Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 20 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 7. März.

 

 

Gestern Nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang über

der großen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden wie

ein Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem Süden zu. Ein

Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber, um

ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm,

und jetzt liegt der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den

Straßen der Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem

scheuergeplagten Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner besseren Hälfte, die nun

ihre Pflicht getan zu haben meint, erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken

niedersinkt und lispelt: „Puh! hab’ ich mich abgequält, aber Gottlob, nun ist’s

auch mal wieder rein!“

Ja, rein ist’s! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau und

unansehnlich geworden war; viel mißmutige, verdrossene Gesichter haben sich

aufgehellt, und — die kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Großmutter

Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküßt,

als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich über etwas,

lange das Haupt geschüttelt. Wer weiß, wie viele jüngere Leben sie noch dahin

schwinden sieht.

Ich habe diese Blätter, glaub’ ich, einmal ein Traumbuch genannt; —

wahrlich, sie sind es auch.

Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und traurig

vorüber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablösen, ganz bedeckt von

Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf. Die

Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist tote Nacht allenthalben, die nur dann

und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein

Stern funkelt stets hinein: Elise! — Ich brauche nur in meine alten Mappen und

Erinnerungsbücher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die Nebel

sinken, und es wird wieder fröhlicher Tag in mir.

 

E l i s e !

 

Die Knospe, die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloß,

entfaltet sich wie ein süßes, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Kuß der

Sonne, und die Centifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld

im Busen, ist die schönste der Erdenblüten.

Ich glaube an keine Offenbarung, als an die, welche wir im Auge des

geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich; in dem Auge

der Liebe allein schauen wir Gott „von Angesicht zu Angesicht“. Die Zunge ist

schwach, und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch

schwächer und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der

Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen, ist ein arm töricht Beginnen.

Ich drücke die Augen zu, und — s i e ist vor mir mit ihrem süßen Lächeln, s i e

schlägt sie auf, diese großen, blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde.

Elise, Elise, nun bist du ein großes, schönes Mädchen geworden, und das Bild

dort, welches dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem

Spiegel, wenn du so sinnend davor stehst und so süßtraurig lächelnd zu ihm

emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem Hause und auf der

Gasse sind vorüber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest,

Elise, lächelst du jetzt, wo du sonst weintest und klagtest, senkst du jetzt die

Augen und träumst: wo du sonst den Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder

die Ärmchen auf dem Rücken ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot über

deine Wangen, — du bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik,

Elise!

 

Oftmals lässest du, vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube

sitzend, die Arbeit lauschend in den Schoß sinken, das Köpfchen in das dichteste

Blätterwerk verbergend. Eine helle, frische Stimme klingt dann von drüben

herüber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flämmchen hin, Elise? —

Einen Augenblick sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es

ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es

aus dem Fenster. Wo ist es geblieben?

Die Stimme drüben, die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt

Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verändertes, braunes Gesicht, von

dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. Zwölf am Fenster; es ist der junge

Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt

ein „denkender“ Künstler und, wie man munkelt, oft genug der „Taugenichts des

Ateliers“ beim Meister Frey in der Rosenstraße.

„Cousine, Cousine Elise! Onkel Wachholder!“ ruft er. „Die Mama ist außer

sich! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestoßen, und — Unordnung über

Unordnung — nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem

Fußboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner

Zeichnung angebracht. Es ist keine Möglichkeit, weiter zu arbeiten! Wie wär’s mit einem Spaziergang?“

Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug ähnliches

von drüben herüber rief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre

Wiederholungen, wie alles in der Welt. — Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir

gehen hinüber. Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav, noch im leichten

farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger.

„Da ist der Verbrecher,“ lacht er. „Sieh, Lischen, wie unschuldig er aussieht,

gerade wie Du, die doch auch um kein Haar breit besser ist als er.“

„Was? — Was hab’ ich denn verbrochen?“ fragt Elise.

