Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 11 von 25

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Fluch

Kapitel 10

Etwas später an diesem Abend saßen Gideon und Julie auf ihrem Balkon, so entspannt und locker, wie man nur sein kann, wenn man nicht schläft. Nach Gideons kurzem Interview hatten sie geduscht und sich umgezogen und waren anschließend allein zum Abendessen gegangen. Sie hatten sich für Seebarsch mit Pesto entschieden und dazu eine Flasche mehr als anständigen Frascati getrunken. Später hatten sie in ihrem kühlen, abgedunkelten Zimmer ein äußerst befriedigendes Intermezzo eingeschoben, das lediglich dadurch getrübt wurde, daß sie am Ende wieder schweißgebadet waren. Zum dritten Mal an diesem Tag hatten sie geduscht, und jetzt saßen sie auf den schmiedeeisernen Schaukelstühlen. Neben ihnen standen Cognac-Schwenker. Über ihnen waren die Wipfel der Bäume in der Nacht verschwunden, aber der Park mit seinen Wegen lag im sanften, bernsteinfarbenen Schein der prunkvollen, hinter Farnen verborgenen Laternen.

»Aaah …«, machte Julie.

»Ich weiß«, sagte Gideon. »Der wilde, primitive …«

»Nein«, sagte sie lächelnd, »einfach nur aaah. Es ist schön hier.«

»Hmmm.«

»Gideon, ich hab noch ein bißchen darüber nachgedacht, wer in dem Tempel gegraben haben könnte.«

Sie hatten noch mehrere Male mit Abe darüber gesprochen, waren aber zu keinem brauchbaren Ergebnis gekommen. Jetzt wurde das Ausgrabungsgelände nachts bewacht, aber von den heimlichen Gräbern war nichts zu sehen gewesen, und Abe hatte beschlossen, mit der rechtmäßigen Ausgrabung, oder Wieder-Ausgrabung, der Treppe am nächsten Tag fortzufahren. Vier Maya-Arbeiter waren für die schwere körperliche Arbeit eingestellt worden, und Abe hatte Leo als das einzige Crew-Mitglied, das etwas vom Abstützen verstand, gebeten, sie zu beaufsichtigen, wenigstens für den Anfang. Ein weiteres Mitglied der Crew würde in täglichem Wechsel am Fuß der Pyramide postiert, um den Schutt und das Geröll zu sieben, das mit Hilfe einer Vorrichtung aus Wäscheleinen in Eimern heruntergeschafft würde. Anschließend sollte es mit Lastwagen fortgefahren werden.

Die Crew hatte sich zwar überrascht gezeigt, als sie von der heimlichen Ausgrabung erfuhr, war jedoch nicht weiter interessiert. Vielmehr meckerten sie darüber, daß sie den Schutt sieben mußten, wo die Treppe doch bereits einmal ausgegraben worden war. Wie immer war die Arbeit am Siebtisch der unbeliebteste Job bei einer Ausgrabung. Aber Abe blieb eisern, das mußte auch so sein. Kein Schutt oder Geröll würde Tlaloc verlassen, ohne zuvor gründlich gesiebt worden zu sein.

»Was ich mich gefragt habe«, fuhr Julie fort, »war, ob der Kodex nicht vielleicht immer noch dort unten liegen könnte.«

Gideon sah sie überrascht an. »Das ist unmöglich. Howard versucht schon seit Jahren, ihn zu verkaufen. Genau das war doch Sinn und Zweck des Komitees.«

»Hat er wirklich? Hast du den Kodex je wirklich gesehen? Nach diesem ersten Blick, meine ich?«

»Nein, aber es gab Berichte aus allen Ecken und Enden der Welt …«

»Zuverlässige Berichte?«

»Also …«

»Für die du dich verbürgen kannst?«

»Also, nein, nicht persönlich …«

»Hat irgendwer mal Fotos vorgelegt? Oder detaillierte Beschreibungen, die man auf Genauigkeit hin überprüfen könnte?«

»Also … nein, nicht daß ich wüßte, aber …«

»Gideon, es gibt aus allen Teilen der Welt auch Berichte über fliegende Untertassen und über Adolf Hitler und … tja, über alle möglichen Sachen. Ja sogar Fotos. Was aber noch lange nicht beweist, daß es sie auch wirklich irgendwo dort draußen gibt.«

