Fluch
Kapitel 6
Aber diesmal war es keine Übertreibung. Die Ausgrabung in Tlaloc war verflucht worden, buchstäblich und ausdrücklich. Im sechzehnten Jahrhundert. Von den Maya.
Und sollte daran ein Zweifel bestehen, hatten sie eine schriftliche Kopie des Fluches hinterlassen. Worthy berichtete ihnen die Einzelheiten, als er den hellbraunen VW-Bus anließ, der bei der Ausgrabung als allgemeines Transportmittel diente.
»Wir haben sie gefunden, als wir angefangen haben, das Haus des Priesters freizuräumen. Im Eingang war eine Nische, direkt neben dem neuen Skelett, und dort haben wir eine kleine, in Baumrinde eingewickelte Schrift gefunden. Ein Fluch«, sagte er mit einer Grimasse, als sei sie als persönlicher Affront gegen Worthy Partridge dort hingelegt worden.
»Hmmm«, machte Gideon, schaute dabei verträumt aus dem Fenster.
Als er diese scheußlichen Erinnerungen wieder ans Licht gezerrt hatte, hatte er sich eine Weile lang gefragt, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war zurückzukehren. Doch jetzt, als er sah, wie die gepflegten, weißen, ordentlich aufgereihten Vororte von Mérida allmählich übergingen in den prächtigen Dschungel und die riesigen Agaven-Anpflanzungen auf den aus der Kolonialzeit stammenden, einst prachtvollen, aber heute romantisch verfallenden Haziendas, fand er ganz und gar nicht mehr, daß es eine schlechte Idee war. Nach den gedämpften Grüntönen des pazifischen Nordwestens leuchteten hier die Farben erstaunlich hell und unterschiedlich unter der messingfarbenen mexikanischen Sonne, und selbst die Wärme – schwül, allerdings nichts im Vergleich zu der den Verstand raubenden Hitze des Juni – war nur ein kleineres Ärgernis.
»Eine Schrift?« fragte Julie. »Sie meinen, ein Kodex?«
»Nein, meine ich nicht«, erwiderte Worthy unsicher. »Dr. Goldstein sagt, sie wäre eher wie die Bücher von Chim Born Born oder irgendwem. Sis Buum Bah, Rin TinTin, irgend so ein völlig absurder Name.«
»Die Bücher von Chilam Balam«, sagte Gideon. »Bücher aus der Zeit nach der spanischen Eroberung, geschrieben von Maya auf spanischem Papier. Die Konquistadoren lehrten die eingeborenen Schriftgelehrten, wie sie mit Hilfe der europäischen Schrift die Sprache der Maya niederschreiben konnten. Der Hintergedanke dabei war, ihnen leichter die christliche Lehre beibringen zu können, aber natürlich ergriffen die Maya sofort die Gelegenheit beim Schopf, alles mögliche aufzuschreiben.«
»Moment mal«, sagte Julie. »Ich spüre, wie eine ignorante Frage ihr Haupt erhebt. Konnten sie denn nicht längst schreiben? Was ist mit diesem Kodex? Was ist mit den Kalendern, die sie in Stein gemeißelt haben?«
»Das sind nur Hieroglyphen«, erklärte Gideon. »Eigentlich Bilder oder extrem vereinfachte Symbole – ein Punkt steht für eins, zwei Punkte stehen für zwei. Das Bild eines Hauses bedeutet Haus. Sie sind erheblich primitiver als die gesprochene Sprache – eine Art Kurzschrift –, und eine Menge Dinge konnten sie damit nicht ausdrücken. Außerdem sind die Schriftzeichen für uns erheblich schwerer zu verstehen; den größten Teil können wir heute noch nicht entziffern. Aber die anderen Bücher kann jeder übersetzen, der die alte Sprache der Maya beherrscht. Es ist wirklich faszinierend …«
Er bremste sich und sprach nicht weiter. Unaufgefordert Vorträge zu halten, war eine der mit der Tätigkeit eines Professors verbundenen Gefahren, der er leicht zum Opfer fiel. »Um was für eine Art Fluch handelt es sich denn?« fragte er Worthy. »Wie genau lautet er?«
»Ach, der typische Feld-Wald-und-Wiesen-Fluch eben«, meinte Worthy achselzuckend. »Sie wissen schon, ›Wer den heiligen Tempel entweiht, wird eines schrecklichen Todes sterben.‹ Diese Professorin Garrison aus Tulane hat an der Übersetzung gearbeitet, und mehr will sie keinem sagen, bis sie ganz fertig ist. Wissenschaftler«, schloß er, »sind Primadonnen.«
Wie üblich hatte es ein Worthy-Partridge-Diktum so an sich, eine Unterhaltung schlagartig zu beenden, und Julie und Gideon lehnten sich zurück, um die an ihnen vorbeigleitende Landschaft zu genießen. Inzwischen waren sie tief im Land der Maya: dichter, buschiger Dschungel und winzige Dörfer am Straßenrand mit Namen wie Xlokzodozonot, Xlacab und Tsukmuk – Ansammlungen von zwanzig oder dreißig primitiven, strohgedeckten Häusern mit Wänden aus Ried oder Stuck. Keine Toiletten, kein fließendes Wasser. Die meisten besaßen keine Türen, so daß die drei in ihrem vollklimatisierten Kastenwagen im Vorbeifahren hineinschauen und einen Lehmboden, ein paar Möbel, eine Hängematte, das eine oder andre nackte Kind sehen konnten. Schweine, Hühner und magere Hunde streiften ziellos über die Landstraße und erwiesen dem Verkehr nichts als Verachtung.
