Fluch
Kapitel 11
Das Hotel Mayaland liegt in der Nähe eines kleinen Nebeneinganges zu Chichén-Itzá. Eine außer von Hotelgästen kaum benutzte und eine Viertelmeile lange Nebenstraße führt zu den Ruinen. An den meisten Abenden kurz vor halb neun schlendern dreißig oder vierzig Gäste aus dem Hotel diesen angenehmen Weg nach Chichén-Itzá, um sich dort die englischsprachige Ton-Licht-Show anzusehen.
Julie und Gideon hatten beschlossen, sich die Show auch anzusehen. Abe würde nicht vor zehn Uhr aus Mérida zurück sein. Sie hatten sich dann zum Kaffee verabredet. Der Eingang auf das Gelände war nicht mehr als eine schmale Öffnung im Maschendrahtzaun, der quer über die Straße errichtet worden war und von einem mißmutigen, einbeinigen Kartenkontrolleur im Rollstuhl bewacht wurde. Der Zaun selbst war mit Souvenirs behängt: größtenteils T-Shirts mit nachgemachten Maya-Motiven. Davor kauerten unauffällig die echten Maya-Händler – drei dunkelhäutige, rundliche Frauen in an Nachthemden erinnernden huipiles. Im schummerigen Licht einer Lampenkette, die durch den Zaun gewickelt war, spielten ein paar magere Kinder von acht, neun Jahren mit einem Miniatur-Ball ausgelassen Fußball; auf maya und spanisch feuerten sie sich gegenseitig an.
Zwei unwesentlich ältere Jungs mit kleinen Körben aus Palmblättern kümmerten sich um die hereinkommende Menge, legten ein erstaunliches englisches Vokabular an den Tag.
»Hallo, Mister, Sie wollen kaufen Schlange? Welche Sie wollen? Ich eine fangen nur für Sie. Mit Stock.«
»Wer will schon eine Schlange?« fragte ein pummeliger amerikanischer Junge von zehn Jahren die gestreßte Frau an seiner Seite. Eine vernünftige Frage, fand Gideon.
»Sie fangen sie für eine Schlangenfarm, Jared«, klärte die Frau den Jungen auf. »Sie sollen sie eigentlich nicht an Touristen verkaufen, tun’s aber trotzdem.«
»So was wie eine Schlangenfarm gibt’s doch gar nicht«, erwiderte der Junge voll wissender Verachtung.
»Nicht so eine Farm, wie du meinst. Sie gewinnen das Gift, um es als Serum gegen Schlangenbisse verwenden zu können. Ist das nicht interessant?«
»Du redest Unsinn«, meinte Jared abfällig.
Es gab keine Kunden für die Schlangen, und es schien auch niemand T-Shirts haben zu wollen. Die träge auf niedrigen Hockern sitzenden Maya-Frauen blickten kaum vom Boden auf.
»Komm, kaufen wir zwei«, schlug Julie vor. »T-Shirts, meine ich natürlich.«
Gideon nickte. »Okay.«
Eines mit der Reproduktion eines Wandgemäldes hatte es Julie besonders angetan. Gideon machte sie darauf aufmerksam, daß es – entfernt – auf einem Wandgemälde aus Teotihuacán, nicht Chichén-Itzá, basierte, doch sie blieb bei ihrer Wahl.
»Und was ist mit dir?« fragte sie. »Wie wär’s mit dem von diesem Mann, der ganz in Federn gekleidet ist?«
»Quetzalcoatl? Nein, danke, aber, weißt du, das hier gefällt mir irgendwie, das mit dem nackten Mädchen, das alle viere von sich gestreckt auf dem Altar liegt, bereit, jeden Augenblick das Herz herausgeschnitten zu bekommen. Sehr kunstvoll.«
»Du machst Witze, oder? Will ich wenigstens hoffen.«
»Nein, ich finde, es ist sehr anschaulich. Aber, okay, dann nehme ich eben das mit dem Bild von El Castillo.«
Vom Tor war es ein gemächlicher, fünfminütiger Spaziergang zur archäologischen Stätte. Alle zehn, fünfzehn Meter hing eine Glühbirne an einem Baum; gerade genug, um sie davon abzuhalten, vom Weg in den Busch zu stolpern, aber auch wieder nicht so hell, daß sie die Sterne nicht mehr sehen konnten.
