Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 4 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 30. November.

 

Der Regen schlägt leise an meine Scheiben. Was und wer der sonderbare lange

Gesell ist, der vorgestern da drüben in Nr. Elf eingezogen ist, in jene Wohnung,

wo auch ich einmal hauste, wo einst auch der Doktor Wimmer sein Wesen trieb,

hab ich noch nicht herausgebracht. — Es ist recht eine Zeit, zu träumen. Ich

sitze, den Kopf auf die Hand gestützt, am Fenster und lasse mich allmählich

immer mehr einlullen von der monotonen Musik des Regens da draußen, bis ich

endlich der Gegenwart vollständig entrückt bin. Ein Bild nach dem andern zieht

wie in einer Laterna magica an mir vorbei, verschwindend, wenn ich mich

bestrebe, es festzuhalten. O, es ist wahrlich nicht das, was mich am meisten

fesselt und hinreißt, was ich auf das Papier festbannen kann; ein ganz anderer

Maler müßte ich sein, um das zu vermögen.

Das verschlingt sich, um sich zu lösen; das verdichtet sich, um zu verwehen;

das leuchtet auf, um zu verfliegen, und jeder nächste Augenblick bringt etwas

Anderes. Oft ertappe ich mich auf Gedanken, welche aufgeschrieben, kindisch,

albern, trivial erscheinen würden, die aber mir, dem alten Mann, in ihrem

flüchtigen Vorübergehen so süß, so heimlich, so beseligend sind, daß ich um

keinen Preis mich ihnen entreißen könnte.

Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten, und diesmal

sind es Bilder aus meinem eigenen Leben, welche ich hier dem Papier

anvertraue.

 

Was ist das für eine kleine Stadt zwischen den grünen buchenbewachsenen

Bergen? Die roten Dächer schimmern in der Abendsonne; da und dort laufen die

Kornfelder an den Berghalden hinauf; aus einem Tal kommt rauschend und

plätschernd ein klarer Bach, der mitten durch die Stadt hüpft, einen kleinen

Teich bildet, bedeckt am Rande mit Binsen und gelben Wasserlilien, und in

einem andern Tal verschwindet. Ich kenne das alles; ich kann die Bewohner der

meisten Häuser mit Namen nennen; ich weiß, wie es klingen wird, wenn man in

dem spitzen schiefergedeckten Turm jener hübschen alten Kirche anfangen wird

zu läuten. Habe ich nicht oft genug mich von den Glockenseilen hin und her

schwingen lassen?

Das ist Ulfelden, die Stadt meiner Kindheit — das ist meine Vaterstadt!

Und schau, dort oben in dem Garten, der sich von jenem zerbröckelnden, noch stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht, gelagert, unter einem

blühenden Holunderstrauch, die drei Kinder. Da sitzt ein kleines Mädchen mit

großen glänzenden Augen, dem wilden Franz aus dem Walde zuhörend. Franz

Ralff, aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht bei dem Vater der kleinen

Marie, dem strengen lateinischen Stadtrektor Volkmann, erzählt, ein gewaltiges

angebissenes Butterbrot in der Hand, kauend und zugleich durch seinen eigenen

Vortrag gerührt, eine seiner wunderbaren Geschichten, die er aus der

Waldeinsamkeit mitgebracht hat, und mit denen er uns kleines Volk stets zum

„Gruseln“ brachte oder zu bringen versuchte.

Und nun sieh da, im Grase ausgestreckt, da bin auch ich, der kleine Hans

Wachholder, der Sohn aus dem Pfarrhause; blinzelnd zu dem blauen Himmel

hinaufschauend und den kleinen weißen „Schäfchen“ in der reinen Luft

nachträumend.

Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen,

ringsumher summt und tönt unendliches Leben, im Gras, in den Bäumen, in der

Luft; und das Kinderherz versteht alles, es ist ja noch eins mit der Natur, eins mit

— Gott!

Aber warum öffnet sich nicht dort unten die braune Tür, die aus dem

hübschen, vom Weinstock übersponnenen Hause mit den hellglänzenden

Fenstern in den Garten führt?

Wo ist der alte Mann mit den ehrwürdigen grauen Haaren, welcher da

allabendlich seine Blumen zu begießen pflegt?

Wo ist — wo ist meine Mutter? Meine Mutter!

Keine freundliche Stimme antwortet! Ich selbst habe ja graue Haare. Vater

und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen, eingesunkenen Gräbern auf

dem kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden. Jüngere Geschlechter sind seitdem

hinabgegangen.

Plötzlich verändert sich das sonnige, sommerliche Bild.

Da ist schon die große Stadt! Diesmal ist es nicht Frühling, nicht blühender

Sommer, sondern eine stürmische, dunkle Herbstnacht — vielleicht wird eine

ähnliche auf den heutigen Tag folgen. — In dieser Nacht sitzt hoch oben in

einem kleinen, mehr drei- als viereckigen Dachstübchen ein Student vor einem

gewaltigen schweinsledernen Folianten, über welchen er hinwegstarrt. Wo

wandern seine Gedanken? Draußen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde

her, rüttelt an den Dachziegeln, schüttelt den zerlumpten Schlafrock, welchen

der erfinderische Musensohn, um sich und seine Studien ganz von der

Außenwelt abzusperren, vor dem Fensterkreuz festgenagelt hat — kurz, gebärdet

sich so unbändig, wie nur ein Wind, der den Auftrag hat, das letzte Laub von den

Bäumen in Gärten und Wäldern zu reißen, sich gebärden kann. Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken versunken dagesessen; jetzt springt er plötzlich

auf und dreht mir das Gesicht zu — — — das bin ich wieder: Johannes

Wachholder, ein Student der Philosophie in der großen Haupt- und

Universitätsstadt. Sehr aufgeregt scheint der Doppelgänger meiner Jugend zu

sein; mit so gewaltigen Schritten, als das enge, wunderlich ausstaffierte Gemach

nur erlaubt, rennt er auf und ab.

