Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 21 von 25

PDF-Seiten

Fluch

Kapitel 20

Mehrere Sekunden verstrichen, ohne daß einer auch nur ein Wort von sich gab. Das Surren der Rädchen in ihren Köpfen war beinahe in der dicken Luft zu hören, Gideons ebenfalls. Wer war getötet worden? Warum? Wie? Hatte jemand Howard daran gehindert, den Kodex zu stehlen, nur um dann für seine Bemühungen zu sterben? War es zu einem Kampf gekommen? Waren in dessen Folge die geschwächten Wände eingestürzt, hatten den Kodex und seinen Beschützer unter sich begraben, so daß Howard mit leeren Händen davonschleichen mußte, um seine Chance zur Rückkehr abzuwarten? Das war auch nicht bizarrer als manche anderen ihrer Theorien, und es würde eine Menge erklären.

Nur, wessen Skelett war es? Man wußte, wo sich jeder einzelne befand. Von den Mitgliedern der 1982er Crew standen genau jetzt in diesem Augenblick drei auf der Treppe, zwei befanden sich im Hotel, und die anderen, diejenigen, die es vorgezogen hatten, nicht zurückzukehren, waren in den Vereinigten Staaten. Abe hatte mit allen telefoniert, als die Ausgrabung fortgesetzt werden sollte. Wer also …

Es war Marmolejo, der die Antwort lieferte.

»Aha«, sagte er leise. »Avelino Canul … endlich.«

Avelino Canul, der tapfere kleine Maya-Vorarbeiter, der die einheimischen Arbeiter während der früheren Ausgrabung beaufsichtigt hatte. Avelino, der am Tag nach dem Einsturz verschwunden war. Die Polizei hatte versucht, ihn ausfindig zu machen, wenn auch nur halben Herzens. Angesichts des Rufes von Colonel Ornela, korrupt und inkompetent zu sein, war es nicht weiter ungewöhnlich, wenn ein Maya (oder jeder x-beliebige andere im übrigen auch), lieber floh, als ein Verhör der Polizei über sich ergehen zu lassen, selbst wenn er sich keines Verbrechens schuldig gemacht hatte. Und Avelino war, wie sich herausgestellt hatte, aufgrund einer langjährigen Vorliebe für Rum, schon häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Man war allgemein der Meinung gewesen, daß er in seinem Dorf in Guatemala, direkt hinter der Grenze, untergetaucht war, und als Howards Brief eintraf, in dem er alles erklärte – das hatten sie wenigstens gedacht –, war die Suche nach ihm eingestellt worden. Wie der Colonel schon gesagt hatte: wenn er sich in seinem eigenen Dorf, unter seinen eigenen Leuten verstecken wollte, gab es für die Polizei auch nicht die geringste Möglichkeit, ihn zu finden – nicht einmal für Marmolejo, der immerhin ein Halb-Maya war. Außerdem besaßen sie in Guatemala ohnehin keinerlei Rechtsbefugnisse. Dabei hatten sie es belassen, doch unterschwellig hatte die Sache Marmolejo immer beschäftigt; sein Bedürfnis nach einem klarem Abschluß eines Falles blieb unbefriedigt. Mehr als einmal hatte er sich in Gideons Gegenwart laut Gedanken über das Schicksal von Avelino Canul gemacht.

»Mr. Partridge«, sagte er jetzt.

Worthy zuckte zusammen. »Pardon? Was?«

»Avelino und die anderen Arbeiter wurden doch damals nach Hause geschickt, wenn die Arbeit eines Tages getan war. Wie ist er Ihrer Meinung nach hierher zurückgekommen?«

»Meiner Meinung nach? Woher soll ich das denn wissen?«

»Sie waren hier in Tlaloc, auf Wache.«

»Ich … also, ja, aber … es war dunkel. Es gab damals noch keinen Zaun. Der Mann war Indianer, kannte sich im Dschungel aus. Er kannte die Wege besser als jeder andere. Er hätte problemlos zurückkommen können, ohne dabei gesehen zu werden.«

»Ja, da haben Sie wahrscheinlich recht. Warum meinen Sie denn, würde er so etwas tun? Glauben Sie, er wollte den Kodex selbst stehlen? Vielleicht haben sie darum gekämpft?«

»Ich kann Ihnen versichern, daß ich nicht die geringste Idee habe. Wieso fragen Sie ausgerechnet mich?« Er schluckte. Marmolejo hatte ihn eingeschüchtert.