Sie waren diesen Weg schon einige Tage zuvor gegangen, aber das war nachmittags gewesen, und die Ruinen waren nach und nach durch die Blätter und Äste aufgetaucht. Jetzt allerdings öffnete sich vor ihnen am Ende des Weges der zentrale Platz von Chichén-Itzá mit atemberaubender Plötzlichkeit kalkweiß, riesig und still im Sternenlicht. El Castillo, die große Hauptpyramide mit dem Tempel auf der Plattform, ragte rechts von ihnen auf, unendlich viel überwältigender als bei Tage: ein phantastischer, trostlos schimmernder Turm aus grauem Eis. Dahinter, verdeckt von feinem Nachtnebel, lag der blutgetränkte Tempel der Krieger mit seinen »Tausend Säulen«. Direkt vor ihnen befand sich der gewaltige Ballspielplatz, und überall um sie herum, unsichtbar, aber dennoch zu spüren, der Dschungel, der nur den rechten Augenblick abwartete, darauf lauerte, alles wieder zu verschlingen, wenn der Zyklus der Zeit es befahl.
Es reichte aus, um Julie abrupt zum Stehenbleiben zu veranlassen. »Oh, mein Gott«, sagte sie leise. »Sieh dir das nur an!«
Gideon drückte ihre Hand. Auch er ließ sich noch von Gefühlen überwältigen.
Zu ihrer Linken besaß alles freundlichere, menschlichere Proportionen. In zwei langen Reihen standen dort ramponierte, metallene Klappstühle auf dem Gras, die grell, aber nicht sonderlich effektiv von einer einzelnen Lampe dahinter beleuchtet wurden. An einem Ende der Stuhlreihen stand ein Wagen, an dem Soft-Drinks und Süßigkeiten verkauft wurden. Die meisten Stühle waren bereits von Leuten besetzt, die extra wegen der Show mit Bussen aus Mérida herangekarrt wurden, und der Boden war übersät mit Papier und Plastikbechern, von denen einige vermutlich noch von der spanischsprachigen Vorführung um sieben stammten.
Die einzigen beiden freien Sitzplätze nebeneinander, die Gideon und Julie finden konnten, befanden sich am anderen Ende der zweiten Reihe, direkt neben Jared und der gestreßten Frau.
»Krieg ich denn überhaupt keine Süßigkeiten, oder was?« quengelte der Junge, als sie sich setzten. »Wie wär’s mit einem Mars?«
Die Frau stöhnte leise, stand aber trotzdem sofort auf.
»Und eine Coke oder so!« brüllte der Junge ihr nach. Dann drehte er sich zu Gideon und Julie. »Das ist meine Mutter«, verkündete er. »Ich wohne in Puerto Vallarta, wenn ich bei ihr bin, aber im Sommer bin ich immer bei meinem Dad in Connecticut. Sie sind geschieden.«
»Zu blöd«, meinte Julie.
»Ist schon okay, macht mir nichts aus«, sagte er großzügig. »Haben Sie die Show schon mal gesehen? Wir haben sie uns erst gestern angeschaut. Echt beeindruckend. Meine Mom hat’s total fertiggemacht.«
»Wie nett«, sagte Julie nach kurzem Zögern.
»Besonders die Stelle mit den Opfern. Echt ätzend. Ich sag Ihnen Bescheid, wenn’s soweit ist.«
»Ist schon okay«, meinte Gideon. »Brauchst dir keinen abzubrechen.«
»Ach, sowieso nicht. Ich sag Ihnen auch, wann Sie sich die Ohren zuhalten müssen. Die Musik wird ganz schön laut.«
Gideon schaute sich um, hoffte, daß vielleicht doch noch irgendwo zwei Stühle frei waren, die sie übersehen hatten, aber inzwischen waren alle Plätze besetzt.
