Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 6 von 25

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Fluch

Kapitel 5

»Und das ist die ganze Geschichte«, sagte Gideon. »Good bye, Howard, good bye, Kodex.« Sie waren bei ihrer dritten Tasse Kaffee. »Seitdem sind sie von keinem Menschen mehr gesehen worden. Falls er es wirklich geschafft hat, ihn zu verkaufen, lebt er heute wahrscheinlich wie ein Millionär in Rio. Halt, Korrektur: wenn er ihn verkauft hat, ist er Millionär.«

»Aber woher weißt du, daß er ihn gestohlen hat?« fragte Julie. »Vielleicht ist die Treppe einfach über dem Kodex eingestürzt. Es war doch sowieso schon ziemlich wacklig, oder? Vielleicht liegt der Kodex immer noch dort, unter all dem Schutt. Vielleicht liegt auch Howard noch dort …«

»Nein, wir haben den Schacht wieder freigegraben, oder besser gesagt: die Polizei hat. Den ganzen Zugang bis zum Treppenabsatz. Zwei Tage haben sie dazu gebraucht«, erinnerte sich Gideon. »Die Polizei gräbt schneller als Archäologen.«

»Und als sie unten angekommen waren, haben sie nichts gefunden?«

»Also, die Truhe war noch da. Er hat die Deckplatte zerschlagen, um an den Kodex heranzukommen. Das allein schon war ein Verbrechen. Es war ein verdammt großartiges Kunstwerk.«

»Vielleicht ist die Platte auch beim Einsturz zertrümmert worden.«

»Nein, mit einem Vorschlaghammer. Den hat er oben im Tempel liegenlassen, zusammen mit ein paar anderen Werkzeugen. Die Polizei hat einige der Risse auf dem Deckel mit dem Hammerkopf in Übereinstimmung bringen können.« Er schüttelte den Kopf, der ihn bei der Erinnerung sofort wieder schmerzte. »Das wunder-, wunderschöne Relief.«

Julie drückte ihr Mitgefühl schweigend aus und streichelte seinen Handrücken.

»Die Ohrringe und Teller und alles andere waren noch da«, fuhr er fort. »Zertrümmert durch den Einsturz – oder vielleicht auch durch den Hammer, wer weiß –, aber der Kodex war fort.«

»Und Howard ist einfach im Dschungel verschwunden?«

»Er ist mit der Aeromexico davongeschwebt. Während wir alle dastanden und den Einsturz anglotzten, muß er wie der Blitz zum Hotel zurückgekehrt sein. Die Polizei hat das Brecheisen neben dem Weg gefunden. Jedenfalls hat er verschiedene Sachen aus seinem Zimmer geholt, auf dem Parkplatz einen Lieferwagen geklaut und ist verschwunden. Den Wagen hat man einige Tage später auf dem Flughafen von Mérida wiedergefunden.«

»Was ist mit der Kanone?«

»Die blieb verschwunden.«

»Und jetzt glaubst du wirklich, daß er irgendwo das süße Leben genießt?«

»In dem Punkt bin ich nicht ganz so sicher. Wir haben ein Komitee aus Anthropologen Lateinamerikas und der Staaten zusammengestellt – ich glaube, ich habe am meisten darauf gedrängt –, um zu verhindern, daß er den Kodex verkaufen konnte. Es ist das Komitee zur Erforschung der Maya.«

Julie lachte leise. »Tut mir leid. Ich wollte wirklich nicht lachen, aber was könnte ein Komitee schon großartig ausrichten?«

Eine ganze Menge. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, daß jeder potentielle Käufer des Kodex, der ihnen einfiel – jedes Museum, jede Bibliothek, jedes Auktionshaus und jede Galerie, ja sogar jeder private Sammler –, davon unterrichtet wurde, wie Howard in seinen Besitz gelangt war. Sie hatten sich mit mehr als viertausend Institutionen und Einzelpersonen in Verbindung gesetzt und Artikel in allen relevanten Journalen und Magazinen veröffentlicht.

»Und wir haben noch erheblich mehr getan. Wir haben unmißverständlich klargestellt, daß jeder, der den Kodex als Gesamtheit oder in Teilen erwirbt, mit Strafverfolgung zu rechnen hat – was vielleicht etwas übertrieben war, da es kein internationales Gesetz gegen den Kauf gestohlener archäologischer Fundstücke gibt.«

»Und, hattet ihr Erfolg? Konnte er ihn wirklich nicht verkaufen?«

»Soweit wir wissen, nicht. Es war nicht sonderlich schwer, potentielle Käufer abzuschrecken, weißt du, da dies der erste und einzige Kodex der Maya gewesen wäre, der auf dem freien Markt – oder jedem anderen Markt – erhältlich war. Daher mußte jeder, der irgendeinen Kodex der Maya kaufte, wissen, daß er genau diesen erwarb. Niemand konnte Unwissenheit vorschützen.«

