Die Chronik der Sperlingsgasse
Am Nachmittag.
Es ist heute Jahrestag. Ich werde die Erinnerung nicht los; sie verfolgt mich, wo
ich gehe und stehe.
Es war ein eben so trüber, regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt, als ich
traurig dort drüben in jenem Fenster saß — vor langen Jahren — dort drüben in
jenem Fenster, von welchem aus mir eben der Zeichner Strobel zunickt, und
traurig hinaufblickte zu der grauen eintönigen Himmelsdecke. Die Gasse sah
damals wohl nicht viel anders aus als heute; doch sind viele Gesichter, deren ich
mich noch gar gut erinnere, verschwunden und haben andern Platz gemacht, und
nur einzelne, wie zum Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller
drunten, der heute wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hämmert, haben
sich erhalten in diesem ununterbrochenen Strome des Gehens und Kommens.
Diese sind denn auch mit die Anhaltepunkte, an welche ich bei meinem
Rückgedenken den stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder
anknüpfe.
Einem Wässerchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wässerchen,
welches sich aus dem Schoß der Erde mühevoll losringt und, anfangs t r ü b e ,
noch die Spuren seiner dunklen, schmerzvollen Geburtsstätte an sich trägt. Bald
aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln, Blumen werden sich in ihm
spiegeln, Vögelchen werden ihre Schnäbel in ihm netzen. An dieser Stelle
werdet ihr es fast zu verlieren glauben, an jener wird es fröhlich wieder
hervorhüpfen. Es wird seine eigene Sprache reden in wagehalsigen Sprüngen
über Felsen, im listigen Suchen und Finden der Auswege, — Gott bewahre es
nur vor dem Verlaufen im Sande!
So fahre ich fort:
Es war, wie gesagt, ein trauriger unheimlicher Tag, aber nicht er war es,
welcher damals so schwer auf meine Seele drückte. An jenem Tage sah ich von
dem Fenster dort drüben die Fenster der Kammer meiner jetzigen Wohnung weit
geöffnet trotz der Kälte, trotz dem Regen. Die weißen Vorhänge waren
herabgelassen und an den Seiten befestigt, damit der Wind, welcher sie heftig
hin und her bewegte, sie nicht abreiße.
Der Tod hatte seine finstere kalte Hand trennend auf ein glückliches
Zusammenleben gelegt; der kleine Stuhl dort unter dem Efeugitter auf dem
Fenstertritt vor dem Nähtischchen war leer geworden.
Marie Ralff war tot! — —
Ich sah von meinem Fenster aus hier eine Gestalt im Zimmer auf und ab gehen. Armer Franz! Armes kleines Kind! Armer — Johannes! — Sie war so
lieblich, so jungfräulich-frauenhaft mit ihrem Kindchen im Arm!
Da hängt im Museum der Stadt ein kleines Madonnenbild, wo die
„Unberührbare“ den auf ihrem Schoß stehenden kleinen Jesus gar liebend-
verwundert und mütterlich-stolz betrachtet. Dem Bilde glich s i e , die eben so
blondlockig, eben so heilig, eben so schön war, und oft genug bleibe ich vor
diesem Bilde, einem Werk des spanischen Meisters Morales, den seine
Zeitgenossen el divino nannten, stehen, alter vergangener schöner Zeiten
gedenkend.
O, ich liebte sie so, ich hatte so gelitten, als sie mich nur „Freund“ und ihn,
meinen Freund Franz Ralff „Geliebter“ nannte. Und jetzt war sie tot; einsam
hatte sie uns zurückgelassen! Der Abend sank tiefer herab, und die Dämmerung
legte sich zwischen mich und das Drüben. Ich hielt es nicht mehr aus, ich mußte
hinüber! Als ich eintrat, schritt Franz immer noch auf und ab; er schien mich
nicht zu bemerken, und still setzte ich mich in den Winkel neben die Wiege, wo
Martha die Wärterin über dem Kinde wachte, welches ruhig schlief und die
kleinen Hände zum Mündchen hinauf gezogen hatte.
Ich weiß nicht, wie lange ich da gesessen habe, ich weiß von keinem meiner
Gedanken in jener Nacht Rechenschaft zu geben. Die tiefe Stille, die auf der
großen Stadt lag, ließ nur das Gefühl mich überkommen, als ob das Leben auch
dieses zuckende, bewegte Herz eines ganzen großen Landes verlassen habe, als
ob das leise Picken der Wanduhr das letzte verklingende Getön des Weltrades
sei, und die ewige Stille nun binnen kurzem alles Leben zurückgeschlürft haben
würde.
Das leise Weinen des Kindes neben mir erweckte mich endlich; Franz legte
mir die Hand auf die Schulter und fiel dann plötzlich erschöpft auf einen Stuhl
neben mir.
„Gute Nacht, Johannes,“ sagte er, den Kopf an meine Brust legend, „morgen
wollen wir sie begraben!“ —
Es waren die ersten Worte, die er an dem Tage sprach.