Fluch
Kapitel 9
Lange mußte er nicht warten. Am nächsten Tag, an einem feuchten Morgen unter einem düster grauen Himmel, schlug der Fluch von Tlaloc wieder zu. In dem angeblich verlassenen Arbeitsschuppen lauerte ein blutsaugendes Kinkajou.
Oder doch beinahe.
Julie, Gideon und Abe waren nach einem frühen Frühstück im Mayaland mit der Absicht zur Ausgrabungsstätte gegangen, vor Ankunft der Crew eine Stunde Verschiedenes zu organisieren und zu klären. Gideon hatte die Tür aufgeschlossen und geöffnet und dann schnell den Arm ausgestreckt, um die anderen zurückzuhalten, weil ihm ein übler, animalischer Gestank aus dem stickigen Inneren entgegenschlug.
»Was ist denn?« fragte Julie. Dann roch sie es ebenfalls, blieb sehr starr und steif stehen und linste an ihm vorbei in das Halbdunkel des Schuppens.
Irgend etwas in der Dunkelheit grunzte tief, wie ein wühlendes Schwein, und es gab ein scharrendes Geräusch, als kämen Füße mit Klauen über den Kalksteinmörtelboden auf sie zugelaufen. Gideon sträubten sich die Nackenhaare. Instinktiv traten alle drei einen Schritt von der Schwelle zurück.
Aus den Schatten tauchte langsam ein pelziges braunes Tier auf, verharrte und wich dann zurück. Es war etwa so groß wie ein Waschbär und hatte einen quergestreiften Schwanz, den es anmutig über sich balancierte. Sein Gesicht hatte etwas von einem Fuchs und etwas von einem alten Basketballschuh. Argwöhnisch schaute es zu ihnen auf.
»Guten Morgen«, stand auf dem ordentlich beschrifteten Schild, das um seinen Hals hing. »Ich bin ein blutsaugendes Kinkajou.«
»Gleichfalls guten Morgen«, sagte Abe trocken. »Ich bin ein ausgemergelter alter Professor.«
Julie lachte. »Das ist ein Coati, ein Coatimundi. Und es saugt kein Blut, es ernährt sich von Obst und Beeren.«
Sie kniete sich, um es mit einer Feige aus ihrem Lunchpaket anzulocken, und nach einem Augenblick der Unentschlossenheit näherte sich das Tier mit schnüffelnder Nase. Doch kaum sah es seine Chance, da flitzte es auch schon zwischen ihr und Abe durch und stürmte in einem schaukelnden, plattfüßigen Gang auf den Zaun zu. Zwei Sekunden später war es durch die Öffnung, und eine weitere Sekunde später durchbrach es die grüne Wand des Dschungels und war verschwunden.
Die Ansichten über den Übeltäter variierten. Julie war überzeugt, daß Leo es gewesen war, Gideon glaubte, es könnte ein sarkastischer Kommentar von Worthy sein, und Abe fragte sich ironisch, ob nicht vielleicht Dr. Gideon Oliver dahintersteckte.
Julie trat für ihn ein. »Seit wir gestern Feierabend gemacht haben, war er keine Sekunde aus meinen Augen«, verkündete sie treu.
»Ach ja, und was war, als Sie geduscht haben?« wollte Abe wissen.
»Wir haben zusammen geduscht«, sagte Gideon. »Abe, bei meiner Ehre als ernster und verantwortungsbewußter Wissenschaftler: ich war’s nicht.«
»Hah«, machte Abe, aber dann fiel seine Wahl auf Leo.
Als die anderen um halb neun eintrafen und von dem Zwischenfall hörten, war Leo auch sofort der Lieblingsverdächtige aller anderen und wurde ohne Umschweife angeklagt, aber er schwor mit der Hand auf dem Herzen, daß er nichts damit zu tun hätte.
»Das war das Werk der Götter«, brummte er finster. »Ein Omen.« Er senkte seine Stimme zu einem melodramatischen Flüstern und zuckte mit den Augenbrauen in Prestons Richtung. »Es gibt Dinge, die wir besser nicht wissen sollten.«
»Absolut«, sagte Preston, dessen Lebensmotto es zu sein schien.