„Höre nicht auf den bösen Menschen,“ sagt die Tante Helene, die jetzt in der

Tür erscheint.

„So; — das ist ja prächtig, Mama! höre nicht auf den bösen Menschen! Das ist

himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hängt wie Pech

zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist

zu wichtig, als daß man sie auf der Treppe abmachen könnte.“

Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz und Gustav beginnt:

„Hören Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe

unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorsätze und Gesinnungen

bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiß,

den ich heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich

hätte das Selbstgespräch, welches ich hielt, stenographieren können, es würde

mir jetzt von großem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine

guten Vorsätze sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal

glücklich vorbei gesegelt. Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster

anbrüllte, hatte ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold

Dunkel mir zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefühllos zu sein, hatte ich

geheuchelt, als Richard Breimüller mich in die Seite stieß und mir den Arm fast

ausrenkte, um mich mit zu einem großartigen Frühstück zu ziehen, welches die

unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den Zweiunddreißigern, gaben.

Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege ich im vollen Gefühl meiner

Sittlichkeit um die Ecke, die auf den Gemüsemarkt führt und — renne gegen

einen Korb oder vielmehr eine Korbträgerin, welche mir entgegen kommt und

mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt …“

„Oh, dieser Lügner!“ fällt hier Elise ein. „Wer hat Dir den Weg versperrt?

Hast Du mich nicht angehalten? Hast Du mir nicht einen Korb weggenommen!

Du …“

… „Die mir also den Weg versperrt und …“

„Verleumder! — Hast Du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die

größte Mohrrübe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit dem Messer …“

… „Die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: Sieh, das ist prächtig,

Gustav; jetzt sollst Du wider Deinen Willen einmal zu etwas nützlich sein; hier,

nimm meinen Korb! — Kannst Du das leugnen, Lise?“

„Onkel, er lügt entsetzlich,“ sagt Elise, „er verdreht die ganze Geschichte. Ich

hätte i h n doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht wieder

herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Biß, den er an seine Mohrrübe

tat, an einem Rosenstrauß roch, welchen er ebenfalls herausgewühlt hatte, so

sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr und …“

„Onkel Wachholder,“ unterbricht jetzt Gustav, „ich verband das Schöne mit

dem Nützlichen! Mama, sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen — gegen

alles Mögliche?“

… „Ich habe keine Zeit mehr, und wenn Du den Korb einmal nicht wieder

herausgeben willst, so behalte ihn und schleppe ihn, meinetwegen!“

„Siehst Du! Seht Ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken Sie,

Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon wie eine Gazelle

und läßt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von Schiras

und Gemüse aus dem Tal von Schâm. Elise, Lischen, Cousine Ralff! rufe ich aus

vollem Halse; Lise, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen!

Himmlische Cousine Lischen, befreie mich von diesem Stilleben! — Wer aber

nicht hört, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und

Mappe, mit Rüben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! — Von Zeit zu Zeit

sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-,

Herings-, Butter- und Käsehandel — ich glaube sie zu haben, — Täuschung, da

ist sie wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und

verkaufenden Publikum sehr lächerlich zu werden mit meiner Mohrrübe, die ich

noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger

Skandal! — Die Polizei erscheint! ‚Verkoofen Se Ihr Grünkraut sachte,‘ sagt

grinsend Polizeimann Nr. 69, ‚immer langtemang!‘ — Ich bezahle für den

Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! —

Neue Jagd, — ich glitsche über einen Kohlstrunk aus, — baff, da liege ich mit

Korb und Mappe; Kohlrüben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens

Marktrechnungen im malerischen Durcheinander um mich her. ‚O Jotte, det

arme Kind,‘ sagt eine dicke Gemüsefrau, ‚ebent in die Eier und nu in den D…!