»Wissen Sie, wie ein Mann in unserem Hotel die Stadt hier nennt?« fragte der Junge und kicherte. »Chicken Pizza.« Er zappelte vor Vergnügen.
Die Frau kehrte mit einer Flasche Coca-Cola und einem Schoko-Riegel zurück. Die Flasche wurde kommentarlos angenommen, nicht aber der Riegel.
»Snickers?« sagte der Junge voll fassungsloser Empörung. »Du hast mir ein Snickers mitgebracht?«
»Jared«, sagte sie müde, »wir sind hier in Mexiko. Hier gibt’s nicht die gleichen Süßigkeiten wie bei uns. Was stimmt denn nicht mit einem Snickers? Snickers sind gut. Ich mag Snickers.«
»Ich auch«, mischte Gideon sich ein – der große Rächer der Enterbten.
Die einzelne Lampe hinter ihnen verlosch. Aus einem Lautsprecher begann eine Trompete eine unheimliche, einsame Melodie zu jammern. Die Zuschauer verstummten bis auf Jared, der mit seiner Mutter noch nicht fertig war.
»Du weißt genau, daß ich Snickers nicht ausstehen kann.«
»Das«, flüsterte Gideon Julie ins Ohr, »hat man davon, wenn man ein Kind ›Jared‹ nennt.«
»Jared«, sagte seine Mutter, »es wird von derselben Firma hergestellt, die auch Mars macht. Guck dir die Verpackung an.«
Jared fand diese Art Logik nicht überzeugend. »Ich hasse das Zeug.«
»Jared, wie sollen wir das jetzt klären?«
»Überhaupt nicht«, brummte er.
»Jared …«
Gideon packte Julies Hand, und zusammen flohen sie durch die Dunkelheit zu dem etwa dreißig Meter entfernten Ballspielplatz. »Wir können uns auf die Stufen setzen«, flüsterte er. »Der Blick ist von dort sowieso besser.«
Das tlachtli-Feld von Chichén-Itzá ist der beeindruckendste Ballspielplatz des alten Mexiko und besteht aus einer riesigen Freifläche von gut 160 Metern Länge (»fast zwei Football-Felder lang«, worauf hinzuweisen amerikanische Reiseführer nicht müde werden) und knapp 70 Metern Breite, umschlossen von zwei massiven, hohen parallelen Wällen, in deren Mitte und quer zur Mauer in 7,25 Meter Höhe über dem Boden ein schwerer Steinring angebracht ist. Hier spielten die Maya ihr kultisches Spiel namens pok-a-tok, bei dem die beiden Mannschaften versuchten, einen schweren Hartgummiball durch einen der Ringe zu schleudern. Je nachdem, wem man Glauben schenkte, hatten die Sieger entweder die Möglichkeit, ihre Köpfe zu behalten, oder aber sie verzichteten vergnügt auf selbige und gingen als Helden, um für immer mit den Göttern zu leben.
Am Südende einer dieser Mauern – der den Klappstühlen am nächsten liegenden – gibt es eine Treppenflucht nach oben. Dorthin gingen Julie und Gideon, setzten sich auf die unterste Stufe, als die schwermütige Melodie langsam verhallte.
»Willkommen«, dröhnte eine hallende Stimme mit starkem Akzent, »zur untergegangenen, geheimnisvollen Welt der alten Maya. Heute abend werden Sie etwas über die Frühzeit unserer Väter und Vorväter erfahren, über die Zeit, bevor die Fremden kamen, über die Zeit der heiligen Stätten: von Zubinche und Timozon, von Zizal und Cumcanul, und von der großen Stadt, bekannt als die Stadt am Rande des Brunnens der Itzá … CHI-CHEN-ITZA!«
Die trägen, melodischen Worte glitten auf der feuchten Brise in den Dschungel, und sie blieben in düsterer Stille zurück.
