Die Chronik der Sperlingsgasse

Wilhelm Raabe · Kapitel 16 von 25

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Die Chronik der Sperlingsgasse

Am 25. Januar.

 

Die Kälte ist aufs höchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der

Sperlingsgasse herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau an. Welch

Künstler der Winter ist; die Spatzen färbt er gelb, und den freien Deutschen

macht er ausrufen: mein Haus ist meine Burg!

Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen besseres tun,

als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu

machen und die große Welt draußen, die allgemeine Gassengeschichte, gehen zu

lassen wie sie will?

Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner,

genannt Julius Cäsar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend, einen

Strohhalm zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd: „Wenn i c h auch

das Dasein Gottes leugnen würde, dieser Halm würde es beweisen!“ — Die

Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte

seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die

Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der

Menschheit ist die Geschichte — Gottes! Wohin führt uns das? Kehren wir

schnell um, und steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.

Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner

eine weißhaarige gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen, spinnend

vom Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter der Hausfrau, die Tochter

des Erbauers des Hauses, welche den Grundstein legen und den Knopf auf die

Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen

ist durch und durch.

Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen:

ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf

eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat den Sarg Mariens mit

schmücken helfen und den Sarg Franzens; sie hat ihre Freundin, meine alte

Martha, mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward

an der Seite ihrer Herrin, und manchen andern vom Dachstübchen bis zur

Kellerwohnung.

Einst war sie das schönste Mädchen der Gasse — wie sie jetzt noch die

schönste alte Frau ist — und als der Hausknopf geschlossen werden sollte, und

jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat, legte

sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu, welches aus fernem Land gekommen war, und die Überschrift trug:

 

„Dieses kleine Briefelein kommt an die

Herzallerliebste in Herz und Liebe.“

 

und schloß:

„… meiner Liebsten noch einen Gruß und Kuß und hoff ich zu kommen im Frühling mit den

Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinem Schatz, den grüßt und küßt in

Gedankensinn sein herzlieber

 

G o t t f r i e d K a r s t e n,

Tischlergeselle.“

 

Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen läßt, mag sie

wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den, der’s schrieb, und

der nun auch schon so lange tot und begraben ist.

An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten

gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im Hause Nr.

Sieben in der Sperlingsgasse.

Wer weiß so viele Wiegenlieder wie sie; wer weiß so viele Märchen, die alle

anfangen: „Es war einmal“ und damit enden, daß jemand in ein Faß mit Nägeln

und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im Hause hat zu allen

Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den Geschichten lauschen, dem

schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dämmerung

immer dichter an den großen Lehnstuhl sich drängen? Wie oft habe ich einst da

die kleine Elise mit Rezensent an ihrer Seite gefunden, andächtig lauschend, und

wie oft, wenn ich mit der besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett, bin ich

selbst sitzen geblieben, den Schluß einer Historie abwartend, bis endlich auch

noch Martha herabkam, und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen

ausschickte, den Pudel zu holen.

Heute freilich treffe ich die kleine Lise nicht auf der Fußbank am Lehnstuhl

sitzend, auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter, uns beide abzuholen;

aber einen andern treffe ich häufig genug seit Mitte des vorigen Herbstes, und

dieser andre ist kein geringerer als unser Freund und Nachbar, der

Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt bei Meister und Gesellen, in der

Küche bei der Hausmutter, überall ist der Zeichner ein willkommener Gast. Die

Gesellen porträtiert er für ihre respektiven Schätze, mit dem Meister politisiert

er, die Meisterin lehrt er neue Gerichte fabrizieren — er hat unter seiner

Bibliothek ein dickes Kochbuch — und der Großmutter — hört er zu.

So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten Leimtopf

wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze Familie in der Stube

versammelt, der Zeichner hatte alle seine Gesprächselemente bei einander und

plätscherte mit Wonne darin herum.

„… Also Meister,“ sagte er, als er eintrat, „w e r , meinen Sie, kriegt dabei die

Prügel?“

„Der Russe nicht!“ antwortet nach einer kleinen Pause bedächtig der Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht hielt, um besser zu

sehen.

