Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Karl von Holtei · Kapitel 20 von 173

PDF-Seiten

Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Kapitel V

Noch muß ich wohl über mein äußeres Fortkommen in der Welt etwas sagen. Die Göttinger Regel mit dem allmäligen Zuwachs der Zuhörerzahl trifft an mir ein; ich habe jetzt in einer Stunde 50, in der anderen 40, was mir immer lieb ist, da man hier den Werth eines Professors, wie in Statistiken, nach diesen Zahlen bestimmt. Der Jurist Eichhorn wiegt 250–300 Centner; aber es sind auch unter den 1400 Studenten hier die Hälfte Juristen. — Meine auswärtigen Verhältnisse stehn gut; insonderheit hat Creuzer einen mir sehr ehrenvollen Waffenstillstand mit mir geschlossen, wozu wohl besonders der wüthende Angriff des alten Voß mitgewirkt hat, des Fanatikers für die Nüchternheit.

Ich denke doch, daß dieser Brief Sie zu Dresden, und hoffe, daß er Sie in gutem Wohlsein trifft. Ich empfehle mich wie immer Ihrer werthen Familie, deren Andenken ich mit treuer Anhänglichkeit pflege. Auch meinen Bruder darf ich Ihnen empfehlen.

Mit inniger Ergebenheit

der Ihrige

K. Otfried Müller .

 

V.

 

Göttingen , den 10. Juli 23.

Mein verehrtester Freund!

 

Ich denke eben mit sehr freudiger Erinnerung an die Zeit, da Sie meinen damals noch sehr geringen Autoren-Muth durch den gütigen Antheil belebten, mit dem Sie die einzelnen Bogen meines Buches, die Sie sich geben ließen, gelesen zu haben versicherten. Meine damalige Empfindung ist mir jetzt sehr gegenwärtig, wo ich Ihnen wieder ein Mittelding zwischen Buch und Manuskript, eine Anzahl Bogen ohne Titel, Vorrede u. s. w. zusende, die erst dazu kommen sollen, wenn ich in diesem Herbste den dazugehörigen zweiten Theil vollendet haben werde. Doch bilden sie so schon ein Ganzes, wenigstens ein Halbes, und namentlich ist das zweite Buch darin für sich abgeschlossen; und am Ende war, was Sie damals lasen, ja noch vielmehr ein bloßer Anfang oder auch das nicht einmal. Ich eile aber so es Ihnen zu schicken, weil ich mich sehr sehne zu erfahren, ob die Richtung meiner Arbeiten, die damals noch mir selbst sehr dunkel und fast unbewußt war, jetzt mit einiger Schärfe und Präcision ausgesprochen Ihnen auch noch zusagt. — Doch ich muß Ihnen wenigstens den fehlenden Titel auch schreiben. Es ist eine Fortsetzung der sogenannten Geschichten Hellenischer Stämme, und hat den Volksstamm der Dorier zum Gegenstande, wovon das vor Ihnen liegende die erste Abtheilung ist, die die äußere Geschichte bis zum Peloponnesischen Kriege, und dann Religion und Mythus in sich begreift; die zweite behandelt den Staat, und das Privat-Leben, die Bildung und Kunst des Volkes.

Diese denke ich Ihnen mitzubringen, wenn ich auf den Spätherbst wieder — wonach meine ganze Seele verlangt, — nach Dresden komme, denn wenn ich auch bis in den Oktober hinein durch den Druck meines Buches, den ich abwarten muß, hier festgehalten werden sollte: so will ich doch auch dann noch an 14 Tage in der lieben Stadt zubringen, wenn Sie da sind. Diese 14 Tage leuchten mir wie ein Stern vor den Augen, wenn ich über der Strapaze meines mühseeligen Buches schier ermatten möchte. Sie glauben nicht wie ich mich darauf freue.

Die Geißel der Dramatiker, die Sie in der Abendzeitung schwingen, ist mir eine recht erfreuliche Erscheinung gewesen. Ich lechze recht nach ordentlicher, gediegner Critik in jedem Fache, und sie ist jetzt recht selten. In meinem wollte ich lieber einen Terrorismus haben als diese wüste Anarchie; ich wollte mich mit Freuden unterordnen und leiten lassen, wenn Einer geboren zu leiten und zu herrschen aufstände. Jetzt ist man frei wie der Vogel im Walde, aber auch vogelfrei für den Anfall jedes Unverständigen.

Ich hoffe zum Himmel, daß dieser Brief Sie wohl trifft, mein innigst verehrter Freund. Vielleicht sind Sie schon nach Töpliz abgereist, wovon mir Max geschrieben. Ihrer lieben Familie und der Frau Gräfin empfehle ich mich mit herzlicher Anhänglichkeit.