Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band
Sallet, Friedrich von.
Geboren am 20. April 1812 zu Neisse, gestorben am 20. Febr. 1843 zu Reichau bei
Nimptsch in Schlesien.
Gedichte (1835.) — Funken (1838.) — Schön Irla (1838.) — Laienevangelium (1840.)
— Gesammelte Gedichte (1841.) — Die Atheisten und Gottlosen unserer Zeit (1844.) — Sämmtliche Schriften, 5 Bde. (1845.)
Unfehlbar haben die letzteren seiner Schriften vorbereitend gewirkt und viel
beigetragen zu der antikirchlichen Bewegung, welche bald, nachdem jene erschienen waren, von Schlesien, von Breslau, ja gewissermaßen von dem Comptoir des Buchhändlers ausging, der Sallets Werke und andere geringere Schriften verlegte, und dafür begeistert war. Unfehlbar aber auch würde der Dichter, hätte ihn der Tod nicht in Jugendblüthe weggerafft, mehr geistiges Leben, mehr poetischen Sinn, mehr göttliche Bedeutung in eine Richtung zu legen verstanden haben, die theilweise die seinige genannt werden darf.
Sallet war ein liebenswerther talentvoller Mensch. Mag er Gläubigen großen Anstoß
gegeben haben durch Lied und Wort,... er war auch ein Gläubiger auf seine Weise; und der bitterste Gegner muß ihm nachrühmen, daß er wahr und ehrlich geblieben bis an’s Ende!
I.
Breslau, d. 25ten Juli 1838.
Verehrtester Herr!
Zur Entschuldigung einer vielleicht belästigenden Zusendung von Seiten eines persönlich Ihnen ganz Unbekannten diene Folgendes:
Es bietet sich mir auf einer zu Anfang des nächsten Monats anzutretenden Reise von Breslau nach Trier, meinem Aufenthaltsorte, die erwünschte Gelegenheit, mich wenige Tage in Dresden aufzuhalten. Hieran knüpfte sich bei mir unmittelbar der lebhafte Wunsch, wenn auch nur flüchtig, einen Mann kennen zu lernen, dem alle Gebildeten Deutschlands Dank und Verehrung schuldig sind. Da mir aber wohl bewußt ist, daß Männer von bedeutendem Ruf nur zu sehr von unberufnen Zudringlingen belästigt sind, so würde ich meinen Wunsch gewiß unterdrückt haben, wenn ich seine Erfüllung nicht irgend einer Berechtigung verdanken dürfte. Durch meine bisherigen, in der Masse verschwindenden, literarischen Bestrebungen kann ich kaum hoffen, Ihnen, auch nur dem Namen nach, bekannt zu sein. Ich erlaube mir daher, Ihnen beiliegend ein Werkchen zuzusenden, das bis jetzt meine bedeutendste Arbeit ist, und in dem Sie, sollten Sie es übrigens auch als einen mißlungenen Wurf beurtheilen müssen, wenigstens den sittlichen und künstlerischen Ernst nicht verkennen werden. Aus diesem Geist des Ernstes werden Sie auch ersehn, daß ich wenigstens nicht zu jener Zahl literarischer Vagabonden gehöre, die berühmte Männer aufsuchen, um aus ihren Gesprächen, im Nothfall aus dem Schnitt ihres Rockes, Journalartikel zu fabriziren. Meine Absicht ist einzig und allein die, einen Mann zu sehn, der ein ganzes, ruhmvolles Leben, rastlos thätig, bald anregend, bald selbst schaffend, dem gewidmet hat, dem ich selbst das Streben eines Jüngers von ganzer Seele weihe — der Poesie.