***
»Ein Coatimundi, oh, ich liebe es. Verschwunden!« Vergnügt kichernd schrieb Stan Ard etwas in ein Notizbuch. »Ein Coatimundi, was ist das überhaupt, so ’ne Art Eidechse?«
Voller Bedauern, es überhaupt erwähnt zu haben, erzählte Gideon von dem waschbärartigen Säugetier. Es war fünf Uhr nachmittags, und sie saßen in Korbsesseln auf der schattigen, gefliesten Veranda des Hotels, wo Gideon Ard ein einstündiges Interview versprochen hatte. Während der Mittagspause hatte Abe der Crew von der Ankunft dieses freischaffenden Journalisten erzählt. Er hatte vorgeschlagen, zwar mit ihm zusammenzuarbeiten, aber bei den Fakten zu bleiben und zu versuchen, nichts Sensationelles zu sagen; der allzeit wachsame Dr. Villanueva lag zweifellos auf der Lauer nach Geschmacksverirrungen, die womöglich veröffentlicht wurden.
Unter vier Augen hatte Abe Gideon anvertraut, daß er sich Sorgen machte. Nach einem kurzen Gespräch mit Ard hatte er sich gefragt, was vom objektiven Urteilsvermögen des Reporters zu halten sei. Und der Mann war stur allen Fragen ausgewichen, wer seinen Artikel bringen würde. Abe hatte in Erwägung gezogen, die Crew zu bitten, jedes Gespräch mit ihm abzulehnen. Doch bei genauerem Nachdenken war er zu dem Schluß gelangt, daß Ard der Typ Journalist war, der nie lockerließ und, wenn nötig, sich sogar eine Story aus den Fingern saugen würde – was die beunruhigendste Möglichkeit war.
Nach fünf Minuten Unterhaltung war Gideons Eindruck von dem Reporter gleichermaßen negativ. Stan Ard war ein ungehobelter, schlampiger Mann, der filterlose Zigaretten verschlang, als wolle er sich partout auf dem schnellstmöglichen Weg ins Grab bringen, und hustete, als sei er schon auf dem besten Weg dorthin. Die ersten paar Minuten des Interviews hatte er mit Husten, Sich-auf-die-Brust-Klopfen und Über-sich-selbst-Reden verbracht und dabei mit dem Zaunpfahl auf eine im Halbdunkel liegende Vergangenheit voller vager, nicht aufdeckbarer Verbindungen zur CIA und zum Soldier of Fortune angespielt.
Er wirkte auf Gideon weder sonderlich intelligent noch besonders subtil und auch nicht, als sei er ein Mann mit Prinzipien. Aber seine Schulaufgaben hatte er gemacht. Er besaß eine Kopie des Fluches sowie eine Mappe voll alter Zeitungsartikel über den Diebstahl des Kodex.
»Sehen Sie, Stan«, sagte Gideon beklommen, während Ard weiter die Seite mit seiner runden, methodischen Schrift füllte, »die Sache mit dem Coati war nur ein Insider-Scherz, nichts, das in die Presse kommen sollte. Wenn es Ihnen daher nichts ausmacht …«
Ard hörte auf zu schreiben und hob ergeben eine Hand. »He, kein Problem. Fein, toll, vergessen wir die Sache einfach.« Um zu beweisen, daß er es ernst meinte, riß er die Seite heraus, knüllte sie zusammen und warf sie in den Aschenbecher. »Okay, Gid, reden wir Tacheles. Lassen Sie mich Ihnen verraten, was ich hier mache.« Er richtete zwei dicke Finger und die Zigarette dazwischen auf Gideon. »Ich glaube, das wird Ihnen gefallen.«
Woran lag es, fragte Gideon sich nebenbei, daß er sich noch nie viel aus Leuten gemacht hatte, die ihn »Gid« nannten?
»Was ich hier mache, ist folgendes: ich schreibe für den Flak einen Dreiteiler über den Fluch, die Ausgrabung, den ganzen Schmu eben. Bessere Publicity kriegen Sie nie.«
»Für den Flak?« wiederholte Gideon skeptisch, schob seine Zweifel bezüglich der Notwendigkeit besserer Publicity beiseite. »Ist das nicht eine dieser Zeitungen, die im Supermarkt immer an der Kasse ausliegen? ›Junge heiratet eigene Mutter um es Dad wegen Streit ums Taschengeld heimzuzahlen‹? ›Priester zerfallt bei Predigt vor versammelter Gemeinde in vier Teile‹?«
»Sie haben’s erfaßt, Mann.«
Kein Wunder, daß Abe Ard ausgewichen war. »Oh, mein Gott«, sagte Gideon, »ich kann’s schon deutlich sehen. ›Grausiger Todesfluch auf Dschungelausgrabung.‹«
Ard blinzelte nachdenklich. »He, nicht schlecht.« Anscheinend meinte er es wirklich, denn er notierte sich die Schlagzeile auf einem neuen Blatt. »Noch irgendwelche anderen Ideen?«
Gideon lachte. »Ich nehme nicht an, daß Sie ›Textanalyse einer postklassischen Inkunabel der Maya‹ besonders gut finden?«
»Da haben Sie verdammt recht, und die Schmöcke an den Supermarktkassen auch nicht.« Sein bedächtiges Gackern verwandelte sich in ein gurgelndes Husten und erstarb. »Okay, passen Sie auf. Ich habe den Originalbericht gelesen, den Sie 82 geschrieben haben, und ich muß noch das eine oder andere mit Ihnen abklären. Um sicherzugehen, daß ich alles richtig verstanden habe.« Er blätterte ein paar Seiten in seinem Notizbuch zurück.
