Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 23 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 21. März. Abend.

 

Es gibt ein Märchen — ich weiß nicht, wer es erzählt hat — von einem, der nach

großem Unglück sich wünschte, die Erinnerung zu verlieren, und dem in einer

dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward. Er empfand von da an keinen

Schmerz, keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu lachen; es ward ihm

einerlei, ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat: alles das hübsche

Spielzeug, welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der

Wiege bis zum Grabe, zerbrach ihm in den Händen mit der Erinnerung. Das ist

eine schreckliche Vorstellung! Ihr Weisen und Prediger der Völker, nicht der

Gedanke an Glück oder Unheil in der Zukunft ist’s, der liebevoll, rein, heilig

macht; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus, und über jede Blüte, die das

Menschenherz treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre,

lautere Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung, ist die traurig süße

Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb

verklungenen Taten und Träumen. Wer könnte ein Kind beleidigen, der daran

denkt, daß er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt, daß ein Mutterauge

auf ihn herabgelächelt hat? Die Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege

mit dem Grabe verknüpft, und mag das dunkle stachlichte Grün des Leidens, des

Irrtums, noch so vorwaltend sein; niemals wird’s hier und da an einer

hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher wir verweilen und flüstern

können: „Wie lieblich und heilig ist diese Stätte!“

Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den

Blättern meiner Chronik. Das, was die ältliche, freundlich-schöne Frau, die mir

heute den Strauß junger Veilchenknospen herüberbrachte, auf den Wogen ihrer

Melodien sich schaukeln läßt, kann ich ja nur auf diese Weise festhalten. — Ich

habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich

ein andres farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens,

voll süßen Flüsterns, voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumens, — ein

einziges Blatt aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings, ein einziges Blatt aus

der Zeit der jungen Liebe!

 

„O, daß sie ewig grünen bliebe,

Die schöne Zeit der jungen Liebe!“

 

sang der Dichter, und überall treffen wir den Spruch an auf Kaffeetassen, in

Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk

erfaßt hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem Lächeln

auf den Lippen aus, aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen. Das Volk steigt

nicht zu dem Wahren und Schönen hinauf, sondern zieht es zu sich herab; aber

nicht, um es unter die Füße zu treten, sondern um es zu herzen, zu liebkosen, um

es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und sich über seinen Glanz zu wundern

und zu freuen. Über der Wiege des ewigen Kindes „Menschheit“ schweben die

guten Genien, die großen Weltdichter, schütten aus ihren Füllhörnern die

goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren Wiegenliedern stets da,

wenn häßliche, schwarze Kobolde erschreckend dazwischen gelugt haben.

Schön ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendämmerung, wo

der Himmel im Osten leise sich rötet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem

kommenden Tage in die Arme schlummern, und nur hin und wieder eine Lerche,

den Tau von den Flügeln schüttelnd, jubelnd, glückverkündend emporsteigt.

Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgründe und öden

Stellen des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde

Schmetterlinge und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der

Zukunft verborgen.

„Süßes Geliebtsein, süßeres Leben!“ hat ein anderer Dichter einmal

ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand,

denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner

Jugend: „Maria!“ — — — — — — — — Würde ich diese Erinnerung mit all

ihrem Schmerz für der ganzen Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? — — —

— Ich glaube nicht. —

Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weißes

Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe; über und durch den alten

immergrünen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schießt er seine blanken Strahlen,

seltsame Schatten auf den Fußboden und an die Wände werfend. Mit sich bringt

er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse.

 

Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche Gestalt

Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen Abends ab;

während auf einem anderen Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt.

Was haben die beiden so heimlich, so leise sich zuzuraunen, was haben sie zu

kichern? Ein Garnknäuel, der von Lischens Nähtisch fällt und, über den Boden

rollend, um Stuhl- und andere Beine sich schlingt, ein verirrter

Nachtschmetterling, eine vorbeischießende Fledermaus, ein Ball, welcher von

der Straße ins Zimmer fliegt und über dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert, alles, alles wird in dieser

Mondscheindämmerung zu einem Märchen, zu einem Traum. Ist nicht die

Dämmerung die Zeit der Märchen; ist nicht die Zeit der jungen Liebe die Zeit

des Traums? —

„Liebe kleine Elise!“ flüstert Gustav, in das mondbeglänzte zu ihm sich

herabbeugende Gesicht schauend.

„Lieber großer Junge!“ lächelt Elise, indem sie dem vormaligen Taugenichts

der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen einander weiter nichts,

aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles, was das Menschenherz in

seinen heiligsten Augenblicken bewegt.