Worthy persönlich nahm das Gespräch wieder auf, aber viel besser war das auch nicht. »Sie ist mit der Übersetzung schon fertig, aber wir mußten rumsitzen und Däumchen drehen, um auf Sie zu warten, nur weil Dr. Goldstein Sie unbedingt dabeihaben wollte.«
Paaf!
Gideon versuchte, das Gespräch am Laufen zu halten. »Was macht die Schriftstellerei, Worthy? Arbeiten Sie immer noch an dieser Serie über das kleine Mädchen aus Finnland und ihren Fisch?«
»Es war Island. Nein, ich spiele mit dem Gedanken an eine neue Abenteuerserie mit den Helden Paco und Pablo – zwei kleine Jungs aus der Zeit der alten Maya. Was halten Sie davon?«
»Äh … ich will ja keine Haarspalterei betreiben, aber ich weiß, daß Sie immer gern genau sein wollen, und Paco und Pablo sind keine alten Maya-Namen. Das sind spanische Namen.«
Worthy bedachte ihn mit einem kurzen, ätzenden Blick. »Was würden Sie denn vorschlagen? ›Zactecauh und Yxcal Chac gehen auf die Fiesta‹? ›Ahpop Achih und Gucumatz finden einen Freund‹?«
Gideon seufzte und konzentrierte sich wieder auf die Landschaft.
Bei einem Schild mit der Aufschrift »Chichén-Itzá, Zona Arqueológica« wich Worthy einem Truthahn aus, der gemächlich an irgend etwas in einem Schlammloch pickte, und bog nach links ab.
»Chichén-Itzá?« sagte Julie. »Fahren wir nach Chichén-Itzá?«
»Nein«, erklärte Gideon. »Wir fahren zum Hotel Mayaland, das unmittelbar am Nebeneingang von Chichén-Itzá liegt. Dort wohnen wir alle. Tlaloc ist weniger als eine Meile entfernt, Richtung Norden.«
Fünf Minuten später hielten sie vor dem länglichen gelben Hauptgebäude des Hotels. Gideon verband angenehme Erinnerungen damit: eine willkommene Oase der Sauberkeit und Zivilisation in einem der unterentwickeltsten Gebiete Mexikos. Durch den großen Eingangsbogen und die elegante offene Lobby konnten sie auf eine lange Veranda blicken, die mit glänzenden Fliesen ausgelegt und von Säulen gesäumt war. Unter den großen, vom Dach der Veranda hängenden Laternen saßen Hotelgäste an niedrigen Glastischen und nippten an Cocktails.
»Na, gefällt’s dir?« fragte er, als sie aus dem Wagen stiegen.
Julie schaute sich weiter um. Kleine, dunkelhäutige Kellner in weißen Jacken flitzten zwischen den Tischen umher, schlängelten sich zwischen üppigen Topfpflanzen hindurch. An der Freiluft-Rezeption checkte gerade eine ausgelassene Gruppe deutscher Touristen ein.
