Fluch
Kapitel 3
»Heiß« beschrieb auch nicht annähernd diesen unvergeßlichen Nachmittag. Es war schlimmer als in einem Dampfbad gewesen, da es keine Möglichkeit gab, einfach aufzustehen und zu gehen. Die Temperatur hatte bei achtunddreißig Grad gelegen, die Luftfeuchtigkeit bei hundert Prozent, und wenn man atmete, war es, als hole man durch einen warmen, feuchten Wattebausch Luft.
Der kurze Regen hatte zwanzig Minuten zuvor aufgehört: einer dieser heißen, heftigen Sturzbäche, die wie ein Wasserfall auf das Dschungeldach einschlagen und dann so abrupt aufhören, als hätte jemand den Hahn zugedreht. Die anderthalb Zentimeter Wasser, die den uralten, kultischen Hauptplatz der Maya in Tlaloc in eine schlüpfrige Fläche verwandelt hatten, waren bereits wieder verschwunden, aufgesaugt von dem porösen Boden Yucatáns und in die gigantischen, natürlichen Kalksteinhöhlen darunter gesickert. In dem Moment, als der Regen aufhörte, schien die Sonne wieder und hüllte die Welt in Dunst. Die dichte, grüne Vegetation, die den Platz von allen Seiten bedrängte, die tausend Jahre alten Steine der zerfallenden Tempel, der strohgedeckte Schuppen der Archäologen – das alles zischte und dampfte noch vom Regen.
Gideon saß auf der Veranda des Schuppens, an einem wackeligen Arbeitstisch, der eigentlich von dem vorspringenden Dach geschützt sein sollte, jetzt aber zum größten Teil in der prallen Sonne stand. Wenn Gideon auch nicht zischte, so dampfte er doch wie alles andere um ihn herum. Es strömte aus seiner verschwitzten, khakifarbenen Arbeitskleidung, aus seinem verkrumpelten, schmutzigen Strohhut, aus jeder Pore. Er nahm noch einen Schluck aus der zerkratzten Flasche mit warmer Grapefruit-Limonade, verzog das Gesicht, wischte mit einem gleichermaßen nassen Unterarm über seine schweißgebadete Stirn, dachte wehmütig und kurz an Yosemite im Winter und an die kühle, windige Küste von Mendocino. Dann seufzte er und konzentrierte sich wieder auf das braune, annähernd kugelförmige Objekt, das vor ihm auf dem Arbeitstisch lag und ebenfalls dampfte. Es war der letzte von den Tauchern aus den trüben grünen Tiefen des Opferbrunnens geborgene Fund: ein menschlicher Schädel, der vierte bislang.
Er drehte ihn langsam in den Händen. Wie die meisten rituellen Opfer der Maya war auch dieses jung gewesen. Keine der Suturae war geschlossen, was bedeutete, daß dieser Mensch keine dreißig Jahre alt geworden war. Nicht mal zwanzig, dachte er, als er den Finger über die Kauflächen der Zähne gleiten ließ. Einer der dritten Molare war nach dem Tod herausgefallen, doch der andere war gerade erst durchgebrochen, so sauber geformt wie das Modellgebiß eines Zahnarztes, ohne jede Abnutzungserscheinung. Woraus sich, vernünftig geschätzt, ein Alter von achtzehn oder neunzehn ergab. Und »geschätzt« war genau das richtige Wort. Die dritten Molare brechen zu den unterschiedlichsten Zeiten durch, aber womit sonst sollte er weitermachen? Nach den ersten zwölf bis fünfzehn Lebensjahren findet sich bis in die Dreißiger hinein an einem Schädel nur herzlich wenig, woraus Rückschlüsse auf das Alter gezogen werden können. Was viel Raum für vage Schätzungen läßt.
