Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 13 von 25

PDF-Seiten

Fluch

Kapitel 12

Als Gideon am nächsten Morgen aufwachte, reckte er sich, ohne groß darüber nachzudenken, und stöhnte dann sofort aus tiefstem Herzen.

»Fühlst du dich ein bißchen zerschlagen?« murmelte Julie neben ihm.

»Wenn du die Tatsache, daß ich mich ohne fürchterliche Schmerzen nicht bewegen kann, mit ›ein bißchen zerschlagen‹ umschreibst, doch ja, ich denke, dann könnte man wohl sagen, daß ich mich ein bißchen zerschlagen fühle. Gott, ich fühle mich wie der Tin Man nach einem Jahr im Regen.«

Verschlafen küßte ihn Julie irgendwo in der Nähe der linken Augenbraue und rollte sich gähnend aus dem Bett. »Ich hol dir Aspirin.«

»Danke. So ungefähr vierzig müßten reichen.«

Während sie im Kulturbeutel wühlte, der im Bad auf der Fensterbank stand, aber noch nicht ausgeräumt war, blieb Gideon auf dem Rücken liegen, sorgsam darauf bedacht, sich nicht zu bewegen. Obwohl er normalerweise selten wieder einschlief, wenn er einmal wach war, döste er diesmal ein, glitt in einen unruhigen Traum, vielleicht die Fortsetzung des Traumes, den er gehabt hatte, als er aufwachte.

Er war wieder Kind, lag allein in einem riesigen, kalten Raum auf einem Operationstisch. Er hatte Angst, ihm schlug das Herz bis zum Hals. Etwas Schreckliches würde mit ihm passieren. Er hörte ein unheilverkündendes, knirschendes Geräusch, der Rolltisch begann langsam über den Linoleumboden zu rutschen und steigerte sich nach und nach in ein mörderisches Tempo, bis er schließlich in einem weiteren riesigen Raum zum Stehen kam. Dort glitten, wie auf Schlittschuhen, stumme, längliche Gestalten in weißer OP-Kleidung und Mundschutz herum. Der Äthergeruch stach Gideon in der Nase.

Vor Angst wagte er nicht, sich zu bewegen. Er hörte auf zu atmen. Er schloß die Augen.

Aber sie sahen ihn trotzdem. Eine der großen, schlanken Gestalten näherte sich, hielt ein Skalpell in der Hand, die in einem Gummihandschuh steckte. Die Gestalt murmelte etwas. Und während sie sprach, fiel die Maske herunter, und Gideon konnte sehen, daß sich darunter kein menschlicher Mund befand, überhaupt nichts Menschliches, sondern das runde, knochige Maul eines Fisches.

Die Gestalt ragte über ihm auf. Das Skalpell hatte sich in ein Messer aus Feuerstein verwandelt. Die Gestalt legte die Spitze an Gideons Schlüsselbein und drückte zu. Schreiend trat er nach ihr.

»Auh!« kreischte das Monster.

Auh?

Seine Augen sprangen auf. Julie saß auf der Bettkante, berührte behutsam mit einer Hand seine Schulter, die Fingerspitzen auf seinem Schlüsselbein. »Bist du okay? Ich glaube, du hast geträumt. Hier ist dein Aspirin.«

Er nahm die beiden Tabletten, trank ein paar Schlucke Wasser, ließ sich auf das Bett zurücksinken und versuchte, die sich auflösenden Bilder des Traumes festzuhalten.

»Julie«, sagte er langsam, »es war ein Amerikaner.«

»Du hast geträumt, Gideon«, erwiderte sie beruhigend.

»Nein, gestern abend. Der Bursche, der mich überfallen hat. Das war ein Amerikaner.«

»Gestern abend? Aber woher willst du das wissen? Ich dachte, er hätte nichts gesagt.«

»Er hat geächzt. Er hat ›auh‹ gesagt. Ist mir gerade eben wieder eingefallen. Verdammt, wie konnte ich nur so dumm sein?«

Es folgte ein kurzes Schweigen, währenddessen sie ihn fragend ansah. »Sagen Mexikaner denn nicht ›auh‹?«

»Nein, tun sie nicht.«

»Was sagen die denn?«

»Ich weiß nicht genau, aber selbst, wenn sie es sagen würden, käme es anders heraus. Der Anfangsvokal – der ab-Laut – würde weiter hinten am Gaumen geformt, und der Gleitlaut zum zweiten Vokal würde nicht so ausgeprägt sein. Es würde sich eher wie zwei einzelne Vokale anhören, nicht wie unser Diphthong.«

»Würde es?«

»Klar.« Er machte es vor.

»Wie bitte? Sie würden nicht ›auh‹ sagen, sie würden ›auh‹ sagen?« Sie klang alles andere als überzeugt.