»Nein, natürlich nicht, aber aus welchem Grund sollte Howard ihn zurückgelassen haben? Und willst du vielleicht behaupten, er hätte den Kodex aus der Truhe genommen, ihn dann die Stufen hinuntergeworfen, den Tunnel darüber zum Einsturz gebracht und wäre dann einfach so ohne ihn fortgegangen? Wo sollte da der Sinn liegen? Was könnte …«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, sagte sie lachend und gleichzeitig verzweifelt. »Ich versuche, kreativ zu sein. Sieh mal, vielleicht hat Howard die Treppe nicht einstürzen lassen. Soll heißen, nicht absichtlich. Vielleicht war’s ja ein Unfall. Vielleicht hat er – warte, laß mich ausreden – du hast doch gesagt, daß einer der Stützbalken sowieso schon versehentlich umgerissen worden war, richtig? Tja, vielleicht ist die Abstützung noch ein wenig unsicherer geworden, als er den Deckel der Truhe zertrümmert hat, um an den Kodex heranzukommen, und vielleicht ist dann alles ganz von allein eingestürzt. Wäre das nicht möglich? Vielleicht … vielleicht hat er ihn die Treppe hinunter fallen lassen, und dann ist die Wand darüber eingestürzt, und er mußte ihn dort unten liegenlassen, weil er gar keine andere Wahl hatte.«

»Und warum dann nicht bleiben und behaupten, er hätte nichts damit zu tun? Wieso weglaufen?«

»Tja … hmmm. Muß ich noch weiter drüber nachdenken.«

»Sicher, es ist ein kreativer Gedanke. Das muß ich dir lassen.« Gideon hob den Schwenker unter die Nase, atmete den Duft tief ein und dachte nach. »Wenn man die Prämissen akzeptiert, hat es schon eine gewisse bizarre Logik.«

Sie lachte. »Ich liebe es, wenn du dich in eine Sache hineinsteigerst.«

»Nein«, sagte er und lächelte ebenfalls, »ich finde schon, an dem, was du sagst, ist was dran. Nur …«

»Ich wußte es.«

»… warum sollte Howard einen Brief an Horizon schreiben, in dem er damit prahlt, daß er den Kodex gestohlen hat, wenn er ihn doch gar nicht hat?«

»Weil …« Sie schwieg, suchte nach einer Antwort. »… Weil er wollte, daß ihr alle denkt, der Kodex wäre fort.« Ihr Gesicht hellte sich auf. Die Idee gefiel ihr. »Er wollte nicht, daß jemand danach sucht und ihn womöglich findet, bevor er zurückkommen und ihn selbst ausgraben kann. Was ja auch niemand getan hat«, beendete sie ihren Gedanken triumphierend. »Oder?«

Gideon stellte sein Glas wieder auf den Tisch und schaute sie an. »Nein, niemand, Julie«, sagte er bedächtig. »Und daher glaubst du, Howard selbst wäre es gewesen, der dort gegraben und versucht hat, an den Kodex heranzukommen, bevor es uns gelingt?«

»Tja, er ist jedenfalls der einzige, der wüßte, daß er immer noch dort ist … falls er noch dort ist. Klingt doch vernünftig, oder?«

Einen Moment lang glaubte Gideon es beinahe auch. Dann ließ er sich wieder in den Sessel zurücksinken. »Nein, ich glaube eigentlich nicht. Abgesehen von allem anderen, stimmt das Timing einfach nicht. Wieso sollte er ausgerechnet bis jetzt warten, bis zum absolut ungünstigsten Zeitpunkt, um zu versuchen, das Ding zu bergen? Er hätte ein paar Jahre warten können, bis sich alles einigermaßen beruhigt hat, dann zurückkommen und ihn ausgraben, solange niemand in der Nähe ist, und wäre inzwischen längst über alle Berge.«

»Stimmt«, räumte Julie nach ein paar Sekunden ein. Auch sie lehnte sich jetzt zurück und begann wieder zu schaukeln. »Also alles noch mal ganz neu überdenken. Oder, wenn ich’s mir recht überlege … ich finde, ich überlasse dir die Lösung dieses Problems.«

»Ach, komm. Sich selbst irgendwas einfallen zu lassen, macht doch keinen Spaß. Lieber kritisiere ich deine Ideen.«

Mittlerweile hatte sich dem Gitarristen auf der Veranda ein Tenor zugesellt; eine nette, leise Version von »El Venadito« trieb zu ihnen herauf. Sie hielten Händchen, schaukelten langsam und lauschten dem alten Volkslied.

