Briefe an Ludwig Tieck, Dritter Band
Kapitel XXIV
Melde doch etwas von der Zeit Deiner Ankunft in Dresden, wovon uns Genelli nichts zu sagen wußte. Es ist wichtig, daß Deine Schwester noch im Juni reist, weil sie sich nach ihren Gesundheitsumständen richten muß, und sonst zuweit in den Juli herein würde warten müssen.
Dein Bruder befindet sich wohl, ist nur mit Arbeiten überhäuft, die ihm, wie es scheint, außerordentlich gelingen.
Wenn unter Humboldts oder Burgsdorfs Spanischen Büchern sich alte Cancionero’s oder Romancero’s oder alte Canciones und Romances in andern Sammlungen finden, so laßt sie mir zukommen, und bald, für mein Taschenbuch. Ihr wißt, daß es gut bei mir aufgehoben ist.
Du mußt noch den 3ten Theil der Müllerschen Sammlung, so wie den ersten, auch das von Casperso (?) von mir haben. Ich finde es angemerkt und bin in dergleichen Dingen sehr genau.
Lebe recht wohl, grüße Deine Lieben und Burgsdorf, und empfiehl mich der Finkensteinschen Familie. Ich muß eilig schließen.
Dein
A. W. S.
XXIV.
B., d. 2. Juni 1803.
Aus Deiner Antwort sehe ich, liebster Freund, daß wir über die Minnelieder uns schwerlich in unsern Meinungen vereinigen werden; wir wollen uns nicht darum entzweien, es behalte jeder seine Ueberzeugung und wisse sie in Zukunft so gut als möglich zu vertheidigen. Verzeih meine Offenheit und schick mir die Blätter mit den Bemerkungen wieder.
Ich habe übernommen, eine Correctur oder vielmehr Revision zu machen, dieß nehme ich auch noch nicht zurück, jedoch muß ich eine Bedingung ausdrücklich hinzufügen; es ist die, daß ich ganz und gar keine Verantwortlichkeit haben will. Denn zuvörderst ist es eine Sache, wobei die Setzer sehr leicht Versehen machen können, zweitens traue ich mir selbst nicht die Geduld zu, Dein Manuscript in allen Pünktchen mit den gedruckten Bogen zu vergleichen, drittens ist Deine Hand nicht so leserlich, daß ich nicht, so sehr ich an sie gewohnt bin, zuweilen über die Leseart zweifelhaft sein sollte, und endlich habe ich nach unsern gegenseitigen Erklärungen gar kein Kriterium mehr für das, was ein offenbarer Schreibfehler ist, und muß also auch stehen lassen, was ich dafür halte. Trauren-Schwenderin schien mir einer, Du nahmst es aber bei Deinem Hiersein in Schutz, führst es auch jetzt nicht unter denen an, die Du verbessert zu sehen wünschest. Sehnden in sehnenden zu verwandeln verdirbt an manchen Stellen nach den vorgenommenen Veränderungen den Vers, wie gleich vorn in dem Liede von Veldeck, wo jetzt Gedanken für Denken steht u. s. w. Ich werde die Correctur, wenn auch der Druck anfängt, nicht eher machen, bis ich Deine förmliche und unverklausulirte Lossprechung von aller Verantwortlichkeit habe; Du kannst dagegen gewiß sein, daß ich meinen Ueberzeugungen nicht ein Tüttelchen Deiner Handschrift aufopfern werden.