»Sie würden ›ah-uu‹ sagen«, wiederholte er geduldig, »falls sie es überhaupt sagen. Was sie aber nicht tun.«

»Davon verstehe ich nichts, Gideon«, meinte sie skeptisch. »Das klingt mir alles ziemlich überkandidelt. Er hat doch nur nach einem Schlag in den Magen geächzt, keine großen Reden geschwungen, und ich bezweifle stark, daß du zu diesem Zeitpunkt besonders auf seine Diphthonge geachtet hast. Und außerdem, bist du sicher, daß dein Spanisch so gut ist?«

»Mein Spanisch ist erbärmlich, aber das hat überhaupt nichts damit zu tun. Ich rede hier von der allgemeinen Neigung von Menschen mit romanischen Sprachen zu …« Er lachte. »Zum Teufel auch. Vertrau mir einfach.«

Vorsichtig ließ er die Oberarme kreisen. »Ich glaube, die Aspirin fangen an zu wirken. Wie wär’s mit Frühstück?«

Gideons Zustand hatte sich während des Frühstückes, bestehend aus huevos rancheros, mit Abe und Julie weiter gebessert, aber er wußte, es wäre falsch zu versuchen, sofort an dem Skelett weiterzuarbeiten; nicht in der dazu erforderlichen verkrampften, knienden Haltung. Statt dessen schickte er eine widerwillige Julie mit einem besorgten Abe zur Ausgrabungsstätte und beschloß, sich heute an seine Monographie zu setzen. Aber es war schwer, das »auh« und seine Implikationen aus dem Kopf zu verbannen. Denn wenn es ein Amerikaner gewesen war, der ihn angegriffen hatte, dann war die Sache ziemlich klar: es mußte ein Mitglied der Crew sein. Es gab einfach niemand anderen. Na ja, Stan Ard noch, aber das war’s dann auch schon.

Oder bildete er sich dieses »auh« nur ein, erfand es nachträglich als Folge eines verworrenen, kindischen Alptraumes? Die Episode auf der Mauer schien schon weit zurückzuliegen. Er holte tief Luft, zwang sich, seine volle Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit zu richten. Die reichlich oft überarbeitete Monographie lag auf dem Schreibtisch vor ihm, eine fast leere Kanne Kaffee stand neben seinem Ellbogen, und eine Unzahl Notizen und Zettel mit Querverweisen breitete sich auf Tisch, Bett und dem geschnitzten Sekretär aus. Mehrere Stapel Papier lagen im Halbkreis auf dem Boden um seine Füße. Ganz wie zu Hause. Es war genauso schön wie in seinem Arbeitszimmer.

Aber die Arbeit ging ihm nicht von der Hand. Niedergeschlagen starrte er auf den deprimierenden Satz vor ihm:

Obgleich heute als Ergebnis neuerer Distanz-Funktionsanalysen die sehr früh entwickelte Vernunftbegabtheit des H. sapiens swans-combensis in der Forschung allgemein als obsolet erachtet wird, muß sowohl die Frage der Herkunft dieser interessanten Population wie auch ihre taxonomische Nische noch geklärt werden, besonders vis-à-vis der La-Quina- und Ehringsdorf-Populationen, die natürlich im allgemeinen als Proto-West-Neanderthaler klassifiziert werden.

Er trank seine Tasse aus, schüttelte den Kopf und seufzte. Wieso sahen seine wissenschaftlichen Arbeiten immer so aus? Große Güte, »obgleich«! Und dann »vis-à-vis« im gleichen Satz! Und zwei Passiv-Konstruktionen – nein, drei. War das ein Rekord für einen einzelnen Satz? War es das, was ihm fünfzehn Jahre eingehenden Studiums wissenschaftlicher Magazine gebracht hatte? Wenn er nicht aufpaßte, würde er auch noch anfangen, so zu reden.

Er ersetzte das »obgleich« durch »obwohl«, und »vis-à-vis der« durch »im Vergleich zu den«, doch das nützte auch nicht viel. Er schenkte sich den restlichen Kaffee ein und grübelte. Also, wie würde Stan Ard das hier für den Flak schreiben? »Aus welcher dunstigen, barbarischen Dämmerung des Altertums kamen diese robusten Menschen mit der kräftigen Stirn gestolpert …« Er lächelte. Wenn man ihn fragte: es hatte schon was. Doch damit würde er beim Lektorat der Pleistocene Anthropologe niemals durchkommen.

