Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 7. März.
Gestern Nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang über
der großen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden wie
ein Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem Süden zu. Ein
Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber, um
ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm,
und jetzt liegt der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den
Straßen der Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem
scheuergeplagten Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner besseren Hälfte, die nun
ihre Pflicht getan zu haben meint, erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken
niedersinkt und lispelt: „Puh! hab’ ich mich abgequält, aber Gottlob, nun ist’s
auch mal wieder rein!“
Ja, rein ist’s! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau und
unansehnlich geworden war; viel mißmutige, verdrossene Gesichter haben sich
aufgehellt, und — die kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Großmutter
Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküßt,
als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich über etwas,
lange das Haupt geschüttelt. Wer weiß, wie viele jüngere Leben sie noch dahin
schwinden sieht.
Ich habe diese Blätter, glaub’ ich, einmal ein Traumbuch genannt; —
wahrlich, sie sind es auch.
Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und traurig
vorüber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablösen, ganz bedeckt von
Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf. Die
Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist tote Nacht allenthalben, die nur dann
und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein
Stern funkelt stets hinein: Elise! — Ich brauche nur in meine alten Mappen und
Erinnerungsbücher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die Nebel
sinken, und es wird wieder fröhlicher Tag in mir.
E l i s e !
Die Knospe, die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloß,
entfaltet sich wie ein süßes, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Kuß der
Sonne, und die Centifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld
im Busen, ist die schönste der Erdenblüten.
Ich glaube an keine Offenbarung, als an die, welche wir im Auge des
geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich; in dem Auge
der Liebe allein schauen wir Gott „von Angesicht zu Angesicht“. Die Zunge ist
schwach, und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch
schwächer und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der
Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen, ist ein arm töricht Beginnen.
Ich drücke die Augen zu, und — s i e ist vor mir mit ihrem süßen Lächeln, s i e
schlägt sie auf, diese großen, blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde.
Elise, Elise, nun bist du ein großes, schönes Mädchen geworden, und das Bild
dort, welches dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem
Spiegel, wenn du so sinnend davor stehst und so süßtraurig lächelnd zu ihm
emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem Hause und auf der
Gasse sind vorüber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest,
Elise, lächelst du jetzt, wo du sonst weintest und klagtest, senkst du jetzt die
Augen und träumst: wo du sonst den Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder
die Ärmchen auf dem Rücken ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot über
deine Wangen, — du bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik,
Elise!
Oftmals lässest du, vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube
sitzend, die Arbeit lauschend in den Schoß sinken, das Köpfchen in das dichteste
Blätterwerk verbergend. Eine helle, frische Stimme klingt dann von drüben
herüber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flämmchen hin, Elise? —
Einen Augenblick sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es
ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es
aus dem Fenster. Wo ist es geblieben?
Die Stimme drüben, die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt
Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verändertes, braunes Gesicht, von
dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. Zwölf am Fenster; es ist der junge
Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt
ein „denkender“ Künstler und, wie man munkelt, oft genug der „Taugenichts des
Ateliers“ beim Meister Frey in der Rosenstraße.
„Cousine, Cousine Elise! Onkel Wachholder!“ ruft er. „Die Mama ist außer
sich! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestoßen, und — Unordnung über
Unordnung — nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem
Fußboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner
Zeichnung angebracht. Es ist keine Möglichkeit, weiter zu arbeiten! Wie wär’s mit einem Spaziergang?“
Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug ähnliches
von drüben herüber rief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre
Wiederholungen, wie alles in der Welt. — Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir
gehen hinüber. Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav, noch im leichten
farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger.
„Da ist der Verbrecher,“ lacht er. „Sieh, Lischen, wie unschuldig er aussieht,
gerade wie Du, die doch auch um kein Haar breit besser ist als er.“
„Was? — Was hab’ ich denn verbrochen?“ fragt Elise.
„Höre nicht auf den bösen Menschen,“ sagt die Tante Helene, die jetzt in der
Tür erscheint.
