Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band
Kapitel VI
Ich habe gethan, was ich konnte, aber länger darf ich selbst nun durchaus nicht hierbleiben. — Mahlmann schien in so fern in der günstigsten Disposition, weil er zu fühlen scheint, daß er bei dem Handel vorigen Winter etwas versehen hat, und es sehr gern wieder gut machen möchte; er hat unstreitig große Lust, mit Dir in Verbindung zu stehn. Ich dachte ihn eigentlich dahin zu bringen, daß er Dir geradezu 40 Louisd. schickte, als die schönste Art, die Verbindung mit Dir anzuknüpfen — aber dazu hat er wohl nicht Genie genug. In drei Wochen kommt er nach Dresden, wo nicht, so schreibt er Dir gewiß, und ich zweifle auch gar nicht, daß Du ihn wirst brauchen können.
Wilhelm ist da, bleibt 4–6 Tage und kommt dann zu Dir; ich habe daher ihm alle Deine Interessen mitgetheilt, und er wird gewiß, wenn sich ihm noch eine Gelegenheit zeigen sollte, sie auf’s beste nützen. Am Ende geht es auch mit Wilmans; gestern suchte ich ihn vergeblich.
Noch will ich Dir wenigstens melden, daß Frommann, der Dir, wie ich höre, nicht so viel Geld geschickt, als Du wolltest, Steffens bestimmt versprochen hat, Dir mehr zu schicken. Reimer harrt nun sehnlichst auf den 2ten Theil des Novalis. — Karl H. war hier, der Lehrling ist noch nicht gefunden.
Steffens ist in großer Eil abgereist, weil einige Freiberger nach ihm gefragt haben. Er erwartet mich in Weißenfels. Meine eignen Angelegenheiten sind recht gut gegangen, auch die buchhändlerischen leidlich. Die Margarethe und was ich sonst etwa zu Paris übersetzen lassen, hat Mahlmann genommen. Zu so etwas hat das Volk freilich Lust. Herzliche Grüße an Deine Frau, an Marie und den Bildhauer, auch an Buri, alle Freunde. —
Der Bildhauer soll mir eine Addresse an David schicken. Er kann sie, wenn er es gleich thut, an die Gebrüder Mappes zu Mainz durch Ernst schicken; aber später an Wilmanns zu Frankfurt am Main. Treibe ihn, daß er es thut.
Wie leid thut es mir, daß Du nicht mehr Geld mit diesem Briefe erhältst!
Friedrich Schlegel .
VI.
Paris, den 13ten Septemb. 1802.
Herzlich geliebter Freund, wie viele Briefe würdest Du schon von uns erhalten haben, wenn wir Dir jedesmal geschrieben hätten, da wir mit Liebe und Sehnsucht an Euch dachten. Ich fühle es recht tief, wie Du mir fehlst, fühle es unter den Zerstreuungen, Beschäftigungen, Sorgen und Neuigkeiten immer gleich. Es hat aber mehr die Wirkung daß ich täglich mit dem gleichen Ernste darauf sinne, wie wir eine Lage gewinnen könnten, daß wir uns nachher nie zu trennen brauchten, als daß es mir möglich wäre, Klagen zu führen, die bei einer so bestimmten und deutlichen Sehnsucht keinen Trost gewähren.
Ich werde Dir daher auch heute nur recht trocken Nachricht von mir geben; ich wollte Dir schon vorlängst einen Brief über die Gemählde schreiben. Aber Du findest das alles aufs ausführlichste in der Europa; Du wirst das erste Stück davon zu Neujahr gewiß in Händen haben; es ist fast ganz an Dich gerichtet wenigstens in Gedanken. Die Kataloge sollst Du mit Gelegenheit haben, und in meinem nächsten Briefe auch Nachricht von den altdeutschen und provenzalischen Manuscripten.
Lieber Freund, es sind ungeheure Quellen und Hülfsmittel hier; ein Reichthum von orientalischen Manuscripten, über den selbst die erstaunen, die von Benares kommen. 1800 Persische Manuscripte und fast eben so viel Sanskrit. Ich habe große Lust beides zu lernen — aber freilich müßte man eigentlich eine Regierung dafür interessiren können. Ich will sehen was ich vermag. Ich fühle mich unglaublich nach dem Orientalischen gezogen. Was machen Deine Nordischen Studien? — Ich überzeuge mich immer mehr, daß der Norden und der Orient in jeder Weise, in moralischer und historischer Rücksicht die guten Elemente der Erde sind — daß einst alles Orient und Norden werden muß; und ich hoffe unsre Bestrebungen sollen sich von diesen beiden Seiten her begegnen und ergänzen; so daß auch in unsrem Thun und Werden dieselbe Einheit und Freundschaft ist wie in unseren Herzen.
An Sorge und Verdruß hat es uns bis jetzt auch hier nicht gefehlt. Den letzten haben uns die Verwandten meiner Frau und besonders Henriette in reichlichem Maaße gewährt, die sich ganz ohne Rückhalt öffentlich als unsre Feindin beträgt.
Meine Aussichten und Absichten sind folgende. Für das nächste macht man mir Hoffnung zu einer Stelle, die mich durchaus nicht hindern würde. Mein hauptsächlicher Wunsch ist, die Regierung zu bewegen, daß Sie hier eine Deutsche Akademie, ein Deutsches Nat.-Institut errichte; es wird dazu wohl gut sein, daß ich ein philosophisches Werk französisch schreibe. Ich habe schon einen kleinen Versuch gemacht und führe es vielleicht noch diesen Winter aus. Vielleicht kann mir auch das Persische und Indische ein Mittel an die Hand geben, eine Zeitlang zu subsistiren und die Regierung zu etwas ordentlichem zu bringen. — Es wird schon gehn vor der Hand, wenn gleich nicht ohne Noth; und ich habe doch mehr als eine Hoffnung, daß wir bald werden ungetrennt zusammen leben können. Alles dieß darf niemand von den deutschen Freunden wissen, außer Charlotte. Grüße Sie herzlich. Theile ihr aus diesem Briefe mit, und frage Sie ob Sie zwei Briefe von mir erhalten hat?