Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 11. Januar.
Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde höher und höher hinaufsteigt an der
Wand des Fensters, geküßt von der warmen Sonne, getränkt von kleinen
sorgenden Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflückten, daß die
Pflanze immer frisch und jung dastehe!
Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das
junge Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als die
köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer älter und
gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum
erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat über der ersten Leiche
geweint. Der hübsche goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag
eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.
So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hände, hauchte ihn an und
suchte ihn zu erwärmen, — ach, armes Kind: die Toten kommen nicht wieder!
Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt
schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl möchtest;
auch dich hat das Leben jetzt schon erfaßt und in seine Wirbel gezogen; — gehe
hin mit deinem gedrückten kleinen Herzen, daß du die Schule nicht versäumst!
— Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blättern der Chronik. Das runde
Gesichtchen zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild
dort an der Wand so lieblich macht; aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun
oftmals — wenn sie sich wundert, sich freut oder klagt — ein Ton entgegen, der
mich fast erschreckt auffahren läßt. Es ist derselbe Ausruf, den s i e an sich
hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für ewig
verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und
lebendig wird?
Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber führen,
draußen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blühenden
Rosenbüsche und denken, daß die Welt so groß, so unendlich groß sei, und doch
nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines
Grab graben und uns vorstellen, daß im nächsten Frühlinge aus seinem Leibe
eine hübsche goldgelbe Blume aufsprießen werde: zur Freude des bunten
winzigen Schmetterlings und des großen, ewigen Gottes.
Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute
vielleicht auch verschenken wirst) — gib mir einen Kuß und grüße den Herrn
Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.
Lischen nickte und ging — noch immer schluchzend; ich aber machte mich
auf den Weg zur Expedition der ‚Welken Blätter‘, ohne eine Ahnung von dem
neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.
Mohrenstraße Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau
dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschäfte abgemacht mit dem
Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen
Individuum mit goldener Brille und roter Perücke — jetzt lange tot — und
schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Künstlern beiderlei
Geschlechts, die gelobt sein wollten, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde,
und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten
dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander
eintraten, war es nicht ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich
mitschleppe.
„Meine Herren,“ schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor,
„ausgewiesen!“
„Ausgewiesen!?“ ertönte es im Chor verwundert und fragend.
„Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore?“ fragte Signora Lucia
Pollastra, die jüngst angekommene Baßsängerin.
„Ausgewiesen — ausgewiesen — das heißt — cela veut dire: —
eliminito!“ sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte.
„Dio mio!“ rief die Sängerin, die so klug als zuvor war.
„Sehen Sie, Wimmer, ich hab’s mir gleich gedacht!“ schrie eine feine
sächsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flußmann aus „Dresen“
zugehörte — „wie konnten Sie aber auch d a s schreiben?“
Der Journalist nahm die letzte Nummer der ‚Welken Blätter‘ und las:
… Und wenn alle Esel dieser Maßregel Beifall brüllen sollten: ich kann sie
nur „b e w i m m e r n !“
— „Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaßregelt!“ sagte der
Doktor, welcher sehr gemütlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde,
auf einem hohen Dreibein saß.
„Ich hätte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer!“ sagte
Brummer.
„Dann hättest Du ja selbst unter die Beifallsbrüller gehört, Alter!“
Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin stillgeschwiegen
und nur mit Würde geschnauft hatte.
„Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor“ …
„Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt!“ lachte der
Doktor. „Aber halt, Verehrtester, würden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? — Fritze, Lümmel! Gib dem Herrn
Kommissar einen Stuhl!“
Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei ließ sich
schnaufend nieder, und ihr Opfer — begann:
„Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine allgemein
historische Tatsache, aber es knüpft sich Bemerkenswertes daran. Damals gab es
dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle Augenblicke eine
sehr drastische Redensart herausdonnerte, übrigens aber der Gott aller der
wilden Völkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Möso- und
Ostrogoten u. s. w. u. s. w. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche
Student, viel zu zartfühlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch
angekränkelt, konnte unmöglich d i e s e Redensart adoptieren. Ebensowenig
aber konnte er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manichäer und dergleichen
Gesindel entbehren. Was tat er? — Er deckte Rosen auf den Molch und sagte:
Deppe! — Deppe überall! Deppe konnte jeder Rektor magnificus, Deppe jeder
Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr
Polizeikommissarius: D e p p e ! — ’n Morgen, meine Herren, Addio, Signora
Pollastra, brüllen auch Sie wohl! Ich muß packen!“
Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verließ
das Expeditionszimmer der ‚Welken Blätter‘, um es nie wieder zu betreten.
Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen, als das des edlen
Stulpnase. Sprachlos saß er da; auf einmal aber sprang er auf, stülpte den
Dreimaster über und schrie:
„Man soll ja nicht denken, seinen Spaß mit einer hohen Behörde treiben zu
können!“ Damit stürzte auch er fort.
„Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heißt!“ sagte der Hauptredakteur
unter dem unendlichen Gelächter der Redaktion und der Anwesenden, und die
Versammlung löste sich auf.
Nach Hause zurückgekehrt, traf ich die kleine Lise, die bereits aus ihrer
Schule heimgekommen war, über einer bunten Pappschachtel an, in welche
Martha den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hörte ich drüben gewaltig rumoren,
und von Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies eine Rauchwolke zum blauen
Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage aus dem österreichischen
Landsturm, seinem Lieblingsstück. Der kleinen Lise sagte ich von dem
Schicksal ihres dicken Freundes noch nichts; ich wollte ihr das Herz nicht noch
schwerer machen. Mittags konnte sie schon so vor Betrübnis nichts essen,
obgleich sie ihr Butterbrot richtig weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke
richteten sich ihre Augen auf die bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.
Am Abend begruben wir es unter dem blühenden Rosenstrauch zu den Füßen der Gräber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten über uns weg,
die Rosen dufteten so herrlich; überall Licht und Blumen. Ich saß auf dem
Bänkchen neben den Gräbern; Elise hatte ihr Köpfchen an meine Brust gelegt,
sie hatte sich so müde getrauert, daß sie — o glückliche Kindheit! — die Augen
schloß und einschlummerte.
Eine schöne, ältere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an
einem einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten weiter weg an der
Kirchhofsmauer Waldblumenkränze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis
schritt gebückt unter den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften lesend.
In der Stadt verkündeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und rein
wogten die feierlichen Klänge, die in den Straßen im Rollen und Rauschen der
Arbeit ersticken, über diese stille Welt hinweg. Immer goldner glänzte der
Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem Horizont zu. Nacht ward’s
auf der einen Hälfte dieses drehenden Balles, während auf dem großen
atlantischen Ozean vielleicht eben ein Schiff dem jungen Amerika
entgegensegelnd, die Sonne aufsteigend begrüßte. Vielleicht ist es nur e i n
Schiff, das jetzt im jungen Tage segelt, während hier die Nacht sich über so viele
Millionen legt. Dort steht der Führer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand;
im Mastkorb schaut ein freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, überall
Leben und Bewegung. — Hier zündet der einsame Denker seine Lampe an und
schlägt die Bücher der Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu enträtseln, und
findet vielleicht, daß die Nacht, die auf den Völkern liegt, ewig dauern wird, in
demselben Augenblick, wo auf jenem einsamen Schiff der Willkommensschuß
donnert: „Amerika!“ die zu dem Schiffsrand stürzende Auswandererschar ruft,
und eine Mutter ihr kleines lächelndes Kind in die Morgensonne und dem neuen
Vaterland entgegenhält!
Das Gras fängt an feucht zu werden, ich muß meine kleine Schläferin
aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu. Wir
kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht, sich über
mich und das schlummernde Kind zu beugen.
„Lassen Sie mich die Kleine küssen!“ sagt sie.
