Die Chronik der Sperlingsgasse
Abends 11 Uhr.
Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen
Tänzerin über mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiteten, nicht
erzählen aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen, aber
die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Blätter des Buches W e l t u n d
L e b e n , eins nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen,
gemordeten Völkern und gestorbenen Individuen, will es anders, als der kleine
nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkel — wie der Tod!
„Herr Wachholder,“ sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an
meine Tür klopfte. „Herr Wachholder, das Kind der Tänzerin stirbt in dieser
Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat’s gesagt. Ist’s nicht
schrecklich, daß die Mutter in diesem Augenblicke tanzen muß? Sie haben ihr
nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es
wäre heute der Geburtstag der Königin, sie m ü s s e tanzen!“
Arme, arme Mutter! Ein hübscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest du,
bis die Verführung kam und siegte. Verlassen, verspottet, suchtest du dein Glück
nur in den Augen, in dem Lächeln deines Kindes und jetzt nimmt dir der Tod
auch das!
Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und dem Tod im Herzen zu
tanzen! Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hörst nicht
die rauschende Musik: das Ächzen des winzigen sterbenden Wesens in der
fernen Dachstube übertönt alles. — Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf,
die zu der Wohnung der Tänzerin führt. Frau Anna und der gute, alte Doktor
Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe
wirft ein trübes Licht über das kleine Zimmerchen! hier und da liegt auf den
Stühlen phantastischer Putz; eine schwarze Halbmaske unter den Arzneigläsern
auf dem Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht
den schweren, ängstlichen Atemzügen; ich stehe am Fenster und horche in die
Nacht hinaus. Der Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben; aus einem
Tanzlokal der niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Töne
einer Geige bis hier herauf. — Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt
leise und ernst:
„Sie muß sich beeilen!“
Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drückt
schwer und schwerer auf das kleine, unwissende Herz, dem sich gleich ein
Geheimnis enthüllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht.
Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf Zehn. Der Wind macht sich plötzlich
auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird
immer unheimlicher und düsterer.
Unter Blumenkränzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die große,
berühmte Künstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der König, die
Königin, das Publikum haben sich erhoben; — der schwere, goldbesternte
Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Königin ist müde in ihren Wagen
gestiegen; die große Künstlerin nimmt die Glückwünsche und Schmeicheleien
der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben noch so menschengefüllte
Opernhaus und — die arme Choristin ist halb bewußtlos an einer Kulisse zu
Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit
erwachend, mit dem herzzerreißenden Schrei: „mein Kind! mein Kind!“
fortzustürzen. — Wir in dem kleinen Dachstübchen haben das nicht gesehen,
nicht gehört, aber jeder kürzer werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte
uns, was dort in dem lichterglänzenden, musikerfüllten Gebäude am anderen
Ende der großen Stadt geschehe.
Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hält drunten.
„Die Mutter,“ sagt der Doktor aufstehend. „Es war Zeit!“
Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln
Mantel gehüllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tür. Sie läßt den
regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen,
wie wir es in Satanella sahen, stürzt sie auf das Bettchen zu.
„Mein Kind! Mein Kind!“ flüstert sie, in gräßlicher Angst den Doktor
ansehend. Sie beugt sich, sie hört den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! —
Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und
feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen.
„Mama! liebe Mama!“ stöhnt das sterbende Kind, mit dem kleinen
fieberheißen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, daß die
Steine darin blitzen und funkeln. — — Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen
Körper — — —
„Vorüber!“ — sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drückend.
Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen bewußtlosen
Mutter.