Dann, lauter diesmal, hallte die Stimme wieder. »Sehet«, donnerte sie, »sehet die Wunder unserer Vorfahren!«
Ein ohrenbetäubender Trommelwirbel, und abrupt sprang ihnen der Castillo wie ein kolossaler, facettierter Kristall entgegen, getaucht in grelles Licht, scheinbar aus sich selbst heraus glühend. Die große Steintreppe war strahlend blau, der massige Rumpf der Pyramide ein helleres Unterwasser-Türkis. Der Tempel des Kukulcán auf der Plattform war papageiengrün, sein Inneres – zu sehen durch das rechteckige Portal – ein kochendes, den Blick fesselndes Purpurrot. Die Sterne, der Dschungel, die restlichen Gebäude verschwanden angesichts dieser Brillanz, als wäre ein gewaltiger Vorhang aus schwarzem Samt gefallen.
Bei diesem Anblick kam von den Zuschauerreihen ein leises, kollektives Luftschnappen, und Julie umklammerte unwillkürlich Gideons Hand.
»Ich bin nicht sicher«, sagte sie, »aber könnte gut sein, daß mich das hier auch total fertigmacht.«
Gideon lachte. Ihm selbst war auch schon wieder langsam ein eiskalter Schauer zwischen den Schulterblättern hochgekrochen und hatte die Haare auf seinem Nacken aufgerichtet. Begleitet wurde dies von einem leichten Schuldgefühl. Professionelle Anthropologen sollten eigentlich keine Gänsehaut kriegen von gefühlsduseligen, überlauten Ausstattungsstücken, bestehend aus unechter Musik, geheuchelter Geschichte und bedeutungslosen bunten Lichtern.
»Ich werde mir den Rest der Show von oben ansehen«, sagte er zu Julie. »Kommst du mit?«
Sie warf einen Blick auf die schmale, geländerlose Steintreppe, die selbst an den Verhältnissen der Maya gemessen recht steil war. »Da rauf? Im Dunkeln? Bist du verrückt?«
»Also, ja, ich glaube, ich gehe rauf. Der Ausblick müßte phantastisch sein.«
»Sei aber vorsichtig, hörst du?«
Das war er auch; er kletterte behutsam auf allen vieren und drückte sich mit der Rechten gegen die Wand, wie es die meisten Besucher selbst am Tage taten. Die Treppe befand sich an der Außenseite der Mauer; zu seiner Linken ging es mörderisch steil nach unten auf eine breite steinerne Plattform. Der Ausblick von oben erfüllte alles, was er sich erhofft hatte, bot ihm einen ungehinderten Blick auf jedes Gebäude auf dem Platz, während die Show weiterging, das Licht von einer Ruine zur nächsten wanderte. Er machte es sich auf der obersten Stufe bequem, stützte sich auf die Ellbogen und lauschte nur mit einem Ohr auf den langatmigen Monolog.
»… der schreckliche Gott Chac-Mool, der die tropfenden, den rituellen Menschenopfern frisch herausgerissenen Herzen empfing …«
Die sonore Stimme bebte und schraubte sich in die Höhe, während die Scheinwerfer das ausdruckslose Gesicht der auf dem Rücken liegenden Chac-Mool-Figur auf dem Tempel der Krieger aus dem Dunkel holten und dann zu der Plattform der Schädel weiter wanderten. »… deren Köpfe anschließend hier, auf dem tzompantli, zu Ehren der alten Götter aufgespießt wurden.«
Gideon selbst hatte es sich an der Flanke eines der berühmteren Gebäude in Chichén-Itzá bequem gemacht: dem Tempel der Jaguare, den die siegreichen Tolteken als Eroberer über dem bestehenden Wall des alten Ballspielplatzes als eigenes Heiligtum errichtet hatten. Wandbilder im Inneren zeigen die Unterwerfung der Stadt. Der Eingang wird durch einen kleinen Portikus gebildet, dessen Öffnung zum Ballspielplatz und nicht zu den anderen Gebäuden zeigt und dessen schwerer Sturz auf die dramatische Art der Tolteken von zwei Schlangensäulen getragen wird – dicke Steinsäulen in Gestalt gefiederter Schlangen, deren ein Meter hohe Köpfe mit den Giftzähnen als Sockel fungieren, während ihre erhobenen Schwänze das Dach stützen.
