Fluch
Kapitel 21
»Was haben Sie da gerade gesagt?« fragte Marmolejo steif.
»Es ist Howard Bennett.«
Marmolejo nahm den acht Zentimeter langen Stummel aus dem Mund und starrte ihn so finster an, als hoffte er, daraus Kraft ziehen zu können. »Meinen Sie, es wäre in Ordnung«, fragte er leise, »wenn ich jetzt rauche?«
»Nur zu.« Einige Zeit zuvor hatte Abe ihn gebeten, in der Nähe des Kodex nicht zu rauchen, aber der war jetzt fort, und die leicht entzündbaren Zelluloidaceton-Dämpfe waren ebenfalls abgezogen.
Mit gewohnter Sorgfalt steckte der Inspektor seinen Stumpen an, nahm zwei tiefe Züge, während er das Streichholz an das Ende der Zigarre hielt. Die erste echte Rauchwolke, die Gideon je aus seinem Mund herauskommen sah, tauchte jetzt auf. Er schüttelte das Streichholz aus, legte es in eine kleine Schachtel und schob die Schachtel in eine Tasche seines guayabera.
»Das«, sagte er ruhig, »ist unmöglich.«
»Doch, es ist so, ganz bestimmt.«
»Wir haben zwei Briefe von Howard Bennett erhalten«, sagte Marmolejo geduldig, »wie Sie und Ihre Kollegen mir erst gestern abend erklärt haben. Einen 1982, einen letzte Woche. Jemand ist erst vor kurzem mit einem Revolver ermordet worden, der beinahe sicher ihm gehört, mit dem Revolver, den er vor fünf Jahren mitgenommen hat. Er war …«
»Die Tatsache, daß einige Briefe auf seiner Schreibmaschine getippt wurden, beweist wohl kaum, daß er sie getippt hat.« Wie Julie ihnen zu sagen versucht hatte. »Und nur, daß eine Kugel aus seiner Waffe abgefeuert wurde, beweist noch lange nicht, daß er auch den Abzug gedrückt hat.«
»Natürlich nicht, aber …«
»Und seit Einsturz der Treppe gibt es keinen zuverlässigen Beweis, daß der Mann gesehen worden ist. Jetzt wissen wir auch, warum.«
Marmolejo brummte, war etwa zu einem Viertel überzeugt.
»Hören Sie, Inspektor, wir haben hier eine Menge Indikatoren. Die Größe stimmt. Das Alter ebenfalls. Howard ging auf die Fünfzig zu. Die Rasse, die grobknochige Statur, auch das stimmt. Und dann war Howard Rechtshänder, wenn ich mich recht entsinne.« Er deutete auf das Skelett. »Genau wie anscheinend dieser Bursche hier.«
Marmolejo sah stirnrunzelnd die Handknochen an und stürzte sich auf ein Detail. »Woher wissen Sie das? Ist die rechte Hand größer als die linke?«
»Nein, ist sie nicht. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das zu erkennen, aber die Handgröße gehört nicht dazu. Im Augenblick gehe ich nach …«
»Die Uhr«, sagte Marmolejo. »Offensichtlich befand sie sich an seinem linken Handgelenk. Also folgern Sie, daß ein Mensch, der eine Uhr am linken Handgelenk trägt, Rechtshänder sein muß?« Die Zigarrenspitze glühte. Das war eine Argumentationsebene, auf der er sich auskannte. »Ich würde das gleiche folgern.«
»Richtig.«
»Aber ich würde meiner Schlußfolgerung nicht völlig vertrauen. Es gibt kein Gesetz, das es einem Linkshänder verbietet, seine Uhr an der linken Hand zu tragen.«
»Wieder richtig. Es ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Aber es gibt bestimmte Schultergürtel-Messungen, die uns gesicherte Auskunft in dieser Frage liefern sollten, und die werde ich morgen durchführen.«
Marmolejo zog an seiner Zigarre und gab einen ärgerlichen Ton von sich, als er feststellen mußte, daß sie wieder aus war. Einen guten halben Zentimeter kürzer als zuvor, wurde sie nun wieder in den linken Mundwinkel aus dem Weg gerollt. »Hören Sie, Dr. Oliver, das ist ja alles schön und gut, aber ein Beweis ist es wohl kaum. Sie sind ebenfalls europid, ein Weißer, Sie haben ebenfalls eine grobknochige Statur und sind etwas größer als einsachtzig, denke ich. Auch Sie sind Rechtshänder, Sie haben ebenfalls das richtige Alter …«
»Das richtige Alter?« protestierte Gideon. »Ich bin erst einundvierzig.«
»Nahe genug dran«, entschied Marmolejo für sich selbst. »Wenn man das alles berücksichtigt: beweist es, daß Sie dort liegen?«
»Das Alter stimmt nicht«, beteuerte Gideon, »und außerdem: ich werde auch nicht vermißt, seit hier alles eingestürzt ist. Und … nun, es gibt noch etwas.«
Marmolejo grinste ihn mit blitzenden Zähnen an, als hätte er schon die ganze Zeit gewußt, daß Gideon schließlich doch noch einen ein Meter großen Hasen aus dem Zylinder ziehen würde.
