Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 14 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 11. Januar.

 

Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde höher und höher hinaufsteigt an der

Wand des Fensters, geküßt von der warmen Sonne, getränkt von kleinen

sorgenden Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflückten, daß die

Pflanze immer frisch und jung dastehe!

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das

junge Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als die

köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer älter und

gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum

erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat über der ersten Leiche

geweint. Der hübsche goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag

eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.

So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hände, hauchte ihn an und

suchte ihn zu erwärmen, — ach, armes Kind: die Toten kommen nicht wieder!

Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt

schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl möchtest;

auch dich hat das Leben jetzt schon erfaßt und in seine Wirbel gezogen; — gehe

hin mit deinem gedrückten kleinen Herzen, daß du die Schule nicht versäumst!

— Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blättern der Chronik. Das runde

Gesichtchen zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild

dort an der Wand so lieblich macht; aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun

oftmals — wenn sie sich wundert, sich freut oder klagt — ein Ton entgegen, der

mich fast erschreckt auffahren läßt. Es ist derselbe Ausruf, den s i e an sich

hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für ewig

verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und

lebendig wird?

Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber führen,

draußen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blühenden

Rosenbüsche und denken, daß die Welt so groß, so unendlich groß sei, und doch

nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines

Grab graben und uns vorstellen, daß im nächsten Frühlinge aus seinem Leibe

eine hübsche goldgelbe Blume aufsprießen werde: zur Freude des bunten

winzigen Schmetterlings und des großen, ewigen Gottes.

Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute

vielleicht auch verschenken wirst) — gib mir einen Kuß und grüße den Herrn

Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.

Lischen nickte und ging — noch immer schluchzend; ich aber machte mich

auf den Weg zur Expedition der ‚Welken Blätter‘, ohne eine Ahnung von dem

neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.

Mohrenstraße Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau

dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschäfte abgemacht mit dem

Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen

Individuum mit goldener Brille und roter Perücke — jetzt lange tot — und

schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Künstlern beiderlei

Geschlechts, die gelobt sein wollten, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde,

und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten

dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander

eintraten, war es nicht ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich

mitschleppe.

„Meine Herren,“ schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor,

„ausgewiesen!“

„Ausgewiesen!?“ ertönte es im Chor verwundert und fragend.

„Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore?“ fragte Signora Lucia

Pollastra, die jüngst angekommene Baßsängerin.

„Ausgewiesen — ausgewiesen — das heißt — cela veut dire: —

eliminito!“ sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte.

„Dio mio!“ rief die Sängerin, die so klug als zuvor war.

„Sehen Sie, Wimmer, ich hab’s mir gleich gedacht!“ schrie eine feine

sächsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flußmann aus „Dresen“

zugehörte — „wie konnten Sie aber auch d a s schreiben?“

Der Journalist nahm die letzte Nummer der ‚Welken Blätter‘ und las:

… Und wenn alle Esel dieser Maßregel Beifall brüllen sollten: ich kann sie

nur „b e w i m m e r n !“

— „Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaßregelt!“ sagte der

Doktor, welcher sehr gemütlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde,

auf einem hohen Dreibein saß.

„Ich hätte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer!“ sagte

Brummer.

„Dann hättest Du ja selbst unter die Beifallsbrüller gehört, Alter!“

Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin stillgeschwiegen

und nur mit Würde geschnauft hatte.

„Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor“ …

„Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt!“ lachte der

Doktor. „Aber halt, Verehrtester, würden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? — Fritze, Lümmel! Gib dem Herrn

Kommissar einen Stuhl!“

Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei ließ sich

schnaufend nieder, und ihr Opfer — begann:

„Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine allgemein

historische Tatsache, aber es knüpft sich Bemerkenswertes daran. Damals gab es

dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle Augenblicke eine

sehr drastische Redensart herausdonnerte, übrigens aber der Gott aller der

wilden Völkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Möso- und

Ostrogoten u. s. w. u. s. w. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche

