Fluch
Kapitel 22
Das heiße Wetter war zurückgekehrt. Noch etwas, das an diesem Tag nicht stimmte. Als sie die Ausgrabungsstätte erreichten, warf Gideon einen Blick auf seine Uhr. 7 Uhr 55, und schon war die Luft wie Kleister. Schweißperlen tropften ihm von der Nasenspitze. Unter dem bleiernen Himmel sah Tlaloc aus wie eine langsam vor sich hin gammelnde, ekelige, aufgegebene Müllkippe. Das Kombinationsschloß am Tor war ausgewechselt worden, aber von irgendwo hinter der Westgruppe tauchte eine Wache auf, um sie hereinzulassen. Inspektor Marmolejo war bereits im Tempel, teilte er ihnen mit.
»Würden Sie dem Inspektor bitte sagen, daß ich in einer Minute bei ihm bin?« bat Gideon seine Eskorte auf Spanisch. »Ich muß erst noch verschiedene Dinge aus dem Schuppen holen.«
Vor einer Wand im Arbeitsschuppen, wo das Lager war, stand ein Regalsystem mit hölzernen Aufbewahrungsschränkchen. Sie besaßen Türen und Riegel, aber keine Schlösser. Die Crewmitglieder konnten dort ihre persönlichen Dinge verstauen. Gideons befand sich in der mittleren Reihe rechts, hier bewahrte er seine Werkzeuge, Tabellen, Handbücher und osteologischen Atlanten, seine dicke, zerfledderte alte Ausgabe von Morris’ Die Anatomie des Menschen auf, die er schon seit seinem Studium besaß, eine glänzendere, selten benutzte Ausgabe von Grays Anatomie, einen Poncho, für kühlere Tage eine Jacke, die er hoffnungsvoll bei seiner Ankunft gekauft, aber noch nicht getragen hatte, sowie ein paar Früchte und Süßigkeiten.
Es war immer ein chaotisches Durcheinander, aber seit wann hatte er es so verkommen lassen? Julie hatte recht: er wurde schlampig. Die vordere Hälfte des Schränkchens wurde von der zusammengerollten Jacke, dem Poncho und dem Morris buchstäblich verstopft. Wenn er heute mit der Arbeit fertig war, würde er sich zwanzig Minuten Zeit nehmen, um das ganze Ding auszumisten und aufzuräumen und es in Zukunft in diesem Zustand halten, wie es sich für einen Profi gehörte. Das war ja lächerlich.
Ein bißchen kam es ihm bekannt vor. Nahm er sich das nicht beinahe jeden Morgen vor? Tja, vielleicht, aber diesmal war es ihm ernst.
Als er an dem Zeug zerrte, das die Vorderseite des Schränkchens blockierte, kehrte der Gedankengang, der ihm vorhin entglitten war, plötzlich zurück. Er wußte wieder, woran er gedacht – oder wovon er geträumt hatte. Es war die Szene am Fuß der Pyramide 1982 gewesen, nachdem sie aus dem Tempel gekommen waren, als Howard die Schichten zur Bewachung des Kodex eingeteilt hatte.
»Ich übernehme die erste Schicht«, hatte er ihnen gesagt, und Worthy sollte bei ihm bleiben. »Seid um neun zurück«, hatte er zu Gideon gemeint, und dann, mit einem Lächeln: »Findet das Ihre Zustimmung?«
Also, was ließ ihm daran keine Ruhe? Irgend etwas gab es, das er übersah, etwas, das ihn dauernd kitzelte. Eine Hand auf dem wattierten Plastik-Poncho, hielt er inne. »Seid um neun zurück …«
Er zuckte mit den Achseln und zog. Poncho und Jacke kamen mit einem Ruck frei; mit dumpfem Aufschlag knallte der schwere, alte Band von Morris auf den Kalksteinboden, glücklicherweise flach auf eine Seite. Er langte in das Schränkchen, nur um festzustellen, daß es mit Schachteln, Notizbüchern, lose herumliegenden Werkzeugen und noch mehr Kleidungsstücken vollgestopft war. Was war das alles überhaupt für ein Krempel? War das sein Hut? War einem anderen der Platz ausgegangen, und er hatte daher angefangen, auch seinen Schrank in Beschlag zu nehmen? Schon möglich, dachte er miesepetrig, aber man sollte doch eigentlich meinen, dieser jemand müßte bemerkt haben, daß er bereits benutzt wurde. Es gab schließlich noch andere, leere. Er warf den Kram auf einen Arbeitstisch und beugte sich vor, um hineinzusehen – das Ding war etwa fünfundvierzig Zentimeter hoch und breit und fast einen Meter tief-, und bis ganz nach hinten fiel nur wenig Licht. War das sein Werkzeugkoffer, der da diagonal in die linke hintere Ecke verkeilt war? Verdammt, so hätte er ihn nie zurückgelassen; diese Dinger waren empfindlich. Und teuer. Irgend jemand war hier gewesen, hatte sich an seinem Kram zu schaffen gemacht.