Was er auch tatsächlich tat. Doch er zog keine Angabe-Nummer ab, wie der Inspektor dachte; er hatte aus früheren Lektionen gelernt. Wenn man einem Polizisten etwas präsentieren will, das mehr Bereitschaft erfordert, sich überzeugen zu lassen, als er bislang an den Tag gelegt hat, dann ist es das beste, wenn man ihn ganz behutsam darauf hinführt, Schrittchen für Schrittchen vorbereitet, bevor man ihm den Clou unter die Nase reibt. Er hoffte, Marmolejo war jetzt soweit.
»Wußten Sie, daß Howard ein Blasinstrument gespielt hat?« fragte er.
Wenn ihn die Frage überraschte, so war dies dem dunklen Gesicht des Polizisten zumindest nicht anzumerken. »Nein, das wußte ich nicht.«
»Er hat, und das sogar meisterhaft. Früher spielte er jeden Samstag Klarinette in einer Jazz-Band in einem Nachtclub in Mérida.«
»Aha. Und die Tatsache, daß Dr. Bennett ein Blasinstrument gespielt hat, ist das auf irgendeine Art relevant?«
»Ja, sehr. Dieser Bursche hier« -- Gideon zeigte auf das zerschmetterte Skelett – »hat auch gespielt. Jahrelang.«
Marmolejos Mund öffnete sich mit einem leisen Plopp. Zum Glück blieb der Zigarrenstummel an seiner Unterlippe kleben.
»Und wenn Sie das alles zusammennehmen«, fuhr Gideon fort, »glaube ich eigentlich nicht, daß da noch viel Raum für Zufälle bleibt. Wir haben hier einen männlichen Weißen, etwa fünfzig Jahre alt, Rechtshänder, etwa einsfünfundachtzig groß, der mindestens zehn Jahre ein Blasinstrument gespielt hat … was alles perfekt auf Howard Bennett paßt. Und da Howard genau hier zum letzten Mal gesehen worden ist, etwa zu der Zeit, als dieses Skelett verschüttet wurde, glaube ich nicht, daß noch viel Zweifel an seiner Identität bestehen können …«
Marmolejo fand seine Stimme wieder. »Woher wissen Sie, daß er Klarinette gespielt hat?« Es war zwar kein Quiekser, aber verdammt nahe dran.
Gideon machte es ganz einfach. Die Knoten natürlich. Ihm war schließlich wieder eingefallen, daß er das andere Mal im Verlauf einer Untersuchung der spärlichen Überreste des Opfers eines Brandbombenanschlages in Pittsburgh auf sie gestoßen war. Der Mann, ein Klarinettist der Pittsburgher Symphoniker, war von der Polizei vorläufig identifiziert worden, bevor Gideon die Knochen gezeigt wurden, und Gideon, der nichts über ihn wußte, hatte den mit der Ermittlung betrauten Detective der Mordkommission mit der beiläufig gestellten Frage tief beeindruckt, welches Blasinstrument der Tote gespielt habe.
Aber eigentlich war es gar keine so schwierige Schlußfolgerung, nachdem ihm der Gedanke gekommen war, daß häufiges, kräftiges Vorschieben des Unterkiefers mit noch etwas anderem außer der Nahrungsaufnahme in Verbindung stehen könnte. Zum Beispiel mit dem Blasen eines Instrumentes. Vielleicht gab es durchaus noch andere mögliche Ursachen für die Knötchenbildung, doch die mußte er erst noch finden.