»Aaah«, sagte sie schließlich, »der Dschungel. Dieses rauhe, brütende, primitive Gefühl der Abgeschiedenheit …«
Auf der Kommode in ihrem Zimmer erwarteten sie ein Weidenkorb voll gelber Dahlien, ein Eiskübel mit braunen Flaschen Montejo, dem leicht bitteren einheimischen Bier, ein weiterer Eiskübel mit Gläsern und eine kurze Nachricht von Abe: »Willkommen in Yucatán. Wieso habt ihr so lange gebraucht? Ruht euch aus, wascht euch, setzt euch auf den Balkon, trinkt ein paar Bier. Und laßt mir auch eins übrig. Ich komme um fünf vorbei.«
Sie gehorchten seinen Anweisungen aufs Wort, und um Viertel vor fünf saßen sie auf schmiedeeisernen Schaukelstühlen auf dem geräumigen, schattigen Balkon vor ihrem Zimmer, neben sich ihr zweites Bier. Sie hatten geduscht und sich umgezogen, und jetzt wippten sie zufrieden vor und zurück, atmeten in tiefen Zügen die dicke, duftende Luft und lauschten dem Kichern unbekannter Vögel in den Bäumen.
Ihr Zimmer lag im ersten Stock und bot einen Blick auf die üppige Vegetation des prächtigen alten Hotels – ein Dschungel, aber ein für ein verwöhntes Publikum gezähmter, geordneter Dschungel. Steinwege schlängelten sich von dem gelben, maurisch wirkenden Hauptgebäude zu den umliegenden Bungalows, durch dichte Wäldchen von Tzapotl-Bäumen, Akazien und Königspalmen, von denen manche dreißig Meter hoch und deren Wedel und Äste mit Kletterpflanzen und Blüten überzogen waren. Hier und da, versteckt hinter Gruppen von Bougainvilleen und Frangipani, lagen stille Springbrunnen. Auf Höhe des Balkons breiteten sich vor ihnen die mächtigen Äste eines Ceiba-Baumes aus, in dessen feuchten Gabelungen und Vertiefungen sich überall Pflanzen festgesetzt hatten: stachlige, blühende Gewächse, Orchideen, die ihre eigenen kleinen Stämme hatten, Miniatur-Bananenstauden. Bäume, die aus Bäumen wuchsen.
Dazu passend wehten von der Veranda leise Gitarrenakkorde einer Serenade für die Hotelgäste zu ihnen herauf. Selbst die gelegentlich zu hörenden, gedämpften Gesprächsfetzen beim Cocktail, hauptsächlich in Deutsch oder Englisch, vermittelten ein Gefühl zivilisierter Muße, die ihnen nach einer schmuddeligen, anstrengenden Reise, die um fünf Uhr morgens begonnen hatte, mehr als willkommen war. Natürlich war das Mayaland in den dreißiger Jahren für unerschrockene, reiche Besucher des nahegelegenen Chichén-Itzá erbaut worden. Es war ein reiner Glücksfall, daß es so nahe an dem lange versteckten Tlaloc lag und der Expedition als Basis dienen konnte.
Julie lehnte sich in ihrem Schaukelstuhl zurück und legte die Füße auf den niedrigen Glastisch.
»Aaah«, sagte sie, »das wahre Yucatán. Der Dschungel, der wilde, primitive, elementare …«
Gideon lachte. »Sei doch kein Langweiler. Irgendwo muß man schließlich leben, weißt du, sogar bei einer Ausgrabung, und weil das Mayaland nun mal so günstig liegt und es hier für gewöhnlich immer ein paar freie Zimmer gibt …«
»Ja, aber bevor ich dich kennengelernt habe, war ich so naiv, daß ich allen Ernstes geglaubt habe, echte Anthropologen kampierten in Zelten und lebten von dem, was das Land zu bieten hat – von Schlangen und Kröten. Meine Güte, ich hatte ja keine Ahnung, daß sie statt dessen in internationalen Luxus-Ferienanlagen absteigen.«
»Tja, also, natürlich würden Abe und ich, da wir ja nun mal echte Anthropologen sind, lieber in einem schlammigen cenote baden und Leguane verspeisen, aber natürlich müssen wir auch an unsere Amateure denken, die möglicherweise nicht so wie wir an das primitive Leben gewöhnt sind.«
»Klar«, meinte Julie. »Genau.« Sie tastete nach ihrem Glas. Gideon nahm es und drückte es ihr in die Hand, und so saßen sie in friedlichem Schweigen beieinander, bis Abe genau um fünf an die Lamellentür des Zimmers klopfte.