Erstaunt und verärgert griff er mit der linken Hand hinein. Seine Fingerspitzen streiften das genarbte Leder des Koffers, konnten ihn aber nicht recht packen. Wer hatte überhaupt diese Schränkchen entworfen? Mit einem gereizten Seufzer drehte er sich so zur Seite, daß er seine Schulter in die Öffnung zwängen konnte, und schob seinen Arm so weit wie möglich hinein, streckte ihn, wackelte mit den Fingern, versuchte den Koffer zu packen. Und erstarrte.
Gideon war keineswegs ein Mensch, der sich langsam bewegte. Er war sportlich, seine Reflexe waren gut, und sein Verstand konnte schnell reagieren. Und doch gab es Augenblicke, in denen seine analytische, auf die linke Gehirnhälfte orientierte Intelligenz ihn austrickste, kostbare Millisekunden zum Nachdenken und -fragen verbrauchte, wenn es besser gewesen wäre, sich einfach von seinen animalischen Instinkten leiten zu lassen.
Jetzt war einer dieser Augenblicke. Als er den ersten zuckenden Schmerz spürte, stechend, aber nur oberflächlich, so, als hätte ihm jemand mit einer Nadel in die Seite der Hand gestochen, bestand seine Reaktion darin, stillzuhalten und nachzudenken. Ein herumliegendes Werkzeug? Die Gartenschere? Nein, etwas Kleineres. Eine Sonde? Vielleicht, aber …
Der zweite Stich war schärfer, eigentlich weniger ein richtiger Stich als vielmehr ein Zwicken, und damit verbunden war – erstaunlicherweise – ein Ziehen. Er riß seinen Arm heraus, und mit ihm kam noch etwas, hing unmittelbar an der Wurzel seines kleinen Fingers, sich windend und schlängelnd. Er schüttelte seine Hand, doch das Ding blieb hängen, pendelte wie eine lockere Feder heftig von einer Seite zur anderen. Zitternd schlug er es gegen den Rahmen des Schränkchens, doch die Schlange hielt fest, schien direkt aus einem Albtraum entsprungen, geschmeidig und muskulös, den kleinen, mit Zähnen gespickten Mund fest in seine Hand geschlagen, kaute munter drauflos. Wieder und wieder schlug er sie gegen das Holz, und schließlich löste sie sich, fiel mit einem fleischigen Klatschen auf den Boden. Er glaubte, sie sei tot, doch sie lag nur einen Augenblick benommen da, ein aufgerollter, glänzender Zylinder aus Rot, Gelb und Schwarz, regte sich dann unvermittelt wieder, glitt schnell aus der Tür und war verschwunden.
Besorgt untersuchte Gideon seine Hand. Er sah nichts außer vier oder fünf unbedeutend aussehenden Punkten, als hätte ein verspieltes Hündchen seine scharfen neuen Zähne an ihm ausprobiert. Nur ein paar kleine Blutstropfen, und praktisch kein Schmerz … auch nicht mehr als bei einem Insektenstich … und er verschwand auch schon wieder.