Die Show ging weiter, und am Rande seines Blickfeldes konnte Gideon nur wenige Meter entfernt die Lichtreflexe über die phantastischen Köpfe der Schlangen spielen sehen, so daß sie sich zu winden und zu dehnen schienen – ein weiterer netter Stimulus für seine höchst unprofessionelle Gänsehaut. Alles in allem genoß er die Show sehr.
»Und so verabschieden wir uns schließlich von dieser vergangenen Zeit der Größe«, intonierte die Stimme in ihrem bedächtigen Singsang. »Lebewohl den Tolteken und den Maya, Lebewohl Quetzalcoatl und Kukulcán. Lebewohl … CHI-CHEN ITZA!«
Der schamlose Lärm der Trompeten und Trommeln schwoll zu einem ohrenbetäubenden Finale, und die gesamte westliche Hälfte des Komplexes wurde abrupt in ein atemberaubendes Relief verwandelt: blau, grün, orange, rot, gold, violett. Ein paar Meter von Gideon entfernt, nur aus den Augenwinkeln heraus gesehen, stürzten sich die gefiederten Schlangen sehr realistisch aus den Schatten.
Er drehte scharf den Kopf. War da noch etwas gewesen? Hinter den Säulen, war da gerade nicht eine Bewegung gewesen, ein …
Unvermittelt endete die Musik, und die Scheinwerfer verloschen, tauchten alles in tiefe Schwärze und Stille. Er konnte nichts mehr sehen. Aber dort war jemand, stand in dem Portikus. Gideon spannte sich an, spitzte die Ohren.
»Wer ist da?« rief er. »Quien es?«
Nichts. Nur die pulsierenden Nachbilder der Lichter, die Echos der Trompeten. Er regte sich nicht und wartete; blind und taub.
Und dann ein äußerst unerquickliches, leise klirrendes Geräusch, Metall gegen Metall – kaum hörbar und unheimlich. Eine Kette? Bewegte da jemand eine schwere Kette in der Hand? Verstohlenes Scharren eines Schuhes auf Pflaster.
Gideon hatte sich noch nicht wieder aufgerichtet, aber jetzt wirbelte er instinktiv von dem Eindringling fort, rollte sich auf die rechte Seite, auf den Rand der Mauer zu. Irgend etwas schlug schwer gegen seine Schulter, doch der Aufschlag wurde durch seine wegrollende Bewegung gedämpft. Ein Fuß – er glaubte, es wäre ein Fuß – erwischte ihn schmerzhaft hinter dem Ohr, trat dann wieder gegen seinen Kopf.
Er drehte sich weiter fort, aber er wußte, daß er sich schrecklich nahe am Ende der Mauer befand. Ohne etwas sehen zu können, klammerte er sich mit der linken Hand an das Pflaster, um Halt zu finden, aber da war nichts; sein Arm griff unerträglich ins Nichts. Er befand sich direkt an der Kante, lag ausgestreckt auf dem Bauch, hing zwölf Meter über einem steinernen Vorsprung. Fieberhaft tasteten seine Finger über die senkrechte Fläche, fanden eine rauhe Erhebung, gegen die er sich abstützen konnte. Seine andere Hand, die rechte, lag unter ihm. Wieder vergrub sich, mit gräßlicher Wucht, ein Fuß in ihn, diesmal oberhalb der Nieren, und dann noch mal, schlug in seine Rippen, schleuderte ihn auf den Bauch, drängte ihn über die Kante und auf die steinerne Terrasse darunter.