Er war so dünn und lebhaft wie immer. Vielleicht ein wenig lebhafter, so als hätte das zweiwöchige Stöbern in den durcheinandergewürfelten Steinhaufen Tlalocs unter der Sonne Yucatáns seiner Arthritis gutgetan, was zweifellos auch der Fall war. Seine wäßrig blauen Augen funkelten klug und humorvoll über der rechteckigen Brille; in letzter Zeit hatte er sich angewöhnt, sie zu tragen – die meiste Zeit auf der Nasenspitze und die restliche Zeit an einer schwarzen Kordel um den Hals. Letzteres, nachdem er seine Lesebrille ein Vierteljahrhundert in der Tasche bei sich gehabt und nach ihr gewühlt hatte, wenn er sie brauchte. Das war eine der sehr wenigen Konzessionen an das Alter, die er Gideons Wissen nach machte.
»Also«, sagte er nach der einleitenden Begrüßung und nachdem Gideon ihm ein Glas Bier eingeschenkt hatte und sie es sich wieder auf dem Balkon bequem gemacht hatten, »was hältst du von unserem Fluch?« Im Sonnenlicht wirkte seine prächtige graue Mähne wie ein Heiligenschein.
»Ich kann die blöden Witze kaum erwarten«, erwiderte Gideon. »Wann immer jemand einen Bleistift zerbricht oder eine Kelle verlegt, ist es der Fluch von Tlaloc gewesen. Wann wird Garrison ihre Übersetzung präsentieren?«
»Nach dem Abendessen. Um acht.« Er beugte sich vor, hielt das Glas in beiden Händen. »Stell dir vor! Das Institut hat seine Meinung geändert. Wir dürfen wieder unter dem Tempel graben. Ich schätze, ich habe sie am Ende doch noch überzeugt.«
»Ist ja toll! Meine Glückwünsche!«
Als das Instituto Nacionalde Antropologia e Historia der Horizon erlaubt hatte, die Ausgrabungen in Tlaloc wieder aufzunehmen, war der Tempel der Eulen, wo der Kodex gefunden (und prompt wieder verloren) worden war, ausdrücklich ausgeklammert worden. Er sollte verschlossen und tabu bleiben, eine Art Schrein der Missetat. Gideon wußte, daß Abe all seinen Einfluß geltend gemacht hatte, um das zu ändern. Er war mehrere Tage in Mexico City gewesen und hatte ein überzeugendes Argument vorgebracht: irgendwo war ihm ein fast unbekanntes Werk des französischen Künstlers und Forschers Jean Frédéric de Waldeck in die Hände gefallen, in dem eine zerfallene, geplünderte Tempelpyramide der Maya skizziert war, auf die er im Hochland Guatemalas gestoßen war. Das Gebäude war nahezu identisch mit dem Tempel der Eulen – Treppenschacht über zwei Etagen, versiegelter Raum auf dem Absatz.
Mehr noch, de Waldeck hatte am Fußende der Treppe eine zweite versiegelte Kammer gefunden, bedauerlicherweise ebenfalls aufgebrochen und ausgeräumt. Bedeutete dies, daß es eventuell auch in Tlaloc noch eine zweite versiegelte Kammer gab, unter dieser ersten und nun durch den Schutt des Einsturzes unzugänglich? Wenn dem so war, was mochte sie in Anbetracht des phantastischen Fundes in der darüber liegenden Kammer nicht erst enthalten? Natürlich kannte niemand die Antwort (und Graf de Waldeck war dafür bekannt gewesen, daß sein romantischer Enthusiasmus in der Regel seine Liebe zu den Fakten überflügelte), aber Gideon war überzeugt, daß den Leuten des Instituts bei Abes Darlegungen der Mund wäßrig geworden sein mußte.
»Das ist ja wunderbar, Abe«, sagte Julie. »Vielleicht gelingt es Horizon ja doch noch, Pluspunkte zu sammeln.«
Mit auf die Seite gelegtem Kopf schien Abe diese harmlosen Worte abzuwägen. »Vielleicht«, sagte er finster, »vielleicht auch nicht.« Er leerte sein Bier. »Falls ihr nach eurer Reise nicht zu müde seid, wie wär’s mit einem kleinen Spaziergang zur Ausgrabungsstelle? Wenn wir sofort losgehen, sind wir noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück.«
»Wahnsinnig gern!« sagte Julie.