„Also die Alliierten?“

Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den

Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch das

unwahrscheinlich. Plötzlich aber besinnt er sich:

„Donnerwetter, dabei sind ja jetzt auch die Franzosen!“ ruft er. „Himmel! das

hat sich ja auf einmal ganz umgedreht!“

„Richtig, Meister,“ sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die Schulter

klopfend. „Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu Zeit um.“

„Meisterin, die Kartoffeln brennen an!“ unterbricht Anton, der Lehrjunge, die

Politik.

„Wir kommen gleich!“ ruft Strobel lachend. — „Ich gehe auch mit, Meisterin,

und die Kinder auch! Vorwärts! En avant! On with you, boys!

Hinaus in — die Küche!“

So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung weiter,

und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich kommen

Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurück, und die Alte fragt:

„Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno Sechs hier

war?“

„Nein,“ sagt Strobel, „jetzt trägt er rote Hosen.“

„Und der Napoleon — ich meine, der ist lange tot?“

„Ja, Mutter,“ sagt der Meister von seiner Zeitung aufsehend, „das ist auch ein

andrer.“

„Gott,“ sagt die Großmutter, „wenn ich noch daran denke, wie das kleine,

gelbe, schwarze Volk hier war und in den Straßen kauderwelschte, und eine

Sorte hatte in ihren Hüten große Kochlöffel stecken, und acht hatten wir hier im

Haus.“

Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rückt einen

Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: „Großmutter, es ist noch früh, erzählen Sie

uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine Zeitung liest, ist gar kein

Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder, rücken Sie her. Burschen, seht,

wo ihr Plätze findet und haltet das Maul, die Großmutter will von den acht

Franzosen in Nummero Sieben erzählen!“

Die Alte lächelt und bringt ihr Rad wieder in Gang: „Solchen gelehrten

Herren soll ich erzählen? Die haben ja alles viel besser in Büchern gelesen; von

allen achten weiß ich auch nichts.“

„Großmutter, was ich in Büchern gelesen, habe ich Gottlob nun bald wieder

vergessen,“ sagt der Zeichner, „und wenn Sie auch von allen achten nichts wissen, so sind wir auch mit vier zufrieden, oder mit soviel, als Sie wollen;

erzählen Sie nur.“

„Nun, wenn Sie’s denn wollen, so muß ich mich mal besinnen. — Gut!

Also es war Anno Sechs, als der Franzos im Lande rumorte und drunten

schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen großen Sieg erfochten und glaubte

das Recht dazu zu haben. Die Leute fürchteten sich alle sehr, gruben ihre Löffel

weg und näheten ihren Kindern jedem ein Goldstück in den Rocksaum, auf den

Fall, daß sie abhanden kämen oder mitgenommen würden. Aber mein Seliger tat

gar nicht, als ob i h n das was anginge. — Wenn sie kommen, sind sie da —

sagte er, und dabei blieb er, und wenn die Nachbarn kamen und klagten und

jammerten, sagte er nur: Einmal wir, einmal sie! Und wenn sie ihm die Ohren zu

voll schrieen, zog er eine weiße Zipfelmütze, die er zu meiner Verwunderung

seit kurzer Zeit immer in der Tasche führte — darüber und tat, als ob er

einschliefe. Es war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, Dein Vater.

Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lärm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir

fuhr’s ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab’ sie selig) in allen Gassen,

Gott weiß wo, und nur mein Annchen hatt’ ich in der Wiege; mein Alter hatte

mal wieder die Zipfelmütze hervorgekriegt und übergezogen und sägete im

Hofe.

‚Gottfried, Gottfried!‘ schreie ich, ‚sie sind da! sie sind da!‘ Er tat, als ob er’s

nicht hörte, obgleich ich dichte bei ihm stand. In meiner Angst und auch vor

Ärger riß ich ihm die dumme Mütze ab, warf sie auf die Erde und schrie wieder:

‚Und die Jungen sind auf der Straße — heiliger Vater! — und unsere Löffel —

Mann — Mann!‘

Er hob ganz ruhig seine Mütze auf, klopfte die Sägespäne an mir ab, setzte sie

ruhig wieder auf und sagte: ‚Ja, — wenn’s so ist, so werden sie wohl durchs

Wassertor kommen, daher geht der Weg von Jena.‘ Ich glaube so hieß es. Dann

sägt’ er weiter.

