Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 13 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 10. Januar.

 

Seit ich jene Mappe, überschrieben: Ein Kinderleben, — hervorgenommen habe,

ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es

soll draußen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht

dagegen. Ich kann nicht sagen, daß ich viel davon wüßte. In diesen vergilbten

Blättern hier vor mir ist es sonniger Frühling und blühender Sommer. Es macht

mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzähle deshalb weiter.

Da ist so ein altes Blatt:

Wir sind sehr ungnädig. Ein alter, dicker, lächelnder Herr ist dagewesen, hat

uns den Puls gefühlt, noch mehr gelächelt, einigemal mit seinem spiegelblanken

Stockknopf seine Nasenspitze berührt, hat Tinte und Papier gefordert und kurze

Zeit auf einem länglichen Papierstreifchen gekritzelt. Martha hat diesen Zettel

darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Köpfchen geklopft und gesagt:

„Schwitzen, schwitzen!“

„Brr!“ — —

Mühe genug hat’s dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen

strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen. ’S ist auch zuviel

verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu

haben. — Himmel, was bringt Martha da für einen kleinen braunen Kerl an! Er

gleicht fast: dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trägt ein

rotes Mützchen über das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden, und

schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist’s für ein Glück,

daß wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:

 

Fräulein Elise Ralff.

Alle 2 St. einen Eßlöffel voll.

 

Wir sehen den Burschen aber doch mißtrauisch genug aus unserm Bettchen an,

und der Doktor Wimmer, der zur Hilfe herübergekommen ist (natürlich begleitet

vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt:

„Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird’s nicht abgehen. Das Volk

hat sich erkältet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schweiß und Blut!

Probatum est.“

Martha kommt nun mit einem Löffel, einem Glas Wasser und einem Stück

Zucker, während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird, und

Rezensent immer gespannter auf die Entwicklung der Dinge zu warten scheint.

„Ich mag nicht einnehmen!“ wehklagt jetzt Lise, als ich dem Meister Sem die

rote Mütze abziehe — „es schmeckt so scheußlich!“

„Aha,“ lacht der Doktor Wimmer — „die oktroyierte Verfassung!“

Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer

weiter zurückzieht, nähere, suche ich vergeblich alle möglichen Gründe für das

schnelle Herunterschlucken hervor.

„Gib’s dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen!“ ruft Lischen

endlich weinerlich.

„Ja, das ist auch wahr; kommen Sie, Onkel Wachholder! Der Redaktionspudel

soll’s wenigstens kosten, damit die Lise sieht, daß es den Hals nicht gilt.“

Und der Doktor nimmt, den Rücken der Kleinen zukehrend, den Köter

zwischen die Kniee, tut als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse und

liebkost den Pudel dabei, daß dieser freudig aufspringt und lustig bellt.

„Siehst Du, Jungfer, wie prächtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine

Donna! Frisch herunter! — — — Eins! zwei! drei! und“ …

Herunter war’s. Schnell das Glas Wasser und das Stück Zucker dahinterher!

„Du häßlicher Hund!“ sagt die Kleine ärgerlich, den Mund in dem Deckbett

abwischend, während die alte Martha sie fester wieder zudeckt.

Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund

begleitet ihn diesesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen

seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab.

„Ja, gucke mich nur so an und lecke Deinen Schnurrbart,“ sagt Lischen. „Es

schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bette darf.“

Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich für ihn das Wort:

„Vielleicht freute sich das arme Tier nur, daß es nun auch bald wieder gesund

werden könne, es war doch ebenso naß geworden wie Du und hat gewiß auch

die ganze Nacht hindurch gehustet.“

„Nein,“ sagte die Kleine, „er tat’s nur, weil ich ihm meine Schürze über den

Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart

leckt!“

Dagegen läßt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit

ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite

herauszukehren.

„Das war aber auch sehr unrecht von Dir, Elise! Was hatte Dir denn das arme

Tier getan? Eigentlich dürfte ich Dir nun die schöne Geschichte, die ich weiß,

gar nicht erzählen.“

„Wir wollen uns wieder vertragen,“ sagt Elise wehmütig und nickt dem Pudel

zu. „Nicht wahr, Du?“

Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden für geschlossen an.

„Gut denn, wenn Du hübsch artig und still liegen bleiben und weder

Händchen noch Füßchen hervorstrecken willst, so werde ich Dir eine

wunderbare Geschichte erzählen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.