„Ich liebe Dich so!“ flüstert Gustav wieder, worauf Elise nichts erwidert,

sondern den Kopf in die Blätter ihres Efeus verbirgt. Der Mond kann sich in

diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentröpfchen, das

in einem blauen Auge hängt, spiegeln, und als das Köpfchen sich wieder erhebt

aus dem grünen Blätterwerk, ist an Gustav die Reihe, Elise die Locken aus der

Stirn zu streichen.

„Sieh, wie der Mond da oben schwimmt,“ sagt Elise. „Warum macht er uns

oft so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu Hause

wären, Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern,

mutterseelenallein, wie ein goldener Funken. Sieh, — rechts vom Monde!“

„Ich sehe noch zwei!“ sagt Gustav. „Ganz nah’, und habe darum auch gar kein

Heimweh und — willst Du wohl wieder die Augen aufmachen, Blondkopf! —

Sieh, das hast Du davon; was ich noch Weises sagen wollte, hab’ ich nun rein

vergessen!“

„Dann war’s gewiß eine Lüge, Braunkopf!“ meint Elise lachend. „Und nun

steh’ auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln; —

es ist sehr unrecht, daß wir uns gar nicht um sie bekümmern. Komm, wir müssen

wirklich zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind.“

Gewiß waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Martha hatte

aufgehört zu schnurren, und schlummernd saß sie in ihrem Winkel.

„Soll ich Euch Licht anzünden, oder — sollen wir wieder einmal einen

Mondscheingang machen?“ fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.

„E u c h ?“ fragt die Tante Helene. „Warum denn nur ‚E u c h ‘ Licht

anzünden?“

„Das will ich Dir sagen, Mama,“ mischt sich Gustav ein. „Du kannst

bekanntlich keine Mäuse s e h e n , und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel

Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir Deinetwegen so

aufopfernd, im Dunkeln zu sitzen.“

„Waren das etwa Mäuse, was wir da am Fenster knuspern und pispern hörten?“ frage ich.

„Ich habe nichts gehört!“ sagt Lischen treuherzig, während Gustav: „Versteht

sich!“ ruft und den Inhalt eines Obstkörbchens in seine Tasche ausleert.

„Was machst Du da, Mäusekönig?“ fragt seine Mutter.

„Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lischens Frage

war natürlich höchst überflüssig. Da, Lise, nimm den Rest — ich kann nicht

mehr lassen.“

Elise läßt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage für

unnötig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter

Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die Sommermondscheinnacht!

Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Häuserwänden, das

Glitzern der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am dunkeln

Nachthimmel, die flüsternden Gruppen in den Haustüren und an den

Straßenecken, alles wird nun zu einem Bild für Gustav, zu einem Märchen für

Elise. Da beleben sich die Straßen, Gassen und Plätze mit den wundersamsten

Gestalten; auf den Ecksteinen lauern, zusammengekauert, grimmbärtige

Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhäuser treten seltsame

Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mänteln, und schöne Damen

besteigen weiße Zelter, in die Nacht davonreitend; Söldner im Harnisch, die

Partisanen auf den Schultern, ziehen über den Markt; Prozessionen vermummter

Mönche winden sich langsam aus dem Domportal, und alles liegt morgen, in den

hübschesten Skizzen festgebannt, auf Elisens Nähtischchen oder treibt sich auf

dem Fußboden umher.

Natürlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus, und nur

von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung erfassen. Ich

denke an Paul und Virginie unter den Palmbäumen von Isle de France; ich

denke an die beiden süßeren Gestalten des deutschen Märchens, an Jorinde und

Joringel, von denen es heißt: „Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr

größtes Vergnügen eins am andern.“ — Nachdem wir manche Straße durchstreift

und vor dem erleuchteten Opernhause die ein- und ausströmende Menge, die

harrenden Equipagen, die Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder

betrachtet haben, finden wir uns zuletzt auf dem Schloßplatz, an dem Becken des

lustig im Mondschein sprudelnden Springbrunnens zusammen. Von den

Rasenplätzen bringt ein warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen, der

Hollunder- und Goldregenbüsche zu uns herüber; am südlichen Himmel

wetterleuchtet eine dunkle Wolke prächtig in die Mondnacht hinein, und neben

uns plätschert und murmelt — als wolle er sich selbst in den Schlaf sprechen —

der Springbrunnen. Es ist eine herrliche Sommernacht!

Woran denkt Elise? Wie nachdenklich sie, das Kinn in die Hand gelegt, dem schwatzenden Wasserspiel zuschaut!

„Lischen, woran denkst Du?“ fragt die Tante Helene.