Richtig, da trommelte es schon die lange Straße vom Wassertor her, herunter

— mir zitterte das Herz immer mehr! —

‚Meister Karsten! Meister Karsten! Schnell, schnell!‘ schrieen plötzlich

mehrere Nachbarn, die in den Hof stürzten im besten Sonntagsstaat. ‚Ihr sollt

kommen, Ihr sollt mit zur Depentatschon an den französischen General.‘

‚So?!‘ sagt mein Gottfried, stellte seine Säge hin und ging langsam in das

Haus, gefolgt von den Nachbarn, dem Herrn Sekretär Schreiber, dem Herrn Rat

Pusteback, dem Schornsteinfeger Blachdorf und dem Schmied Pruster und

andern. Alle zogen mit meinem Alten in die Stuben, weil sie dachten, er würde

nun gleich in den Bratenrock fahren und mitrennen. Aber proste Mahlzeit! —

An den Tabakskasten ging mein Alter, stopfte sich eine Pfeife, schlug langsam Feuer und sagte:

‚Nun, so kommt, meine Herren!‘

Die standen alle mit offenen Mäulern da, aber mein Gottfried ließ sich nicht

irre machen. In Schlafrock und Pantoffeln marschierte er ruhig — ich sehe ihn

wie heute — voran bis an die nächste Straßenecke. Da blieb er stehen und die

Nachbarn um ihn herum; zeigte mit der Pfeifenspitze auf einen Zettel, der da

klebte und auf welchem stand:

 

‚Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!‘

 

oder so was, — ich hab’s vergessen — klappte seinen Pfeifendeckel zu, drehte

sich langsam um und ging ins Haus zurück. Meine beiden Jungen brachte er mit,

worüber ich seelenfroh war. ‚Da, Mutter,‘ sagte er, als er sie in die Türe schob.

‚Heb sie mir auf,‘ sagte er, ‚wir brauchen sie einstmal.‘

Ich wußte damals nicht, was das heißen sollte; später erfuhr ich’s!“

Hier traten der alten Frau die Tränen in die Augen, und ihr Spinnrad hörte auf

zu schnurren. Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer.

„Gut. Von nun ab bekümmerte sich mein alter Seliger um nichts mehr

draußen, sondern ging wieder zu seinem Sägebock und sägte weiter, bis die

Einquartierung kam. Herr meines Lebens, da hättet ihr den Mann sehen sollen!

Das ganze Haus kam in Aufruhr; das beste, was Küch’ und Keller hielt, ward

aufgetischt, und je mehr die kleinen gelben Kerle schwadronierten und

sakramentierten, desto fröhlicher wurde mein Alter.

‚Das ist die rechte Sorte!‘ rief er immer, sich die Hände reibend. ‚Solche

mußten’s sein! Wenn nur genug von ihnen da sind!‘

Französisch hatt’ er etwas von der Wanderschaft mitgebracht, und so waren

sie bald die besten Freunde miteinander und auf du und du, daß die Nachbarn

ordentlich die Nasen rümpften. Die aber gingen zu allen Depentatschonen und

illuminierten und bekränzten ihre Häuser und so — das tat aber mein Gottfried

nicht, und wenn er einen vom Rat der Stadt sah, zog er jedesmal richtig die

Zipfelmütze herunter über die Ohren. Gut, da war ein Franzos zwischen den

andern, der war von daher, wo sie halb deutsch, halb französisch sprechen, den

konnt’ ich auch verstehen, und es war so gut, als wenn ich französch’ gekonnt

hätte. Was geschieht? Eines Abends sitzen sie alle zusammen, und mein Alter

mitten drinnen, und kauderwelschten, daß einem Hören und Sehen verging, und

saß ich im Winkel und strickte, und die Jungen spielten im Winkel. Spricht mein

Alter auf einmal zu dem Deutschfranzos: ‚Nun sagt mal, Kamerad, wie lange

denkt ihr denn eigentlich noch in Deutschland zu bleiben?‘

Der Deutschfranzos stieß mit den andern den Kopf zusammen, und sie schnatterten was in ihrer Sprache. Dann lachten sie aus vollem Halse.