»Macht nichts, señor«, sagte der Inspektor freundlich. »Ich bin sicher, alles wird sich schon sehr bald aufklären.«

Der Schutt, unter dem die Knochen begraben lagen, war leicht zu entfernen, aber es dauerte dennoch anderthalb Stunden, da Marmolejo zu Recht darauf bestand, das Skelett Stück für Stück, Schicht um Schicht, freizulegen und immer wieder Fotos zu machen. Die Arbeit wurde von den beiden Polizisten erledigt, wobei sie im wesentlichen ihre Hände als Werkzeuge benutzten, und für Gideon blieb wenig zu tun, außer aufzupassen und von Zeit zu Zeit einen Vorschlag zu machen.

In der Zwischenzeit beendete Abe peinlich genau die Vorbereitungen zum Abtransport des Kodex und legte ihn mit äußerster Sorgfalt in eine ausgepolsterte Kiste, die von der Polizei zur Verfügung gestellt wurde. Ihn in die Kiste zu bekommen, dauerte allein schon zwanzig Minuten. Ein ziemlicher Unterschied zu Howard Bennetts Vorgehensweise.

Nachdem er sicher verpackt war, wurden zwei weitere uniformierte Polizisten – die komplette Staatspolizei von Yucatán schien in Tlaloc zu sein – abgestellt, ihn zum Hotelsafe zu tragen, um dort auf die Ankunft von Vertretern des Instituts zu warten. Abe, gefangen zwischen Neugier bezüglich des Skeletts und Sorge um den Kodex, entschied sich für den Kodex und begleitete ihn.

Gideon und die anderen blieben auf den oberen Stufen hocken und schauten gedankenverloren zu. Wegen der Zelluloid-aceton-Dämpfe war ein Entlüftungsventilator aufgestellt worden, und die Luft war inzwischen relativ kühl und staubfrei. Es war eine merkwürdig friedliche Zeit, frei schwebend und träge. Es blieben immer noch Fragen, aber jetzt waren sie über einen großen Berg; sie näherten sich den Antworten, statt sich weiter von ihnen zu entfernen. Und natürlich war da auch noch die Wiedererlangung des Kodex, die durchgekaut und genossen werden mußte.

Um drei Uhr war das Skelett zu drei Vierteln freigelegt, lag auf der Seite zu den nach oben führenden Stufen hin, steckte aber immer noch teilweise im Schutt. Unter dem linken Handgelenk ragte das gerissene Metallgliederband einer Armbanduhr aus dem Geröll. Einer der Polizisten hatte es herausziehen wollen, wurde dann jedoch mit einem scharfen Tadel Marmolejos gebremst. Wußten sie denn nicht, daß man nichts aus dem Dreck herauszog? Alles würde liegenbleiben, bis sie es durch vorsichtiges Graben freigelegt hatten. Es war von größter Bedeutung, sämtliche Gegenstände in ihrer richtigen Beziehung zueinander zu sehen und zu fotografieren.

Gideon lächelte. Marmolejo hätte einen verflucht guten Archäologen abgegeben.

Um halb vier befahl Marmolejo den beiden Polizisten, die gegraben hatten, Schluß zu machen. Sie hatten früh angefangen, und es war ein langer Tag gewesen; die restliche Arbeit konnte bis morgen warten. Dankbar hörten sie auf, gingen zum höherliegenden Treppenabsatz und machten es sich mit einem Krug Tee bequem.

»Dr. Oliver«, sagte Marmolejo, »ich frage mich, ob wohl schon genug zu sehen ist, daß Sie mal einen Blick darauf werfen könnten?«

»Sicher, wenn Sie wollen.« Er hatte sich gefragt, wann – oder ob überhaupt – Marmolejo ihn darum bitten würde. Diesmal war er nicht so dumm gewesen, ungefragt seine Dienste anzubieten. Er stand auf und ging die Stufen hinauf. »Ich hole nur schnell mein Werkzeug aus dem Arbeitsschuppen.«

»Äh, was glauben Sie, wie lange Ihre Untersuchung dauern wird?«

»Kommt drauf an. Drei oder vier Stunden.«

Marmolejo verzog das Gesicht. Er war jetzt seit sieben Uhr morgens im Treppenschacht. »Wenn das so ist«, brummte er widerwillig, »sollten wir vielleicht lieber bis morgen warten. Dann können wir Ihnen das Skelett vollkommen freigelegt anbieten.«