„Ihr würdet lachen,“ antwortet Elise. „Es ist ein Traum und ein Märchen.“

„Erzählen! erzählen!“ ruft Gustav, den Arm ihr um die Hüfte legend.

 

Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend? ich ergreife ein

Heftchen von blaßrotem Papier, bedeckt mit mädchenhaft zierlichen

Schriftzügen, durchwoben mit hübschen feinen Federzeichnungen. Da ist’s! So

erzählte Elise an jenem fernen Abend, als der Brunnen neben uns plätscherte:

„Ich saß neulich des Abends ganz allein. Du warst ausgegangen, Onkel;

Gustav war am Morgen schon mit seiner großen Mappe abgezogen, um Bäume

und Bauernhäuser zu zeichnen; wo die Tante war, weiß ich nicht; kurz, ich war

mutterseelenallein, und nur mein guter, dicker Kater schnurrte auf der Fußbank

neben mir und putzte sich den Schnauzbart. Ich hatte eine Menge Augen an

meinem Strickzeug fallen lassen und durchaus keine Lust, sie wieder

aufzunehmen. So schrob ich denn die Lampe tief herunter und blickte aus dem

Fenster in den Mond, der nicht ganz so voll wie heute über die Dächer und

Schornsteine heraufkam. Es war ganz dämmerig in der Stube, und nur zuweilen

tanzte ein Lichtschein aus den Fenstern drüben über die Wände. Da plötzlich

war der Mond hoch genug gestiegen, ein glänzender lustiger Strahl schoß wie

ein weißer Blitz über meinen Topf mit Nachtviolen und ein Glas mit

Waldblumen, welches neben mir stand und — mit ihm kam mein Märchen oder

mein Traum. Es war zu hübsch! — Zuerst guckte ich eine ganze Weile in die

glänzende Straße auf dem Boden, die immer weiter rückte, als — auf einmal —

Ihr glaubt’s gewiß nicht, — der ganze Strahl von unzähligen, kleinen, zierlichen,

durchsichtigen Flügelgestalten lebte, die darin auf- und abschwebten und durch

ihren Glanz selbst die Bahn bildeten. Halb erschrocken und halb erfreut, sah ich

diesem wundersamen Weben zu, als plötzlich das Blumenglas im Fenster einen

schrillen, langanhaltenden Ton, wie er entsteht, wenn man mit dem Finger um

den Rand eines Glases streicht, von sich gab. Das Wasser darin hob und senkte

sich, blitzte, funkelte und bewegte die Waldrosen hin und her; die Blüten der

Nachtviolen öffneten sich, und aus jeder schwebte ebenfalls ein zierlich

geflügeltes Wesen, fast noch feiner als die Lichtgeisterchen. Nach allen Seiten

flatterten sie, den köstlichsten Duft verbreitend. Währenddessen tönte der

schrille Ton des Glases fort, bis er mit einem Male aufhörte, gleich einem Faden

durchschnitten, worauf eine tiefe Stille eintrat. — Jetzt hatte der Mondstrahl

Deinen Schreibtisch erreicht, Onkelchen; das kleine Geistervolk tanzte lustig über Deinen Büchern und Papieren, und soweit hatte ich mich schon von meiner

Verwunderung erholt, daß ich herzlich über die sonderbaren Kapriolen einiger

der winzigen Dingerchen lachen konnte, die auf alle Weise sich bemühten, in

unser großes Tintenfaß zu gucken, ohne den Mut zu haben, sich in die Nähe zu

wagen. Andere wieder schwebten über den Federn, und noch andere machten

sich um einen recht dicken, abscheulichen Tintenklecks zu schaffen, welcher

nicht trocknen wollte; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht

ausblasen zu wollen. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen zauberischen Wesen

zugesehen hatte, als eine Menge feiner Stimmchen: Folge! folge! rief, und ich,

immer kleiner werdend, endlich selbst als ein solches geflügeltes Figürchen in

den Tanz gezogen wurde und mit den Geistern des Mondlichts und den

Duftgeistern der Waldblumen und der Nachtviolen langsam dem Fenster

zuschwebte. Denn wie der Mond noch höher stieg, zog sich auch der Strahl mit

seinen glänzenden Bewohnern wieder zurück und lief hinab an der Hauswand,

um in die Gasse hinunter zu steigen. — Ich hatte durchaus keine Furcht,

trotzdem daß es da draußen wie eine verzauberte Welt war. — Die ganze Gasse

war ein Gewirr von Tönen und Licht, und nichts von dem Leben und Weben des

Geistervolks war mir mehr verborgen, und von Geistervolk lebte und webte

alles! Dabei hatte ich auch nicht die Fähigkeit verloren, die gröbere,

gewöhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen; ich kannte und belauschte die

