Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 19 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Abends 11 Uhr.

 

Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen

Tänzerin über mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiteten, nicht

erzählen aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen, aber

die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Blätter des Buches W e l t u n d

L e b e n , eins nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen,

gemordeten Völkern und gestorbenen Individuen, will es anders, als der kleine

nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkel — wie der Tod!

„Herr Wachholder,“ sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an

meine Tür klopfte. „Herr Wachholder, das Kind der Tänzerin stirbt in dieser

Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat’s gesagt. Ist’s nicht

schrecklich, daß die Mutter in diesem Augenblicke tanzen muß? Sie haben ihr

nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es

wäre heute der Geburtstag der Königin, sie m ü s s e tanzen!“

Arme, arme Mutter! Ein hübscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest du,

bis die Verführung kam und siegte. Verlassen, verspottet, suchtest du dein Glück

nur in den Augen, in dem Lächeln deines Kindes und jetzt nimmt dir der Tod

auch das!

Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und dem Tod im Herzen zu

tanzen! Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hörst nicht

die rauschende Musik: das Ächzen des winzigen sterbenden Wesens in der

fernen Dachstube übertönt alles. — Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf,

die zu der Wohnung der Tänzerin führt. Frau Anna und der gute, alte Doktor

Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe

wirft ein trübes Licht über das kleine Zimmerchen! hier und da liegt auf den

Stühlen phantastischer Putz; eine schwarze Halbmaske unter den Arzneigläsern

auf dem Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht

den schweren, ängstlichen Atemzügen; ich stehe am Fenster und horche in die

Nacht hinaus. Der Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben; aus einem

Tanzlokal der niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Töne

einer Geige bis hier herauf. — Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt

leise und ernst:

„Sie muß sich beeilen!“

Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drückt

schwer und schwerer auf das kleine, unwissende Herz, dem sich gleich ein

Geheimnis enthüllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht.

Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf Zehn. Der Wind macht sich plötzlich

auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird

immer unheimlicher und düsterer.

Unter Blumenkränzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die große,

berühmte Künstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der König, die

Königin, das Publikum haben sich erhoben; — der schwere, goldbesternte

Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Königin ist müde in ihren Wagen

gestiegen; die große Künstlerin nimmt die Glückwünsche und Schmeicheleien

der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben noch so menschengefüllte

Opernhaus und — die arme Choristin ist halb bewußtlos an einer Kulisse zu

Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit

erwachend, mit dem herzzerreißenden Schrei: „mein Kind! mein Kind!“

fortzustürzen. — Wir in dem kleinen Dachstübchen haben das nicht gesehen,

nicht gehört, aber jeder kürzer werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte

uns, was dort in dem lichterglänzenden, musikerfüllten Gebäude am anderen

Ende der großen Stadt geschehe.

Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hält drunten.

„Die Mutter,“ sagt der Doktor aufstehend. „Es war Zeit!“

Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln

Mantel gehüllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tür. Sie läßt den

regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen,

wie wir es in Satanella sahen, stürzt sie auf das Bettchen zu.

„Mein Kind! Mein Kind!“ flüstert sie, in gräßlicher Angst den Doktor

ansehend. Sie beugt sich, sie hört den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! —

Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und

feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen.

„Mama! liebe Mama!“ stöhnt das sterbende Kind, mit dem kleinen

fieberheißen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, daß die

Steine darin blitzen und funkeln. — — Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen

Körper — — —

„Vorüber!“ — sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drückend.

Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen bewußtlosen

Mutter.