Auf dem Glastisch vor ihnen standen ein Tecate-Bier für Gideon – das er eigentlich gar nicht wollte, aber Ard hatte darauf bestanden, ihm irgendwas zu bestellen – und ein doppelter Scotch on the rocks für den Reporter. In der Nähe plauderten und tranken andere Gäste, genossen die relative Kühle der Stunde vor dem Abendessen. Hinter Ard, ein paar Tische entfernt, wurde Leo von Emma mit kosmischem Bewußtsein drangsaliert. Leo redete ihr auf seine gewohnte Art aufmunternd zu. Oder vielleicht bekehrte sie ihn auch. Wer konnte das bei Leo schon sagen?
»Okay.« Ard stürzte seinen Scotch runter. »Ich will die menschliche Seite der Sache, nicht einfach nur die Fakten.« Das Gesicht, das er dabei machte, verriet nur zu deutlich, was er von Fakten hielt. »Ich möchte Sie gern folgendes fragen.« Während er nach Worten suchte, wühlte er mit einem Finger in den Locken unter seinem Hals, spielte mit den dünnen Goldkettchen, die sich dort eingenistet hatten. »Beschreiben Sie mir, wie Sie sich in den … in den dunklen, feuchten Tiefen dieses Treppenschachtes gefühlt haben, als Ihre Augen den verloren geglaubten Tlaloc-Kodex erblickten.« Er dachte einen Moment nach, dann schrieb er auch dies auf, sichtlich von sich beeindruckt.
Gideon beschloß, doch noch einen Schluck Bier zu trinken. Eine Stunde mit Stan Ard würde verdammt lang werden. Er hatte immer noch fünfzig Minuten vor sich. »Ich weiß nicht, Stan. Schwer, sich daran zu erinnern. Es ist schon so lange her.«
»Ja, aber irgendwas müssen Sie doch gedacht haben«, sagte Ard. Er entschied sich, die Frage deutlicher zu stellen. »Ich meine, Sie müssen doch irgendwas gedacht haben.«
»Also, als ich es zum ersten Mal sah, wußte ich nicht, daß es ein Kodex war«, sagte Gideon und war sich sehr wohl bewußt, daß er keine besonders gute Geschichte lieferte. »Ich dachte, es wären nur ein paar Stoffbündel.«
Ard runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nee, nee, das taugt nichts«, sagte er tadelnd. »Was machen Sie, wollen Sie mich auf den Arm nehmen, oder was?« Er kippte einen weiteren Schluck Scotch, zog eine schmerzerfüllte Grimasse, rülpste, saugte an seiner Zigarette und gab sich wieder dem Husten hin, wobei er sich mit der flachen Hand auf die Brust hämmerte.
»Okay, fangen wir mit ganz einfachen, konkreten Fakten an«, sagte er, als er wieder sprechen konnte. »Die fünf W: wer, warum, was … äh, welches … Sie wissen schon. Vielleicht finden wir so was, das wir verwenden können. So, nach allem, was ich gelesen habe, sah der Tunnel ganz danach aus, als würde er einstürzen, unmittelbar nachdem Sie den Kodex gefunden haben, als ihr Jungs alle noch da unten wart, richtig?«
»Richtig.«
»Um 16 Uhr 12.«
Gideon nickte.
»Super«, sagte Ard wenig begeistert. »Wieviel konkreter als das können Sie noch werden?« Mit zusammengekniffenen Augen schlug er nach dem Zigarettenqualm. »Und wieso wußten Sie überhaupt so genau die Uhrzeit?«
Gideon zuckte mit den Achseln. »Ich vermute, ich werde wohl auf die Uhr gesehen haben …« Er zögerte, sah einen unerwarteten Hoffnungsschimmer auftauchen. »Nein, warten Sie, es war seine Uhr.« Er deutete in Leos Richtung. »Als der Stützpfeiler brach und ein Stück der Decke herunterkam, ist seine Uhr zu Bruch gegangen. Sie ist genau auf 16 Uhr 12 stehengeblieben. Das ist uns erst später aufgefallen, als wir schon wieder auf dem Weg nach oben waren.«
»Seine Uhr ist kaputtgegangen? Wurde er verletzt oder so was?« fragte Ard hoffnungsvoll.
