Fluch
Kapitel 19
Marmolejo schaute sich ganze zehn Sekunden die Kopie des Drohbriefes an, dann legte er das Blatt neben den Weinbrand, den er zwar nicht ausgeschlagen, aber bislang auch noch nicht angerührt hatte.
»Ja«, sagte er, die unangezündete Zigarre im Mund, »es ist dieselbe Schreibmaschine.« Er lehnte sich in seinem Stuhl unter einem Holzrelief zurück, das auf einem Wandgemälde von Bonampak basierte, und spielte gedankenverloren mit seinem Glas. »Die Frage ist nur: warum?«
»Der Kodex«, sagte Julie mit verdutzter Miene. Sie war doch gerade erst alles mit ihm durchgegangen. »Er muß immer noch …«
Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. »Nein, ich meine den Brief unter der Tür. Warum Ihren hochverehrten Gatten auf diese kindische Art bedrohen? Warum ihn nicht einfach umbringen?«
»Um die Genugtuung zu bekommen, daß er ihm Angst einjagen konnte«, überlegte Julie. »Wenn man bedenkt, daß Gideon derjenige war, der das Komitee ins Leben gerufen hat, würde es Howard bestimmt eine Menge Spaß bereiten, ihn in Angst und Schrecken zu versetzen. Nicht«, fügte sie loyal hinzu, »daß Gideon Angst gehabt hätte.«
»Das glauben Sie?« sagte Marmolejo. »Da habe ich so meine Zweifel. Wenn ich Genugtuung daraus ziehen wollte, Ihnen Angst einzujagen, wäre es mir wichtig, daß Sie auch genau wüßten, ich und niemand anderes wäre es, der hinter Ihnen her ist. Aber hat Dr. Bennett den Brief unterschrieben? Nein, er hat keinen Hinweis auf sich geliefert. Es könnte durchaus auch jemand anderes gewesen sein.«
»Aber er konnte es sich nicht leisten, jemanden wissen zu lassen, daß er hier war«, sagte Julie. »Das haben wir doch bereits geklärt.«
»In Ordnung«, räumte Marmolejo ein, »aber wenn er den Reporter umgebracht hat, um seine Anwesenheit hier geheimzuhalten, wie Sie sagen, wieso lenkt er dann auf diese Weise die Aufmerksamkeit auf sich?« Er drehte sich zu Gideon um. »Wenn er Rache wollte, warum Ihnen dann nicht ganz simpel mit der Rohrzange einen überziehen – entschuldigen Sie, Mrs. Oliver –, und das war’s dann? Warum mit diesem Brief eine Identifikation riskieren?«
Das waren gute Fragen, über die nachzudenken Gideon bislang noch keine Gelegenheit gehabt hatte. »Tja, natürlich würde er nie damit rechnen, daß Abe die Dokumente miteinander vergleicht.«
Worauf Marmolejo mit einem unverbindlichen Schulterzucken reagierte. »Er könnte sich aber denken, daß wir es tun würden. Irgendwann.«
»Wie lautet also Ihre Theorie, Inspektor?« fragte Abe.
Der Inspektor schüttelte den Kopf, rollte seine Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen. »Dr. Oliver, haben Sie auch früher schon Drohungen von ihm bekommen?«
»Nein.«
»Und dann sind es auf einmal so viele, daß er kaum noch mitzählen kann«, sagte Julie.
Marmolejo nahm dies auf, wie es gemeint war. »Aber warum«, fragte er, »fangt er dann jetzt auf einmal damit an? Warum nicht schon vor Jahren?«
Weitere gute Fragen. »Vielleicht ist er nie das Risiko eingegangen, in die Staaten zurückzukehren?« spekulierte Gideon. »Vielleicht ist das die erste Gelegenheit, die sich ihm geboten hat.«
Wieder ein Schulterzucken von Marmolejo und ein Themenwechsel. »Dr. Goldstein, sollte der Kodex immer noch in Tlaloc liegen, wäre es in unser aller Interesse, ihn so schnell wie möglich zu bergen.« Er kramte eine kleine Streichholzschachtel hervor, nahm ein winziges, gewachstes Streichholz heraus, zündete es an und hielt es ans Ende seiner Zigarre. Marmolejo mit einer brennenden Zigarre war ein seltener Anblick. Er fühlte sich generös, und das war kein Wunder. Die Wiedererlangung des Tlaloc-Kodex für sein Land wäre eine phantastische Leistung.
»Da bin ich voll und ganz Ihrer Meinung«, sagte Abe vorsichtig. »Aber je schneller man gräbt, desto mehr Risiken geht man ein. Sie würden doch sicher nicht die Gefahr eingehen wollen, daß der Kodex beschädigt wird.«
Natürlich nicht; das war doch selbstverständlich. Aber war es denn nicht möglich, die Ausgrabung ohne ein solches Risiko zu beschleunigen? Was, wenn er einige seiner eigenen, zuverlässigen Männer als Hilfe zur Verfügung stellte?