Student, viel zu zartfühlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch

angekränkelt, konnte unmöglich d i e s e Redensart adoptieren. Ebensowenig

aber konnte er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manichäer und dergleichen

Gesindel entbehren. Was tat er? — Er deckte Rosen auf den Molch und sagte:

Deppe! — Deppe überall! Deppe konnte jeder Rektor magnificus, Deppe jeder

Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr

Polizeikommissarius: D e p p e ! — ’n Morgen, meine Herren, Addio, Signora

Pollastra, brüllen auch Sie wohl! Ich muß packen!“

Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verließ

das Expeditionszimmer der ‚Welken Blätter‘, um es nie wieder zu betreten.

Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen, als das des edlen

Stulpnase. Sprachlos saß er da; auf einmal aber sprang er auf, stülpte den

Dreimaster über und schrie:

„Man soll ja nicht denken, seinen Spaß mit einer hohen Behörde treiben zu

können!“ Damit stürzte auch er fort.

„Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heißt!“ sagte der Hauptredakteur

unter dem unendlichen Gelächter der Redaktion und der Anwesenden, und die

Versammlung löste sich auf.

Nach Hause zurückgekehrt, traf ich die kleine Lise, die bereits aus ihrer

Schule heimgekommen war, über einer bunten Pappschachtel an, in welche

Martha den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hörte ich drüben gewaltig rumoren,

und von Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies eine Rauchwolke zum blauen

Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage aus dem österreichischen

Landsturm, seinem Lieblingsstück. Der kleinen Lise sagte ich von dem

Schicksal ihres dicken Freundes noch nichts; ich wollte ihr das Herz nicht noch

schwerer machen. Mittags konnte sie schon so vor Betrübnis nichts essen,

obgleich sie ihr Butterbrot richtig weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke

richteten sich ihre Augen auf die bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.

Am Abend begruben wir es unter dem blühenden Rosenstrauch zu den Füßen der Gräber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten über uns weg,

die Rosen dufteten so herrlich; überall Licht und Blumen. Ich saß auf dem

Bänkchen neben den Gräbern; Elise hatte ihr Köpfchen an meine Brust gelegt,

sie hatte sich so müde getrauert, daß sie — o glückliche Kindheit! — die Augen

schloß und einschlummerte.

Eine schöne, ältere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an

einem einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten weiter weg an der

Kirchhofsmauer Waldblumenkränze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis

schritt gebückt unter den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften lesend.

In der Stadt verkündeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und rein

wogten die feierlichen Klänge, die in den Straßen im Rollen und Rauschen der

Arbeit ersticken, über diese stille Welt hinweg. Immer goldner glänzte der

Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem Horizont zu. Nacht ward’s

auf der einen Hälfte dieses drehenden Balles, während auf dem großen

atlantischen Ozean vielleicht eben ein Schiff dem jungen Amerika

entgegensegelnd, die Sonne aufsteigend begrüßte. Vielleicht ist es nur e i n

Schiff, das jetzt im jungen Tage segelt, während hier die Nacht sich über so viele

Millionen legt. Dort steht der Führer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand;

im Mastkorb schaut ein freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, überall

Leben und Bewegung. — Hier zündet der einsame Denker seine Lampe an und

schlägt die Bücher der Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu enträtseln, und

findet vielleicht, daß die Nacht, die auf den Völkern liegt, ewig dauern wird, in

demselben Augenblick, wo auf jenem einsamen Schiff der Willkommensschuß

donnert: „Amerika!“ die zu dem Schiffsrand stürzende Auswandererschar ruft,

und eine Mutter ihr kleines lächelndes Kind in die Morgensonne und dem neuen

Vaterland entgegenhält!

Das Gras fängt an feucht zu werden, ich muß meine kleine Schläferin

aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu. Wir

kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht, sich über

mich und das schlummernde Kind zu beugen.

„Lassen Sie mich die Kleine küssen!“ sagt sie.

Ich sehe sie unter den Bäumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.