Soll ich Se ufhelfen, Männeken?‘ — ‚Immer langtemang,‘ grinst wieder

Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein böses Prinzip gefolgt ist. — Ich suche

meine Schätze, die ich zu allen Teufeln wünsche, gleich im Liegen auf und

erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Außer Atem und

hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an

derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb zwischen die Beine und starre mit äußerst bitterem Gefühl hinein. Soll ich das Ungetüm

wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorüber an der Kaserne der

Zweiunddreißiger und an Schnollys Konditorei? — Einen Spitznamen hätte ich

und meine ganze Nachkommenschaft weg — drei Ellen lang! Mein innerster

Mensch sträubt sich zu mächtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht

nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglück aufgefressen, es blieb

mir nichts anderes übrig, als eine neue Mohrrübe abzukratzen, meine

Verzweiflung an ihr zu verbeißen. Das kommt davon, wenn man mit soliden

Vorsätzen von Hause weggeht! Wie gemütlich hätte ich in dem Augenblick, statt

auf diesem fatalen Eckstein, bei dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können!

Ich weiß nicht, wie lange ich so brütend dagekauert habe, als ich plötzlich, um

zum Himmel zu schauen, meinen Blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt

ruhen lasse! — — D a s a ß s i e! — Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der

anderen Straßenecke, mir gegenüber, eine große, grüne, angebissene Birne in der

Hand! ‚Guten Morgen, Vetter!‘ lacht sie, ohne sich vom Fleck zu rühren.

‚Könntest Du mir jetzt vielleicht meinen Korb geben? Ich muß wirklich nach

Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen!‘ — Ich fahre mit der Hand über die

Stirn, ich muß wirklich erst meine Sinne zusammensuchen: ich stoße einen

tiefen Seufzer aus, — da erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder

fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin mit einem Satz mit dem

verdammten Korb an ihrer Seite, hänge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf

den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. — ‚Hab’ ich

Dich aber gesucht, Gustav!‘ hohnlächelt die Boshafte. ‚Gott, wie siehst Du aus?

Wo hast Du denn gesteckt?‘ — ‚Δαιμονίη!‘ murmele ich dumpf, während es

noch dumpfer auf der unierten Kirche Elf schlägt, und die Atelierszeit ihrem

Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich

hinkend hinter ihr her, meine Rockschöße vorsichtig zusammenhaltend. Eine

derangierte Toilette, ein leerer Geldbeutel, müde Beine, ein gräßlicher

Nachgeschmack von den fatalen Mohrrüben, und das bodenlose Gefühl, mich

unendlich lächerlich gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses

Morgens! Und nun richten Sie, Onkel Johannes!“

„Onkel, laß das Richten nur sein,“ sagt Elise. „Er hat sich schon selbst

gerichtet. Hat er nicht?“

„Ich glaube auch,“ sagt die Tante Berg.

„Ich desgleichen,“ gebe ich mein Verdikt ab.

„Das dachte ich wohl,“ brummt der denkende Künstler. „Wann hätte je die

Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird’s nun mit unserem Spaziergang?“

„Ja, wo wollen wir hin?“ ruft Elise, und Gustav meint:

„Ein Vorschlag zur Güte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist bal

champêtre! Was meinst Du, Lischen?“

„K a n n man da hingehen?“ fragt die Tante Berg bedenklich.

„Warum nicht? Sind w i r doch dabei!“ sagt der denkende Künstler,

gravitätisch den Halskragen in die Höhe zupfend „Übrigens ist heute auch das

Atelier mit seinen Schwestern da; ebenso der Professor Frey mit seinen sechs

Nichten, und …“

„Nach dem Wasserhof!“ rufe ich elektrisiert. „Tante Berg, man k a n n dahin

gehen!“

Und wir gehen hin. —

Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im ‚Faust‘ unsterblich

gemacht? „Der Weg dahin ist gar nicht schön.“ Welcher Weg um diese Stadt ist

schön? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und kühle Lauben am Tage;

Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswürmer am Abend; da gibt es

Kellner mit einst weißen Servietten, die in der rechten Hosentasche stecken; da

gibt es vor allem einen — prächtigen Tanzplatz im Grünen!