Gideon starrte die Hand mißmutig an. Er wußte praktisch nichts über Schlangen – wilde Tiere waren Julies Gebiet, nicht seines –, aber er wußte doch wieder genug, oder glaubte es wenigstens, daß eine Giftschlange nicht kaute, wenn sie zugeschlagen hatte; sie schlug mit ihren scharfen, hohlen Giftzähnen zu und hinterließ zwei tiefe, deutliche Einstichstellen, nicht eine ganze Sammlung ausgefranster kleiner Kerben wie diese. Das Bißmal war eine Möglichkeit, den Unterschied zwischen einer giftigen und einer nicht giftigen Schlange zu erkennen. An soviel erinnerte er sich noch aus seinem Pfadfinder-Handbuch. Und vor mehreren Jahren hatte er einmal die Wunden von jemandem einschneiden und aussaugen müssen, der von einer Klapperschlange gebissen worden war, und dieses Bißmal hatte völlig anders ausgesehen als das hier.
Trotzdem, ignorieren sollte man auch das hier nicht. In diesem Klima kam es leicht zu Infektionen. Er würde Plumm einen Blick darauf werfen lassen, wenn er hier fertig war, aber fürs erste war jetzt etwas antibiotische Salbe und ein Pflaster erforderlich. Die Erste-Hilfe-Utensilien befanden sich in einem freistehenden Metallschrank in dem anderen Raum. Er ging hinüber, war überrascht festzustellen, daß er ein wenig zittrig und außer Atem war. Merkwürdig, daß dieser kleine Zwischenfall ihn so mitgenommen hatte. Lästig, ja, aber auch wieder nicht so besonders schmerzhaft, und es war auch nur ein kleines Ding gewesen, vielleicht gerade mal vierzig Zentimeter lang. Und recht hübsch dazu. Wahrscheinlich hatte es mehr Angst gehabt als er.
Als er nach dem Erste-Hilfe-Kasten auf dem obersten Schrankboden griff, unterbrach er seine Bewegung mit einem erstickten Luftschnappen, drückte seinen Arm krampfartig vor die Brust. Hier stimmte etwas ganz gewaltig nicht. Ohne Vorwarnung war ein glühend heißer, scharfer Schmerz in seinem linken Arm explodiert, vom Ellbogen bis zur Schulter, so als hätte jemand eine Lötlampe dagegen gehalten. Bei der erstaunlichen, zerfetzenden Intensität dieses Gefühles mußte er scharf nach Luft schnappen. Verwundert starrte er auf seine Finger. Mit denen war auch irgendwas; sie klebten in einem spastischen Durcheinander zusammen, krumm und schief, und der Daumen klappte auf groteske Weise nach unten auf die Handfläche, noch während er hinschaute. Und das alles war mit atemberaubender Plötzlichkeit passiert.
Unvermittelt registrierte er, daß seine Lippe, ohne daß er zunächst darauf geachtet hatte, bereits seit einigen Sekunden kribbelte und daß sich seine Lider eigenartig schwer anfühlten. Großer Gott …! Er mochte ja nicht viel von Schlangen verstehen, aber er kannte die klassischen Symptome einer neurotoxischen Paralyse, und er zeigte sie alle, und zwar ganz schön schnell.
Fünftens, das Ungeheuer, das Menschen zu Stein verwandelt, wird aus der Unterwelt zu ihnen kommen.
Fänge oder Zähne oder was zum Teufel auch immer es im Maul hatte, das verdammte Ding war giftig – und er verwandelte sich zu Stein.
Eine neue Schicht kalten Schweißes trat ihm auf die Stirn. Er sollte ruhig bleiben; durch Bewegung würde sich das Gift nur noch schneller im Körper verteilen. Aber er brauchte Hilfe, und das schnell. Das Gift wirkte mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Der Schmerz nahm bereits ab, was ein schlechtes, kein gutes Zeichen war. Nein, er wurde nicht schwächer, sondern war irgendwie weit weg, so, als wäre sein Arm ein unabhängiges Wesen, das seine eigenen Höllenqualen litt, was bedauerlich war, ihn aber nichts weiter anging. Der arme alte Arm.
Er riß voller Angst den Kopf herum. Er wurde langsam benommen. Und schläfrig. Er mußte schnell handeln. Marmolejo suchen? Die Wache rufen? Wo zum Teufel steckte Julie? Sie wußte alles über Schlangenbisse. Aber sie war bei Abe, verdammt noch mal, bei diesem … diesem … egal wo sie war.