„So; — das ist ja prächtig, Mama! höre nicht auf den bösen Menschen! Das ist
himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hängt wie Pech
zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist
zu wichtig, als daß man sie auf der Treppe abmachen könnte.“
Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz und Gustav beginnt:
„Hören Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe
unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorsätze und Gesinnungen
bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiß,
den ich heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich
hätte das Selbstgespräch, welches ich hielt, stenographieren können, es würde
mir jetzt von großem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine
guten Vorsätze sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal
glücklich vorbei gesegelt. Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster
anbrüllte, hatte ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold
Dunkel mir zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefühllos zu sein, hatte ich
geheuchelt, als Richard Breimüller mich in die Seite stieß und mir den Arm fast
ausrenkte, um mich mit zu einem großartigen Frühstück zu ziehen, welches die
unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den Zweiunddreißigern, gaben.
Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege ich im vollen Gefühl meiner
Sittlichkeit um die Ecke, die auf den Gemüsemarkt führt und — renne gegen
einen Korb oder vielmehr eine Korbträgerin, welche mir entgegen kommt und
mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt …“
„Oh, dieser Lügner!“ fällt hier Elise ein. „Wer hat Dir den Weg versperrt?
Hast Du mich nicht angehalten? Hast Du mir nicht einen Korb weggenommen!
Du …“
… „Die mir also den Weg versperrt und …“
„Verleumder! — Hast Du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die
größte Mohrrübe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit dem Messer …“
… „Die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: Sieh, das ist prächtig,
Gustav; jetzt sollst Du wider Deinen Willen einmal zu etwas nützlich sein; hier,
nimm meinen Korb! — Kannst Du das leugnen, Lise?“
„Onkel, er lügt entsetzlich,“ sagt Elise, „er verdreht die ganze Geschichte. Ich
hätte i h n doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht wieder
herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Biß, den er an seine Mohrrübe
tat, an einem Rosenstrauß roch, welchen er ebenfalls herausgewühlt hatte, so
sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr und …“
„Onkel Wachholder,“ unterbricht jetzt Gustav, „ich verband das Schöne mit
dem Nützlichen! Mama, sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen — gegen
alles Mögliche?“
… „Ich habe keine Zeit mehr, und wenn Du den Korb einmal nicht wieder
herausgeben willst, so behalte ihn und schleppe ihn, meinetwegen!“
„Siehst Du! Seht Ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken Sie,
Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon wie eine Gazelle
und läßt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von Schiras
und Gemüse aus dem Tal von Schâm. Elise, Lischen, Cousine Ralff! rufe ich aus
vollem Halse; Lise, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen!
Himmlische Cousine Lischen, befreie mich von diesem Stilleben! — Wer aber
nicht hört, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und
Mappe, mit Rüben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! — Von Zeit zu Zeit
sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-,
Herings-, Butter- und Käsehandel — ich glaube sie zu haben, — Täuschung, da
ist sie wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und
verkaufenden Publikum sehr lächerlich zu werden mit meiner Mohrrübe, die ich
noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger
Skandal! — Die Polizei erscheint! ‚Verkoofen Se Ihr Grünkraut sachte,‘ sagt
grinsend Polizeimann Nr. 69, ‚immer langtemang!‘ — Ich bezahle für den
Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! —
Neue Jagd, — ich glitsche über einen Kohlstrunk aus, — baff, da liege ich mit
Korb und Mappe; Kohlrüben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens
Marktrechnungen im malerischen Durcheinander um mich her. ‚O Jotte, det
arme Kind,‘ sagt eine dicke Gemüsefrau, ‚ebent in die Eier und nu in den D…!