‚Immer bleiben wir da!‘ sagt der Deutschfranzos. ‚Wir sein einmal da; wir

gehen nit raus wieder!‘

‚Woui!‘ schrieen die andern und hielten sich die Bäuche. ‚Nit raus! nit raus!‘

‚Ne,‘ sagt mein Alter, ‚immer nicht. Ihr seid zwar da, und unsereins kann

unserm Herrgott nur dankbar sein, daß er euch geschickt hat, aber immer —‘

‚Nit raus! nit raus!‘ schrieen die Franzosen.

‚Lasset euch handeln!‘ sagt mein Alter, ‚ich biete zwölf Jahr — höchstens!‘

‚Nit raus! nit raus!‘ kauderwelschten die wieder.

‚Wilhelm! Ludwig! kommt mal her!‘ rief mein Alter jetzt die Jungen, die

sogleich angesprungen kamen und sich an seine Knie stellten.

‚Richt’ euch!‘ rief mein Alter. ‚Augen rechts! Seht mal, Jungens, die da — das

sind Franzosen, die eigentlich hier nicht in unsere Stube gehören. Das kleine

Annchen kann gar nicht schlafen vor ihrem Spektakel — und doch haben sie

Lust, immer dazubleiben. Was meint ihr, Jungens — wenn ihr stark genug

wäret?‘

Guckten meine Jungen gewaltig wunderbar aus den Augen und die

Franzmänner an, und dann sich und dann meinen Alten!

‚Das sich finden — ich groß werden — ich schon Pustebacks Theodor

zwinge,‘ sagte Wilhelm, mein Kleinster. Ludwig, mein Ältester, sagte gar nichts,

aber auf einmal rann ihm eine dicke Träne über die Backe, und sein Vater klopfte

ihn auf die Schulter und sagte:

‚Warte nur, mein Junge, Du kommst zuerst.‘

Die Franzosen hatten ihren Heidenjubel; und besonders einer — sie nannten

ihn Piär oder so — wußte sich gar nicht zu helfen vor Lachen. Mein Alter aber

war sehr ernst geworden und sprach den ganzen Abend kein Wort mehr. Die

andre Woche zogen die Franzmänner ab und lachten noch beim Abschied, als sie

uns allen die Hand drückten und ordentlich sich bedankten für gute Bewirtung:

‚Nit raus! Nit raus!‘

‚Wird sich finden,‘ sagte mein Alter. ‚Wird sich finden!‘ schrieen meine

beiden Jungen.

Gut, nun kamen lange Jahre und immer andre Franzosen.

‚Bald ist’s genug,‘ brummte mein Gottfried. Und einmal zogen sie alle hinauf

nach Norden, aber zurück kam keiner. Und dann fing’s auf einmal an zu rumoren

im Lande, und an den Ecken klebten ganz andre Zettel, die mein Alter immer las

und wobei er mit dem Kopf nickte. Er war die Zeit nicht viel zu Haus.

Da kam er eines Tages zurück und rief den Ludwig aus der Werkstatt, und sie

kamen beide in die Küche zu mir.

‚Sieh, Mutter‘ sagte mein Gottfried, ‚’s ist gut, daß Dein Feuer brennt! Paß auf, Ludchen!‘ Damit zog mein Alter seine Zipfelmütze aus der Tasche und warf

sie unter meinen Topf, daß sie verschwielte und das ganze Haus voll Qualm

ward; dann ging er mit meinem Ludwig fort und kam allein und ganz still

wieder.

Am andern Morgen zog ein Trupp schwarzer Reiter in die Stadt — auch durch

das Wassertor. Einer kam zu Pferd hier in die Sperlingsgasse vor unser Haus und

stieg ab — mir sank das Herz in die Knie — es war mein Ludwig! —

‚Adjes, Mutter! Adjes, Vater!‘ rief er — ‚behüt Euch Gott, ’s wird sich schon

machen!‘ — und dann ritt er fort, den andern nach, die schon durch das Grüne

Tor zogen.