Gideon drückte sich mit aller Kraft auf das Mauerwerk, versuchte zu verhindern, daß er herunterfiel. Er stützte sich gegen den Vorsprung ab, riß den rechten Arm unter sich frei und drehte sich blitzschnell auf die linke Seite, zu der Gestalt hin, die er immer noch nicht sehen konnte.
Im gleichen Augenblick hörte er wieder dieses kettenähnliche Geräusch, und ein Schwirren, und dann ein bleiernes Penggg, als fünf Zentimeter von seinen Augen etwas auf den Stein krachte, genau dort, wo nur einen Augenblick zuvor sein Kopf gewesen war. Winzige Steinsplitter prasselten ihm gegen die Stirn. Eine Hand packte unbeholfen nach seinem Kragen, drehte den Stoff zusammen. Ohne sehen zu können, schlug Gideon nach oben und erwischte seinen Angreifer mit dem Unterarm quer über die Hüfte. Es war ein verzweifelter Rückhandschlag ohne viel Kraft, aber er verriet ihm, wo die Gestalt stand, und der nächste Schlag zielte auf die Brustmitte, oder doch zumindest dorthin, wo er hoffte, daß sich die Brustmitte befand. Hinter diesem Schlag steckte die ganze Kraft seiner muskulösen Schultern. Er spürte das flexible Brustbein unter seiner Faust nachgeben, hörte den vollen, satten Aufschlag.
»Auh!« Mit dem erschreckten Keuchen schlug Gideon eine warme Weinfahne ins Gesicht. Die klammernde Hand ließ seinen Kragen los, und die Gestalt stolperte zurück – ein paar Schritte, so hörte es sich wenigstens an.
Gideon sprang schnell auf, kauerte sich hin, die Fäuste immer noch geballt, bereit für den nächsten Angriff. Er konnte immer noch nichts sehen, und alles, was er hörte, war das Pochen des Blutes in seinen Ohren. Ihm war übel, und er fühlte sich wacklig auf den Beinen, war aber nicht sicher, wie weit er von der Kante entfernt war. Er leckte sich über die Lippen. Seine Kehle war ausgetrocknet.
»Gideon!« Es war Julies besorgte Stimme vom Fußende der Stufen. Er registrierte, daß sie bereits das zweite Mal nach ihm gerufen hatte. »Was ist da oben los? Ist mit dir alles in Ordnung?«
Und jetzt hörte er auch, wie sein Angreifer entlang der langen Mauer von ihm fortstolperte, wie sich die Schritte schnell entfernten. Blind begann Gideon die Verfolgung, doch schon bei seinem zweiten Schritt stolperte er über einen der Schlangenköpfe und mußte sich daran festklammern, um nicht auf den Steinvorsprung darunter zu stürzen. Er hielt sich keuchend und mit zunehmender Übelkeit fest. Aber wenigstens kehrte jetzt allmählich sein Sehvermögen zurück. In der Ferne, auf halber Länge der Mauer, konnte er jemanden über die uralten Steine fliehen sehen, tief gebeugt wie ein Affe unter dem verschwommenen, flachen Band der Milchstraße. Gebeugt vor Schmerz, wie er hoffte.
»Ja«, antwortete er Julie. »Alles okay. Bin gleich da.« Aber sie war bereits auf dem Weg nach oben, und als er endlich wieder sicher genug auf den Beinen war, um die Skulptur loszulassen und sich von der Kante fortzuschieben, stand sie neben ihm.
»Gideon … mein Gott, was …«
»Schon okay, Julie. Mit mir ist alles in Ordnung. Der Kerl hat mir nur eine Scheißangst eingejagt, das ist alles. Jetzt ist er weg.«
Besorgt musterte sie sein Gesicht. »O Gott, geht’s wieder?«
Er nickte. »Abgesehen von einer Stelle, wo er mir gegen den Kopf getreten hat, oder wo ich Tritte in die Rippen abbekommen habe und ein paar Schrammen hier und da, doch, ja, mir geht’s blendend.« Er grinste, aber es kam ihm selbst nicht besonders überzeugend vor. »Mit anderen Worten: Mir geht’s Scheiße.«
»Setz dich«, sagte sie, nahm ihn mit beiden Händen fest am Arm und führte ihn zu einem Sitzplatz auf dem Portikus des Tempels.