Abe, Perfektionist, der er war, reagierte zögernd, aber Marmolejo argumentierte überzeugend. Wie gründlich der Polizeischutz auch immer sein mochte, es war unmöglich, weder für Menschen noch für Objekte eine hundertprozentige Sicherheit zu garantieren. War nicht das Schicksal von Ard dafür Beweis genug? Solange der Kodex dort unten lag, bestand immer ein gewisses Risiko, daß Howard einen Weg finden mochte, ihn in die Finger zu bekommen oder sogar zu zerstören, so geistesgestört war er offensichtlich. Und was war mit der Gefahr für die Sicherheit der Crew? Wer konnte sagen, wer als nächstes dran war, und wann? Aber man brauchte nur den Kodex fortzuschaffen, und schon hatte sich auch Howards raison d’être erledigt, oder doch wenigstens sein primärer Grund, jemandem etwas anzutun.
Abe schwankte, gab dann nach. Ab kommenden Morgen würden sich zwei von Marmolejos Männern zum Dienst im Tempel melden, natürlich unter Abes Aufsicht. Mit Abes Erlaubnis würde Marmolejo selbst ebenfalls dort sein.
Abe, der genau wußte, wann er im Grunde keine Wahl mehr hatte, gab seine Zustimmung. »Aber wissen Sie«, sagte er, »etwas läßt mir dabei keine Ruhe. Garrison hat den Fluch am Montagabend vergangener Woche übersetzt. Die Pressekonferenz war am Dienstag, daher hat es vor Mittwoch nicht in den Zeitungen gestanden. Und doch war Howard bereits Mittwochabend hier und schiebt Zettel unter Türen. Wie hat er das so schnell erfahren können? Wie ist er so schnell hergekommen?«
Die Zigarre war inzwischen wieder verloschen. Marmolejo pflückte sie mit zwei Fingern aus dem Mund. »Die Frage lautet: von wo nach hier? Falls er bereits in Yucatán war, dürfte das kein größeres Problem gewesen sein.«
»Bereits in Yucatán?« wiederholte Abe. »Wieso sollte er schon in Yucatán sein?«
Marmolejo zog es vor, nicht alle Fragen zu beantworten, die ihm gestellt wurden. Nachdem er sich zu seiner Zufriedenheit um alle erforderlichen Schritte gekümmert hatte, hob er nun sein Glas und lächelte sein affenartiges Grinsen.
»Auf das Wiederfinden des Tlaloc-Kodex«, sagte er.
Worthy Partridge führte eine der vier Backpflaumen zum Mund, die das Küchenpersonal jeden Tag zusätzlich in sein Lunch-Paket legte. »Ich persönlich«, sagte er, »würde überglücklich sein, wenn ich diesen elenden Ort nicht mehr sehen müßte.« Er schüttelte sich. Mit geschürzten Lippen wurde die Trockenpflaume gründlich durchgekaut. »Erinnert mich daran, nie wieder einen Gratis-Urlaub anzunehmen.«
»Das sehe ich aber ganz anders«, meinte Harvey, den Mund voll Weißbrot und Truthahn. »Das hier ist doch super. Wie kannst du abreisen, bevor sie herausgefunden haben, ob der Kodex noch da ist?«
»Problemlos«, erwiderte Worthy verdrießlich. »Ich will nicht der nächste sein, den Howard abmurkst.«
Gesprächsthema war Marmolejos Ankündigung von diesem Morgen, daß es den Mitgliedern der Crew jetzt freistand, Yucatán nach Belieben zu verlassen. Worthy war der einzige, der beabsichtigte, von diesem Angebot Gebrauch zu machen. Er hatte seinen Flug für den kommenden Tag gebucht.
Harvey schaute wehmütig zum Tempel der Eulen auf. »Mann, glaubst du wirklich, sie werden ihn finden?«
»Marmolejo hat versprochen, daß sie uns sofort Bescheid geben, wenn es soweit ist«, sagte Gideon.
»Marmolejo«, brummte Worthy. »Ich würde diesem Mann nicht trauen, wenn ich Sie wäre.«
»Wieso? Was ist denn mit Marmolejo?« fragte Leo.
»Er ist zu klein«, sagte Worthy.