Soll ich Se ufhelfen, Männeken?‘ — ‚Immer langtemang,‘ grinst wieder
Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein böses Prinzip gefolgt ist. — Ich suche
meine Schätze, die ich zu allen Teufeln wünsche, gleich im Liegen auf und
erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Außer Atem und
hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an
derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb zwischen die Beine und starre mit äußerst bitterem Gefühl hinein. Soll ich das Ungetüm
wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorüber an der Kaserne der
Zweiunddreißiger und an Schnollys Konditorei? — Einen Spitznamen hätte ich
und meine ganze Nachkommenschaft weg — drei Ellen lang! Mein innerster
Mensch sträubt sich zu mächtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht
nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglück aufgefressen, es blieb
mir nichts anderes übrig, als eine neue Mohrrübe abzukratzen, meine
Verzweiflung an ihr zu verbeißen. Das kommt davon, wenn man mit soliden
Vorsätzen von Hause weggeht! Wie gemütlich hätte ich in dem Augenblick, statt
auf diesem fatalen Eckstein, bei dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können!
Ich weiß nicht, wie lange ich so brütend dagekauert habe, als ich plötzlich, um
zum Himmel zu schauen, meinen Blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt
ruhen lasse! — — D a s a ß s i e! — Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der
anderen Straßenecke, mir gegenüber, eine große, grüne, angebissene Birne in der
Hand! ‚Guten Morgen, Vetter!‘ lacht sie, ohne sich vom Fleck zu rühren.
‚Könntest Du mir jetzt vielleicht meinen Korb geben? Ich muß wirklich nach
Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen!‘ — Ich fahre mit der Hand über die
Stirn, ich muß wirklich erst meine Sinne zusammensuchen: ich stoße einen
tiefen Seufzer aus, — da erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder
fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin mit einem Satz mit dem
verdammten Korb an ihrer Seite, hänge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf
den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. — ‚Hab’ ich
Dich aber gesucht, Gustav!‘ hohnlächelt die Boshafte. ‚Gott, wie siehst Du aus?
Wo hast Du denn gesteckt?‘ — ‚Δαιμονίη!‘ murmele ich dumpf, während es
noch dumpfer auf der unierten Kirche Elf schlägt, und die Atelierszeit ihrem
Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich
hinkend hinter ihr her, meine Rockschöße vorsichtig zusammenhaltend. Eine
derangierte Toilette, ein leerer Geldbeutel, müde Beine, ein gräßlicher
Nachgeschmack von den fatalen Mohrrüben, und das bodenlose Gefühl, mich
unendlich lächerlich gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses
Morgens! Und nun richten Sie, Onkel Johannes!“
„Onkel, laß das Richten nur sein,“ sagt Elise. „Er hat sich schon selbst
gerichtet. Hat er nicht?“
„Ich glaube auch,“ sagt die Tante Berg.
„Ich desgleichen,“ gebe ich mein Verdikt ab.
„Das dachte ich wohl,“ brummt der denkende Künstler. „Wann hätte je die
Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird’s nun mit unserem Spaziergang?“
„Ja, wo wollen wir hin?“ ruft Elise, und Gustav meint:
„Ein Vorschlag zur Güte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist bal
champêtre! Was meinst Du, Lischen?“
„K a n n man da hingehen?“ fragt die Tante Berg bedenklich.
„Warum nicht? Sind w i r doch dabei!“ sagt der denkende Künstler,
gravitätisch den Halskragen in die Höhe zupfend „Übrigens ist heute auch das
Atelier mit seinen Schwestern da; ebenso der Professor Frey mit seinen sechs
Nichten, und …“
„Nach dem Wasserhof!“ rufe ich elektrisiert. „Tante Berg, man k a n n dahin
gehen!“
Und wir gehen hin. —
Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im ‚Faust‘ unsterblich
gemacht? „Der Weg dahin ist gar nicht schön.“ Welcher Weg um diese Stadt ist
schön? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und kühle Lauben am Tage;
Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswürmer am Abend; da gibt es
Kellner mit einst weißen Servietten, die in der rechten Hosentasche stecken; da
gibt es vor allem einen — prächtigen Tanzplatz im Grünen!