»Also«, sagte sie und hielt ihn immer noch am Arm, während sie sich neben ihn setzte, »was ist passiert?«
Er erzählte es ihr.
»Bist du sicher, daß du nicht verletzt bist?«
»Absolut. Nur ein paar Schrammen und blaue Flecke.«
»Gott sei Dank. Hat er deine Brieftasche erwischt?«
»Nein, ich glaub auch nicht, daß er daran interessiert war.«
Sie sah ihn fragend an. »Woran dann?«
»Ich hatte den Eindruck, er hat versucht, mich umzubringen.«
Sie starrte ihn weiter an und beschloß dann, es dabei zu belassen. »Und du hast ihn nicht sehen können?«
»Nein, ich konnte gar nichts sehen. Er hat mich genau in dem Augenblick angesprungen, als die Lichter ausgingen. Es war stockdunkel.« Vorsichtig versuchte er aufzustehen und stellte fest, daß er sich wieder besser fühlte; die Übelkeit verschwand allmählich. »Ich bin wieder okay.«
Sie stand ebenfalls auf. Einen Augenblick lang schauten sie sich an und umarmten sich dann schweigend. Neben ihnen schimmerten die rissigen Säulen im Licht der Sterne.
»Ich hatte Angst«, flüsterte sie in seine Schulter.
»Kein Wunder. Ich stand selbst ein bißchen auf der Kippe.«
Ihre einzige Antwort bestand darin, sich noch ein wenig tiefer an seiner Schulter zu vergraben.
»Das war ein Wortspiel«, betonte er. »Auf der Kippe stehen.«
»Gar nicht komisch.«
»Nein, war’s nicht«, sagte er leise. »Tut mir leid.« Er streichelte ihr weiches, duftendes Haar und hielt sie noch eine Weile in den Armen. »Fühlst du dich wieder besser?«
Er spürte ihr Nicken an seiner Brust. »Komm«, sagte er, »machen wir uns auf den Rückweg.«
Julie bestand darauf, daß sie den Zwischenfall dem khakigekleideten Beamten meldeten, der den Sicherheitsdienst und die Aufsehertruppe von Chichén-Itzá in einer Person zu repräsentieren schien. Im Augenblick war er damit beschäftigt, die Stühle aufeinanderzustapeln und ein paar Leute zu verscheuchen, die nach der Vorstellung noch zusammenstanden und rauchten. Von Gideons Standpunkt aus gesehen, war das kurze Verhör nicht besonders erfolgreich, was zum einen darauf zurückzuführen war, daß sein rudimentäres Spanisch kaum ausreichte, und zum anderen, weil der Beamte andere Prioritäten hatte als er. Die meiste Zeit ging für einen ermahnenden Vortrag darüber drauf, daß er sich die Show von einem nicht genehmigten Platz aus angesehen hatte. Der Beamte notierte sich allerdings ihre Anschrift im Mayaland und versprach, einen Bericht bei den zuständigen Behörden einzureichen. Gideon würde mit Sicherheit zu gegebener Zeit von ihnen hören.