Marmolejo nahm dies alles mit mehr Würde und Gelassenheit auf, als Gideon erwartet hätte. »In Ordnung«, räumte er ein, »wer bin ich, daß ich mich mit dem Knochendetektiv streite?« Er machte ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge gegen die Schneidezähne. »Aber was ist jetzt mit Ihren schönen Theorien? Wer hat Ard umgebracht, wenn Dr. Bennett es nicht getan hat? Wer hat Sie überfallen?« Er schwieg einen Augenblick und legte eine Hand auf Gideons Arm. »Ich möchte nicht, daß ein Mitglied der Crew etwas davon erfahrt. Lassen Sie sie in dem Glauben, wir gingen immer noch davon aus, daß dies Avelino Canul ist.«
»Klingt vernünftig.«
»Und ich fürchte, es ist auch nicht angeraten, daß jemand abreist«, fügte Marmolejo für sich selbst hinzu. »Mr. Partridges Erlaubnis muß zurückgezogen werden. Ich hoffe nur, er wird deshalb nicht zu beunruhigt sein.«
Worthy würde nie wieder einem kleinen Menschen vertrauen, dachte Gideon.
Marmolejo stand eine Weile still da, blickte auf den mit Erde verschmierten Schädel hinab. »Howard Bennett«, sagte er leise. »All die Jahre hier mit seinem kostbaren Kodex, getötet bei dem Versuch, ihn mitzunehmen, in einem Einsturz, den er selbst verursacht hat. Die Götter von Tlaloc lachen wahrscheinlich schallend.«
»Oh, davon bin ich überzeugt«, sagte Gideon und zog dann seinen letzten Hasen aus dem Hut. »Aber es war nicht der Einsturz, der ihn das Leben gekostet hat. Er war bereits tot, als die Decke herunterkam.«
Marmolejo drehte sich langsam zu Gideon um. »Sie meinen, ermordet?«
»Ermordet.«
»Woher hast du das gewußt?« fragte Julie. »Ist er erschossen worden? Mit dieser Smith & Wesson?«
»Nein«, sagte Gideon, »erschlagen. Wahrscheinlich mit dem Vorschlaghammer. Die linke Seite seines Schädels war zerschmettert.«
»Aber der ganze Tunnel ist doch über ihm zusammengebrochen. Woher weißt du, daß das nicht die Ursache dafür war?«
»Weil er auf der linken Seite lag, und die Verletzungen an seinem restlichen Körper zeigen, daß er auf der rechten Seite von dem Schutt erwischt wurde. Mit anderen Worten, er hat bereits dort gelegen, in dieser Stellung, als die Treppe einstürzte.«
»Oh.« Sie zog den Zahnstocher aus einem Viertel Sandwich mit Hühnersalat und saugte nachdenklich die Perlzwiebel ab.
Sie saßen auf ihrem Balkon. Keiner von ihnen war sonderlich hungrig gewesen, als er von der Ausgrabungsstätte zurückgekommen war, und so hatten sie sich Sandwiches und Milch aufs Zimmer bringen lassen. Abe und die anderen Crewmitglieder saßen im Restaurant, feierten den Fund des Kodex mit einem Champagner-Dinner. Dr. Villanueva, vor etwa einer Stunde mit einigen anderen Offiziellen des Institutes auf dem Feldflughafen von Chichén-Itzá eingetroffen, hatte darauf bestanden und bezahlte es auch. Am kommenden Morgen sollte es ein gemeinsames Frühstück geben, mit Ansprachen und offiziellen Glückwünschen, und anschließend würde der Kodex mit allem Pomp nach Mexico City gebracht, wo er über Jahre studiert werden und schließlich einen Ehrenplatz im Anthropologischen Museum erhalten würde.