„Lischen, heute Morgen hast Du mir einen Korb gegeben; ich will Dir das
verzeihen, wenn Du mir jetzt keinen anhängen willst: Mein Fräulein, darf ich um
den ersten Walzer bitten?“
„Laß uns erst ankommen, Vetter!“ sagt Lischen, die auf dem ganzen Wege
stets die Vorderste wäre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte. — —
Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen Pfeife
hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben zuschauend, und
lächelnd das schwarze Käppchen auf den langen, weißen Haaren hin und her
schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir uns durch die Menge
drängen, und ruft uns sein „Willkommen“ entgegen. Hurra, da ist das „Atelier
mit seinen Schwestern“, wie Gustav sagt, und die sechs Nichten des Professors.
Eine lustige Gruppe: lange Haare, schwarze Sammetröcke, Kalabreser mit
gewaltigen Troddeln; dann wieder weiße Kleider, bunte Bänder, Strohhüte; und
Gustav und Elise natürlich sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen
Vocabulus, ist das nicht der lange Oberlehrer Besenmeier, der da, aptus adliciendis feminarum animis, der dicken Frau Rektorin
Dippelmann einen Stuhl erobert? Wahrlich, er ist’s, und da ist der Rektor selbst,
der Ruten und Beile so vollständig abgelegt hat, daß ihn in diesem Augenblick
jeder Sekundaner, ohne böse Folgen, um — Feuer für seine Zigarre bitten
könnte. Wen haben wir hier? Darf ich meinen Augen trauen! der königliche
Professor der Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck!? —
Wirklich, er ist’s; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge. „Weg die
Dogmatik!“ lautet das Studentenlied: warum sollte der alte Hallenser das an
einem solchen prächtigen Abend nicht auch noch einmal in — das Doppelkinn
summen dürfen? Wie die Universität vertreten ist! Professoren! Privatdozenten
und Studenten von allen Fakultäten und Verbindungen! Dacht’ ich mir’s doch, da
sind die „unmoralischen Menschen“, die Freiwilligen! Natürlich durften sie nicht
fehlen! —
„Guten Abend, Cäcilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klärchen,
Josephine! Das ist ja prächtig, daß Ihr auch da seid!“ schwirrt und summt das
durcheinander!
„Gott, wo bleibt mein Tänzer! der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht
‚s i t z e n ‘ lassen?!“
„Auf keinen Fall, mein Fräulein!“ sagt der Auskultator Krippenstapel, sein
ambrosisches Haupt über die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend
und etwas von „nur Personalarrest“ murmelnd.
„Lischen, keinen Korb — bitte!“ ruft Gustav, ein Paar wundersame
Handschuhe anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.
„Nun, Vetter, — wenn’s denn nicht anders sein kann — so komm’ schnell, die
Musik fängt schon an.“
„Höre, Peter van Laar,“ sagte Gustav, schon im Rennen, zu einem
wohlbeleibten Kunstjünger, „wenn Du mich wieder auf den Fuß trittst, wie
neulich, stecke ich Dich morgen mit der Nase in Dein Terpentinfaß! Komm,
Lischen!“ —
Prr — davon sind sie: „Mutwill’ge Sommervögel.“
Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tisch des Meister Frey
genommen, der eben unter schallendem Gelächter eine Schnurre aus seinem
italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet über die Wirkungen des
Weißbieres auf seine Konstitution, während Petrus und Paulus, seine Sprößlinge,
sich unter dem Tisch wälzen und balgen und die Frau Domprediger sich darüber
aufhält, daß die Kellner sich mit der Hand schneuzen.
„Es ist immer noch besser als in die Serviette!“ sagt der Rektor Dippelmann,
eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend.
An ein und demselben Punkte werden nun zwei Gespräche angeknüpft: die Weiber plumpsen in die große Wäsche, und der Domprediger mit dem Rektor
Dippelmann in die — Theologie.