„Lischen, heute Morgen hast Du mir einen Korb gegeben; ich will Dir das

verzeihen, wenn Du mir jetzt keinen anhängen willst: Mein Fräulein, darf ich um

den ersten Walzer bitten?“

„Laß uns erst ankommen, Vetter!“ sagt Lischen, die auf dem ganzen Wege

stets die Vorderste wäre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte. — —

Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen Pfeife

hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben zuschauend, und

lächelnd das schwarze Käppchen auf den langen, weißen Haaren hin und her

schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir uns durch die Menge

drängen, und ruft uns sein „Willkommen“ entgegen. Hurra, da ist das „Atelier

mit seinen Schwestern“, wie Gustav sagt, und die sechs Nichten des Professors.

Eine lustige Gruppe: lange Haare, schwarze Sammetröcke, Kalabreser mit

gewaltigen Troddeln; dann wieder weiße Kleider, bunte Bänder, Strohhüte; und

Gustav und Elise natürlich sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen

Vocabulus, ist das nicht der lange Oberlehrer Besenmeier, der da, aptus adliciendis feminarum animis, der dicken Frau Rektorin

Dippelmann einen Stuhl erobert? Wahrlich, er ist’s, und da ist der Rektor selbst,

der Ruten und Beile so vollständig abgelegt hat, daß ihn in diesem Augenblick

jeder Sekundaner, ohne böse Folgen, um — Feuer für seine Zigarre bitten

könnte. Wen haben wir hier? Darf ich meinen Augen trauen! der königliche

Professor der Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck!? —

Wirklich, er ist’s; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge. „Weg die

Dogmatik!“ lautet das Studentenlied: warum sollte der alte Hallenser das an

einem solchen prächtigen Abend nicht auch noch einmal in — das Doppelkinn

summen dürfen? Wie die Universität vertreten ist! Professoren! Privatdozenten

und Studenten von allen Fakultäten und Verbindungen! Dacht’ ich mir’s doch, da

sind die „unmoralischen Menschen“, die Freiwilligen! Natürlich durften sie nicht

fehlen! —

„Guten Abend, Cäcilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klärchen,

Josephine! Das ist ja prächtig, daß Ihr auch da seid!“ schwirrt und summt das

durcheinander!

„Gott, wo bleibt mein Tänzer! der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht

‚s i t z e n ‘ lassen?!“

„Auf keinen Fall, mein Fräulein!“ sagt der Auskultator Krippenstapel, sein

ambrosisches Haupt über die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend

und etwas von „nur Personalarrest“ murmelnd.

„Lischen, keinen Korb — bitte!“ ruft Gustav, ein Paar wundersame

Handschuhe anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.

„Nun, Vetter, — wenn’s denn nicht anders sein kann — so komm’ schnell, die

Musik fängt schon an.“

„Höre, Peter van Laar,“ sagte Gustav, schon im Rennen, zu einem

wohlbeleibten Kunstjünger, „wenn Du mich wieder auf den Fuß trittst, wie

neulich, stecke ich Dich morgen mit der Nase in Dein Terpentinfaß! Komm,

Lischen!“ —

Prr — davon sind sie: „Mutwill’ge Sommervögel.“

Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tisch des Meister Frey

genommen, der eben unter schallendem Gelächter eine Schnurre aus seinem

italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet über die Wirkungen des

Weißbieres auf seine Konstitution, während Petrus und Paulus, seine Sprößlinge,

sich unter dem Tisch wälzen und balgen und die Frau Domprediger sich darüber

aufhält, daß die Kellner sich mit der Hand schneuzen.

„Es ist immer noch besser als in die Serviette!“ sagt der Rektor Dippelmann,

eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend.

An ein und demselben Punkte werden nun zwei Gespräche angeknüpft: die Weiber plumpsen in die große Wäsche, und der Domprediger mit dem Rektor

Dippelmann in die — Theologie.