»Jetzt warte mal eine Sekunde«, sagte Julie, nachdem sie sich die Sache hatte durch den Kopf gehen lassen. »Wer sagt denn, daß der Einsturz auf einen Schlag erfolgt ist? Vielleicht wurde er durch ein paar herabstürzende Teile niedergeschlagen und hat sich den Schädel gebrochen, als er mit dem Kopf auf den Boden aufschlug – und dann ist der Rest über ihm zusammengekracht. Was hast du daran auszusetzen?«
»Gar nichts, nur daß er sich nicht einfach den Schädel gebrochen hat. Der war nicht geborsten, sondern eingedrückt – eine Impressionsfraktur. In seinem Schädel war ein Loch, und einige Knochenfragmente befanden sich tatsächlich im Inneren.« Zweifellos ins Hirn getrieben und so als unmittelbare Todesursache anzusehen, hätte er noch hinzufügen können, aber wieso ihr den Appetit verderben? Oder sich selbst?
»Und das könnte nicht bei einem Sturz passiert sein?«
»Nee. Das ist ein Axiom meiner Branche: wenn ein sich bewegender Kopf fest genug auf einen starren Gegenstand trifft, erhält man einen Riß, einen Berstungsbruch; wenn ein sich bewegendes Objekt einen starren Kopf trifft, bekommt man einen eingedrückten Bruch, eine Impressionsfraktur. Nein, zuerst ist er niedergeschlagen worden, dann ist er gestürzt, und dann ist alles über ihm zusammengekracht.«
Er nahm einen Bissen von seinem Schinken-Sandwich. »Marmolejo glaubt, der Einsturz sei ein Unfall gewesen, daß Howard jemanden bei dem Versuch überrascht hat, den Kodex zu stehlen, und als Belohnung anschließend ermordet wurde.«
»Nein, wie kann das denn sein? Wenn Howard derjenige mit der Kanone und dem Brecheisen in der Hand war, wie kommt es dann, daß er am Ende tot zurückbleibt?«
Gideon zuckte mit den Achseln. »Ich bezweifle, daß er ein Crewmitglied erschossen oder auch nur die Waffe auf es gerichtet hätte. Es sei denn, er hätte jemanden in flagranti dabei erwischt, wie er den Kodex stehlen wollte. Er hätte angenommen, daß er aus irgendeinem anderen Grund dort war. Er hatte vor Außenstehenden Angst.«
Julie schüttelte den Kopf. »Schwer zu glauben. Wie könnte ein Mitglied der Crew es fertigbringen …«
»Für zwei Millionen Dollar? Dafür bringen Menschen eine ganze Menge fertig.«
Er trank einen großen Schluck Milch. »Wie auch immer, Marmolejo glaubt, daß derjenige, der den Vorschlaghammer geschwungen hat, dabei versehentlich einen der Stützbalken erwischt haben muß. Howard rollte mitsamt dem Kodex die Stufen hinunter, wo sie dann unter fünf Tonnen Schutt begraben wurden. Das ist seine Theorie.«
»Und wie lautet deine?«
»Ich glaube, er hat recht. Ein acht Pfund schwerer Vorschlaghammer ist nicht leicht zu handhaben, wenn man ihn in einem Kampf einsetzt, und da die Stützstreben ohnehin nicht mehr besonders stabil waren, dürfte nicht viel nötig gewesen sein, um alles zum Einsturz zu bringen.«
Er warf den Rest des Sandwiches auf den Teller. »Weißt du, was mir einfach nicht aus dem Kopf geht? Dieses ›Rückkehr zum Tatort‹ in Stan Ards Notizbuch. Was hat er damit gemeint? Wessen Rückkehr?«
»Howards, offensichtlich.«
»Du glaubst, wer hinter dieser Sache steckt, hätte auch Ard getäuscht?«
»Sicher.« Sie legte ihr Sandwich aus der Hand und beugte sich vor. »Um dir die Wahrheit zu sagen: ich habe noch nie viel von Inspektor Marmolejos Idee gehalten, daß der Killer rein zufällig vorbeigekommen und ihn einfach so erschossen hat. Ist Stan dir wie jemand vorgekommen, der schon um sieben Uhr morgens auf gewesen ist und im Park gearbeitet hat? Meine Vermutung lautet, daß sich der Mörder mit ihm verabredet hat, ihn dort hinausgelockt hat …« Sie lächelte schief. »Gideon, klingen so deine Fälle, wenn du an ihnen arbeitest? So als würdest du das Drehbuch eines ausgesprochen blöden Films lesen?«