»Gut. Gideon, ich möchte, daß du dir etwas anschaust.«
Gideon runzelte die Stirn. »Stimmt irgendwas nicht, Abe?«
»Das«, sagte Abe, »wüßte ich gern von dir.«
Wie viele Ruinen in Yucatán war es nichts Großartiges, absolut nicht vergleichbar mit Coba oder Chichén-Itzá oder Uxmal. Ein quadratischer zeremonieller Platz mit einer Seitenlänge von etwa neunzig Metern und sechs mehr oder weniger intakten Gebäuden. Auf dem größten standen sie jetzt, der Pyramide der Eulen, doch für Maya-Verhältnisse war es kaum imposant: eine gedrungene, abgeflachte Pyramide von gerade mal zwölf Metern Höhe, deren breite, zerfallende Treppe aus steinernen Stufen einen bequemen Neigungswinkel von fünfundvierzig Grad aufwies, statt der üblichen schwindelerregenden, beinahe senkrechten Steigung.
Als sie die Plattform der Pyramide erklommen hatten, drehten sie sich um und betrachteten das unter ihnen liegende Panorama des Ortes. Nach fünfeinhalb Jahren hatte sich nicht viel verändert. Nur der zweieinhalb Meter hohe Maschendrahtzaun, der alles einfaßte, war neu. Wenige Monate nach Schließung der Ausgrabung war er von der Regierung errichtet worden.
Sie schauten nach Westen in einen frühen Abendhimmel, dessen Farbe gerade von Blaßblau zu einem satten, rotgestreiften Mauve wechselte. Unter ihnen lagen die Ruinen der Gebäude, warfen lange Schatten und waren anscheinend willkürlich an den Seiten des grasbewachsenen Platzes verteilt: der dicht überwucherte Würfel des Priesterhauses, in dem das frisch entdeckte Skelett lag; die zwei Begrenzungsmauern des bescheidenen Ballspielplatzes, auf den sich ein großer Teil der aktuellen Arbeit konzentrierte; die Gruppe der drei kleinen, eingestürzten Gebäude, heute kaum mehr als Fundamente, von Howard Bennett phantasielos »Westgruppe« getauft.
Die kleinen, sanften Hügel entlang der Nordgrenze des Platzes unmittelbar vor dem Zaun waren früher ebenfalls irgendwelche Gebäude gewesen, doch schon vor langer Zeit hatte der Dschungel sie zerstört und verschlungen. Für den oberflächlichen Betrachter waren sie nicht mehr als ungleichmäßige Höcker aus Dreck und Schutt, bedeckt mit Erde und wildwucherndem Unkraut und Gebüsch. Niemand würde auch nur Vermutungen darüber anstellen können, was sie einmal gewesen waren, bis sie irgendwann in den nächsten Jahren freigeräumt und ausgegraben wurden.
Und das war’s auch schon, abgesehen von dem Schuppen der Archäologen aus verputztem Kalkstein, dessen riedgedeckten Dach unter den schräg einfallenden Sonnenstrahlen lachsrot aufloderte. Unmittelbar hinter dem quadratischen Platz schob sich von allen Seiten unbarmherzig der Regenwald vor, ein buschiges, welliges Dickicht, endlos und undurchdringlich.
So schien es wenigstens. Unter dem grünen Dach war der Pfad, den sie gekommen waren, nicht zu sehen. Jetzt war er heruntergekommen, eingebrochen und von Zeit und Wurzeln auseinandergerissen, aber früher einmal Teil des komplexen Systems erhöht angelegter »Straßen« der Maya, das die großen Zentren miteinander verbunden hatte. Er verlief über einen Kilometer schnurgerade durch den Dschungel nach Chichén-Itzá weiter und führte dabei praktischerweise keine fünfzig Meter am Mayaland vorbei.
Aber von hier aus hätte das Mayaland genausogut auf einem anderen Kontinent liegen können. Nichts war hinter dieser stillen, tausendjährigen Geisterstadt zu sehen außer Dschungel, nichts zu hören außer dem lauter werdenden Summen der Insekten mit Einbruch des Abends. Daran zu denken, daß sie erst vor zwanzig Minuten eisgekühltes Bier in einem noblen Hotel getrunken hatten, war schon merkwürdig. Selbst die Luft war urzeitlich, geschwängert mit dem stechenden Geruch Yucatáns nach verbranntem Stroh. Hier wurden die Getreidefelder für die Aussaat des nächsten Jahres immer noch feuergerodet, genau wie damals, als in Tlaloc noch geschäftiges Leben geherrscht hatte.
