Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Karl von Holtei · Kapitel 59 von 173

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Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band

Kapitel IV

Amalie und Alles was unserer in Liebe gedenkt ist herzlich gegrüßt. Meine Frau hofft noch sehr auf eine Zusammenkunft mit ihr in Schlesien. Mitte Mai wird sie sich wohl mit Raumers in Schmiedeberg zusammenfinden und da bis gegen den Herbst, mit Waldenburg abwechselnd, bleiben. Dann gehen sie zusammen nach Breslau, was Euch wohl fast näher liegt. Wir haben immer die besten Nachrichten von dort her, und müssen es in jeder Rücksicht für ein Glück halten, daß die Lieben nach Breslau und nicht nach Berlin gekommen sind.

Nun mein Lieber sey herzlich umarmt, laß bald wieder von Dir hören. Laß uns nicht ermüden, bis wir zusammen was Rechtes zu Stande gebracht haben. Immer und ewig der Deine

Reichardt.

 

IV.

 

Giebichenstein , d. 27. Jul. 1812.

Malchen[6] hat mir im besten Wohlseyn Deinen lieben Brief gebracht, mein geliebter Freund und Bruder. Sie hat sichs mit den lieben Kindern Freitag Mittag und Sonnabend Abend hier draußen gefallen lassen, und der Garten schien ihnen allen wieder viel Freude zu machen. Er ist auch wirklich in einem sehr lieblichen Zustande und ich habe es hundertmahl bedauert, daß Du nicht mitten unter uns warst. Es ist mir sehr schwer geworden mit dem Antrage zurückzuhalten, daß Du doch die Zeit der Abwesenheit von M. hier bei mir in schöner Einsamkeit zubringen möchtest. Aber Du sollst ein verzärtelter delicater Gast seyn, und dazu fühlt ich in mir und in meinem Hause eben nicht die Mittel und Fähigkeit zu so völliger Befriedigung, als ich sie Dir gern gewährte. Wie hätten wir nicht auch mit gemeinsamer Liebe und Zärtlichkeit über unsre Sacontala brüten und singen wollen! Was Du mir in Deinem Briefe darüber sagst, zeigt mir daß Du das Ganze tiefer beherzigst und ich will die einzelnen Fragen nach Möglichkeit beantworten. 5 Akte sind gewis zu viel. Auch ist nach meinem Plan sicher zu viel Gesang darinnen, wiewohl ich auf den luxuriösen üppigen ganz ausgesponnenen Gesang der neuesten Zeit dafür gerne Verzicht thäte, so leicht es mir auch wird ihn den besten italienischen Mustern nachzubilden. Das Ganze glücklich in 2 Theile zu theilen, wäre gewis von großem Gewinn; wenn auch der Abschnitt, dächt’ ich, nicht so scharf wäre, daß ein zweites Stück nicht nothwendig geahndet und verlangt werden dürfte. Die Geister denk’ ich mir auch zum Theil sichtbar und besonders Tänze bildend. Freilich, denken wir dabey an unser Theater, bin ich, ganz Deiner Art, Angst und Bange. Was Jämmerlicheres als unser modernes deutsches Theater hat es nie in der Welt gegeben. Ich kann mich auch gar nicht mehr entschließen es zu sehen, weder hier, wo die Weimarsche Truppe spielt, noch in Berlin. Die Hauptcharactere der beiden Theile unsrer Sacontala hast Du sehr bestimmt und richtig angegeben, jedes könnte so für sich ein schönes herrliches Ganze werden, und doch durch das Hauptganze erst der ganze hohe Eindruck eines ächt lyrisch dramatischen Werks hervorgehen. Nächstens werd’ ich Dir einzelne musikalische Sätze dazu schicken; damit Du Dein Heil daran versuchen mögest. Was sich Dir nicht gleich willig zu poetischer Bearbeitung darbietet das lege nur gleich bei Seite. Mir werden dergleichen Sätze auch in großer Menge gar leicht.