Höre:

Es war einmal ein — Küchenschrank: ein sehr vortrefflicher, alter, ehrenfester

Küchenschrank, und er stand und steht — draußen in unserer Küche, wo wir ihn

uns morgen ansehen wollen! — Er war fest verschlossen, welches von zwei sehr

wichtigen und angesehenen Personen, die davor standen, für das einzige Übel an

ihm erklärt wurde. Martha hatte aber die Schlüssel in ihrer Tasche, und beide

Personen, die ich Dir sogleich näher beschreiben will, erklärten das einstimmig

— sie waren sonst selten e i n e r Meinung — für sehr unangenehm, sehr unrecht

und sehr Mißtrauen und Verachtung erregend.

Ich habe schon gesagt, daß beide davor sitzende Personen von großem

Ansehen und Gewicht waren, sowohl in der Küche wie auf dem Hofe und dem

Boden. Beide machten sich oft nützlich, oft aber auch sehr unnütz. Jede hatte ein

Amt zu verwalten und verwaltete es auch — das war ihre Pflicht; jede mischte

sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, und das

— war sehr unartig. Vor dem Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem

Augenblick durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an,

guckten darunter, guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich

daraus hervor!

Die eine dieser Personen war mit einem schönen weißen Pelz bekleidet, einen

kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz leise, leise

auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schönen, langen, spitzen

Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin

und her, denn sie ärgerte sich eben sehr und zwar über drei Dinge:

 

erstens: über den verschlossenen Schrank,

zweitens: über die andre Person,

drittens: über sich selbst.

 

Es war, es war … nun, Lischen, wer war es?“

„Die Katze, die Katze!“

„Richtig, die Katze, Miez, der Madame Pimpernell Katze. (Holla, Rezensent!

Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andre Person war etwas größer als Miez,

hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher, wie Miez,

aber lange nicht so leise, und sie ärgerte sich auch über drei Dinge: das Schloß

am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz hätte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn sie besaß nur

einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie fast noch

ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen.

Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein Lise?“

„Der Hund, Marquarts Bello!“ schrie Elise ganz entzückt.

„Geraten, es war Bello, der Edle; ein weitläufiger Verwandter vom

Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber — wie gesagt — vor dem

Schrank hatte er nichts zu suchen!

‚Nun?‘ sagte Miez, den Bello anguckend.

‚Nun?‘ sagte Bello, die Miez anguckend.

‚Miau!‘ klagte Miez, den Schrank anguckend.

‚Wau!‘ heulte Bello, den Schrank anguckend.

So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben.

‚Packen Sie sich auf den Hof,‘ sagte die Katze, ‚was haben Sie hier zu

gaffen?‘

‚S i e hätte ich Lust zu packen,‘ schrie der Hund, ‚scheren Sie sich gefälligst

auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse. Aufkriegen S i e ihn doch nicht!‘

‚Pah!‘ sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde zu,

welches so viel heißen sollte, als: ‚Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte!‘

Das war aber dem armen Bello zu viel, denn jede Anspielung auf seinen

Stummel machte ihn wütend, wie auch der Swinegel, der, wie Du weißt, mit dem

Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen

Beine kommen ließ.

Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr

schönes glattes Fell, als auf einmal …

Piep, Piep, Piep! es im Schranke ertönte.

‚Mause, Mi—ause, Mi—ause am Braten drinnen — und ich dri—außen, dri—

außen, dri—i—i—außen!‘ jammerte die Katze.

‚Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer

Nachlässigkeit!‘ heulte der Hund, und dann — kam Martha vom Markte zurück,

und Hund und Katze gingen hin, wo sie her gekommen waren.

Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tüchtig, damit wir morgen

die Stelle besehen können, wo diese merkwürdige Geschichte vorgefallen ist.“

Und so geschah’s; Lischen schlief ein, ich aber freute mich, wieder einmal ein

Märchen beendet zu haben, wie ein wahres Märchen enden muß; nämlich ohne

allzu klugen Schluß und Moral. Daß der Doktor nicht bei meiner Erzählung

zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls hätte er wieder

schnöde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr

unangenehm gewesen wäre.

„Herr Wachholder,“ sagte Martha auf einmal ganz treuherzig — „das Loch im

Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Mäuse können

nun nicht mehr hinein.“

„Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha!“ Ich dachte an den Doktor

und seine Anspielungen.