»Ich wette, Howard hat sich bestimmt ein bißchen geärgert.«

»Das will ich, gottverdammt noch mal, auch hoffen. Sieh mal, die Wolkendecke ist aufgerissen.«

Das Flugzeug hatte inzwischen mit dem Landeanflug begonnen, glitt über den gewaltigen grünen Buckel Yucatáns. Es gab nicht viel zu sehen. Eine Welt, buchstäblich ohne sonstige Charakteristika, sauber in zwei Hälften geteilt: klarer, leuchtend blauer Himmel oben, hügeliger, grüner Dschungel unten. Weit und breit kein Gebäude, keine Straßen oder Strommasten. Nicht einmal Flüsse, denn im Norden der Halbinsel Yucatán, so üppig die Vegetation auch ist, gibt es keine. Das ganze Wasser befindet sich unter der Erde, in gewaltigen Kavernen, die sich unter der Kalksteinkruste ausdehnen. Die einzige Abwechslung im Grün war hier und da das flache, kreisförmige Schimmern in Olivbraun, wie von einer in eine Reliefkarte gesteckten Plastikscheibe als Symbol für einen Teich. Genaugenommen waren dies die Teiche von Yucatán, die berühmten cenotes. Senken, wo der brüchige Kalkstein eingebrochen war und so den darunterliegenden Grundwasserspiegel freigab.

»Das mit dem Einsturz ist mir immer noch nicht ganz klar«, sagte Julie. »War das ein Unfall oder was? Wieso ist Howard nicht selbst davon erwischt worden?«

»Er ist nicht verschüttet worden, weil es kein Unfall war. Er hat die Stützbalken absichtlich fortgeschlagen, um den Zugang zu verschütten, und zwar in der Hoffnung, daß wir dachten, er läge irgendwo dort unten begraben, und daß wir dann ein oder zwei Tage damit verschwendeten, nach ihm zu graben, statt ihn sofort zu verfolgen. Was wir auch getan haben.«

»Aber wie kannst du nur so sicher sein?«

»Er hat es uns gesagt.«

»Er hat was …?«

»Es uns gesagt. Bevor er das Land verlassen hat, hat er uns noch aus Mérida einen Brief geschickt. Zwei Seiten, ganz sachlich und locker. Er behauptete, er hätte die Deckplatte wirklich nur äußerst ungern zerschlagen, aber welche Wahl hätte er denn gehabt, und er hat sich auch entschuldigt, jemandem den Lieferwagen gestohlen zu haben, aber er hätte ja wohl kaum ein Taxi rufen können, oder? Und der Lieferwagen stehe unbeschädigt auf Parkplatz Nummer Soundso auf dem Flughafen. Und natürlich würde er alles in seiner Macht Stehende tun, um jemanden zu finden, der den Kodex als Ganzes kauft, damit etwas so Wunderbares nicht in kleine Einzelteile zerlegt werden müßte. Ich glaube, er hat ›in klitzekleine Stückchen‹ geschrieben.«

»Gideon, er klingt ein bißchen wahnsinnig.«

»Würde mich nicht weiter wundern. Nicht, daß dieser Bastard seinen Kopf aus der Schlinge ziehen könnte, nur weil er wahnsinnig ist.«

»Diese Laus«, stimmte Julie zu.

Die üblichen Sprüche vor der Landung hatten begonnen, gedämpft vom tiefen Dröhnen der Triebwerke. »Wir bitten, jetzt das Rauchen einzustellen und die Sitzgurte anzuschnallen, und klappen Sie die Tischchen vor sich zurück …«

Gehorsam befestigte Gideon den Tisch an der Rückenlehne des Vordersitzes. »Willst du sonst noch was wissen?« Inzwischen war er froh, ihr die ganze Geschichte erzählt zu haben. Sie hatte recht, er hätte es schon längst tun sollen.

»Also, ja, ich hab noch eine Frage, aber du hältst sie bestimmt für ziemlich dumm.« Sie grinste ihn an. »Ich hab so das Gefühl, daß ich während der nächsten zwei Wochen noch eine Menge dummer Fragen habe.«

Gideon erwiderte das Lächeln. Er liebte ihre dummen Fragen. »Deine Fragen sind nie dumm. Bloß ignorant.«

»Oh, vielen Dank, da fällt mir aber ein Stein vom Herzen. Okay, also, was genau ist ein Kodex? Ein Manuskript? Ein Buch?«

»Richtig. Es kommt von dem lateinischen Wort caudex, was abgespaltete Holzscheibe bedeutet, eine Art Schindel, ein Holztäfelchen, das die Römer mit Wachs überzogen und dann beschrieben haben.«