„Kommen Sie, Wachholder,“ sagt der Professor Frey, „wir wollen lieber den
Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wässerig und schwül zugleich.“
Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre, nehme ich den Vorschlag mit
Freuden an, und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen und
Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.
„Welche prächtigen Reflexe!“ ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert. „Sehen
Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner
sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen e c h t e n Künstler
mache. Nun fanello,“ wendet er sich an den Herbeieilenden, „ich hoffe, Ihr
werdet meine Mädchen nicht ‚dörren‘ lassen — wie sie sagen!“
Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:
„Wir tun unser möglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar!
Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Fräulein Julie dahin? Hier können
Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, daß er keine Fortschritte mache. Sehen
Sie nur, wie er weiter kommt. Sehen Sie, wie — buff! Dacht’ ich’s doch! Da
bohrt er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter!
das gibt Skandal! Da muß ich retten!“
„Herr!“ schreit der königliche Auskultator wütend aufspringend und seine
Tänzerin trostlos-lächerlich auf ihrem „séant“ sitzen lassend. „Herr, können
Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie …“
„Halt, Krippenstapel!“ fällt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des Juristen
aufhebend. „Sie sollen fürchterlich gerächt werden, ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetüm! ein schreckliches Los harrt
morgen Deiner! — Mein Fräulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen
Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? —
Fräulein Julie, geben Sie doch gefälligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite
einen tüchtigen Nasenstüber als Vorgeschmack! — Krippenstapel, sei’n Sie ein
guter Kerl und fangen Sie keinen Lärm an; kommen Sie, lassen Sie sich von
Ihrer Dame eine Stecknadel geben, ehe Sie weiter schweben. Vergessen Sie’s
nicht, es ist wichtig; ich als Ästhetiker muß das wissen!“
Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel
schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch; seine Dame verkündet
hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter
Holzmann stolpert mit Fräulein Julie zu einem Sitz, und alle übrigen Paare
ordnen sich zu einem neuen Tanz.
Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends
Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles Lachen zu hören; als nun ein neuer Tanz beginnt, und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die
Sache bedenklich.
„Gustav, heda hier! Wo hast Du denn meine Lise gelassen?“
„Ich? — Onkel, fragen Sie lieber: wo hat Dich die Lise gelassen. Sie
behauptet böse zu sein und ist mit Fräulein Henriette Frey weggelaufen,
nachdem sie mich einen — einen — ‚Teekessel‘ genannt hat.“
„So? — was habt Ihr denn wieder vorgehabt?“
„Ich kann mich auf weiteres nicht einlassen!“ sagt der „denkende Künstler“,
zieht ein wehmütig-seinsollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge.
„Wenn die Sachen so stehen,“ lacht der alte Frey, „so werden die Mädchen
jetzt wohl bei der Wäsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir müssen uns
doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prächtig?)
da für Unheil und Unfrieden angestiftet hat?“
„Ich kann’s mir schon vorstellen,“ brumme ich in den Bart, und so schlagen
wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch zurück.
„Richtig, da sitzen die Turteltäubchen!“ ruft der Professor. „Wie andächtig sie
dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz wo anders sind!
Kurre, kurre, kurre, Fräulein Elise, mein Täubchen, was hat Ihnen denn ein
gewisser — hm — gewisser ‚Teekessel‘ getan?“
„Wer?“ fragt Lischen, die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von ihr mit
einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, während Henriette an ihrer andern Seite
emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt.
„Wer? fragst Du!“ nehme ich das Wort. „Nun wir begegneten eben jemand,
der ziemlich nahe am — ‚Überkochen‘ war.“
„Ach, Du meinst den Vetter! — Pah — D e r !“
„Nun, was hat’s gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr
Herz ausgeschüttet?“
„Nein!“ sagt die Tante. „Haben sie sich wieder gezankt?“
„Es scheint so! Fräulein Henriette, Sie wissen gewiß etwas Näheres davon?“
„Soll ich’s sagen, Lischen?“ fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr
zupfend.
