Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band
Kapitel XXXII
Wenn du die Kur in Baden gebrauchst, so führe doch ja Deinen Vorsatz aus, hierher zu kommen. Durch die erweiterte Dampfschifffahrt ist ja alles näher gerückt, man kommt den Rhein mit Blitzesschnelle hinunter. Von Mainz ist man zeitig den Nachmittag hier. Komm nur ja. Ich kann der Gräfin Finkenstein, Dir und Deiner Tochter recht hübsch eingerichtete Zimmer einräumen, da ich jetzt ganz allein mein Haus bewohne. Aber nur drei Tage, mein Freund, das wäre in der That nicht vernünftig. Richte Dich gleich wenigstens auf acht Tage ein. Den Rückweg kannst Du dann auf dem Rhein bis Mainz und über Frankfurt nehmen, oder auch nur bis Coblenz und dann quer über nach Cassel. Es ist wahrlich kein großer Umweg. Melde mir nur recht bald, ob Deine Reise nach Baden stattfindet, und von dort aus, wann ich Euren Besuch zu erwarten habe. Zu allem, was das Haus vermag, sollt Ihr bestens willkommen sein.
Ich bin sehr erfreut, daß die Nachrichten von Deiner Gesundheit einigermaßen günstig lauten. Oft habe ich Deine Geduld, Deine gute Laune und heitre Thätigkeit bei so vielen körperlichen Beschwerden bewundert. Wenn es nur mit Deiner lieben Frau besser stände! Grüße sie herzlich von mir, so wie Deine Töchter und die edle Gräfin. Löbell will dieses einschließen: um seine Antwort nicht zu verzögern, verspare ich alles übrige auf einen zweiten Brief. Mit unveränderlicher Liebe
Dein
A. W. Schlegel.
XXXII.
Bonn, d. 2. Jun. 36.
Geliebtester Freund!
Ich gab an Löbell eine kleine Einlage, um meine Antwort ja nicht zu verzögern. Jetzt versichre ich Dich von neuem, daß mir dein Besuch unendlich willkommen sein, und daß Dein und Deiner beiden Reisegefährtinnen Empfang mir nicht die mindeste Unbequemlichkeit verursachen wird.
Löbell hat die artig eingerichteten Zimmer im obern Stock gesehn. Deine Schlafzimmer kennst Du; der Keller ist ziemlich gut besetzt, die Kalesche ist auch noch da. Es casa vuestra, Sennor.
Du sagst, ich halte mich tapfer. Ich bestrebe mich freilich. Diesen Frühling reite ich sogar wieder. Abends bei hellem Kerzenlicht, sauber geputzt und mit meinen Orden = pompons angethan, in der neuesten, noch nicht fuchsig gewordenen Perücke bringe ich noch eine leidliche Decoration heraus. Schöne Damen sagen mir, ich müsse wohl ein Geheimniß besitzen, um mich immerfort zu verjüngen. Aber die Pflege des Leibes nimmt Zeit weg. Dazu bedarf ich viel Schlaf und zu ungelegenen Stunden. Dies artet zuweilen in das Murmelthierische aus. Sei aber nur nicht bange vor meiner Schlafmützigkeit. Wenn ich wach bin, so bin ich es recht, besonders wenn eine geistige Anregung hinzukommt, und an guten Späßen soll es nicht fehlen.
Du hast Recht: ich hätte längst Dich in Dresden besuchen sollen, wiewohl sich an diesen Ort traurige Erinnerungen für mich geknüpft haben. Ich war auch oft darauf bedacht, aber zur Ausführung aller Reiseplane gehört Zeit und Geld. Die eben erwähnte körperliche Verfassung ist Ursache, daß ich mit meinen gelehrten Arbeiten gar nicht so vorrücke, wie ich wollte und sollte, was mich zuweilen recht muthlos macht.
Was das zweite betrifft, so habe ich leider die Kunst verlernt, wohlfeil zu reisen. Ich brauche einen Bedienten, einen eignen Wagen, Postpferde und gute Gasthöfe. In Paris bin ich durch die Gastfreiheit meiner Freunde geborgen; doch giebt es in einer Hauptstadt immer noch manche Ausgaben.
Mein Londoner Triumphzug, ein Aufenthalt von nur sechs Wochen, hat entsetzlich viel gekostet. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß mir der Göthesche Aufwasch und Auskehricht eben so zuwider ist, wie Dir. Ich lese das Zeug nicht. Der Alte muß nun durch dieses Fegefeuer gehen. Die Zeit wird die Schlacken wegläutern. Es muß zu einer Auswahl kommen: Werke des lebendigen Goethe.
Hier hast Du ein Wortspiel auf den Zelterschen Briefwechsel. — Dein Tischlermeister, den ich mit vielem Ergötzen gelesen, hat mich an ein ineditum erinnert, das ich seit undenklichen Zeiten, und zwar aus authentischer Quelle, dem autographen Original, besitze. Du kannst damit nach Belieben schalten. Melde mir doch die Adresse meiner Nichte Auguste Buttlar. Ich habe allzulange versäumt ihr zu schreiben. Wenn Du sie siehst, so grüße sie und entschuldige mich. — Gieb mir auch Nachricht von Deinem Neffen und Knorring. Von Deinem Bruder hatte ich letzthin einen Brief, der aber darüber nichts enthält. Nun merke wohl: bis Anfang September triffst Du mich sicher hier. Lebe unterdessen recht wohl, geliebter Freund. Herzliche Grüße an die Deinigen.
Dein treuer