»Ich könnte ja schon mal einen ersten, vorläufigen Blick darauf werfen«, sagte Gideon. Er wollte genausowenig bis zum nächsten Tag warten wie Marmolejo. »Wenigstens mal sehen, ob ich Geschlecht und Rasse bestätigen kann. Vielleicht auch das Alter. So etwas. Morgen kann ich dann meinen Kram mitbringen und eine gründlichere Untersuchung durchführen.«

Marmolejos Miene hellte sich auf. »Por favor«, sagte er, brachte dann den anderen gegenüber, diskret, aber bestimmt, seine Vorbehalte zum Ausdruck, die Tlaloc-Crew als Publikum dabeizuhaben, wenn vertrauliche Polizeiangelegenheiten besprochen werden würden. Ob sie vielleicht ihre Arbeit an anderen Stellen der Ausgrabungsstätte fortsetzen oder, wenn sie möchten, zum Hotel zurückkehren könnten?

Als Julie mit ihnen aufstand, gab er ihr mit einem Zeichen zu verstehen, daß sie bleiben könne, doch sie schien erleichtert, gehen zu können. Julie hatte ein durchaus lebendiges Interesse an Skelettanalysen (welche Wahl blieb ihr auch schon, da sie mit Gideon verheiratet war?), aber dies war das erste Mal, daß sie die schmutzigen Einzelheiten davon miterlebte, und sie hatte ganz und gar nicht glücklich ausgesehen, einen beengten Raum mit einem frisch ausgegrabenen Skelett zu teilen.

Marmolejo wartete, bis alle fort waren, dann nickte er Gideon aufmunternd zu.

Aus der Nähe betrachtet, erwies sich das Skelett als zwar angeschlagen, war aber im großen und ganzen in gutem Zustand. Viele Gelenke wurden immer noch von zwiebelschalen-ähnlichen Bänderfetzen zusammengehalten. Unter dem Schädel lag ein Büschel rostfarbenen Haares, doch das besagte wenig. Wer konnte schon sagen, welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte, wenn man berücksichtigte, daß es unter diesem Kalksteinschutt bestimmt ausgelaugt und verfärbt worden war? Eine Querschnittsanalyse würde gewiß etwas über die Rasse aussagen, doch das mußte in einem Labor unter dem Mikroskop gemacht werden.

Kleidung war so gut wie nicht mehr vorhanden; nur Ledersandalen und blutverkrustete Shorts, die fast völlig vermodert waren. Shorts und Sandalen – hatte Avelino das getragen? Wahrscheinlich; das hatten ja die meisten Männer damals getragen. Falls er Unterwäsche auf dem Körper gehabt hatte, war sie jetzt jedenfalls nicht mehr unterscheidbar von den Shorts. Wie immer wirkte es weniger echt, wenn ein Skelett Kleider trug, wie ein Ulk zu Halloween, aber das hier hatte nichts Drolliges. Der Brustkorb war zerschmettert, einige der Articulationes costo-vertebrales – die Gelenke zwischen Rippen- und Brustwirbel – auseinandergerissen; die rechte Beckenwand war gesprungen und von der linken fortgedreht; das linke Schlüsselbein war gebrochen, der Unterkieferknochen auch, er klaffte schief auf, einige der Zähne waren abgesplittert oder herausgeschlagen; und die linke Seite des Schädels war eingedrückt.

Wenigstens war es trocken.

Ansonsten gab es nicht viel Gutes zu sagen. Der arme Kerl war bei dem Einsturz zerquetscht worden, und genau das sagte Gideon jetzt auch.

Marmolejo sah ihn ausdruckslos an. »De veras?« fragte er ironisch, ohne dabei den Mund um seinen Zigarrenstummel zu öffnen.

Gideon lächelte. Ja, wirklich. Aber es gab noch ein paar andere interessante Dinge, die er vielleicht herausfinden konnte. Am besten, mit dem Wesentlichen anfangen. Er hockte sich neben das Skelett, die Ellbogen auf den Oberschenkeln, und sah sich das zertrümmerte Becken an. Vorsichtig und mit Marmolejos Erlaubnis hob er mit einer Kelle etwas von den zerfallenen Überresten der Shorts an. Einen Moment lang klebte es noch am Knochen, dann kam es los.