Mit der rechten Hand wischte er den lästigen Schweiß weg, der ihm in die Augen lief. War da nicht was, woran er denken sollte?
»Ich übernehme die erste Schicht … Seid um neun zurück. … Findet das Ihre Zustimmung …?«
Nein, es steckte noch mehr dahinter. Die Frage lautete … die Frage lautete …
Er gähnte. Die Frage lautete wie? Er lehnte die Stirn gegen das kühle Metall des Schrankes. Das war einfach zu blöd. Okay, jetzt mal sehen, die Frage lautete … die Frage …
Mit einem alarmierten Kurz-davor-umzufallen-Ruck richtete er sich auf. War er hier fast im Stehen eingeschlafen? Kein Wunder. Es war stickig im Schuppen, und heiß. Eng. Ohne sich etwas dabei zu denken, schaute er auf die Uhr. Zwanzig vor neun. Noch ein bißchen früh für eine Pause, aber er könnte sie gut gebrauchen …
Zwanzig vor neun? Aber hatte er nicht erst vor ein paar Minuten auf die Uhr gesehen? War es da nicht erst fünf vor acht gewesen? Verdutzt schaute er wieder hin. Zwanzig vor neun. Wo war die Dreiviertelstunde geblieben? War er wirklich mit der Stirn an diesem Schrank eingeschlafen? Steif genug fühlte er sich ja, soviel war sicher; seine Beine, sein Rücken, seine Arme, seine Hände, ja sogar seine Kinnlade. Steif, und weh tat’s auch noch. Interessant. Die Frage war … und wieder driftete er ab.
Als er das nächste Mal zu sich kam, lag er auf der Seite auf dem Steinfußboden, die Knie angezogen. Die Rückseite seiner Kehle war taub und blockiert, und seine Brust fühlte sich an, als läge ein stählernes Band darum. Es kostete Mühe zu atmen, erforderte Planung. Abgesehen davon fühlte er sich durchaus wohl. Genaugenommen sogar ziemlich entspannt; nur ein bißchen kalt war ihm. Was aber ganz sicher eine willkommene Abwechslung war. Kein Schmerz. Praktisch überhaupt kein nennenswertes Gefühl.
Er gähnte und spürte einen Klumpen Speichel aus seinem Mund fließen und die Wange hinuntertropfen. Peinlich. Woher all dieser Speichel? Er versuchte, ihn hinunterzuschlucken, aber sein Rachen schien auch nicht besser zu funktionieren als der Rest seines Körpers. Und jetzt bekam er den Mund nicht mehr zu, oder wenigstens glaubte er, daß er immer noch offenstand, und er konnte spüren, wie die Spucke über seine Wange rutschte. Das hier wurde allmählich ausgesprochen ekelhaft. Was, wenn Julie jetzt reinkam und ihn hier wie einen hungrigen Bernhardiner sabbern sah, um Himmels willen?
Aber sein Geist befand sich jetzt auf einer anderen Ebene, löste sich von seinem sich versteinernden Körper und schwebte über ihm wie eine Seifenblase, schimmernd, klar und wunderbar konzentriert. Auf unbestimmte Weise wußte er, daß er fast gefunden hatte, was er suchte, daß es bloß eine Frage der Perspektive war, noch ein oder zwei Steinchen hinzuzufügen.
»Seid um neun zurück …« Oder war das nicht ganz, was Howard gesagt hatte? Hatte er nicht …
Eine Hand berührte seine Schulter. Marmolejos Gesicht, erschreckt und ernst, war unmittelbar vor ihm. Woher war er so plötzlich aufgetaucht? Warum sah er so fürchterlich aus?
»Was ist denn los?« fragte Gideon besorgt. »Mit Ihnen alles in Ordnung?«
»Was fehlt Ihnen?« lautete Marmolejos merkwürdige Antwort. »Was ist passiert?«
Das war dummes Zeug, bedeutungslos, irgendein albernes Spiel. Dazu fehlte Gideon die Geduld. Er schloß die Augen, versuchte den Gedanken nicht zu verlieren, den einzufangen er so hart gearbeitet hatte. Es war wichtig, daß Marmolejo es erfuhr. »Inspektor«, sagte er, »als Howard … als er uns gesagt hat, wir sollten um neun zurückkommen … hat er … er … wenn Sie …«
Aber seine Lippen waren unmöglich steif, seine Kehle war wie Lehm. Und er konnte seine eigene Stimme nicht hören. Sprach er wirklich? War Marmolejo wirklich dort? Er versuchte zu sehen. Seine Augen schienen zugeklebt zu sein.
