheit,

ein Traum ist das Leben des Individuums. Wie und wo wird das Erwachen sein?

Auf einem Berliner Friedhofe liegt über der Asche eines volkstümlichen

Tonkünstlers, der auch viel erdulden mußte in seinem Leben, ein Stein, auf

welchen eine Freundeshand geschrieben hat:

„Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,

Sein Leben Kampf mit Not und Neid,

Das Leid flieht diesen Friedensort,

Der Kampf ist aus — das Lied tönt fort! —“

 

Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen. Ich kann heute nicht

weiter schreiben.