»Tja, es ist ganz sicher ein Mann«, verkündete er. Das war einfach genug. Alles an diesem Becken schrie es förmlich heraus: stumpfe Beckenöffnung, abgerundeter Ramus, rechteckiges Kreuzbein, enge Ischiaskerbe. Es müßte immer so leicht sein.

Marmolejo nickte. So weit, so gut.

Behutsam benutzte Gideon die Spitze der Kelle, um etwas vom Knorpel der Schambeinfuge abzukratzen, jener Stelle, wo die rechte und linke Beckenhälfte zwischen den Beinen zusammentreffen. Von all den Flächen der zweihundertundsechs Knochen des menschlichen Körpers ist es genau dort, an diesem versteckten und abgelegenen Ort, wo sich die Zeichen von Alter und Verschleiß am deutlichsten und unauslöschlich eingraben.

Die Kelle locker in der Hand, musterte er die schmale, geriffelte Oberfläche des Knochens.

»Fünfzig Jahre alt«, sagte er nach einigen Sekunden. »Plus oder minus fünf Jahre.«

»Aha«, sagte Marmolejo zufrieden. »Avelino war siebenundvierzig.« Er warf Gideon einen schrägen Blick zu. »Wußten Sie das zufälligerweise?«

Nein, Gideon hatte es nicht gewußt.

Dann machte er sich an die schwerere Arbeit. Er untersuchte die langen Knochen, maß grob Femur und Humerus, Oberschenkel und Oberarmknochen, am Maßstab seiner eigenen Hand und Unterarm. Mit Marmolejos Zustimmung entfernte er etwas von dem Dreck, der in den Kiefern, den Augenhöhlen und dem Schädel selbst steckte. Er schaufelte den größten Teil des Schutts unter dem Schädel fort, wodurch er ein wenig wacklig nur noch auf einem schmalen Rand Geröll“ lag. Jeder kleine Dreckhaufen wurde in einen einzelnen, sorgfältig beschrifteten Umschlag zum Durchsieben für die Spurensicherung der Polizei verpackt.

Von einem der Polizisten ließ er die Lampen etwas anders stellen, so daß das Licht jetzt horizontal über die Knochen fiel und Kanten und Rinnen und Unregelmäßigkeiten hervorhob, die eine Menge aussagten, wenn man nur wußte, worauf man zu achten hatte. Er untersuchte sie, auf dem Bauch im Dreck liegend und gestützt auf die Ellbogen, tastete vorsichtig ihre Oberflächen ab, sondierte, dachte nach, rechnete und sprach nur, um die Polizisten um immer winzigere Korrekturen der Lampenstellung zu bitten. Zwanzig Minuten vergingen. Fünfundzwanzig.

»Ein vorläufiger Blick auf das Skelett reicht vollauf«, sagte Marmolejo.

Nach einer halben Stunde wurde der Inspektor sichtlich unruhig, wanderte auf einer der Stufen auf und ab; zwei kurze Schritte in die eine Richtung, drehen, zwei Schritte in die andere. Wie ein Wolf in einem Käfig. Marmolejo genoß es nicht, nur Zuschauer zu sein.

Gideon, vertieft in eine Reihe kleiner Erhebungen auf der Mandibula, bemerkte ihn kaum. Auf jeder Seite des Unterkiefers befanden sich zwei Unebenheiten, genau auf den Processus condylaris – den hinteren Gelenkfortsätzen also, die in Vertiefungen auf den Schädelseiten passen und so die Scharniere der Kinnlade bilden. Er hatte auf dem übrigen Skelett nichts Ähnliches gefunden, daher wußte er, daß es nicht irgendein allgemeiner Knochenzustand war. Einfach zwei deutliche Tuberkel, zwei Höckerchen, auf jedem Condylus, einer außen, einer innen. Es war nur eine einzige Sache denkbar, wodurch sie verursacht worden sein konnten, und das war der kraftvolle, gewohnheitsmäßige Gebrauch der Musculi pterygoideus lateralis, der unauffälligen kleinen Kaumuskeln, die genau dort ihre Ansatzpunkte hatten.