»In Ordnung, Harvey«, sagte er zu dem untersetzten Fünfundzwanzigjährigen mit beginnender Glatze, der aufmerksam und lernbegierig neben ihm saß, »was würden Sie über das Alter sagen?«
Harvey Feiffer nahm sofort eine wachsam gespannte Haltung ein. »Äh, achtzehn bis zwanzig?« schlug er vorsichtig vor. »Der linke dritte Molar …«
»Gut. Wie steht’s mit dem Geschlecht?«
»Äh, weiblich?«
»Wieder richtig. Woher wissen Sie das?«
»Meine Güte, dafür gibt’s etliche Gründe. Es gibt keinen Margo supraorbitalis, und die Protuberantia occipitalis ist praktisch nicht vorhanden. Und diese Warzenfortsätze hier sind nichts als glatte kleine Unebenheiten.«
Gideon nickte anerkennend. In mancher Hinsicht war Harvey einer seiner besseren Doktoranden. Er arbeitete hart und begeisterte sich wirklich für die Anthropologie. Die Chance, Gideon als Forschungsassistent nach Yucatán zu begleiten, hatte er sofort beim Schopf ergriffen.
»Was sehen Sie noch, wenn Sie ihn sich genau anschauen?« fragte Gideon. »Wen sehen Sie?«
»Äh, wen?« Harvey kaute auf der Unterlippe, wischte sich mit einem Taschentuch Schweiß vom Nacken und nahm schüchtern den Schädel in die Hand, wobei er sorgsam darauf achtete, ihn, wie vorgeschrieben, in beiden Handflächen zu halten. Keine Finger in die Augenhöhlen. »Also, genaugenommen gibt es eine ganze Menge Interessantes«, sagte er und versuchte Zeit zu gewinnen. »Er ist eher klein und breit, also ganz sicher brachycephalisch, wenn auch wieder nicht so sehr, wie es aufgrund der kranialen Deformation den Anschein hat.« Er warf Gideon einen Blick zu, um herauszufinden, ob er auf der richtigen Fährte war, und erntete ein unverbindliches Nicken. Dann ließ er seine Wurstfinger mit den abgekauten Nägeln leicht über den Knochen wandern, wie Gideon es ihm beigebracht hatte. »Die, äh, oberen und unteren Nackenkämme sind nur ansatzweise ausgebildet, und die Schläfenbeinfurchen …«
Kurz gesagt, genau hier lag Harveys Problem: eine übertrieben exakte Konzentration auf Nebensächlichkeiten, ein erbarmungsloses Fokussieren auf Details zu Lasten größerer Strukturen und Zusammenhänge. Er war erst spät zur physischen Anthropologie gekommen und hatte erst im vorletzten Jahr seines Studiums umgesattelt, nachdem er nämlich Gideons interdisziplinäre Vorlesung über die Evolution der Primatenhand gehört hatte. Bis dahin hatte er im Hauptfach Soziologie studiert, und Gideon fragte sich, ob nicht beide Fächer schlecht gewählt waren, denn in Harvey Feiffer schlummerte die präzise und peinlich genaue Seele eines guten Wirtschaftsprüfers oder Steuerberaters.
Einmal, in einem ungewöhnlich lockeren Moment bei ein paar Bieren, hatte er zu Gideon gesagt: »Wissen Sie, was ich an der physischen Anthropologie so toll finde? Es gibt nichts, über das man streiten könnte. Es gibt richtige Antworten. Wenn man zum Beispiel in der Soziologie sagt, familiäre Normen determinieren das Verhalten des Kleinkindes, erklärt einem der erste beste, dem man über den Weg läuft, das stimme nicht. Sein Kind habe vom Augenblick der Geburt an eine völlig eigenständige Persönlichkeit besessen. Aber wenn man auf eine Unebenheit an einem Knochen zeigt und verkündet, es sei der vordere schließende Knochenhöcker, Mann, das ist super – dann macht keiner mehr einen Piepser.«
»… und die Nasenknochen sind typisch für die Maya«, quasselte Harvey weiter, »und in den oberen linken Incisivus ist anscheinend ein Loch gebohrt worden. Oh, und dann sind da noch ein paar Auswüchse an der Sutura lambdoidea, und …«