»Inspektor, hören Sie …« Er versuchte zu sprechen, zu brüllen, zu erklären. Doch er hörte nichts als ein dumpfes, anschwellendes Donnern, spürte in seinem Hals keine Vibration von Klängen, spürte niemanden, der ihm zuhören mochte.
Nach einer Weile hörte er auf. Selbst mit geschlossenen Augen merkte er noch, wie die Dunkelheit aufblühte und sich entfaltete wie eine Blume in einem in Zeitlupe ablaufenden Film. Dann die unheimliche Empfindung des Sinkens, nicht bloß, als fiele irgend etwas in ihm, sondern als kippte der Steinfußboden, auf dem er lag, der gesamte Arbeitsschuppen, und stürzte dann über den Rand einer riesigen Grube. Die vernichtende Geschwindigkeit des Sturzes preßte seine Brust zusammen, bis er wußte, daß seine Rippen brechen würden. Hinter seinen geschlossenen und gelähmten Lidern nahm die Schwärze um ihn herum zu, als sei er nur ein winziger, schrumpfender Fleck in dem Sternenlosen, lichtlosen Universum seines eigenen Schädels.
Macht mein Zentralnervensystem dicht? fragte er sich mit distanziertem Interesse. Ist das der Tod?
Und er stürzte weiter hinunter, und weiter, und weiter, und weiter, und weiter.
Grimmig wartete Marmolejo im hinteren Teil des Konferenzzimmers des Hotels darauf, daß die Reden zu Ende waren. Die Blicke von Rednern und Crew schossen immer wieder zu ihm. Seit er gekommen war, um Julie zu holen, waren sie beunruhigt, und sie hatten garantiert genau wie er selbst mitbekommen, daß sie aschfahl wurde, als er ihr erzählt hatte, was geschehen war, und wie sie einen Augenblick geschwankt hatte, bevor sie sich faßte und mit dem Beamten verschwand. Und er vermutete, daß auch sein eigenes Gesicht sie nervös machte, falls darauf abzulesen war, wie er sich im Augenblick fühlte.
Er war wütend, wütend bis zur Weißglut, wie es kein Polizist sein sollte. Wütend über sich selbst, weil er nicht früher begriffen hatte; wütend darüber, daß er es nicht hatte abwenden können, bevor es soweit kam, daß das Leben eines anständigen Menschen nur noch an einem seidenen Faden hing; wütend auf den gerissenen, cleveren, dummen Mörder, der hinter all dem steckte; und wenn er schon bei der Wahrheit war: wütend, daß erst ein halbbewußtloser Gideon Oliver daraus schlau werden und es ihm erklären mußte.
Der Redner aus Mexico City nahm wieder Platz. Ein anderer stand auf. Wer wußte, wie lange das hier noch dauern würde? Zum Teufel damit; er würde nicht länger warten.
Er schritt in den Raum, trat vor den Tisch. Die Stimme des Redners verstummte. Alle schauten mißtrauisch, erwartungsvoll zu ihm auf. Alle, bis auf einen, der Marmolejo den Rücken zugekehrt hatte, der seine Augen unschuldig auf den Redner gerichtet hielt. Aber ein Muskel vor seinem Ohr zuckte rhythmisch. Marmolejo legte eine Hand auf die fleischige Schulter. Der Mann zuckte zusammen.
»Señor«, sagte Marmolejo förmlich, »würden Sie bitte mit mir kommen?«
Leo Rose versuchte, eine überraschte Miene aufzusetzen. Er zwang seinen Mund zu etwas, von dem Marmolejo glaubte, daß es grinsendes Arschgesicht genannt wurde.
»Sicher«, sagte er mit hohler Heiterkeit. »Bueno-bueno.«
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