Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band
Kapitel II
Doch genug mein liebster T., nimm dies als eine flüchtige Andeutung dessen, worüber ich eben gern gesprochen hätte. Du bist zu tief, als daß Du Dich selbst mit dem Trost des oberflächlichen Volks beruhigen und befriedigen könntest — auch helfen die Scherze, wie die gegen das Ende des Alten vom Berge nicht. Als die alte Schütz im Sarge lag, kam die Hendel Schütz zum Alten, und sagte ihm: er solle doch die Leiche noch einmal sehen. Sie hatte das Todtengesicht geschminkt! Der Alte sagte: der Anblick versetze ihn in seine Jugend zurück. Bald darauf meldete der Todtengräber: er könne es vor Gestank der ins Gewölbe beigesetzten Leiche nicht aushalten, und die Alte mußte nachträglich unter die Erde wandern. —
Soll ich mit der scheuslichen Geschichte schließen? — lieber ganz getrost mit 1 Corinther 15. — Die herzlichsten Grüße der lieben Tante, der Dor., der verehrten Gräfin. Auch an St. der mir so freundlich entgegenkam viele Grüße. Den besten Dank noch für den trefflichen Wein, welcher mich Nachts besonders erquickte.
Leb recht wohl.
Dein K. Raumer.
II.
Erlangen d. 27ten Aug. 1840.
Liebster Tieck ,
Herr Durand Stud. Theol. aus Lausanne reist von hier über Wien nach Dresden und wünscht sehr Dich kennen zu lernen. Er ist ein lieber Mensch, der unter A. mit französischem Feuer die Volkslieder seines Vaterlandes zur Guitarre singt. Auch soll er improvisiren; ein deutscher Freund in Lausanne empfahl ihn mir als einen Troubadour, was ich nicht wiederhole, um durch die Empfehlung nicht zu schaden. — Wir hören so gar nichts mehr von Dir und Deinem Hause. Mein Bruder ist auch so schreibfaul, daß ich wohl seit ½ Jahre keinen Brief erhielt und wir ganz abgeschnitten von unsrer Familie sind. — Sonst geht es uns gut, nur leidet Rikchen etwas an den Augen. Mein Rudolph ist Privatdocent und liest nächstes Semester Nibelungen, im jetzigen hat er eine Geschichte der deutschen Gramm. vorangeschickt. Hans studirt (im letzten Jahre). Dorothee will ich morgen besuchen, sie ist wohl wie meine übrigen 3 Mädchen.
Reisest Du gar nicht mehr? Kommst Du mit den lieben Cousinen nicht noch einmal nach Er., Deinen alten Lehrer Mehmel findest Du nicht mehr, er starb im 80sten Jahre an demselben Tage mit dem Könige von Preußen.
Vielleicht besuche ich Dich im künftigen Jahre, ich sehne mich recht darnach.
Rikchen grüßt mit mir Euch aufs Herzlichste.
Dein Raumer.