Soy un pobre venadito que habita en la serrani-i-i-a.

Como no soy tan mansito …

Gideon seufzte, reckte sich ausgiebig und schläfrig und stand dann auf. »Bereit fürs Bett?«

»Puuuh, schon wieder? Die Tropen bekommen dir anscheinend gut, was?«

»Ich dachte eigentlich«, sagte er, »eher an Schlaf.« Er bot ihr die Hand an, um ihr aus dem Sessel zu helfen, zog sie dann in seine Arme. Sie rieb die Stirn an seiner Wange und ließ die Hände langsam seinen Rücken auf und ab gleiten.

»Andererseits«, sagte er, »könnte ich mich vielleicht überreden lassen.«

Julie lächelte ihn an. »Warum trinken wir nicht erst unseren Cognac und sehen dann, wonach uns der Sinn steht? Falls du dann noch wach bist.«

»Guter Gedanke.«

In ihrem Zimmer zogen sie die mit Jalousien versehenen Balkontüren hinter sich zu, und Gideon ging zur Tür, um das Licht anzuknipsen und den gemächlich kreisenden Deckenventilator einzuschalten, den sie gern laufen ließen, wenn sie schliefen. Nicht wegen der Brise, die praktisch gleich Null war, sondern vielmehr wegen des trägen tropischen Ambiente.

»Hast du das fallen lassen?« fragte Julie, während sie auf seine Füße zeigte.

Er schaute nach unten und sah auf dem rotgefliesten Boden ein weißes, zweimal zusammengefaltetes Blatt Papier. »Nein, jemand muß es unter der Tür durchgeschoben haben.«

Die kurze Mitteilung stand exakt in der Mitte der Seite.

Gideon Oliver, verlaß Yucatán, oder du wirst sterben.

Das ist kein Scherz.

DIE GÖTTER VON TLALOC

Nachdem er mehrere Sekunden auf das Blatt gestarrt hatte, nahm Julie es ihm aus der Hand und las. »Ich weiß nicht … Soll das hier komisch sein?«

»Keine Ahnung. Ich persönlich dachte eigentlich, der blutsaugende Coatimundi hätte mehr auf Lager.«

»Glaubst du, das ist eine echte Drohung? Eine Morddrohung?«

Langsam schüttelte Gideon den Kopf. »Ich dachte nur … Himmel, was denke ich überhaupt!« Er riß die Tür auf und sprang auf den Korridor hinaus.

Aber natürlich war dort niemand. Der geflieste Korridor schimmerte sie friedlich, freundlich und leer an, und die Topfpflanzen waren nicht groß genug, als daß sich jemand dahinter verstecken konnte. Als er ins Zimmer zurückkehrte, machte Julie ein besorgtes Gesicht.

»He«, sagte er leise, nahm sie wieder in die Arme und zog sie an sich, wiegte sie langsam vor und zurück. »He, kein Grund zur Sorge, glaub mir. Wirklich nicht.«

Sie hob den Kopf von seiner Schulter, um ihm einen stummen, skeptischen Blick zuzuwerfen.

»Nein, ehrlich«, sagte er. »Drohbriefe sind nichts als leeres Geschrei. Kein Mensch nimmt sie ernst. Ich ganz bestimmt nicht, und bei all der gerichtsmedizinischen Arbeit, die ich mache, bekomme ich sowieso eine Menge von diesen Dingern.«

Wieder sah sie ihn an, diesmal mit Überraschung in den Augen. »Wirklich?«

»Klar, die ganze Zeit.«

Also, eigentlich nur zweimal. Einmal war er vorgeladen worden, um zu bezeugen, daß das Skelett eines Mitgliedes der Mafia, das im Lake Michigan gefunden worden war, Zeichen von Erdrosselung zeigte. Das andere Mal, als er eine Aussage über die Identität eines Gangsters aus der Drogenszene machen sollte, dessen Gesicht und Fingerabdrücke unkenntlich gemacht worden waren, bevor man ihn in der Nähe von Las Vegas in die Wüste geworfen hatte. Beide Male hatte er anonyme Briefe erhalten, in denen in allen abscheulichen Einzelheiten beschrieben wurde, was ihm zustoßen würde, sollte er vor Gericht erscheinen.