Gideon unterdrückte ein Seufzen. »Harvey, hören Sie auf. Lassen Sie sich mal eine Minute Zeit, gehen Sie etwas auf Distanz.« Gehorsam sprang Harvey sofort auf. »Nein«, sagte Gideon lächelnd. »Ich meinte, Sie sollten geistig Abstand nehmen. Versuchen Sie doch mal, den Schädel als Einheit zu sehen, als Teil eines Menschen. Was können Sie über sie sagen?«
Harvey glitt wieder auf seinen Rohrstuhl und machte ein schrecklich nachdenkliches Gesicht. »Ah, sie? Tja, ich weiß nicht …«
»Meinen Sie, sie war hübsch?«
Harvey zappelte nervös. Das war keine Frage nach seinem Geschmack. Keine richtige Antwort. »Schwer zu sagen. Vom Standpunkt der Maya aus gesehen wird sie es wohl gewesen sein.«
Keine schlechte Antwort. Gemessen an heutigen Maßstäben wäre sie alles andere als hübsch gewesen, aber ganz sicher hatten die Maya sie mit ihrem zierlichen, breiten Schädel und diesen ungewöhnlichen konvexen Nasenknochen für hübsch gehalten. Um sie noch hübscher zu machen, war ihr als Säugling künstlich die Stirn abgeflacht worden, so daß sich die Schädeldecke zu dem spitzen Höcker verformte, den sie so überaus attraktiv fanden. Und das in den Zahn gebohrte Loch war sicher für ein facettiertes Jade-Kügelchen bestimmt, das vermutlich immer noch irgendwo auf dem Grund des cenote lag. Zweifellos waren ihr die Ohrläppchen für Anhänger durchstochen worden, die Nasenscheidewand für einen Stecker, der linke Nasenflügel für einen Edelstein. Und in der Kindheit hatte man ihr höchstwahrscheinlich ein permanentes Schielen beigebracht; sie mußte wohl monatelang auf eine kleine Pechkugel starren, die an einem in ihr Haar geflochtenen Band baumelte. Das alles nur, um sie begehrenswerter zu machen.
Gideon holte tief Luft. Schon erstaunlich, auf wie vielfältige Weise man Fleisch und Knochen eines Menschen verstümmeln und deformieren konnte, wenn man nur ein bißchen Einfallsreichtum an den Tag legte. All die Arbeit und der Schmerz nur, um sie begehrenswert zu machen, und dann hatten sie sie getötet, noch bevor sie zwanzig wurde. Und Harvey sah nichts außer Höckern und Unebenheiten.
»Okay«, sagte Gideon freundlich, »da wollen wir doch mal sehen, ob wir sie uns jetzt nicht mal als menschliches Wesen vorstellen können, nicht einfach nur als Ansammlung skelettaler Kriterien. Zum Beispiel …«
»Gideon! Dr. Oliver! He, wo stecken Sie?«
Er erkannte Leo Roses grölende Stimme sofort und seufzte wieder. Tlaloc stand zwar als Ausgrabung der Horizon Foundation unter der Aufsicht von Profis, deren Mitarbeiter gehörten jedoch zur Kategorie der Ich-bezahle-für-das-Privileg-dabeizu-sein-Amateure, die zwei Wochen oder einen Monat mitarbeiteten und in der Regel sowohl am meisten Freude machten als auch am meisten nervten. Freude, wegen des unschuldigen, begeisterten Interesses, das sie für praktisch alles an den Tag legten; Nervensägen, weil das gleiche Interesse bedeutete, daß die Profis kaum zehn Minuten ohne Unterbrechung arbeiten konnten, ohne eine gutgemeinte, aber oft auch völlig hirnverbrannte Frage beantworten zu müssen.
»Hier, Leo. Wir sind hinter dem Schuppen.«
Zerzaust und groß wie ein Bär kam der kalifornische Immobilienmakler um die Ecke des dicht überwucherten Hauses des Priesters angewalzt. Oder besser, sie nannten es Haus des Priesters. Anthropologen wußten im Grunde nicht genau, was diese Gebäude einmal gewesen waren, genausowenig, wie sie wußten, was überhaupt irgendwelche alten Gebäude der Maya gewesen waren oder wie die Maya ihre großen Städte und kultischen Zentren (falls es wirklich kultische Zentren waren) nannten, nicht einmal, wie die Maya sich selbst genannt hatten. Wenn man richtig darüber nachdachte, dann gab es verdammt vieles, was die Anthropologen nicht wußten und wahrscheinlich auch nie wissen würden.