Gideon sah seine große Chance. »Wissen Sie, Stan«, sagte er, »Leo Rose ist der Bursche, mit dem Sie eigentlich reden sollten. Meine Version der Geschichte haben Sie ja schon in diesen Zeitungsausschnitten. Aber Leo war mit mir dort, oben auf dieser … dieser dunklen, einsamen Pyramide, als es passierte. Er könnte Ihnen eine frische Perspektive geben.«
Dieser Trick war nicht so gemein, wie es aussah. Inzwischen welkte sogar der widerstandsfähige, unverwüstliche Leo unter Emmas erbarmungslosem, schrillem Bombardement (»… denn für welche Wirklichkeitsebene man sich auch immer entscheidet, spielt eigentlich keine Rolle«, sagte sie gerade. »Genau darum geht es bei der Regression in frühere Lebensphasen. Wenn man, basierend auf der Jungschen Synchronizität, darüber nachdenkt …«). Schon mehrere Minuten hatte Leo Gideons und Ards Unterhaltung mehr Aufmerksamkeit gewidmet als seiner eigenen. Auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit schielte er leidend in ihre Richtung.
Und gleichgültig, was der unerschütterliche Leo sagte, es gab nichts, über das sich Abe Sorgen machen mußte. Kein Akademiker würde einen Artikel im Flak lesen; zumindest würde es keiner zugeben. Und selbst Dr. Villanueva konnte nicht behaupten, daß die Gefahr bestand, jemand könnte so etwas ernst nehmen.
»Ach, ja?« sagte Ard interessiert. Er griff nach der Zigarette, die er während eines weiteren krampfartigen Hustenanfalls aus der Hand gelegt hatte, warf einen erwartungsvollen Blick über die Schulter auf Leo und winkte ihn mit einer einladenden Geste herüber. Leo packte die Gelegenheit beim Schopf. Wie der Blitz war er aus dem Sessel, ließ eine schmollende Emma zurück, der es überhaupt nicht gefiel, daß die Erweiterung von Leos Geist unterbrochen wurde. Mit vier schnellen Schritten war Leo an ihrem Tisch.
»Hi«, sagte er vergnügt. Er blies seine Wangen auf, verdrehte die Augen und grinste Gideon an.
»Leo hier ist gerade noch mit dem Leben davongekommen, als die Decke nachgab«, sagte Gideon. »Bei dem Einsturz ist nicht nur seine Uhr auf 16 Uhr 12 stehengeblieben, beinahe hätte es ihm auch noch den Arm abgerissen. Überall war Blut.« Es war nur eine kleine Übertreibung um eines größeren Wohles willen. Leo hatte eine Schramme auf dem Handgelenk davongetragen, wenn Gideon sich richtig erinnerte.
Leo war mehr als glücklich mitzumachen. »Und ob«, sagte er. »Überall Blut.«
Was Ard ganz offensichtlich gefiel, und Gideon machte weiter. »Leo, Stan schreibt für den Flak eine Story über Tlaloc. Er fand, es wäre vielleicht eine gute Idee, mit Ihnen zu reden.«
»Für den Flak!« Leo war ganz klar beeindruckt. »Sie arbeiten für den Flak?«
»Nein, ich bin freier Journalist. Ich lebe und arbeite in L.A.«
»L.A.!« Was Leo noch mehr beeindruckte. »L.A. ist eine tolle Stadt zum Wohnen. Wunderbar. Dann sind Sie bloß hundertfünfzig Meilen vom Salton Sea entfernt, wußten Sie das?« Er zog sich einen Sessel neben Ard. »Stan«, sagte er, setzte sich ernst neben ihm in Positur, »haben Sie schon mal über die Vorteile des Time-sharing-Besitzes einer direkt am Wasser gelegenen Hazienda in der Wüste nachgedacht?«
Er griff gerade nach einer verschwitzten Broschüre, als Gideon einen dezenten Abgang machte, und das letzte, was er die Treppe hinauf von ihnen hörte, war ein gewiehertes »bueno-bueno«. Leo bestellte noch eine Runde.
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