»Und immer ohne irgendwelche Konsequenzen?« fragte Julie, wobei sie nicht sonderlich überzeugt aussah.

»Nee, ist nie was passiert.«

Also, einmal schon. In der Nacht nach seiner Zeugenaussage im Zusammenhang mit dem Mafia-Mord hatte jemand zwei Schüsse durch die Tür seines Zimmers im Holiday Inn gejagt, aber zu diesem Zeitpunkt war er gar nicht dagewesen. Es war erst Gideons zweiter Fall für das FBI, und er war damals völlig aus dem Häuschen gewesen.

»Was ist mit diesem einen Mal, als dir jemand eine Briefbombe geschickt hat?« hakte Julie nach. »Was ist mit dem anderen Mal, als dir jemand diesen Hund auf den Hals gehetzt hat? Oder besser gesagt, uns. Was ist mit …«

»Wir sprachen doch von Drohbriefen«, meinte er ganz vernünftig. »Leute, die Drohbriefe schreiben, ziehen die Sache nicht bis zum Ende durch. Nie.« Oder trug er vielleicht ein bißchen zu dick auf? »Also, fast nie.«

Sie musterte ihn skeptisch.

»Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache«, sagte er ihr. »Gar keine Frage.«

Es war nicht einmal so, daß er sich besonders mutig vorkam, aber wie konnte sich jemand ernsthaft über diesen albernen Brief aufregen? Die beiden anderen, die er früher schon erhalten hatte, waren giftig gewesen; deutlich genug, um allein schon beim Lesen einen Schweißausbruch zu bekommen. Der hier war so … kurios, so kindisch. Das ist kein Scherz. Die Götter von Tlaloc. Unter Garantie war das ein Scherz, hinter dem wahrscheinlich die gleiche Person steckte, die auch den Coati in den Arbeitsschuppen gesperrt hatte.

Außerdem hatte er Julie die Wahrheit gesagt. Leute, die einen umbringen wollten, brachten einen um. Sie kündigten ihre Absichten nicht erst großartig durch Briefe an.

Er lächelte sie breit an. »Komm, Julie. Würde ich dich anlügen?«

Sie war nicht beruhigt. »Wieso«, fragte sie laut ein Fenster über seiner Schulter, »passieren immer ausgerechnet ihm solche Sachen? Anderen Leuten passiert so was nie. So was passiert immer nur, wenn er in der Nähe ist. Flüche, Morddrohungen …«

»Früher ist mir so was nicht passiert. Ich mach’s doch nicht absichtlich.«

»Ich weiß«, sagte sie und brachte ein trockenes Lächeln zustande. »Ist so was wie eine Gabe. Meine Theorie lautet, daß du so was wie ein elektrisches Feld besitzen mußt, das die seltsamsten Dinge anzieht. Ach, Gideon …«

Sie drückte ihn fest an sich, trat dann einen Schritt zurück. »Was sollen wir jetzt machen?«

»Keine Ahnung. Ich denke, die Polizei sollte informiert werden. Ich mach das morgen sofort.«

»Morgen?« Sie starrte ihn ungläubig an.

»Julie, wir sind hier mitten im Nirgendwo. Die nächsten Cops, die wissen, was sie tun, ist die Staatspolizei in Mérida. Außerdem, es gibt keinen Grund zur Eile. In dem Brief steht, ich solle Yucatán verlassen, andernfalls würde ich sterben, richtig? Offensichtlich kann das ja wohl nicht heißen, daß ich sofort abreisen soll, jetzt, in diesem Augenblick. Wie sollte ich auch? Ich bin sicher, ich habe ein paar Tage. Das ist doch nur logisch.«

»Ja, aber ich glaube, du kannst nicht davon ausgehen, daß derjenige, der das geschrieben hat, auch logisch denkt.«

In diesem Punkt gab er ihr recht. »Ich sag dir was. Warten wir auf jeden Fall erst mal bis morgen. Wir sprechen beim Frühstück mit Abe darüber und sehen dann weiter.«

Sie wollte schon widersprechen, nickte dann aber und zog ihre Armbanduhr aus. »Okay, du hast recht. Wahrscheinlich mache ich nur aus einer Mücke einen Elefanten.«

»Ein Brief?« sagte Abe, wobei sich seine Augenbrauen hoben.

