Die Chronik der Sperlingsgasse
Am 20. November.
Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen, krummen,
dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken
wagt; ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen, mit
ihren alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die
Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um
welchen sich ein neues Leben in liniengraden, parademäßig aufmarschierten
Straßen und Plätzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner
Sperlingsgasse biegen, ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589, der
dort lehnt, liebkosend mit der Hand zu berühren. Selbst die Bewohner des ältern
Stadtteils scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Völkchen zu sein, als
die Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk
des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernstes, und der
zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergötzlicheren
Szenen aneinander, als in den vornehmeren, aber auch öderen Straßen. Hier gibt
es noch die alten Patrizierhäuser, — die Geschlechter selbst sind freilich
meistens lange dahin — welche nach einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart, oder
sonst einem Wahrzeichen unter irgend einer naiven merkwürdigen Benennung
im Munde des Volkes fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der
alten gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und
Dachwohnungen. Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere
Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als
anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern
des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der
Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender — man möchte sagen
dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen
Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffängt, bricht
und verändert zurückwirft! —
Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in
jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an
diesem Ort wahrhaftig melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und
Rollen der Arbeit hinwälzt! — Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich
genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner; aber
nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der
Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler —
ein Musiker, das ist freilich eine andre Sache — dürfe nirgends anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo die frischesten, originellsten Schöpfungen in
allen Künsten entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer
D a c h s t u b e ! — In einer Dachstube im Wine-office Court war es, wo Oliver
Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der rückständigen Miete eingesperrt, dem
Dr. Johnson unter alten Papieren, abgetragenen Röcken, geleerten
Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes Manuskript hervorsuchte
mit der Überschrift: Der Landprediger von Wakefield.
In einer Dachstube schrieb Jean Jacques Rousseau seine glühendsten,
erschütterndsten Bücher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat
Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels!
Die Sperlingsgasse ist ein kurzer enger Durchgang, welcher die Kronenstraße
mit einem Ufer des Flusses verknüpft, der in vielen Armen und Kanälen die
große Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit
nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause
enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des
Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle
Antinomien des Daseins sich widerspiegeln.
In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert sich
das Universum in einem Punkt, dozierte einst mein alter Professor der Logik. Ich
schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekümmerte mich
aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und Marie,
die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich
am Fenster, während ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der Nase, die
Augen — nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese
Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war
ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles liegt ins Unendliche
auseinander.
Da stand ich eines schönen Nachmittags wie gewöhnlich am Fenster, die Nase
gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen
Sonnenstrahl, saß meine, in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum
gegeben, zu wissen, ob sie herüberlächele!
Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in
den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch, nach meiner kleinen
Putzmacherin, und — ich begriff, daß das Universum sich in einem Punkt
konzentrieren könne.
So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine
Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber, und eine Welt von
Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, welchem einmal diese Blätter in
die Hände fallen sollten.