‚Da geht’s nach Frankreich, Alte!‘ rief mein Mann, während ich heulte und

jammerte. Aber es war noch so weit nicht.

Wir hörten lange Zeit nichts, bis eines Tages alle Glocken in der Stadt

läuteten, und auch im ganzen Land, wie sie sagten. Es war eine große Schlacht

gewesen, und unsere hatten gewonnen, und mein Ludwig war — tot!

‚Der Erste,‘ sagte mein Alter.

Wieder ging ein Jahr hin, und einmal kam das Kanonenschießen so nahe, daß

die Leute vor das Tor liefen, es zu hören; natürlich liefen mein Gottfried und ich

mit. Da kamen bald aus der Gegend her, wo es so rollte und donnerte, Wagen mit

Verwundeten, Freund und Feind durcheinander, und immer mehr und mehr. Die

wurden alle in die Stadt gebracht.

‚Herr, mein Heiland!‘ muß ich auf einmal ausrufen, ‚ist das nicht der Piär von

damals, von Anno Sechs?‘

Richtig, er war’s. Mit abgeschossenem Bein lag er auf dem Stroh und

wimmerte ganz jämmerlich. ‚Den nehm’ ich mit,‘ sagte mein Alter und bat ihn

sich aus, und wir brachten ihn hier ins Haus — in Ihre Stube, Herr Wachholder.

Da kurierten wir ihn. Als er besser wurde, hatte mein Mann oft seine Reden mit

ihm. Einmal war der Franzos oben auf, einmal mein Alter. Da hieß es plötzlich,

die Deutschen seien wieder geschlagen und der Napoleon abermals Obermeister.

Mein Alter sah den Wilhelm bedenklich an, als ginge er mit sich zu Rat; als aber

in der Nacht die Sturmglocken auf allen Dörfern läuteten, wußte ich, was

geschehen würde, und weinte die ganze Nacht, und am Morgen zog auch mein

Wilhelm fort mit den grünen Jägern zu Fuß, und Minchen Schmidt, die mit ihrer

alten Mutter in Ihrer Stube drüben wohnte, Herr Strobel, weinte auch und winkte

mit dem Taschentuch. Vorher aber führte ihn mein Alter noch an das Bett des

Franzosen und sagte: ‚Das ist der Zweite!‘ — Der Franzos schaute ganz kurios

und bewildert drein und sagte gar nichts, sondern drehte sich nach der Wand.

Das Kanonenschießen kam nun nicht wieder so nah, und der Wilhelm schrieb

von großen Schlachten, wo viele tausend Menschen zu Tod kamen, aber er nicht, und die Briefe kamen immer ferner her, und auf einmal standen gar welsche

Namen darauf. Die brachte mein Alter dem Franzos herauf, der nun schon ganz

gut Deutsch konnte, und sagte lachend zu ihm: ‚Nun, Gevatter! Nit raus? Nit

raus?‘ Und der Franzos machte ein gar erbärmlich Gesicht und sagte, den Brief

in der Hand: ‚Das sein mein ’Eimatsort, da wohnen mein Vatter und mein

Mutter.‘ Mein Alter aber saß am Bett und rechnete an den Fingern: ‚Eins, zwei,

vier — acht. Acht Jahr, Gevatter Franzos! Warum habt Ihr dunnemalen meine

Zwölf nicht genommen?‘

Die Briefe von unserm Wilhelm kamen nun immer seltener, und auf einmal

blieben sie ganz aus, und eines Tages — kommt mein Alter nach Haus, setzet

sich an den Tisch, legt den Kopf auf beide Arme und — weint. Ich dachte der

Himmel fiele über mich — — — — d e r und Weinen!

‚Der andre!‘ stöhnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht zu

Boden.