»Yup. Weiter. ›Ihn dort hinausgelockt hat …‹«
»… so daß er Stan erschießen, aber vorher dazu bringen konnte, etwas in sein Buch zu schreiben, das Howard zu belasten schien.«
»Wie zum Beispiel was?«
»Wie zum Beispiel das, was er geschrieben hat. Es hat doch funktioniert, oder etwa nicht? Vielleicht hat er Stan klipp und klar gesagt, daß Howard in der Nähe gesehen worden sei, in der Hoffnung, er würde das aufschreiben … was uns dann wirklich verwirrt hätte. Aber …«
»Aber Stan, der nie die Gelegenheit für ein Klischee ausließ, kam auf ›Rückkehr zum Tatort‹. Und der Mörder hat wohl gedacht, er sollte sich besser damit zufriedengeben, hat ihn dann erschossen und sich aus dem Staub gemacht.« Gideon nickte bedächtig. »Du könntest recht haben, Julie.«
Er legte die Füße übereinander auf den niedrigen Tisch und starrte auf die im Zwielicht liegenden Bäume. »Aaah, Howard, dieser arme Dreckskerl. Stirbt bei der Rettung des Kodex, und die ganze Welt schiebt ihm den Diebstahl in die Schuhe. Dank jemandem, der sich große Mühe gegeben hat, uns genau das denken zu lassen.«
»Aber warum? Das ist es, was mich nervt. Ich meine, ich verstehe schon, warum jemand das 1982 gemacht hat. Wenn jeder glaubte, der Kodex sei nicht mehr da, dann würde sich auch keiner mehr groß darum kümmern und danach graben, und dann könnte der Mörder später wiederkommen und ihn sich holen. Schön. Aber warum jetzt?«
»Warum was jetzt?«
»Warum sich fast sechs Jahre später die Mühe machen, es so aussehen zu lassen, als lebte Howard noch? Besonders mitten in einer Ausgrabung, bei der seine Leiche früher oder später fast zwangsläufig gefunden werden mußte? Und der Kodex ebenfalls.«
Gideon hob die Hand. »Julie, Marmolejo und ich haben das über eine Stunde immer und immer wieder durchgekaut, und herausgekommen ist dabei nichts.«
Julie tat diese Bemerkung ab. »Ja, natürlich nicht. Du warst ja auch nicht im Besitz meiner brillanten Schlußfolgerungen. Denn immerhin, wer hat die ganze Zeit gesagt, daß der Kodex noch dort unten liegt?«
»Die gleiche Person«, erinnerte Gideon, »die die ganze Zeit gesagt hat, daß Howard Bennett hinter allem steckt, was hier vor sich ging.«
»Das«, sagte Julie, »war weit unter deinem Niveau.« Sie rieb sich die Hände. »Komm schon, Knochendetektiv, laß uns ein paar Brandy aufs Zimmer kommen und diese Sache hier klären. Wir sind hier auf der Gewinner-Straße.«
Gideon lächelte und stand auf, um zum Telefon zu gehen. »Genau, das ist es, was diesem Fall fehlt: ein bißchen Cognac und ein bißchen Nachdenken.«
Gideon wußte von Anfang an, daß dies kein toller Tag werden würde. Es war ein bißchen zu viel Cognac gewesen am voraufgegangenen Abend, und vielleicht auch ein bißchen zu viel Nachdenken. Abe war gegen zehn Uhr zu ihnen gekommen, und sie waren bis halb zwei aufgeblieben und hatten geredet; dann hatten Gideon und Julie an diesem Morgen verschlafen. Deshalb hatte er den Tag reichlich mürrisch begonnen und ihr übliches träges, genüßliches Beginnen eines neuen Tages vermasselt: fünfzehn oder zwanzig verträumte, sinnliche Minuten in den Armen des anderen, sich treiben lassen und dösen, sich aneinanderschmiegen und streicheln, gemächlich wieder einnicken und aufwachen, bis die Wärme des neuen Morgens allmählich in die Adern sickerte.