„Meinetwegen!“ sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenhaß und Reue
einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit
aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will.
„Er hat — Herr Gustav hat gesagt: — wenn er ihr nicht die Tänzer schicke
und Propaganda (ich glaube so heißt’s) für sie mache, so würde sie — ihr Lebtag
außer ihm keinen kriegen. Sie müsse daher hübsch dankbar und zuvorkommend
gegen ihn sein und“ — —
Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.
„Abscheulich!“ ruft die Tante Berg. „Finis mundi!“ lacht der Rektor
Dippelmann. „Schändlich!“ ächzt die Frau Rektorin; „Gräßlich!“ die Frau
Dompredigerin. „Beim Himmel, das ist stark!“ meint ihr Gemahl. „Das hätte ich
nicht gedacht!“ brumm’ ich. „D a s soll er büßen,“ ruft der Professor Frey, „und“
…
„Er büßt es schon!“ sagt eine Stimme, und der Übeltäter guckt durch das
Gebüsch hinter Elisens Platze. „Teilweise hat er es sogar schon gebüßt!“
Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich
ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite
rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hält er
folgende Rede: „Lischen, englische Cousine Ralff, ich beschwöre Dich, höre
mich! — Glaubst Du etwa, ich habe, nachdem Du jenem Schauplatz eitler
Freuden den Rücken gewandt, weiter gewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke
habe ich getan, meine Schuld zu sühnen: den edlen Holzmann, — Holzmann,
komm mal her und gib mir die Schachtel mit den feurigen Tränen! — den edlen
Holzmann habe ich aus den Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels
gerettet; Fräulein Thekla Stichel habe ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder
vielmehr Sitzungen, emporgezogen; als mitten im Kontertanz dem Freiwilligen
Breimüller der Steg riß und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte,
habe ich ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu
trocknen waren, war auch ich — wie gesagt, nur um meine Schuld zu büßen.
Und hier, Lischen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet
habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich welche! — Sieh, Lischen!“
Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stößt Elise trotz ihrem Groll aus,
als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoß schüttet, und
unzählige, funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und
schwirren.
Die Lampen sind weit genug entfernt, daß die Tierchen in ihrem ganzen Glanz
erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblick — diese besternte
Elise!
„Das sind meine Reuetränen, und Du — kriegst Tänzer leider zu viel — ohne
mich! — und ich b i n ein Teekessel und et cetera — Lischen?! — Lischen,
gucke m i c h mal an!“
„Taugenichts!“ sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, und — der
Friede ist geschlossen! —
War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band?
Auf einmal verkündete er, daß er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war
der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das
Improvisieren den wahren Genuß und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz
wurde ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben, — ein Kranz, der nur so sein mußte.
Der Domprediger hielt eine Rede, die „verehrter Greis“ anfing und ähnlich
endete, und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr.
Dann erhob sich das alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über
Nachtkühle und Nachtfeuchte, und — das Fest war vorbei.
Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?
Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine Schüler. Peter
Holzmann, genannt Peter van Laar, oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer
römischen Villa von französischen Plünderern erstochen, als er eine Raphaelsche
Madonna vor ihrer Zerstörungswut schützen wollte. Der Domprediger ist noch
immer nicht zum Mormonentum übergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier
hat Fräulein Julie Frey geheiratet und steht, — „mit dem Gürtel, mit dem
Schleier reißt der schöne Wahn entzwei,“ — fürchterlich unter dem Pantoffel.
Die Frau Rektor Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl
die Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt,
in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er über die
Friedensbrücke nach dem Schimmelstädtischen Gymnasium wandelt.
Und G u s t a v und E l i s e ? — — — Ich werde nachher dieses Blatt der
Chronik hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. Zwölf der
Sperlingsgasse, deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag über
in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von G u s t a v und
E l i s e sprechen!