Über seinen Frühstücksteller mit frutas frescas – in Scheiben geschnittene Papaya, Ananas und Wassermelone, neben einer nicht geschälten kleinen Banane und natürlich ein paar Limonenstücken, streckte er seine Hand danach aus. Erst klopfte er die eine, dann die andere Brusttasche seines Hemdes ab, anschließend die Gesäßtaschen der Hose.

»Sie hängt um deinen Hals«, äußerte Gideon vorsichtig.

»Ich weiß, ich weiß.« Er setzte die Lesebrille auf seine Nasenspitze. »Natürlich hängt sie um meinen Hals. Wo sollte sie auch sonst sein?«

Er studierte das Blatt sehr lange. »Das gefällt mir nicht«, sagte er schließlich.

»Ich bin auch nicht gerade begeistert«, meinte Gideon.

Abe machte sich daran, die Banane zu schälen. »Ich sag dir was. Ich muß heute nachmittag sowieso nach Mérida, in die Universitätsbibliothek. Ich springe kurz bei der Staatspolizei rein und gebe ihnen das hier. Wir werden sehen, was die dazu sagen.«

Was Gideon recht war, denn nun konnte er sich in aller Ruhe dem Rührei mit Schinken widmen.

Julie, die sich noch nicht an die matschig braunen Eier Yucatáns gewöhnt hatte (»Es liegt daran, was sie hier an Hühner verfüttern«, hatte Worthy ihr finster anvertraut), spielte mit ihrem Toast und der Tasse Kaffee. »Abe, es muß doch jemand von der Crew sein, oder?«

»Ich bedaure sehr, daß ich das sagen muß, aber es sieht ganz danach aus. Wer sonst weiß, daß Gideon hier ist? Wer sonst weiß etwas von dem Fluch?«

»Es stand in den Zeitungen«, warf Gideon ein. »Garrison war auf dem Weg zu einer Pressekonferenz nach Mexico City, du erinnerst dich?«

»Gestern morgen. Du glaubst, jemand hätte es in der Zeitung gelesen und wäre dann noch am gleichen Tag wie ein geölter Blitz nach Yucatán gekommen, um einen Zettel unter deine Tür zu schieben? Nein, ich fürchte, Julie hat recht.«

Gideon seufzte und schob seinen Teller fort. »Ja, vermutlich.« Er warf einen Blick zu einem Tisch auf der anderen Seite des Raumes, an dem einige Mitglieder der Gruppe saßen. Harvey winkte ihnen fröhlich zu. Preston lächelte und nickte kurz mit seinem hohlen Kopf mit der Löwenmähne. »Was mich allerdings nicht übermäßig glücklich macht. Aber ich glaube immer noch, daß es nur ein weiterer dummer Scherz ist. Wie das Coati.«

»Und die heimliche Ausgrabung? War das deiner Meinung nach auch nur ein Scherz?«

Gideon schüttelte den Kopf. Er wußte es nicht.

»Was denken Sie, Abe?« fragte Julie.

»Hmm«, machte Abe. Wieder sah er sich den Brief aufmerksam an. »›Gideon Oliver, verlaß Yucatán, oder du wirst sterben‹«, las er langsam und laut. »›Das ist kein Scherz. Die Götter von Tlaloc.‹« Er blickte scharf auf. »Kommt das außer mir noch einem bekannt vor?«

»Nein, mir nicht«, sagte Julie.

Aber Gideon zögerte. Als er den Brief das erste Mal gelesen hatte, hatte er einen winzigen Augenblick lang gemeint, etwas wiederzuerkennen, das Gefühl gehabt, ihn schon mal gesehen zu haben. Er hatte es sofort als zufällige Assoziation abgetan; es war nicht gerade die originellste Morddrohung der Welt.

»Nein, ich glaube nicht, Abe«, sagte er schließlich.

»Ja«, meinte Abe, nachdem er noch eine Weile darauf gestarrt hatte. »Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein.« Er legte eine Hand auf Gideons Unterarm. »Hör zu, Gideon, ich bin sicher, du hast recht, es ist nur ein Scherz, aber trotzdem paß auf dich auf, ja? Wieso es unnötig drauf ankommen lassen?«

»Ich paß auf, Abe.«

Abe nickte und wischte sich mit einer Serviette den Mund ab. »Gut.« Er warf einen langen, letzten Blick auf den Brief, hielt dabei den Bügel seiner Brille auf Höhe der Schläfen fest.

»Und du bist ganz sicher, daß er dir nicht bekannt vorkommt?«

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