Sie sah ihn fragend an. »Du weißt die seltsamsten Sachen.«

»Ich«, sagte er voller Würde, »bin ordentlicher Professor. Mein Kopf ist voller gelehrter Arkana, von denen manche, das kann ich unbesorgt sagen, noch erheblich nutzloser sind als das hier.«

»Ich weiß. Das macht unser ganzes Privatleben kaputt. Kein Mensch will mehr mit uns Trivial Pursuit spielen.«

Er lachte. »Jedenfalls wurde der Ausdruck allgemein gebräuchlich für alles, was Seiten hatte, im Gegensatz zu einer durchgehenden Schriftrolle. Ein Kodex der Maya ist einem heutigen Buch in vielem sehr ähnlich, nur, daß er aus einem einzigen langen Papierstreifen besteht – vielmehr aus gehämmerter Rinde –, der wie ein Akkordeon gefaltet ist. Man kann ihn wie eine Falttür auseinanderziehen.«

»Interessant«, sagte sie. »Und die sind wirklich so wertvoll?«

»Sie sind sogar so wertvoll, daß niemand genau sagen kann, was sie wirklich wert sind. Es gibt nur drei weitere, und keiner davon ist in Privatbesitz. Über eine Million Dollar wert, würde ich schätzen, selbst auf dem Schwarzmarkt. Vielleicht das Vierfache, wenn man ihn aufschneidet und die Seiten einzeln verkauft.« Er verzog das Gesicht. »Gott bewahre!«

Die Zollformalitäten auf dem Mérida International Airport erschöpften sich darin, von einer mürrischen Frau in einer tristen olivfarbenen Uniform durchgewinkt zu werden, die eine Dose Dr. Pepper trank und aussah, als wäre sie am liebsten sonstwo. Als sie durch die gläserne Tür in den Wartebereich und die feuchte Hitze Yucatáns traten, sagte Julie: »Gideon, da ist ein Mann, der uns ganz komisch anstiert. Kennst du ihn?«

Gideon folgte ihrem Blick zu einer Auslage riesiger Kahlua-Flaschen im Schaufenster des Duty-free-Shops. Davor stand ein Mann mit einem leicht gequälten Ausdruck um die Augen, einem gestutzten, aber dennoch fransigen Spitzbart und zusammengekniffenen, unfreundlichen Lippen. Er starrte zu ihnen herüber, eine Hand erhoben, den Zeigefinger geziert und sachdienlich ausgestreckt, ansonsten völlig bewegungslos. Der rotblonde Spitzbart war neu, der Rest vertraut. Gideon lächelte und winkte.

»Das«, sagte er, »ist Worthy Partridge, und er stiert uns nicht komisch an. Er guckt immer so.«

»Heißt er wirklich so?« fragte sie, während sie zu ihm hinübergingen.

»Ich glaube, sein vollständiger Name ist Kenneth Worthy Partridge, aber er benutzt immer nur die beiden letzten. Er schreibt Kinderbücher, und er findet, es macht sich gut auf den Umschlägen. Du weißt schon, Mother Goose, Peter Rabbit, Worthy Partridge.«

»Kinderbuchautor?« fragte Julie ungläubig. »Er sieht aber nicht direkt wie ein Mann aus, der Kinder liebt.«

Er liebte keine Kinder, und auch von Erwachsenen war er nicht übermäßig angetan. Obwohl sich Worthy in der Nacht, als Howard mit dem Kodex verschwunden war, hilflos und wie im Tran verhalten hatte, erinnerte sich Gideon an ihn als einen extrem kritischen Mann, der zu Krittelei und Pauschalurteilen neigte. »Die Maya waren Trottel.« »Alle Anwälte sind Verbrecher.« »Kinder werden nur von zwei Motivationen getrieben: Egoismus und Habgier.«

Trotz dieser manchmal bestürzenden Äußerungen hatte Gideon ihn durchaus gemocht, oder doch zumindest seine Anwesenheit genossen. Er schien einer der Menschen zu sein, die sich früh in ihrem Leben für eine Rolle entschieden und dann festgestellt haben, daß sie davon nicht loskommen und unfähig sind, sich zu ändern. Aber gelegentlich schimmerte eine schlagfertige, bewegliche Intelligenz durch, und von Zeit zu Zeit kam völlig unerwartet sogar eine trockene, ironische Sorte von Humor zutage.

An diesem Nachmittag war ihm nicht nach Humor. Als er Julie vorgestellt wurde, nickte er ohne die Spur eines Lächelns, und als Gideon sich erkundigte, wie die Ausgrabung vorankam, war seine Antwort mürrisch und einsilbig.

»Die Ausgrabung«, sagte er, »steht unter einem Fluch.«

Fast hätte Gideon gelacht, doch es gelang ihm, diskret zu husten. Es würde eine Weile dauern, bis er sich wieder an Worthy Partridge gewöhnt hatte.

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