„Kommen Sie, Wachholder,“ sagt der Professor Frey, „wir wollen lieber den

Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wässerig und schwül zugleich.“

Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre, nehme ich den Vorschlag mit

Freuden an, und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen und

Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.

„Welche prächtigen Reflexe!“ ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert. „Sehen

Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner

sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen e c h t e n Künstler

mache. Nun fanello,“ wendet er sich an den Herbeieilenden, „ich hoffe, Ihr

werdet meine Mädchen nicht ‚dörren‘ lassen — wie sie sagen!“

Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:

„Wir tun unser möglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar!

Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Fräulein Julie dahin? Hier können

Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, daß er keine Fortschritte mache. Sehen

Sie nur, wie er weiter kommt. Sehen Sie, wie — buff! Dacht’ ich’s doch! Da

bohrt er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter!

das gibt Skandal! Da muß ich retten!“

„Herr!“ schreit der königliche Auskultator wütend aufspringend und seine

Tänzerin trostlos-lächerlich auf ihrem „séant“ sitzen lassend. „Herr, können

Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie …“

„Halt, Krippenstapel!“ fällt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des Juristen

aufhebend. „Sie sollen fürchterlich gerächt werden, ich gebe Ihnen mein

Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetüm! ein schreckliches Los harrt

morgen Deiner! — Mein Fräulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen

Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? —

Fräulein Julie, geben Sie doch gefälligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite

einen tüchtigen Nasenstüber als Vorgeschmack! — Krippenstapel, sei’n Sie ein

guter Kerl und fangen Sie keinen Lärm an; kommen Sie, lassen Sie sich von

Ihrer Dame eine Stecknadel geben, ehe Sie weiter schweben. Vergessen Sie’s

nicht, es ist wichtig; ich als Ästhetiker muß das wissen!“

Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel

schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch; seine Dame verkündet

hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter

Holzmann stolpert mit Fräulein Julie zu einem Sitz, und alle übrigen Paare

ordnen sich zu einem neuen Tanz.

Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends

Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles Lachen zu hören; als nun ein neuer Tanz beginnt, und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die

Sache bedenklich.

„Gustav, heda hier! Wo hast Du denn meine Lise gelassen?“

„Ich? — Onkel, fragen Sie lieber: wo hat Dich die Lise gelassen. Sie

behauptet böse zu sein und ist mit Fräulein Henriette Frey weggelaufen,

nachdem sie mich einen — einen — ‚Teekessel‘ genannt hat.“

„So? — was habt Ihr denn wieder vorgehabt?“

„Ich kann mich auf weiteres nicht einlassen!“ sagt der „denkende Künstler“,

zieht ein wehmütig-seinsollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge.

„Wenn die Sachen so stehen,“ lacht der alte Frey, „so werden die Mädchen

jetzt wohl bei der Wäsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir müssen uns

doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prächtig?)

da für Unheil und Unfrieden angestiftet hat?“

„Ich kann’s mir schon vorstellen,“ brumme ich in den Bart, und so schlagen

wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch zurück.

„Richtig, da sitzen die Turteltäubchen!“ ruft der Professor. „Wie andächtig sie

dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz wo anders sind!

Kurre, kurre, kurre, Fräulein Elise, mein Täubchen, was hat Ihnen denn ein

gewisser — hm — gewisser ‚Teekessel‘ getan?“

„Wer?“ fragt Lischen, die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von ihr mit

einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, während Henriette an ihrer andern Seite

emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt.

„Wer? fragst Du!“ nehme ich das Wort. „Nun wir begegneten eben jemand,

der ziemlich nahe am — ‚Überkochen‘ war.“

„Ach, Du meinst den Vetter! — Pah — D e r !“

„Nun, was hat’s gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr

Herz ausgeschüttet?“

„Nein!“ sagt die Tante. „Haben sie sich wieder gezankt?“

„Es scheint so! Fräulein Henriette, Sie wissen gewiß etwas Näheres davon?“

„Soll ich’s sagen, Lischen?“ fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr

zupfend.

