Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Karl von Holtei · Kapitel 106 von 173

PDF-Seiten

Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Schlegel, August Wilhelm.

 

Geboren zu Hannover 8. September 1767, gestorben zu Bonn am 12. Mai 1845. Gedichte (1800) — Ion, Tragödie (1803) — Vorlesungen über dramatische Kunst und

Litteratur, 3 Bde. (1809–11) — Poetische Werke, 2 Bde. (1811–15) — Indische Bibliothek, 2 Bde. (1820–26) — Kritische Schriften &c. &c.

All’ diese Büchertitel, mögen sich auch an einige derselben unsere jugendlich-

begeisterten Erinnerungen knüpfen, sind doch keinesweges genügend die umfassenden Verdienste des Mannes einigermaßen zu bezeichnen. Wohin wir blicken, ist er von Jugend auf Vorgänger, Führer, Lehrmeister gewesen auf dem Wege zur Erkenntniß des Großen und Schönen in der Poesie aller Völker. Er ist’s gewesen, der mit genialem Fleiße Calderons geheimnißvolle Tiefen deutschem Verständniß näher gerückt; Er hat uns zuerst durch große kühne That dargethan, daß Shakspeare auch uns gehört; die siebzehn Dramen, die Schlegel (und wann? und ohne Vorbild; ohne jegliche Beihilfe!) verdeutschte, sind so recht unser Eigenthum geworden.

Leider kam eine Zeit, wo man sich die Miene gab, vergessen zu wollen, was wir ihm

verdanken. Es ist ihm schändliches Unrecht widerfahren. Aber es läßt sich nicht leugnen: das größte Unrecht hat er sich selbst gethan durch thöricht-kindische Eitelkeit, die er leider unbefangen zur Schau trug. Wer ihn nach diesem äußerlichen Scheine beurtheilte, hatte freilich leichtes Spiel, um ihn lächerlich zu finden, wohl gar lächerlich zu machen. Wer jedoch Pietät genug besaß, in’s Innere zu dringen und den Kern des Mannes zu durchforschen, der verkannte gewiß nicht, daß er sich treu geblieben trotz mancher scheinbarer Geckereien.

Das sollen nun auch diese Briefe darthun, die ein halbes Jahrhundert umfassen, und

aus deren letzten noch uns derselbe August Wilhelm entgegentritt, den wir um seiner humoristisch-derben redlichen Aufrichtigkeit willen, schon in den ersteren lieben lernten.

Gewöhnlich wollen auch Diejenigen, die ihn im Ganzen zu würdigen wissen, den

Kritiker, den Sprachkünstler, den Uebersetzer allein gelten lassen, während sie den Dichter kaum anerkennen.

Erstens vergessen sie, daß um so zu übersetzen, wie Er’s den größten Dichtern

gethan, der Uebersetzer selbst ein großer Dichter sein muß. Zweitens aber scheinen sie (Schlegels polemischer Poesieen, welche unerreichbare Meisterstücke bleiben, nicht zu gedenken), Dichtungen unter den seinigen vergessen zu haben, deren Tiefe und Gedankenreichthum der höchstmöglichen Formvollendung ganz entspricht. Unser Bürger wußte schon, weshalb er „dem jungen Aar, dessen Flug die Wolken überwinden“ würde, prophetisch zurief:

„Dich zum Dienst des Sonnengott’s zu krönen,

Hielt ich nicht den eignen Kranz zu werth, —

Doch Dir ist ein besserer bescheert!“