Leo lachte. »Hah?«
»Ich mag keine kleinen Menschen. Sie bewegen sich zu schnell. Flitzen immer nur rum.«
Die Unterhaltung verlief nun bereits seit einer halben Stunde auf diese zwanglose Art. Die Crew machte Mittagspause im Schatten der Akazien in der Nähe der Westgruppe, nachdem sie den Morgen über die langsam voranschreitende Ausgrabung der Fundamente des Ballspielplatzes fortgesetzt hatte. Abe hatte Gideon gebeten, diese Arbeit zu überwachen, während er selbst mit Marmolejo im Treppenschacht war. Die Arbeit an dem bescheidenen Ballspielplatz war reine Routine und langweilig und nicht einmal aufgelockert durch Emmas Berichte über ihr letztes Plauderstündchen mit Huluc-Canab.
Sie hatte beschlossen, an diesem Morgen im Hotel zu bleiben, und Preston leistete ihr Gesellschaft. In letzter Zeit war Emma bei weitem nicht mehr so dynamisch wie sonst. Zum Teil lag das sicher daran, daß der Rest der Gruppe begonnen hatte, auf Durchzug zu schalten, sobald sie den Mund aufmachte, zum anderen aber auch, daß sie von Huluc-Canab schwer enttäuscht war, weil er sie informiert hatte, daß keinem Mitglied der Gruppe während ihres Aufenthaltes etwas Ernstes zustoßen werde. Als Ard dann ermordet worden war, hatte sie Huluc-Canab während ihres morgendlichen Tete-à-tête zur Rede gestellt, und er hatte darauf aufmerksam gemacht, daß Ard genaugenommen kein Mitglied der Gruppe sei. Eine recht aalglatte, ausweichende Antwort, Emmas Meinung nach. Gideons ebenfalls.
Als sie sich wieder auf den Weg zum Ballspielplatz machten, kam ihnen einer von Marmolejos Beamten entgegen.
Ob sie mit zum Tempel kommen wollten? nuschelte er höflich auf Spanisch. Sie hätten etwas Interessantes entdeckt.
»El codex?« fragte Gideon, und dann, als der Beamte ihn verständnislos anstarrte: »Un libro?«
Ja, meinte der Polizist, sie hätten ein Buch gefunden. Sehr alt, sehr schön.
Gideon juchzte und griff nach Julies Hand. »Ich werde nie wieder an dir zweifeln«, rief er lachend. »Du bist brillant!«
Als sie den Tempel erreichten, kühlte sein Hochgefühl einen Moment lang ab. Mit dem seltsamen Gefühl, daß er sich in der Zeit zurückbewegte, daß sich alles wiederholen würde, was laut dem Kalender der Maya für alle Dinge galt, zögerte er unmittelbar hinter dem Eingang. Alles war wie beim ersten Mal: die Luft war stickig und voller Staubpartikel – er spürte bereits, wie sie auf seiner Zunge einen Belag bildeten, seine Nase verkrusteten; das schwefelgelbe Licht der tragbaren Lampen weiter unten; die tanzenden Schatten auf den Wänden und der Decke; die muffigen Gerüche nach Alter, Schimmel und Schweiß; die Anspannung in den Stimmen von der Treppe.
Julie berührte seinen Arm. »Gideon, was ist los?«
Er drückte ihre Hand und lächelte. »Ach, nur ein paar Gespenster.«
Die schnell genug von Abes schwachem, aufgeregtem Ruf von der Treppe vertrieben wurden.
»Gideon, bist du es? Komm, sieh dir das an, schnell! Julie, sind Sie auch da? Kommt! Kommt alle, seht euch das an!«
Während sie die steinernen Stufen hinuntereilten, wurde Gideon weiter beruhigt durch den scharfen Geruch nach Zelluloid-aceton-Lösung, dem verbreitetsten und beruhigenden Duft bei jeder Ausgrabung. (Dicht gefolgt von abgestandenem Kaffee auf Platz zwei.) Die Lösung wurde für alles mögliche benutzt: für das Glasieren von Keramik über das Zusammenkleben von Knochen, zum Versiegeln von mit Wasser vollgesogenem Holz und zur Verstärkung verwesender Haut. Im Augenblick versprühte Abe sie hochverdünnt aus einem gläsernen Zerstäuber auf etwas, über das er sich konzentriert beugte. Der Schutt war inzwischen fast genausoweit fortgeräumt wie 1982, und Abe kniete auf der untersten sichtbaren Stufe, wobei er seine knochigen Knie auf ein zusammengefaltetes Handtuch bettete. Eine Stufe darüber stand Marmolejo, nicht weniger konzentriert, und auf dem Absatz darüber saßen zwei staubige, verschwitzte Polizisten und tranken kalten Tee. Die Maya-Arbeiter, die den Schutt hinausgeschleppt hatten, waren fortgeschickt worden.
Abes schmaler Rücken versperrte den Neuankömmlingen die Sicht, doch als er hinter sich Schritte hörte, drehte er sich zur Seite, damit sie auch sehen konnten.