„Meinetwegen!“ sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenhaß und Reue

einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit

aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will.

„Er hat — Herr Gustav hat gesagt: — wenn er ihr nicht die Tänzer schicke

und Propaganda (ich glaube so heißt’s) für sie mache, so würde sie — ihr Lebtag

außer ihm keinen kriegen. Sie müsse daher hübsch dankbar und zuvorkommend

gegen ihn sein und“ — —

Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.

„Abscheulich!“ ruft die Tante Berg. „Finis mundi!“ lacht der Rektor

Dippelmann. „Schändlich!“ ächzt die Frau Rektorin; „Gräßlich!“ die Frau

Dompredigerin. „Beim Himmel, das ist stark!“ meint ihr Gemahl. „Das hätte ich

nicht gedacht!“ brumm’ ich. „D a s soll er büßen,“ ruft der Professor Frey, „und“

…

„Er büßt es schon!“ sagt eine Stimme, und der Übeltäter guckt durch das

Gebüsch hinter Elisens Platze. „Teilweise hat er es sogar schon gebüßt!“

Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich

ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite

rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hält er

folgende Rede: „Lischen, englische Cousine Ralff, ich beschwöre Dich, höre

mich! — Glaubst Du etwa, ich habe, nachdem Du jenem Schauplatz eitler

Freuden den Rücken gewandt, weiter gewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke

habe ich getan, meine Schuld zu sühnen: den edlen Holzmann, — Holzmann,

komm mal her und gib mir die Schachtel mit den feurigen Tränen! — den edlen

Holzmann habe ich aus den Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels

gerettet; Fräulein Thekla Stichel habe ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder

vielmehr Sitzungen, emporgezogen; als mitten im Kontertanz dem Freiwilligen

Breimüller der Steg riß und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte,

habe ich ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu

trocknen waren, war auch ich — wie gesagt, nur um meine Schuld zu büßen.

Und hier, Lischen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet

habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich welche! — Sieh, Lischen!“

Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stößt Elise trotz ihrem Groll aus,

als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoß schüttet, und

unzählige, funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und

schwirren.

Die Lampen sind weit genug entfernt, daß die Tierchen in ihrem ganzen Glanz

erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblick — diese besternte

Elise!

„Das sind meine Reuetränen, und Du — kriegst Tänzer leider zu viel — ohne

mich! — und ich b i n ein Teekessel und et cetera — Lischen?! — Lischen,

gucke m i c h mal an!“

„Taugenichts!“ sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, und — der

Friede ist geschlossen! —

War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band?

Auf einmal verkündete er, daß er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war

der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das

Improvisieren den wahren Genuß und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz

wurde ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben, — ein Kranz, der nur so sein mußte.

Der Domprediger hielt eine Rede, die „verehrter Greis“ anfing und ähnlich

endete, und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr.

Dann erhob sich das alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über

Nachtkühle und Nachtfeuchte, und — das Fest war vorbei.

 

Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?

Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine Schüler. Peter

Holzmann, genannt Peter van Laar, oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer

römischen Villa von französischen Plünderern erstochen, als er eine Raphaelsche

Madonna vor ihrer Zerstörungswut schützen wollte. Der Domprediger ist noch

immer nicht zum Mormonentum übergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier

hat Fräulein Julie Frey geheiratet und steht, — „mit dem Gürtel, mit dem

Schleier reißt der schöne Wahn entzwei,“ — fürchterlich unter dem Pantoffel.

Die Frau Rektor Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl

die Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt,

in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er über die

Friedensbrücke nach dem Schimmelstädtischen Gymnasium wandelt.

Und G u s t a v und E l i s e ? — — — Ich werde nachher dieses Blatt der

Chronik hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. Zwölf der

Sperlingsgasse, deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag über

in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von G u s t a v und

E l i s e sprechen!