Ich sehe sie unter den Bäumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.
Elise erwacht: „O wie schön!“ ruft sie, in die Glut des Abends schauend.
„Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!“
— — —
Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen, herrscht
ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In allen Haustüren schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt: Salatwaschen, Schuhflicken,
Strümpfestopfen, Hämmern, Sägen, Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur
nicht — die Zungen!
„O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben!“ schreit Martha, die auf
der Treppe unserer Haustür, umgeben von einem Kreis Nachbarinnen, Posto
gefaßt hat, mir schon von weitem zu.
„Was gibt’s denn, Martha? Was ist los?“ rufe ich ihr entgegen.
„Der Herr Doktor Wimmer ist los!“ jubeln zwanzig Stimmen um mich her,
und zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen,
welcher bis jetzt der „bunte Hund“ der ganzen Gasse war.
Ein großer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit gewaltigen
Buchstaben:
DR. WIMMER
P. P. C.
Aus dem offenen Fenster aber beugt sich — Herrn Polizeikommissarius
Stulpnases ehrwürdiges Vollmondgesicht, und seine weißbehandschuhten Hände
sind bemüht, den Zettel abzunehmen.
Ich überliefere schnell die verwunderte Lise der alten Martha und steige die
Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam geht, denn
vor mir her schiebt sich eine unbeschreibliche, wunderbare Masse von
Kleidungsstücken ächzend und stöhnend den engen Weg langsam, langsam
hinauf.
Das war die dicke Madame Pimpernell, welche das Ereignis seit langen Jahren
zum erstenmal wieder in die obern Räume ihres Hauses trieb.
Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel
und brauchte daher jetzt nur zu sagen, daß der Nachlaß des Doktors in einem
zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste Fumadores regalia,
und — einem Exemplar der Flodoardine bestand.
Stulpnase saß da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest wehmütig-grimmig
an und ächzte:
„Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter — ohne erst für seinen
‚Deppe‘ gesessen zu haben.“
„Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in der
Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer um nen
Dreier billiger gelassen?“ greint die dicke Madame Pimpernell, die ebenfalls
dem Beamten gegenüber auf einen Stuhl gesunken ist.
„Halte Sie das Maul, Frau!“ schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein Gesicht
macht, wie es einst jenes brave korinthische Weib geschnitten haben muß, als es
das Wort des Apostel Paulus hörte: Mulier taceat in ecclesia.
Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stößt Stulpnase ein dumpfes
Geheul aus und seufzt in sich: „Deppe.“ Plötzlich aber, mit Wut auf seine
Brusttasche schlagend, schreit er: „Und hier hab’ ich den Verhaftsbefehl:
Beleidigung eines Beamten im Dienst, und — ausgekniffen!“
Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu
reizen, verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden Würdigen
einander gegenüber sitzen lassend.
In der Gasse steckt mir Marquart ein Billet zu und flüstert geheimnisvoll, nach
dem Fenster des Doktors deutend:
„Das hat e r zurückgelassen für Sie, Herr Wachholder!“
Der Zettel lautet:
„L i e b s t e r F r e u n d!
Eine hohe Polizei weiß, was ‚Deppe‘ heißt, obgleich es nicht im
Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; — ich
verschwinde! — In den böhmischen Wäldern sehen wir uns wieder!
Dr. W i m m e r .
P. S. Der Redaktionspudel begleitet mich!“
„Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor?“ fragt
die kleine Lise, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom Fenster
weggekommen ist.
Ich schreibe: pour prendre congé auf einen Zettel, und Lischen, die
jetzt schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hilfe eines Diktionärs noch vor dem
Schlafengehen heraus:
„Um — nehmen — Abschied.“
„Der Onkel Wimmer muß eine kleine Reise machen, Schatz!“
Damit geht Elise getröstet zu Bette und verschläft und verträumt sanft ihren
ersten Schmerz. In diesem Alter genügt noch e i n e N a c h t, ihn zu begraben.