»So«, sagte er mit glänzenden Augen, »was hältst du hiervon?« Noch nie hatte Gideon ihn so aufgeregt erlebt.
Und das mit gutem Grund. Es war allerdings der Kodex, eingeklemmt in der Ecke zwischen Wand und Stufe. Mitgenommen durch den Einsturz, an einer Ecke eingedrückt, an einer anderen gerissen, aber im wesentlichen einwandfrei. Er war sogar noch an der gleichen Stelle aufgeschlagen.
Gideons schallendes Lachen zog erstaunte Blicke der anderen auf sich. Ganz besonders Marmolejo warf ihm einen eigenartigen Blick zu, aber wie sollte er erklären, wie komisch das war? All die ernste, hingebungsvolle Arbeit des Komitees zur Erforschung der Maja, all die Papierberge, die sie produziert hatten, all die brillante Strategie, um Howard daran zu hindern, den Kodex verkaufen zu können – und hier war er die ganze Zeit über gewesen, angeschlagen und begraben, aber außerordentlich sicher unter Tonnen von Schutt.
Er starrte ihn an, saugte den Anblick förmlich auf: der alte Kodex, der schummerige steinerne Tunnel, der leidenschaftliche alte Mann. »Glückwunsch, Abe. Was für ein …«
Er sprach nicht weiter, runzelte die Stirn. Etwas, ein paar Dutzend Zentimeter vom Kodex entfernt, hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Ein kleiner, an sich nicht weiter beachtenswerter Knoten ineinander verschlungener, stäbchenförmiger Objekte in der Farbe von Treibholz, kaum sichtbar, gerade mal einen Zentimeter aus dem Geröll herausragend, das immer noch die untersten Stufen und das Fußende der Treppe bedeckte.
»Nur einen Moment, ja?« sagte er.
Er legte eine Hand auf Abes Schulter und schob sich an ihm vorbei, machte einen vorsichtigen Schritt über den Kodex hinweg. Die Höhe des bislang noch nicht fortgeräumten Schutts machte es unmöglich, aufrecht zu stehen. Er hockte sich und wischte mit den Händen etwas Schmutz beiseite.
»Leo«, sagte er, »würden Sie die Lampe bitte so drehen, daß sie hierher gerichtet ist?«
Er ließ die Fingerspitzen über die stäbchenförmigen Objekte wandern und räumte mehr Schutt zur Seite. Die anderen beobachteten ihn neugierig und stumm. Niemand schien fragen zu wollen, was das war.
»Es ist ein rechtes Ellbogengelenk«, sagte er ohne lange Vorrede, »immer noch zum größten Teil begraben.« Er deutete auf die sichtbaren Enden der Knochen. »Humerus, Ulna und Radius.«
»Articulatto cubiti«, sagte Harvey automatisch.
»Wollen Sie damit sagen, es ist ein … ein menschliches Ellbogengelenk?« stammelte Worthy.
Gideon nickte.
»Da drunter liegt ein Skelett}« Worthy war bleich geworden. Im grellen Licht sah sein Gesicht wächsern aus.
»Ich fürchte, ja«, sagte Gideon.
»Vielleicht ist es … also, wahrscheinlich ist es ein alter Knochen. Sie wissen schon, nur wieder eine Beisetzung der Maya.«
»Nein«, sagte Gideon, »es ist erst ein paar Jahre alt. Ich kann …« Aber Worthy war sowieso schon beunruhigt genug, und auch Leo und Julie sahen nicht sonderlich glücklich aus. Es gab keinen Grund, ihnen zu erklären, daß er immer noch den kerzenwachsähnlichen Geruch des trocknenden Fetts im Knochenmark riechen konnte. Und das wäre ganz sicher nach einigen weiteren Jahren nicht der Fall gewesen. Außerdem war der größte Teil des Gelenkknorpels immer noch vorhanden, und sogar ein paar Fetzen der Bänder.
»Es stammt aus jüngerer Zeit«, sagte er einfach.
Aber auch wieder nicht aus allzu jüngster Zeit. Von Ranzigkeit keine Spur mehr, auch keinerlei Hinweise auf Insekten oder Ungeziefer, die den Knochen gesäubert hatten. Und der Knorpel war spröde und braun. Die Schlußfolgerung war zwangsläufig – und offensichtlich, wenn man einen Augenblick darüber nachdachte. Als er zu den Gesichtern aufschaute, die mit äußerster, verblüffter Konzentration zu ihm herabsahen, war es klar, daß alle es begriffen hatten. Er sagte es trotzdem.
»Wer auch immer das hier ist, er ist beim Einsturz des Tunnels getötet worden. Nicht vorher, nicht nachher. Daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen.«
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