Elise erwacht: „O wie schön!“ ruft sie, in die Glut des Abends schauend.

„Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!“

 

— — —

 

Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen, herrscht

ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In allen Haustüren schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt: Salatwaschen, Schuhflicken,

Strümpfestopfen, Hämmern, Sägen, Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur

nicht — die Zungen!

„O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben!“ schreit Martha, die auf

der Treppe unserer Haustür, umgeben von einem Kreis Nachbarinnen, Posto

gefaßt hat, mir schon von weitem zu.

„Was gibt’s denn, Martha? Was ist los?“ rufe ich ihr entgegen.

„Der Herr Doktor Wimmer ist los!“ jubeln zwanzig Stimmen um mich her,

und zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen,

welcher bis jetzt der „bunte Hund“ der ganzen Gasse war.

Ein großer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit gewaltigen

Buchstaben:

 

DR. WIMMER

P. P. C.

 

Aus dem offenen Fenster aber beugt sich — Herrn Polizeikommissarius

Stulpnases ehrwürdiges Vollmondgesicht, und seine weißbehandschuhten Hände

sind bemüht, den Zettel abzunehmen.

Ich überliefere schnell die verwunderte Lise der alten Martha und steige die

Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam geht, denn

vor mir her schiebt sich eine unbeschreibliche, wunderbare Masse von

Kleidungsstücken ächzend und stöhnend den engen Weg langsam, langsam

hinauf.

Das war die dicke Madame Pimpernell, welche das Ereignis seit langen Jahren

zum erstenmal wieder in die obern Räume ihres Hauses trieb.

Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel

und brauchte daher jetzt nur zu sagen, daß der Nachlaß des Doktors in einem

zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste Fumadores regalia,

und — einem Exemplar der Flodoardine bestand.

Stulpnase saß da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest wehmütig-grimmig

an und ächzte:

„Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter — ohne erst für seinen

‚Deppe‘ gesessen zu haben.“

„Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in der

Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer um nen

Dreier billiger gelassen?“ greint die dicke Madame Pimpernell, die ebenfalls

dem Beamten gegenüber auf einen Stuhl gesunken ist.

„Halte Sie das Maul, Frau!“ schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein Gesicht

macht, wie es einst jenes brave korinthische Weib geschnitten haben muß, als es

das Wort des Apostel Paulus hörte: Mulier taceat in ecclesia.

Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stößt Stulpnase ein dumpfes

Geheul aus und seufzt in sich: „Deppe.“ Plötzlich aber, mit Wut auf seine

Brusttasche schlagend, schreit er: „Und hier hab’ ich den Verhaftsbefehl:

Beleidigung eines Beamten im Dienst, und — ausgekniffen!“

Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu

reizen, verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden Würdigen

einander gegenüber sitzen lassend.

In der Gasse steckt mir Marquart ein Billet zu und flüstert geheimnisvoll, nach

dem Fenster des Doktors deutend:

„Das hat e r zurückgelassen für Sie, Herr Wachholder!“

Der Zettel lautet:

„L i e b s t e r F r e u n d!

 

 

Eine hohe Polizei weiß, was ‚Deppe‘ heißt, obgleich es nicht im

Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; — ich

verschwinde! — In den böhmischen Wäldern sehen wir uns wieder!

 

Dr. W i m m e r .

 

P. S. Der Redaktionspudel begleitet mich!“

 

„Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor?“ fragt

die kleine Lise, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom Fenster

weggekommen ist.

Ich schreibe: pour prendre congé auf einen Zettel, und Lischen, die

jetzt schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hilfe eines Diktionärs noch vor dem

Schlafengehen heraus:

 

„Um — nehmen — Abschied.“

 

„Der Onkel Wimmer muß eine kleine Reise machen, Schatz!“

Damit geht Elise getröstet zu Bette und verschläft und verträumt sanft ihren

ersten Schmerz. In diesem Alter genügt noch e i n e N a c h t, ihn zu begraben.