»Kommt«, sagte Abe. »Ich möchte, daß du mal einen Blick in den Tempel wirfst.«
Die Eingänge zu Maya-Tempeln besitzen normalerweise keine Türen, doch dieser hier war von der Regierung mit dicken Sperrholzplatten verschlossen worden. Jetzt waren sie verzogen und aufgeweicht. Eine plumpe Konstruktion aus Metallstangen und einem wuchtigen Vorhängeschloß hielt alles zusammen.
Abe ergriff das Vorhängeschloß. »Als ich gestern den Schlüssel erhalten habe, bin ich sofort rausgekommen, um mich umzusehen. Und das hier«, sagte er dramatisch, »habe ich gefunden.« Als er das Schloß hob, glitt es in seiner Hand auseinander.
»Es war schon offen?« sagte Julie.
Nicht nur einfach offen, sondern sauber durchgesägt.
»Plünderer?« sinnierte Gideon laut.
»Das sollst du mir sagen«, meinte Abe. »Gehen wir rein.«
Nachdem sie die Holzplatte zur Seite gewuchtet hatten, fanden sie dahinter ein Wirrwarr aus Steinen und Erde, an manchen Stellen gut einen Meter hoch. Der eingestürzte Treppenschacht in der Mitte, 1982 von der Polizei bis zum Treppenabsatz wieder freigeräumt, war weitere sechs oder sieben Stufen ausgegraben worden. Eine schmutzige Spitzhacke lag am Boden des Schachtes. In einer Ecke lehnte ein Spaten an der Wand, und auf einem Dreckhaufen lag ein gelber Plastikeimer.
Abe drehte sich zu Gideon. »Ist das 1982 so zurückgelassen worden?«
»Nein, natürlich nicht. Die Polizei hat aufgeräumt, nachdem sie fertig war, und ich war hier, als die Regierung das Gebäude versiegelt hat. Hier sind allerdings Plünderer gewesen.«
»Was ich mir gedacht habe«, sagte Abe mit einem tiefen Seufzer. Dann schickte er leise nach: »Vay is mir.«
»Mir ist weh«, übersetzte Gideon geistesabwesend für Julie. Er hatte schon genug Krisen mit Abe durchgemacht, um den Ausdruck zu kennen. Er kniete sich hin, musterte den Spaten im Licht seiner Taschenlampe, löste mit den Fingern ein paar Erdklumpen, die daran kleben geblieben waren.
»Aber meint ihr, die mexikanische Regierung hätte das Gelände gar nicht bewacht?« fragte Julie. »Das kann doch jeder sehen, wie verlockend es für Plünderer ist. Wo ein Kodex lag, dachten sie vielleicht, kann auch noch ein zweiter liegen.«
»Unwahrscheinlich«, sagte Gideon. »Extrem unwahrscheinlich.«
»Klar, du weißt das, aber wissen die es auch?«
»Das Gelände wurde bewacht«, sagte Abe. »Einer der Wächter aus Chichén-Itzá ist zweimal am Tag rübergekommen und hat sich umgesehen.«
»Zweimal am Tag? Aber jeder …«
»Julie, gewisse Dinge müssen Sie begreifen. Wissen Sie, wieviele archäologische Ausgrabungsstätten es in Yucatán gibt?«
Julie schüttelte den Kopf.
»Da geht’s Ihnen wie allen anderen auch«, sagte Abe. »Niemand weiß es. Ganz sicher sind es tausend, wahrscheinlich zweitausend. Und bei jeder einzelnen gibt es Dinge, die zu stehlen sich lohnt, aber es sind verdammt viele Orte, die vierundzwanzig Stunden am Tag bewacht werden müßten.«
»Trotzdem …«
»Sie haben einen Zaun aufgestellt«, sagte er lächelnd, »was schon erheblich mehr ist als bei den meisten anderen Ausgrabungsstätten. Aber welcher Räuber läßt sich schon von einem Zaun aufhalten?«
»Na, wenigstens haben sie uns etwas Arbeit erspart«, sagte Gideon, wischte sich den Schmutz von den Knien und stand auf. »Wir hätten diese Stufen andernfalls ja doch selbst freilegen müssen.«
»Genau darum geht’s«, sagte Abe ruhig.