Er streckte sich zaghaft und schob den lauwarmen Kaffee fort. Im Verlauf des Morgens war es zunehmend schwül geworden, ein drohender Regen hing schwer in der Luft, und das Hemd klebte ihm feucht auf dem Rücken. Gleichgültig, wie oft er sich die Hände wusch, die Handflächen fühlten sich glitschig an. Ja, sogar die Papierbögen, mit denen er arbeitete, waren weich und schlaff vor Feuchtigkeit. Den trägen Deckenventilator hatte er ausgeschaltet. Wenn er ihn anschaute, wurde ihm heißer, nicht kühler. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft sehnte er sich nach den kühlen, grauen, reinigenden Regenschauern Washingtons.

Um halb zwölf klopfte jemand an die Tür. Dankbar für die Unterbrechung schob er die Papiere zur Seite und stand auf, um zu öffnen.

»Emma«, sagte er überrascht. »Ich dachte, Sie wären bei der Ausgrabung.«

»War ich auch. Ich habe heute etwas früher Mittagspause gemacht. Ich muß Ihnen etwas erzählen. Es erklärt alles.«

Sie wurde schon wieder rot, was bei Emma normalerweise ein sicheres Zeichen für zähe Entschlossenheit war. Das ließ nichts Gutes ahnen. Gideon wappnete sich.

»Ich weiß, daß Sie mich auslachen werden, Dr. Oliver, aber ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu erzählen. Ich begreife, was Ihnen vergangene Nacht zugestoßen ist.«

»Woher wissen Sie, was mir letzte Nacht zugestoßen ist?«

»Alle wissen es«, sagte sie unbekümmert. »Das ganze Hotel redet doch darüber. Aber ich weiß, warum es passiert ist. Ich habe mich bei meiner Amethyst-Meditation darauf konzentriert.« Sie zögerte und reckte ihr breites Kinn. »Ich habe eine Verbindung ersten Grades mit einem Wesen hergestellt, das sich Huluc-Canab nennt.«

Es gab kein Entrinnen. Sie stand in der Tür, versperrte den einzigen Weg zur Freiheit, sofern er nicht vom Balkon springen wollte. Er brachte ein Lächeln zustande. »Möchten Sie vielleicht hereinkommen?«

Sie schüttelte heftig den Kopf. Gesellschaftliche Umgangsformen waren nicht Emmas Stärke. »Huluc-Canab hat mir alles erklärt. Erinnern Sie sich, was der Fluch besagte? ›Zweitens, Dunkelheit wird gebrochen und in Licht verwandelt, und die schrecklichen Stimmen der Götter werden erklingen in der Luft, und es wird ein mächtiges Einschlagen auf die Seele erfolgen, so daß der …‹«

»Trommeln«, sagte Gideon.

»›… ein mächtiges Trommeln auf die Seele erfolgen«, fuhr Emma unbeirrt fort, »so daß der Geist dahinwelkt und verblaßt.‹« Sie sah ihn bedeutungsvoll an.

»Aha«, sagte er.

»Sie verstehen nicht, was das bedeutet?«

»Nein.« Er wußte, daß er ihren ohnehin schwindenden Respekt vor ihm weiter untergrub.

»Dunkelheit wird zu Licht? Stimmen der Götter? Das steht für die Show! Und das ›Trommeln‹ – es steht für das, was Ihnen passiert ist. Präziser kann es doch gar nicht sein, oder?«

Vor vielen Jahren, als er nervös den ersten Entwurf seiner Dissertation eingereicht hatte, hatte Abe mit Bleistift einige Bemerkungen auf die Titelseite geschrieben: »Sehr einfallsreich. Wenn man den Mangel an Daten, die nicht schlüssigen Ergebnisse und die mehrdeutige statistische Analyse berücksichtigt, haben Sie ausgezeichnete Arbeit geleistet. Nicht jeder kann zweihundert Seiten mit nichts füllen. Ich wage die Voraussage, daß Sie es noch weit bringen werden.«

Emma, das räumte Gideon gern ein, mangelte es ebenfalls nicht an Einfallsreichtum. »Also, ich weiß nicht«, sagte er, entschied sich, wie Abe, es mit Humor zu versuchen. »Wenn das meine Seele war, auf die sie eintrommeln wollten, dann haben sie aber ganz sicher ein paar Schrammen an der Oberfläche hinterlassen.«

»Ach, kommen Sie, Dr. Oliver«, sagte sie scharf, »Sie wissen doch ganz genau, daß ich recht habe. ›Dunkelheit wird zu …‹«

»Emma, diese Show gibt es an jedem Abend des Jahres.«

»Ja, aber das war die erste, bei der Sie anwesend waren.«

»Hören Sie, Emma«, argumentierte er, »was sollte es für eine Rolle spielen, daß es für mich die erste Show war? Warum sollten es die Götter ausgerechnet auf mich abgesehen haben? Warum sollten sie ausgerechnet mir das Licht ausblasen wollen und sonst niemandem?«