Leute in den Haustüren, die Kinderköpfe in den Fenstern, die schlafenden

Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhübsch! — Jetzt zog

der Strahl mit seinen Bewohnern schräg über unsere Wand fort und glitt auf die

Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hörte ich’s schlagen, als der Reigen

vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken Kind da wohnt,

ankam, und zitternd über einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer

glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts, und ich mit ihnen,

über den Fußboden hin, jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem

Boden, küßten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso

bleichen Züge der darüber hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. Wir

bringen Hoffnung, wir bringen Genesung, wir bringen Leben! flüsterten die

Geister. Das kranke Kind legte seine mageren Händchen lächelnd in den

zitternden Strahl auf seinem Kissen. Wir bringen Hoffnung Genesung, wir

bringen Leben, sang ich mit im Chor, und fast widerstrebend folgte ich dem

zurückweichenden Strahl. Noch einen letzten Blick konnte ich zurück ins

Zimmer werfen, und im nächsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der

Gasse. Die Tante aber mußte jetzt wohl nach Haus gekommen sein, denn

plötzlich mischten sich die Töne ihres Flügels in den Reigen; ich hörte, wie der

alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte. Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt vor dem Fenster des

ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller Lampenschein drang aus dem

Zimmer hervor, und über ein Glas mit Goldfischen und das Strickzeug in den

Händen der Frau Hofrätin Zehrbein schwebten wir hinein, lustig und glänzend,

ohne eine Ahnung des Schrecklichen, welches uns bevorstand. Mein Fräulein,

lispelte eine Stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn erkannte.

Mein Fräulein, inkommodiert Sie diese abominable schwüle Luft nicht zu sehr,

bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene köstliche Barcarole aus Haydée hören.

— Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war’s zu spät, meinen winzigen

Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu raten; schon

hatte Eulalia begonnen:

Das Lido-Fest ist heute

Lust und Vergnügen ringsum lächelt …

 

Entsetzen faßte die Geisterschar; ihre schillernden, glänzenden Farben

verblichen; von dem Resonanzboden des ächzenden Musikkastens (wie Gustav

sagt), und zwischen den Lippen der Sängerin entwickelte sich eine mißgestaltete

Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd, sich in der Luft

überstürzte und überschlug und grimmig über die Geister des Lichts herfiel. Es

war schrecklich! Schon fühlte ich mich von einem koboldartigen C, welches

mich an dem Halse gepackt hielt, halb erdrosselt, und zappelte wie eine

unglückliche Mücke in den Krallen der Spinne; da — erhob sich die Frau

Hofrätin; die weiße Gardine sank herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte

es mich und das ganze Heer des Lichts! Gerettet! — An der Außenseite des

Tuchs hing der Strahl mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber

tönte es fort:

 

Ein schöner Herr, ein holder Jüngling,

Mit mildem, liebendem Aug’,

Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge! …

 

Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berührte er die Erde,

da — erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf beide Fäuste

gestützt, grinste mich an. — (Au! nein, Du hast mich nicht angegrinst?) Eine

dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein Traum war zu Ende, mein

Märchen ist zu Ende!“

 

Das Märchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals.

„Und nun, Gustav, Quälgeist … hier … da“ …

Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und schleudert

eine Hand voll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden Gefährten ins Gesicht.

Erschrocken und pustend springt dieser zur Seite, worauf die Übeltäterin, böse

Folgen ahnend, sogleich, um das Becken herum, die Flucht ergreift.

„Ihr seid Zeugen, daß S i e angefangen hat!“ ruft Gustav, ebenfalls die Hand

ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend.

„Tante! Tante! — Onkel, Hilfe!“ schreit diese, mit der abgebundenen Schürze

den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der anderen freien Hand

unaufhörlich bespritzend.

„Warte, Wasserjungfer!“ ruft Gustav und bemächtigt sich der Schürze. „Das

sollst Du büßen, Verräterin!“

Mit einem Schrei läßt Elise ihre Ägide fahren, und — wie ein Reh ist sie

seitwärts im Gebüsch hinter den Hollundersträuchen verschwunden, doch nicht,

ohne ihren durchnäßten Verfolger auf den Fersen zu haben.

„Diese Wildfänge!“ seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend; während

ich Taschentuch, Arbeitskörbchen und umherrollende Äpfel, welches alles das

Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats vorhersehend, sogleich zu Boden

geworfen hat, aufsuche, wie es einem guten Onkel und Vormund geziemt.