Da vor der großen Franzosenstadt Paris muß ein Berg sein — ich kann den

Namen nicht ordentlich aussprechen — von wo man die Stadt ganz übersehen

kann. Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist auch dem Wilhelm

eine Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der Kamerad schrieb, und ist er

da begraben mit vielen, vielen andern aus Deutschland. — Das ist meine

Geschichte! Den Franzosen aber kurierten wir aus, und mein Alter gab ihm

einen Zehrpfennig und brachte ihn an das Tor, wo der Weg nach Frankreich geht,

den auch meine Jungen gezogen waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder

nach Haus, murmelnd: ‚Nit raus, nit raus!‘ — Gott hab ihn selig, den Mann, es

war ein wunderlicher, Dein Vater, Annchen.“

So erzählte die alte Margarete Karsten, und wir alle saßen um sie herum, als

sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Der Meister

hatte längst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die nach und nach

eingetreten und gewöhnlich ziemlich fröhlich und laut waren, standen und saßen

diesmal ganz still umher.

„Nun will ich noch was erzählen!“ rief plötzlich die Alte, deren Augen durch

die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz leuchteten. „Ich

will was erzählen, was lange nachher geschah und doch mit dazu gehört! —

Wenn die Fensterscheiben nicht so gefroren wären, könntet ihr den Turm der

neuen Sophienkirche sehen, die gebaut wurde, nachdem die alte abgebrannt ist.

In der alten war’s, wo eine Tafel an der Wand hing, wo die Namen aller der drauf

standen, welche in dem Franzosenkriege aus unserem Viertel gefallen waren,

und worunter auch meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und

Wilhelm Johannes Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchenstuhl

gerade gegenüber, und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an unsre braven Jungen, und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich auch, wenn

ich auch genug darüber geweint habe und noch weinte. Aber es blieb nicht so bei

meinem Gottfried. Es kam eine Zeit, da schlich er an der Tafel vorbei, ohne

aufzugucken, und wenn wir an unserm Platze saßen und sein Blick fiel mal drauf

hin, sah er schnell weg, oder auf den Boden, oder murmelte etwas, was ich nicht

verstand.

Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter über der Stadt;

es donnerte und blitzte unbändig, und auf einmal hieß es: in der Sophienkirche

hat’s eingeschlagen! — Richtig — da brannte sie lichterloh. Mein Alter, der

sonst bei so was immer vorn dran war, rührte diesmal nicht Hand nicht Fuß, und

es hätte auch nichts geholfen. Er hatte mich unterm Arm, und wir standen in der

Menschenmenge und sahen zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine

Fackel war, hin und her und stürzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem

Krach, daß Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter

aber blieb aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach Hause. Als

wir in unserer Stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis er

plötzlich vor mir stehen blieb und sagte:

‚Mutter, Gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnt’ sie nicht mehr

ansehen! — Gute Nacht, Mutter!‘ — Ich verstand ihn gar nicht und fragte, was

das bedeuten solle, aber er schüttelte nur mit dem Kopf und ging zu Bett. Und

das will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute Nacht, ihr Herrn, gute

Nacht, Kinder! — Komm, Annechen!“ — Damit erhob sich die alte Frau, und

ging, auf ihren Stock und den Arm ihrer Tochter gestützt, hinaus, ihrer kleinen

Kammer zu, um von ihrem alten Gottfried mit dem eisernen Herzen, um von den

beiden erschossenen Freiheitskämpfern weiter zu träumen. Der

Karikaturenzeichner machte heute Abend keinen Witz mehr, der Meister sog an

der erloschenen Pfeife. Es war, als wage keiner sich von seinem Platz zu rühren;

es war, als müsse nun gleich die Tür sich öffnen, und der alte, gewaltige Mann

hereintreten mit dem schwarzen Reiter und dem grünen Jäger an seiner Seite,

von denen der eine an der Oder und der andre dicht vor Paris begraben liegt auf

dem Montmartre.

„Ich weiß, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen konnte!“

rief plötzlich eine klangvolle Mannesstimme, daß alle fast erschrocken aufsahen.

Es war Rudolf, der Altgeselle, der sich in seinem Winkel hoch aufgerichtet hatte.

„Ich auch!“ rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem Gefährten die Hand auf

die Schulter legend.

„Ich auch!“ rief Strobel aufspringend. „Wie viel Wissende noch?“

„Ich auch!“ rief der Meister. „Ich auch!“ sagte ich. „In d e m Wissen liegt die

Zukunft — Gott segne das Vaterland!“ Und dann — — kam die Meisterin mit den Kartoffeln.