»Weil«, sagte sie und zeigte auf ihn, stach ihm beinahe in die Brust, »Sie derjenige sind, der ihren Frieden stört.«

»Ich? Emma, was glauben Sie denn, was wir alle hier tun? Was glauben Sie denn, worum es bei Archäologie geht? Wie können wir überhaupt etwas über die Maya erfahren, wenn wir nicht ihren Frieden stören?«

»Ja, ja, aber Sie sind der einzige, der den Frieden ihrer Gebeine und den Staub auf ihren Körpern stört, und der Fluch erwähnt doch ganz ausdrücklich …«

»Ich erinnere mich sehr wohl an den Fluch«, sagte Gideon mit einem tiefen Seufzer. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, daß sich das Gespräch zum Besseren wendete. »Aber wer auch immer mich letzte Nacht überfallen hat, es war ein menschliches Wesen mit einer gewaltigen Weinfahne. Und als er geschlagen wurde, hat er wie jeder andere auch geächzt, und dann ist er auf höchst körperliche Weise davongehumpelt.«

Während er sprach, hatte sich ihr fleckiges Gesicht versteinert. Sie, das sah er, gab ihn auf. Und keine Sekunde zu früh, soweit es ihn betraf.

Sie nickte ihm noch einmal traurig zu, bevor sie sich umdrehte. »In Ordnung, Dr. Oliver, aber sagen Sie nicht, ich hätte nicht versucht, Sie zu warnen. Der zweite Teil des Fluches ist eingetreten. Sie wissen, was als nächstes kommt. Der …«

»Warten Sie«, sagte er und hob die Hand wie ein Verkehrspolizist. »Ich glaube nicht, daß ich es wissen will.«

Als sie fort war, stellte er fest, daß er wieder Kopfschmerzen hatte. Er schluckte eine zweite Dosis Aspirin und trat auf den Balkon, um die nicht vorhandene Brise auszunutzen. Er stand ruhig am Geländer und starrte gedankenverloren auf das Blätterdach hinab. Ganz bestimmt war an dem, was Emma gesagt hatte, nichts dran, oder? Natürlich nicht in dem Sinn, wie sie es gemeint hatte … Aber war es vielleicht denkbar, daß es einen Zusammenhang zwischen dem Angriff und dem Fluch gab? Daß tatsächlich jemand versuchte, es so zu drehen, als ob …

Er hörte, wie hinter seinem Rücken die Zimmertür geöffnet wurde.

»Hallo?« Julies Stimme. Sofort wurde er wieder munter. »Steckt mein Gatte vielleicht irgendwo dort unter all diesen Papieren?«

Er lächelte und kehrte ins Zimmer zurück. »Hallo, kommst du, um mich zu kontrollieren?«

»Ja. Freust du dich, mich zu sehen?«

Er gab ihr einen Kuß auf den Mund. »Hmm, worauf du dich verlassen kannst.«

»Außerdem«, sagte sie, »war mir schon wieder Truthahn-Sandwich absolut zuwider. Ich dachte, vielleicht spendierst du mir ein anständiges Essen im Restaurant.«

»Abgemacht. Wie ist es heute morgen bei der Ausgrabung gelaufen?«

Sie war ins Bad gegangen, um sich die Hände zu waschen. »Bestens«, rief sie bei laufendem Wasser. »Oh, dein Freund Stan Ard ist vorbeigekommen und hat dich gesucht. Ist die ganze Zeit herumgeschlichen, hat nach bluttriefenden Informationen aus erster Hand über das gegeifert, was letzte Nacht passiert ist. Ich habe gesagt, ich hätte keine Ahnung, wo du steckst.« Während sie sich die Hände abtrocknete, kam sie heraus. »Und die Staatspolizei ist auch schon da, was dich sicher freuen wird.«

»Du meinst, sie sind wegen letzter Nacht hier?«

»Ja, und wegen diesem Brief unter der Tür. Ich habe eine halbe Stunde …« Es klopfte energisch zweimal kurz an der Tür. »Das muß der Inspektor sein, genau aufs Stichwort.«

»Der Inspektor?«

»Inspektor Marmolejo. Er hat gesagt, du kennst ihn.«

»Allerdings kenne ich ihn«, erwiderte Gideon auf dem Weg zur Tür. Er war überrascht; er hatte nicht damit gerechnet, daß der Wärter aus Chichén-Itzá seinen Bericht so schnell weiterreichte. Oder damit, daß ein ausgewachsener Inspektor direkt herkam.

»Wieso fragen wir ihn nicht, ob er uns beim Mittagessen Gesellschaft leisten will?« schlug Julie vor. »Scheint ein ganz interessanter Mann zu sein.«

»Oh, das ist er«, sagte Gideon. »Das ist er.«

OceanofPDF.com