»Ich verstehe euch nicht!« rief Julie empört. »Wie könnt ihr hier so ruhig rumstehen? Plünderer sind hier gewesen! Wer weiß, was sie schon alles fortgeschafft haben?«
»Gar nichts haben sie fortgeschafft«, sagte Gideon. »Wenigstens wüßte ich nicht, wie. Sie haben keine neuen Ausgrabungen gemacht. Sie haben nichts anderes getan, als ein paar Stufen freigelegt, die wir vor dem Einsturz bereits ausgegraben hatten. Wir waren dreizehn Stufen unter dem Treppenabsatz, wenn ich mich recht entsinne.«
»Zwölf, laut Ausgrabungsbericht«, sagte Abe. »Alles in allem von hier oben vierundzwanzig.« Er sah Julie an. »Also haben sie letzten Endes nichts anderes gemacht, als etwas mehr von dem Geröll wegzuräumen, das heruntergekommen ist, als Howard, der Dreckskerl, den Schacht zum Einsturz gebracht hat.«
»Oh.« Julie beruhigte sich, sah aber nicht sehr überzeugt aus und blickte in den schummerigen Schacht hinab. »Habt ihr da die Truhe gefunden? Auf diesem Absatz?«
Gideon knipste seine Taschenlampe wieder an, und dann gingen sie hinunter. »Hier ist sie.«
Die schwere Truhe stand immer noch in der kleinen Kammer, vier massive Kalksteinplatten, die hochkant um eine fünfte Platte aufgerichtet waren, die als Sockel diente. Alles von einer feinen Staubschicht überzogen und schrecklich leer. Der ruinierte und wieder zusammengeflickte Deckel befand sich heute im Museo National de Antropologia in der Hauptstadt.
Gideon ließ den Lichtstrahl über die Wände der einst versiegelten Kammer gleiten. Das Märchenland hier unten war dahin; kein unberührter gläserner Palast im Berg mehr. Die Stalaktiten und Stalagmiten waren noch da, aber sie hatten ein schmutziges Grau angenommen und waren dick überzogen mit Flechten und breiigem Pilz. Nach einem Jahrtausend perfekter Konservierung hatten fünf Jahre an der fruchtbaren Luft Yucatáns genügt, um das, was einmal wie glitzernde Eiskaskaden ausgesehen hatte, in ekelhafte Wucherungen zu verwandeln. Hier und da wuchsen sogar ein paar blasse, erschreckt aussehende Pflanzen in Ritzen und Spalten, kauerten tief im Inneren einer Pyramide, drei Meter unter der Oberfläche eines verschlossenen, fensterlosen Gebäudes ohne Licht.
»Wonach haben sie also gesucht?« sagte Abe, mindestens ebensosehr zu sich selbst wie zu den anderen, während sie nach oben zurückkehrten. »Bei tausend Orten, an denen man nach Schätzen jagen kann: was ist an Tlaloc so Besonderes? Und wieso unter einem Tempel suchen, wo bereits einmal gegraben worden ist?«
»Könnten sie vielleicht irgendwo gehört haben, daß am Fuß der Treppe womöglich ein weiterer versiegelter Raum ist?« fragte Gideon.
»Nein, nein, das bezweifle ich stark. De Waldecks Buch ist nie aus dem Französischen übersetzt worden, und soweit ich weiß, existieren nur zwei Exemplare. Das eine, das ich in Dumbarton Oaks eingesehen habe, und ein anderes in Paris. Es wird nirgendwo in der Literatur erwähnt. Ich selbst bin nur aus purem Zufall darüber gestolpert. Außerdem, ein zweiter versiegelter Raum ist nichts als eine gewagte Vermutung, mehr nicht. Und selbst wenn es ihn gibt, wer sagt, daß etwas darin ist, das zu stehlen sich lohnt? Nein, wenn ich Plünderer wäre, wüßte ich was erheblich Besseres mit meiner Zeit anzufangen.«
»Ihr zwei geht immer davon aus, daß sie genau gewußt haben, was sie tun«, sagte Julie, »aber wahrscheinlich haben sie nur ein paar Geschichten über den Kodex gehört, der hier gefunden worden ist, und daraufhin beschlossen, auf eigene Faust ein bißchen nachzuforschen.«
»Ja, vielleicht«, sagte Abe. »Auf jeden Fall haben sie Gott sei Dank aufgegeben, bevor sie besonders weit gekommen sind.«
Julie deutete auf die zurückgelassenen Werkzeuge. »Ich frage mich, ob Sie sie wohl verscheucht haben, als Sie letzte Woche die Ausgrabungen wieder aufgenommen haben.«
»Das klingt wie eine vernünftige Erklärung«, stimmte Abe zu.