»Was den Versuch angeht, dich umzubringen«, sagte Julie auf dem Rückweg zum Hotel, »bist du wirklich sicher, daß er das versucht hat?«
»Nein«, sagte Gideon wahrheitsgemäß. »Aber um ein Haar hätte er mir mit so was wie einer schweren Kette den Schädel eingeschlagen. Und er hat sich gottverdammt viel Mühe gegeben, mich über die Kante zu treten. Wenigstens hat’s sich so angefühlt.«
»Aber warum? Welchen Grund könnte er gehabt haben? Du glaubst doch nicht …« Sie blieb stehen. »Die Drohung? Die, von der du behauptet hast, sie würde nichts bedeuten, es wäre nichts als leeres Geschwätz?«
Er zuckte mit den Achseln. »Vielleicht habe ich mich getäuscht.«
»Hast du ihn denn überhaupt sehen können? Würdest du ihn wiedererkennen, wenn du ihn noch mal siehst?«
»Nein, ich konnte nichts sehen, ich konnte nichts hören. Die ganze Sache hat mich völlig überrascht, und alles kann auch kaum länger als fünf Sekunden gedauert haben. Von denen ich die meiste Zeit damit verbracht habe, nicht über die Kante zu rollen.«
»Aber irgendwas mußt du doch erkannt haben. War er groß? Klein? Mager? Fett?«
»Ich weiß es einfach nicht. Er kam mir ziemlich stark vor, aber eigentlich gab es keine Möglichkeit, überhaupt irgendwas festzustellen. Ich habe ihn nie in die Finger gekriegt.«
Sie gingen weiter, wollten nicht zu weit hinter die Gruppe zurückfallen, die von dem Wärter vom Gelände gescheucht worden war. Gideons Ohr begann weh zu tun, seine Rippen schmerzhaft zu pochen. Die durch den Adrenalinausstoß bewirkte Betäubung begann nachzulassen.
»Ich weiß, was du jetzt denkst«, sagte sie. »Du denkst, es wäre jemand von der Crew gewesen.«
Genau das dachte er, allerdings.
Julie drehte sich mit einem Ruck zu ihm um. »Gideon, ich kann einfach nicht glauben, daß es einer von denen gewesen ist. Die Drohung – in Ordnung, das vielleicht. Aber dich dann tatsächlich anzugreifen … mit einer Kette – wie auch immer, woher wußten sie denn überhaupt, daß wir uns diese Show ansehen wollten? Wir haben es doch keinem erzählt.«
»Nein, aber jeder einzelne von ihnen hätte uns problemlos folgen können. Man hätte uns zu der Show folgen können, und dann, als ich die Treppe hinaufging, hätten sie sich leicht zur anderen Seite der Mauer schleichen, heraufklettern und sich während der Vorstellung vorsichtig oben an mich herantasten können. Und die ganze Crew war vergangene Woche bei der Show. Sie wußten genau, in welchem Augenblick ich geblendet war …«
Er seufzte. »Würdest du sagen, meiner Argumentation mangelt es an einer gewissen Plausibilität?«
»Nur ein bißchen.« Sie drehte den Kopf und schaute zu ihm auf. »Gideon, werd jetzt bitte nicht gleich wütend, aber klingt das nicht auch für dich ein klitzekleines bißchen paranoid? Du kannst doch nicht mal mit Sicherheit sagen, ob es ein Amerikaner war. Vielleicht war es jemand, dem du noch nie begegnet bist. Irgendein Verrückter oder ein Besoffener oder ein Drogensüchtiger, der die Nacht dort oben verbracht hat.«
Gideon dachte darüber nach. »Ja, so könnte es natürlich auch gewesen sein.«
»Ist das nicht eine viel vernünftigere Erklärung?«
Gideon faßte sie um die Taille. »Ja«, sagte er mit einem Lächeln. »Stimmt.«
»Immerhin hast du selbst gesagt, du hättest eine Weinfahne gerochen, stimmt’s?«
»Ja, stimmt.«
»Und wenn’s nur ein paar Sekunden gedauert hat, bis du ihn verjagt hast, und es dunkel war und du dich gewehrt hast, woher willst du wissen, daß er nicht doch einfach nur versucht hat, dich auszurauben?«
»Du hast recht, ich weiß es nicht.«
»Und glaubst du das alles wirklich, oder läßt du mir einfach nur meinen Willen?«
»Ich lasse dir nur deinen Willen«, sagte Gideon. »Jemand hat versucht, mich umzubringen.«
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