Plötzlich springt er auf das Fenster zu, reißt den improvisierten Vorhang

herunter und läßt einen prächtigen Mondstrahl, welcher in diesem Augenblick

durch die zerrissenen Wolken fällt, herein.

„Marie! Marie!“ flüstert mein Schattenbild leise, die Arme gegen ein schwach

erleuchtetes Fenster drüben ausstreckend, gegen dessen herabgelassene Gardine

der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen Gestalt fällt, und —

Es ist eine gefährliche Sache, in den Momenten ungewöhnlicher Aufregung

— sei es Freude oder Schmerz, Haß oder Liebe — sich dem klaren, weißen

Licht des Mondes auszusetzen. Das Volk sagt: Man wird dumm davon. Wirklich,

wunderliche Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich; allerlei tolles Zeug

gewinnt Macht, sich des Geistes zu bemächtigen und ihn unfähig zu machen,

fürderhin gemütlich auf der ausgetretenen Straße des Alltagslebens

weiterzutraben. „Man wird dumm davon!“ — Zauberhafte Aussichten in

phantastische, nebelhafte Gründe öffnen sich zu beiden Seiten; nie gehörte

Stimmen werden wach, locken mit Sirenensang, flüstern unwiderstehlich,

winken dem Wanderer ab vom sicheren Wege, und bald irrt der Bezauberte in

den unentrinnbaren Armidengärten der Fee Phantasie.

„Ich liebe Dich,“ flüstert mein Schattenbild, „ich will Dich reich, ich will

Dich glücklich, ich will Dich berühmt machen, ich will“ — der schreibende

Greis kann jetzt nur lächeln — „die Welt für Dich gewinnen, Marie!“

Mehr noch flüstert mein Doppelgänger, die Stirn an die Scheiben drückend,

hinüber nach dem kleinen Stübchen, wo die Jugendgespielin, fortgerissen von

dem kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen friedlichen Heimat, einsam

in der dunkeln, stürmischen Nacht arbeitet, als ein anderer Schatten seine

Träume von Glück und Ruhm durchkreuzt.

Da ist eine andere Gestalt; schwarze, dichte Locken umgeben ein

sonnverbranntes Gesicht, die Augen blitzen von Lebenslust und Lebenskraft, es

ist der Maler Franz Ralff, der aus Italien zurückkehrend, voll der göttlichen Welt

des Altertums und voll der großen Gedanken einer ebenso göttlichen jüngern

Zeit, den Freund umarmt.

Und weiter schweift mein Geist. — Ich sehe noch immer die junge Waise in

ihrem kleinen Stübchen unter Blumen arbeitend. Ich sehe zwei Männer im Strom

des Lebens kämpfen, ein Lächeln von ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen,

während der andere weiter getrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen,

skeptischen Sandbank sich wiederfindet. — Ich sehe m i c h , einen blöden

Grübler, der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schützen weiß,

bis er endlich, nach langem Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem

Kampf, ein ernster sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen

jungen Weibes.

Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich süßem Glück; ich sehe während

dieser Jahre eine feine, blondlockige Gestalt lächelnd, wie unser guter Genius,

Franz und mich umschweben und ihre schützende Hand ausstrecken über seine

leicht auflodernde Wildheit und meine hinbrütende Traurigkeit — ich sehe bald

ein kleines Kind — Elise genannt in den Blättern dieser Chronik — des Abends

aus den Armen der Mutter in die des Vaters und aus den Armen des Vaters in die

des Freundes übergehen, mit großen, verwunderten Augen zu uns aufschauend

— — — —

Plötzlich hört der Regen auf, an die Fenster zu schlagen; ich schrecke empor

— es ist späte Nacht. Einen letzten Blick werfe ich noch in die Gasse hinunter.

Sie ist dunkel und öde; der unzureichende Schein der einen Gaslaterne spiegelt

sich in den Sümpfen des Pflasters, in den Rinnsteinen wider. Eine verhüllte

Gestalt schleicht langsam und vorsichtig dicht an den Häusern hin. Von Zeit zu

Zeit blickt sie sich um. Geht sie zu einem Verbrechen, oder geht sie ein gutes

Werk zu tun? Eine andre Gestalt kommt um die Ecke — ein leiser Pfiff —

„Du hast mich lange warten lassen, Riekchen!“

„Ich konnte nicht eher, die Mutter ist erst eben eingeschlafen“ …

Ein in der Ferne rollender Wagen macht das Übrige unhörbar. Die Figuren

treten aus dem Schatten; ich sehe Ballputz unter den dunkeln Mänteln.

Sie verschwinden um die Ecke, und ich schließe das Fenster.

So endet das erste Blatt der Chronik, die wie die Geschichte der Menschheit,

wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit — einem T r a u m e .