Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Karl von Holtei · Kapitel 133 von 173

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Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Kapitel XXVII

Den Codex von St. Gallen wird man zum Collationiren nicht habhaft werden können, die ganze Bibliothek ist versprengt, und steckt in einzelnen Kisten und Verschlägen in Tyrol und da herum, wie mir Joh. Müller gesagt.

Wie kommst Du auf Wolfram von Eschilbach als Bearbeiter des jetzigen Textes vom Heldenbuch, des gedruckten nämlich? Dieses ist ja viel später. Wie Du aus Adelungs Nachrichten sehen kannst, sind die wichtigsten Handschriften vom Heldenbuch in Rom.

Doch ich muß abbrechen. Dein Bruder in Weimar ist wohl und sehr fleißig. — Mit dem 2ten B. Span. Theater bin ich leider immer noch in der Arbeit, das zweite Stück ist immer noch nicht ganz fertig und das 3te nicht angefangen. Seit einigen Tagen ist meine Schwester mit den ihrigen aus Dresden hier.

Grüße Malchen schönstens, ihr Eifer für das Spanische freut mich sehr, meine hiesigen Schüler haben, Schierstädt ausgenommen, seit meinen im vorigen Winter gegebenen Stunden nicht viel darin gethan. Den Lazarillo de Tormes habe ich leider immer noch nicht habhaft werden können. Wer weiß, ob er ihr so viel Vergnügen macht, denn ich bin von diesem Fache des Bettlerischen und Lausigen nämlich, ein ganz besondrer Liebhaber.

Leb recht wohl.

Dein

A. W. S.

 

XXVII.

Genf, d. 4ten April 1809.

Dein Brief, geliebter Freund, war mir ein sehr werthes Lebens- und Liebeszeichen, und ich begreife kaum, wie ich ihn so lange habe unbeantwortet lassen können. Indessen wird es Dir durch Friedrich und Deine Schwester nicht an Nachrichten von mir gefehlt haben. Was ich diesen Winter von Deiner Gesundheit gehört habe, bekümmert mich; der Winter in Jena wo Du zur Aufheiterung der Andern so viel beytrugest, wiewohl Du selbst so viel littest, ist mir noch lebhaft im Gedächtnisse. Wie mancherley ist seitdem mit uns und in der Welt vorgegangen! Wir sollten uns wirklich einmal wieder irgendwo zusammen finden, um aus dem Herzen darüber zu sprechen.

Solltest Du nach der Schweiz kommen, so wirst Du auf dem Schlosse meiner Freundin bestens aufgenommen seyn. Sie trägt mir auf, Dich zu grüßen. Schon seit langer Zeit hat sie lebhaft gewünscht, Dich kennen zu lernen, wenn es nur irgend eine Sprache giebt, worin ihr euch verständigen könnt. Sie hat fast alles von Dir gelesen, den Sternbald liebt sie am meisten.

Ich danke Dir für die desengaños über unsre ehemaligen Bekannten in Berlin. Deine Berichte scheinen mir nur allzu glaubhaft, auch von andern Seiten ist mir dergleichen zu Ohren gekommen. Es kann mir wohl sehr gleichgültig seyn, was jene in ihrer armseligen und dunkeln Existenz über mich ausbrüten. Nur bedauert man seine verlohrne Auslage an redlichen Gesinnungen. Schütz ist nach seinen Tragödien zu urtheilen ein großer Fratz geworden, die wahnwitzige Eitelkeit richtet solche Menschen zu Grunde. Ueber Fichte bist Du nun selbst besser aufgeklärt, sein Betragen in der Sache Deiner Schwester scheint unverantwortlich zu seyn. Von seinen Schriften will ich nichts sagen, es ist aus mit ihm. Was ist lächerlicher ja lästerlicher als seine Einbildung, das Christenthum wieder herstellen zu wollen, und seit dem Evangelisten Johannes der erste zu seyn, der es versteht? Man ist versucht, ihm seine Reden an die Deutschen des Muthes wegen anzurechnen; allein es ist eine solche Mischung von Zaghaftigkeit, Unwissenheit der Geschichte und Unvernunft darin, daß man sich darüber noch am bittersten betrüben möchte, daß wir keine besseren Propheten haben. — Schleiermacher, der Friedrichen und mir doch manches verdankt, soll sich ebenfalls feindselig betragen. Der einzige dankbare Schüler, den ich gehabt, ist Fouqué.

Auf Deine Uebersetzung von Love’s labours lost bin ich sehr begierig. Du solltest sie doch ja fertig machen und in demselben Format wie die meinige drucken lassen. Ich habe die Uebung in Wortspielen ganz verlohren, und würde sehr verlegen seyn, wie ich dieß Stück übersetzen sollte. Ueberhaupt geht es mir seltsam mit diesem gebenedeyten Shakspeare: ich kann ihn weder aufgeben, noch zum Ende fördern. Indessen hoffe ich diesen Sommer einen großen Ruck zu thun. Richard III. ist fertig, und Heinrich VIII. angefangen. Es ist leicht möglich, daß mir Mad. Unger Deine Arbeit am Shakspeare in einem etwas veränderten Lichte vorgestellt hat, damit es mir ein Antrieb zur Eile werden möchte. Uebrigens klagte sie vor einiger Zeit über Mangel an Nachrichten von Dir, und daß sie von manchem, was Du ihr versprochen, nichts weiter höre. Du hast freylich nicht nur ihr, sondern der Welt überhaupt vieles versprochen. Was wird aus allen Deinen dichterischen Planen? Auch über Shakspeare, über die altdeutschen Gedichte wolltest Du schreiben. Ich gestehe, ich bestellte mir von Dir lieber etwas als über etwas.