Eigenartig schon, aber wahrscheinlich nicht weiter von Bedeutung. Und doch wußte er genau, daß diese spitzen kleinen Knöpfe ihm keine Ruhe lassen würden, bis er schlau aus ihnen geworden war. War ihm nicht früher schon einmal etwas Ähnliches begegnet? Die Erinnerung war da, lag nur gerade außerhalb seines Zugriffes. In Ordnung, dann eben ganz von vorn. Was machten die äußeren Kaumuskeln? Sie waren natürlich Teil des Kauapparates; dicke, dreieckige Faserbündel, die vom Unterkiefer abstanden und ihn im komplexen, phantastischen Prozeß des menschlichen Kauens seitlich bewegten. Aber selbst nach einem Menschenalter normalen Kauens würden nicht diese Höcker entstehen. Was er also herausfinden mußte, war … nein, Moment. Es war dieser Fall in Pittsburgh gewesen …

Marmolejos Ungeduld war schließlich nicht mehr zu zügeln. »Also, können Sie mir jetzt etwas sagen? Können wir mit Sicherheit sagen, daß es Avelino ist, oder können wir es nicht?«

»Was?« Gideon tauchte nur langsam wieder auf, war in Gedanken immer noch bei den Knötchen. »Äh … nein«, sagte er.

»Nein, Sie können es nicht sagen, oder nein …«

»Nein, es ist nicht Avelino.«

Falsche Antwort. Marmolejos halb geschlossene Augen sprangen kurz auf, verengten sich dann sofort wieder zu schmalen Schlitzen. Der Zigarrenstummel zuckte gereizt. »Einfach so? Ein Blick, und die Antwort lautet nein?«

Gideon starrte zornig zu ihm auf, reagierte gereizt auf Gereiztheit. Wenn Marmolejo glaubte, es wäre so ein kurzer Blick gewesen, hätte er es ja selbst auf Bauch und Ellbogen versuchen können. Gideons Nacken schmerzte von der Anstrengung, den Kopf hochzuhalten, seine linke Hand war eingeschlafen, und wenn er seine Ellbogen von dem steinigen Schutt hob, fühlte es sich an, als wären Reißzwecken hineingestoßen worden. Er stand auf, massierte seine gefühllose Hand.

Diese sterblichen Überreste, erklärte er knapp, waren mit Sicherheit nicht die von Avelino Canul, gleichgültig, was der Inspektor glauben wollte. Dies war, basierend auf der groben vorläufigen Messung von Humerus und Femur, ein Mann von etwa einsdreiundachtzig bis einsachtundachtzig gewesen, und so groß war Canul auch nicht annähernd gewesen.

»Ich werde das nachprüfen«, sagte Marmolejo. »Ich bin sicher, daß ich seine Körpergröße in meinen Akten habe.«

Gideon warf nur einen kurzen Blick auf den gerade mal etwas über einsfünfzig großen Marmolejo. Was für einen Unterschied machte schon ein Blick in die Akten? Konnte er sich nicht erinnern, wie klein Avelino gewesen war? Wer hatte je von einem über einsachtzig großen Maya gehört?

Außerdem, wies Gideon daraufhin, daß der Schädel praktisch in jeder Hinsicht war, was ein Maya-Schädel eben nicht war. Das Cranium war nicht breit und rund – die brachycephalische Norm bei den Maya, annähernd genauso breit wie lang –, sondern länglich und schmal, ein typischer nordeuropäisch-dolichocephaler Schädel. Die Wangenknochen waren geschwungen, nicht kantig; der Gaumenbogen war v-förmig, nicht u-förmig; die Augenhöhlen quadratisch mit weichen, nicht scharfen Übergängen; das Gesicht als Ganzes markig und großflächig, nicht glatt und kompakt. Alles in allem, ein klassischer europider Schädel, der durchaus als anschauliches Beispiel für ein Lehrbuch geeignet wäre.

Und das war noch nicht alles …

Aber Marmolejo wich vor diesem Schwall an Informationen zurück und hob abwehrend eine Hand. »Ich kapituliere«, sagte er und brachte sogar ein kleines, durchaus nicht unfreundliches Lächeln zustande. »Ich weiß, wann ich geschlagen bin.« Nachdenklich starrte er auf das Skelett.

»Aber wer ist es dann?« flüsterte er.

Gideon wartete, bis sich die weit auseinanderstehenden Augen des Inspektors wieder hoben und seinem Blick begegneten.

»Es ist Howard Bennett«, sagte Gideon.

OceanofPDF.com