Es war Julie, die als erste zu dem festlichen Frühstück mit den Leuten vom Institut los mußte. Gideon, der noch eine Stunde Zeit hatte, bevor er sich mit Marmolejo auf der Ausgrabungsstätte treffen sollte, blieb noch fünfzehn Minuten allein im Bett (es war nicht dasselbe). Dann wurde er mit dem frustrierenden Gefühl endgültig wach, etwas verloren zu haben, kurz davor gestanden zu haben, alles zu begreifen, wenn er nur dem Gedanken hätte folgen können, der beinahe selbständig in seinem Kopf abgelaufen war. Er blieb noch ein paar Augenblicke still liegen, versuchte, den Gedankengang wiedereinzufangen. Irgend etwas mit Howard, etwas, das Howard gesagt hatte … aber was es auch war, es zerschmolz zu lockenden Fetzen und löste sich in Luft auf, bevor er es packen konnte.
Er stand auf, gähnte, bestellte beim Zimmerservice Kaffee und Croissants und frühstückte beim Rasieren. In seinem Kopf schwirrten immer noch die Probleme, die sie in der Nacht zuvor gewälzt hatten. Und wieder waren es nichts als Fragen gewesen, keine Antworten.
An erster Stelle hatte natürlich die Frage gestanden, wer Howard umgebracht hatte. Die logisch naheliegendste Vermutung, obwohl man sie nur schwer ernst nehmen konnte, war Worthy. Er war an dem Abend allein mit Howard an der Ausgrabungsstätte gewesen. Und sie hatten nur Worthys Wort, daß Howard die Waffe und das Brecheisen mitgenommen hatte und zum Tempel gegangen war. Vielleicht hatte Worthy die Waffe genommen und dann das Brecheisen neben den Pfad geworfen, um es so aussehen zu lassen, als wäre Howard auf diesem Weg geflohen. Durchaus möglich, daß Worthy versucht hatte, den Kodex zu stehlen, und am Ende, als er entdeckt wurde, Howard umbrachte und versehentlich den Einsturz auslöste.
Aber das gleiche galt auch für jeden anderen, und genau das war das Problem. Tlaloc trennte nur ein zwanzigminütiger Fußmarsch vom Mayaland. Jeder von ihnen hätte vom Hotel zurücklaufen können, nachdem Howard sie für den Tag fortgeschickt hatte. Sicher, wissen konnte Gideon das nicht; er hatte nach dem Abendessen eine Stunde geschlafen, weil er sich auf die Nachtwache vorbereiten wollte.
Und was war mit der alten Frage, die ihnen in der einen oder anderen Form seit dem ersten Tag, an dem sie das heimliche Graben im Treppenschacht entdeckt hatten, keine Ruhe gelassen hatte: Warum hatte der Mörder bis heute gewartet, um wegen des Kodex zurückzukommen, wo es doch letztes Jahr oder im Jahr davor oder noch ein Jahr früher erheblich einfacher und sicherer gewesen wäre? Warum …
Geradezu erleichtert hörte er ein Klopfen an der Tür. Das dürfte der Polizist sein, der ihn zur Ausgrabungsstätte begleiten sollte. Trotz der Bergung des Kodex, der todsicher der eigentliche Grund hinter den Ereignissen der letzten Tage war, hatte Marmolejo die Sicherheitsmaßnahmen nicht gelockert. Letzte Nacht hatte zwar niemand draußen auf ihrem Balkon kampiert, aber zwei Polizisten hatten auf dem Hotelgelände und den Korridoren patrouilliert. Und an diesem Morgen hatte Gideon die strikte Anweisung, auf seine Eskorte zu warten, bevor er zum Ausgrabungsgelände aufbrach.
»Un momento«, rief er, wischte sich mit einem Handtuch den restlichen Rasierschaum vom Hals und trank einen letzten Schluck Kaffee. Auf dem Weg zur Tür kam ihm noch eine weitere Frage in den Kopf; komisch, daß ihm das nicht schon eher eingefallen war. Er blieb vor dem Schreibtisch stehen und holte seine Kopie des Fluches aus der mittleren Schublade. Er glitt mit dem Finger am Text entlang, bis er gefunden hatte, was er suchte.
Fünftens, das Ungeheuer, das Menschen zu Stein verwandelt, wird aus der Unterwelt zu ihnen kommen.
Er lächelte dünn. Das in die Wirklichkeit umzusetzen, würde einige Anstrengung erfordern. Selbst wenn es nicht überall von Polizisten wimmelte.
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