Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 3 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 20. November.

 

Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen, krummen,

dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken

wagt; ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen, mit

ihren alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die

Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um

welchen sich ein neues Leben in liniengraden, parademäßig aufmarschierten

Straßen und Plätzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner

Sperlingsgasse biegen, ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589, der

dort lehnt, liebkosend mit der Hand zu berühren. Selbst die Bewohner des ältern

Stadtteils scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Völkchen zu sein, als

die Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk

des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernstes, und der

zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergötzlicheren

Szenen aneinander, als in den vornehmeren, aber auch öderen Straßen. Hier gibt

es noch die alten Patrizierhäuser, — die Geschlechter selbst sind freilich

meistens lange dahin — welche nach einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart, oder

sonst einem Wahrzeichen unter irgend einer naiven merkwürdigen Benennung

im Munde des Volkes fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der

alten gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und

Dachwohnungen. Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere

Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als

anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern

des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der

Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender — man möchte sagen

dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen

Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffängt, bricht

und verändert zurückwirft! —

Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in

jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an

diesem Ort wahrhaftig melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und

Rollen der Arbeit hinwälzt! — Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich

genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner; aber

nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der

Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler —

ein Musiker, das ist freilich eine andre Sache — dürfe nirgends anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo die frischesten, originellsten Schöpfungen in

allen Künsten entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer

D a c h s t u b e ! — In einer Dachstube im Wine-office Court war es, wo Oliver

Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der rückständigen Miete eingesperrt, dem

Dr. Johnson unter alten Papieren, abgetragenen Röcken, geleerten

Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes Manuskript hervorsuchte

mit der Überschrift: Der Landprediger von Wakefield.

In einer Dachstube schrieb Jean Jacques Rousseau seine glühendsten,

erschütterndsten Bücher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat

Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels!

 

Die Sperlingsgasse ist ein kurzer enger Durchgang, welcher die Kronenstraße

mit einem Ufer des Flusses verknüpft, der in vielen Armen und Kanälen die

große Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit

nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause

enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des

Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle

Antinomien des Daseins sich widerspiegeln.

In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert sich

das Universum in einem Punkt, dozierte einst mein alter Professor der Logik. Ich

schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekümmerte mich

aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und Marie,

die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich

am Fenster, während ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der Nase, die

Augen — nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese

Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war

ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles liegt ins Unendliche

auseinander.

Da stand ich eines schönen Nachmittags wie gewöhnlich am Fenster, die Nase

gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen

Sonnenstrahl, saß meine, in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum

gegeben, zu wissen, ob sie herüberlächele!

Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in

den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch, nach meiner kleinen

Putzmacherin, und — ich begriff, daß das Universum sich in einem Punkt

konzentrieren könne.

So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine

Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber, und eine Welt von

Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, welchem einmal diese Blätter in

die Hände fallen sollten.