Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Karl von Holtei · Kapitel 128 von 173

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Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Kapitel XXII

Deine Schwester läßt Dich auf’s zärtlichste grüßen. Diese ganze Zeit her hat sie gewünscht, Dir recht umständlich zu antworten, allein theils ist sie nicht allein gewesen, theils hat sie sich so befunden, daß ihr das Schreiben sehr

beschwerlich fällt. Sie rechnet gewiß darauf, Dich, wie Schütze[18] uns gesagt, im März noch hier zu sehen, und ladet Dich auf’s herzlichste dazu ein. Wegen ihrer Gesundheit darfst Du nicht in Sorgen sein, ich hoffe, es ist auf dem guten Wege damit, sie gebraucht die Mittel anhaltend, und besonders erwarte ich viel Frucht vom Baden, welches sie theils wegen der Kälte, theils wegen eintretender Zufälle noch wenig hat thun können. Die Kinder sind sehr gesund.

Das dramatische Mährchen (noch hat es weiter keinen Namen) habe ich jetzt endlich in’s Reine geschrieben, Dir eine Abschrift zu besorgen war nicht möglich. Komme nur her, so wollen wir es zusammen lesen. — Deine Schwester hat ein neues angefangen und es auch schon ziemlich weit geführt, bis sie durch ihr Befinden abgehalten wurde, fortzufahren.

Lebe recht wohl, es ist mir unmöglich, mehr zu schreiben, ich stecke tief in Arbeiten. Der Himmel weiß, wie ich noch alles bestreiten werde, was ich vorhabe.

Wenn Du den Octavian fertig schreibst, so bittet Friedrich recht sehr um eine Selbstanzeige davon für die Europa.

Leb nochmals wohl, grüße Deine liebe Frau und Burgsdorff.

Dein

A. W. S.

 

XXII.

 

Berlin, d. 15. März 1803.

Liebster Freund!

 

Am Sonnabend Mittag ist Dein Brief angekommen, und ich habe noch gleich an demselben Tage den Octavian, Deinem Auftrage gemäß, an Frommann mit einem Briefe abgeschickt. Es freut mich außerordentlich, daß er nun noch auf Ostern erscheint; ich bin begierig zu wissen, ob allein, oder als dritter Band der Romantischen Dichtungen. Melde doch, was Du jetzt vorhast, und ob die zweite Hälfte des Octavian bald nachfolgen wird.

Deine Schwester hatte sich schon vorigen Posttag und wiederum heute vorgenommen, Dir zu schreiben, allein nicht Kräfte genug gehabt; es würde sie zu sehr ergreifen. Sie ist leider die ganze Zeit unpäßlich gewesen, jedoch hoffe ich, daß Du Dich deswegen nicht zu beunruhigen brauchst. Ihre Uebel rühren wohl hauptsächlich aus allzu großer Schwäche und Reizbarkeit her. Wir waren heute Vormittag spatzieren, und wollen auch jetzt eben in’s Schauspiel. Es ist heute das Benefiz der Unzelmann, eine neue französische Operette.

Ich bin beschämt, daß ich Dir in Erwiederung des Octavian immer noch nicht den Ion habe senden können. Meinen Brouillon mag ich nicht gern hergeben, und die erste Abschrift, die ich selbst hier habe nehmen lassen, hat mein Abschreiber noch in Händen, um die zweite danach zu verfertigen. Ich hoffe allernächstens eine große Sendung nach Dresden zu veranstalten, wo der letzte Band vom Shakspeare für Dich, die fertig gedruckten Mährchen Deiner Schwester, worin verschiedenes, was Du noch nicht kennst, der D. O. 4 Th., die Abschrift vom Ion, und die Exemplare vom Alarcos zugleich ankommen sollen. Sage doch Friedrichen, er möchte mir wegen der Zahl derselben, die er selbst oder ich in seinem Namen von Unger begehren möchte, und wegen der Vertheilung und Versendung Aufträge ertheilen. Da ich mir vorläufig einige von Unger ausgebeten, hat er mir 6 auf Velin geschickt, wobei der Medusenkopf sich beträchtlich besser ausnimmt, und mir dazu sagen lassen, die übrigen wären beim Buchbinder und würden brochirt. Da sie ungeheftet sind, habe ich sie sogleich zum Buchbinder geschickt.

Die Aushängebogen, sage an Friedrich, hätte ich Humboldten und Brinkmann auf ihr dringendes Bitten geliehen. Den letzten sprach ich noch nicht darüber; Humboldt ist eigends zu mir gekommen und hat sich mit vielem Respect geäußert. Dein Bruder ist sehr fleißig, und hat, da er nicht mehr lange wird hier bleiben können, viel zu arbeiten. Die Büste der Tochter des Ministers Haugwitz, Gräfin Kalkreuth, ist eben fertig geworden, die der Frau von Berg wird auch bald so weit sein, und jetzt modellirt er die Gräfin Voß. Er hat fast gewisse Aussichten, das Portrait der Königin ebenfalls zu machen, wenn es nicht etwa durch Schadow, dessen Schwester Kammerfrau bei ihr ist, hintertrieben wird. Man muß also nicht davon reden. Indessen hat die Königin es selbst verschiedentlich gesagt, und hinzugefügt: sie wünsche den Bildhauer Tieck besonders auch deswegen kennen zu lernen, um mit ihm von seinem Bruder zu sprechen, den sie als Dichter so sehr habe rühmen hören. — Es scheint, daß wir jetzt unter den Prinzen bei Hofe und sonst verschiedne Freunde haben; es wäre drollig, wenn einmal die verrufene Parthei die protegirte würde.