„Hören Sie nur, wie das Mädchen kreischt!“

Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Büschen lauschen, belebt sich

plötzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die Monddämmerung.

Mädchen- und Männerstimmen, kichernd und summend und Opernmelodien

pfeifend! Jetzt treten die Kommenden aus dem Schatten in den helleren

Lichtkreis um das Fontainenbecken: „Der Onkel Wachholder!“ rufen verwundert

mehrere Stimmen, und im nächsten Augenblick sind wir von den

Nachtschwärmern und Abendfaltern umgeben und erkennen in ihnen

wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein Gewirr von

Begrüßungen und Fragen erhebt sich nun. Wo ist Fräulein Ralff, wo ist Lischen,

wo ist die Lise, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch? schwirrt das

durcheinander und wird beantwortet; bis endlich Gustav und Elise

zurückkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in

Unordnung, Elise mit einem großen Riß im Kleide, aber beide Arm in Arm, wie

artige, verträgliche Kinder. — Jetzt geht der Jubel erst recht an! Das ist schön,

das ist prächtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend, Natalie; guten Abend, Ida;

ich grüße Sie, mein Fräulein; wo kommt ihr her, ihr Herumtreiber usw. usw.

Wie ist doch die Jugend so schön; wie wenig bedarf sie, um glücklich zu sein!

Ein bißchen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die Strophe eines

Liedes, und die jungen Herzen fühlen Gedichte, wie sie noch nie dem Papier

anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch ein Dichter, welch ein

Maler müßte ich sein, wenn ich alle diese frischen, blühenden Gestalten, die da

heute an diesem einsamen Abend wieder um mich her auftauchen, mit ihrem

fröhlichen Lachen, ihren kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Sünden und

Tugenden, mit ihren verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zärtlichkeiten

und ihren lauten Neckereien auf die Blätter dieser Chronik festbannen wollte.

Wie abgeblaßt und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen und

niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich!

Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen,

die im Süden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewälzt;

es grollte und murrte in der Ferne, und schwere, warme Regentropfen schlugen

vereinzelt in die lenes susurros sub noctem, in das leise Geflüster im Schatten der Nacht.

Kennt ihr das „Rette sich wer kann!“ bei einem plötzlich hereinbrechenden

Gewitter in einer großen Stadt? Alle Gruppen lösen sich; — Schürzen werden

über den Kopf, Taschentücher über die Hüte gebunden; hier flüchtet ein Pärchen

unter eine laubige Akazie, dort ein dicker alter Herr unter den Vorsprung eines

Hauses; hier schlüpft leichtfüßig ein junges Mädchen dicht an den

Häuserwänden hin, dort wandelt langsam und gleichmütig ein Naturmensch

daher, nichts vor dem Regen schützend als seine glühende Zigarre.

Die Droschken scheinen sich zu vervielfältigen, und — „süß ist’s, vom

sichern Hafen Schiffbrüchige zu sehen“, an allen Fenstern erscheinen lachende

Gesichter. Studenten, Referendare, junge Theologen usw. wischen ihre Brillen

ab; Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und machen Studien nach dem

Leben; Tanten und Mütter schelten über Indezenz. — Platsch! platsch! alle

Dachrinnen senden, wie hämische Ungeheuer, ihre Wassergüsse der

dahertrabenden Menschheit in den Nacken. Es ist lächerlich-schrecklich bei

Tage, schrecklich bei Nacht!

„Siehst Du, Lischen, das hast Du erst gewollt, — so lange hast Du mit dem

Wasser gespielt! Das kommt davon!“ ruft ärgerlich die Tante Helene. Gustavs

Jubel erreicht den höchsten Grad, und lachend schleppt er seine Mutter nach,

während diesmal ich mit Lisen vorauslaufe. Nach allen Seiten haben sich unsere

Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut. Das Gewitter kommt immer

näher, der Donner brummt ganz artig, und die Blitze sind gar nicht übel. Selbst

Gustav meint: „Gottlob, da ist die Sperlingsgasse!“ Welche Überschwemmung!

— Gute Nacht und keine langen Worte! — Gustav verschwindet mit seiner

Mutter hinter ihrer Haustür, und auch wir erreichen glücklich die unsrige.

„Gott, Herr Wachholder, was habe ich für ’ne Angst gehabt!“ ruft die alte

Martha uns von der Treppe entgegen.

Lischen pustet und ächzt und lacht, hält Arme und Hände weit ab vom Leibe

und wird so schnell als möglich ins Bett geschickt. Gustav ruft natürlich von

drüben noch einige Fragen herüber, auf welche wir aber nicht antworten, und der

Mondschein-Spaziergang ist zu Ende.