Nicht für Gideon. Ihm fielen zwei vernünftige Erklärungen ein, und keine paßte zu dem, was Julie vorgebracht hatte. Bei der Untersuchung des Spatens hatte er festgestellt, daß die Erdklumpen daran auch genau das waren: Klumpen aus Erde. Ohne Pilze, ohne schwabbelige Büschel Schimmel. Daher war es sehr unwahrscheinlich, daß der Spaten bereits längere Zeit unangetastet in diesem dunklen, feuchten Verlies von Raum herumlag. Selbst die Erd- und Geröllhaufen sahen frisch aus, auch wenn manche von ihnen hier und da bereits ein flauschiges Grau annahmen.
Wenn er von der Annahme ausging, daß diese schimmeligen Haufen die ältesten waren, mußten die Arbeiten hier vor etwa einer Woche begonnen – und nicht aufgehört – haben, vielleicht sogar noch später. Und alles deutete darauf hin, daß die Ausgrabung noch voll im Gange war.
Was hieß, teilte er den anderen mit, daß jemand hier munter gebuddelt hatte, seit die offizielle Ausgrabung wieder aufgenommen worden war. Also war es entweder einigen sehr vorsichtigen Plünderern gelungen, Abe, der Crew und den Wachen zu entgehen, oder aber …
Oder aber ein Mitglied der Crew war voreilig gewesen und machte im Tempel seine eigenen Ausgrabungen.
»Oder ihre eigenen«, korrigierte Julie.
»Oder ihre eigenen, Plural«, meinte Abe. »Aber wir wollen nicht auch noch voreilig sein. Warum die Crew? Bleiben wir fürs erste bei Außenstehenden. Vielleicht haben sie nachts gearbeitet, wenn niemand in der Nähe war. Was ist daran so unmöglich?«
»Aber wo sind dann ihre Lampen?« fragte Julie. »Wenn sie schon ihre Werkzeuge zurückgelassen haben, wieso dann nicht auch ihre Lampen?«
»Weil sie sie gebraucht haben, um dorthin zurückzukehren, wohin auch immer sie verschwunden sind, wenn sie tatsächlich nachts gekommen und gegangen sind.« Abe verschränkte die Arme und musterte den ausgehobenen Treppenschacht, kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Unterlippe. »Wenn das alles ist, was sie an Werkzeug hatten, dann dürften sie etwa … sagen wir, zehn, zwölf Stunden hier gegraben haben. Acht, wenn es zwei Personen statt einer waren. Gideon, stimmst du mir da zu?«
Gideon stimmte zu.
»Also, was heißt das dann? Höchstens zwei Nächte Arbeit? Kein Problem für Räuber zu warten, bis wir Feierabend gemacht haben, dann reinzukommen und ein paar Nächte ihre schmutzige Arbeit zu verrichten.«
»Ich stimme zu, daß sie es wahrscheinlich nachts gemacht haben«, sagte Gideon, »aber ich glaube immer noch nicht, daß es Außenstehende waren. Außenstehende hatten seit 1982 eine völlig verlassene Ausgrabungsstätte und jede Menge Zeit und Ruhe zum Buddeln. Warum warten, bis es von Leuten wimmelt? Nein, wenn das hier wirklich während der vergangenen Woche passiert ist, und darauf gehe ich jede Wette ein, dann wette ich ebenfalls, daß jemand von der Crew dahintersteckt.«
»Aber das ergibt doch einfach keinen Sinn«, sagte Julie. »Wenn überhaupt jemand wußte, daß diese Stufen schon einmal freigelegt worden waren, dann doch wohl die Crew. Sie war hier.«
»Stimmt«, räumte Gideon ein. »Es ergibt keinen Sinn, von welcher Seite man es auch betrachtet.«
Plötzlich lachte Abe vergnügt. »Ein Rätsel«, sagte er. »Kommt, Zeit fürs Abendessen, und dann müssen wir uns anhören, was es mit unserem Fluch auf sich hat.« Mit der Schuhspitze trat er gegen einen Haufen Geröll. »Darüber können wir auch später noch reden.«
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