Leo platzte fast vor Aufregung. »Wir haben eine falsche Wand gefunden, können Sie sich so was vorstellen? Mit einer kleinen Geheimkammer dahinter, und dort steht dann eine phantastische steinerne Truhe. Kommen Sie, wir dachten, daß Sie die doch sicher sehen wollen. Oh, hallo, Harvey.«
Gideon ließ sich nicht zweimal bitten. Sofort stand er auf, legte den Schädel des Mädchens vorsichtig auf das mit Erbsen gefüllte Säckchen, das als Polster diente. Gab es bei einer Ausgrabung überhaupt noch jemanden, Amateur oder Profi, der nicht insgeheim Hoffnungen auf versiegelte Räume hinter falschen Wänden hegte? Wohl kaum, seit Howard Carter 1922 eine Wand eingerissen und das unberührte Grabmal von Tutenchamun betreten hatte.
»Wo? Im Tempel?«
»Unter der Erde. In der Treppe.«
Den mit Schutt gefüllten Treppenschacht freizulegen, war gegenwärtig Hauptaufgabe der Tlaloc-Ausgrabung. Seit Beginn der Arbeiten vor mehr als zwei Jahren hatte der Leiter Howard Bennett mit wechselnden Crews ununterbrochen daran gearbeitet und sich in die abgeflachte Pyramide gegraben, auf der der kleine Tempel der Eulen saß. Gideon, von seinem Lehrauftrag beurlaubt, war erst vor zwei Wochen nach Yucatán gekommen – als die ersten Knochen aus dem cenote geholt worden waren –, aber er hatte schon vor langer Zeit erfahren, daß Howards Enthusiasmus sich auf den verschütteten Gang konzentrierte. Wie die Dinge lagen, hatte sich Howard mit seinem guten Ruf dafür verbürgt, daß eine große Entdeckung bevorstehen würde, wenn sie erst den Boden erreichten. Warum sonst, wollte er wissen, hatten sich die Maya die Mühe gemacht, eine absolut perfekte Treppe mit Tonnen von Schutt und Geröll zuzukippen, wenn sie dort nicht etwas von ungeheurer Bedeutung verstecken wollten?
Gideon hatte seine Zweifel gehabt. Manchmal lagen tatsächlich Schätze auf dem Boden solcher zugeschütteten Gänge, erheblich häufiger jedoch nichts. Bei den Maya war es Brauch, ihre Pyramiden zu vergrößern, indem sie eine alte zum Kern einer neuen machten, die alte überbauten und die neue darüber errichteten. Die Pyramide des Zauberers in Uxmal, auch Wahrsager-Pyramide genannt, besaß fünf solcher »Hüllen« aus Mauerwerk, eine über der anderen, wie die Schalen einer Zwiebel. Und wenn die Maya auf diese Weise bauten, füllten sie in der Regel sämtliche Hohlräume der ursprünglichen Pyramide; aus Gründen der Stabilität, nicht um irgend etwas zu verstecken. Aber eine falsche Wand und ein versiegelter Raum – das war wieder etwas ganz anderes.
»Dann seid ihr also schon unten angekommen?« wollte Harvey wissen, als sie über den grasbewachsenen Platz zur Pyramide liefen.
Nein, erklärte Leo, nach Luft schnappend, das Fußende der Treppe hätten sie noch nicht gefunden, obwohl sie inzwischen vierundzwanzig Stufen tief gegraben hätten. Nein, die hohle Wand war auf dem Absatz entdeckt worden, der nur zwölf Stufen unterhalb des Tempelbodens lag, auf einer Fläche, die bereits vor einem Jahr freigelegt und bislang nicht weiter beachtet worden sei. Jemandem sei aufgefallen, daß der Mörtel an einer Wand anders aussah, krümeliger, und als Howard dann mit der Spitze einer Kelle zwischen den Steinblöcken stocherte, hatten sie sich gelockert.
Am Fuß der Pyramide nickte Gideon den beiden Maya-Arbeitern mit ihren Strohhüten zu, die auf den untersten Stufen Pause machten – mit Zigarren und lauwarmem Tee. Dafür erhielt er ein zweifaches, höfliches Nicken ohne Lächeln. Er lief die dampfenden, ausgetretenen Stufen hinauf. Harvey stolperte neben ihm her, und hinter ihnen schnaufte Leo. Sie betraten das kleine Gebäude auf der flachen Spitze der Pyramide: der Tempel der Eulen, so benannt nach dem Fries auf dem Mauersturz. (Für Gideon sah es allerdings nicht nach Eulen aus, doch sein Vorschlag, ihn »Tempel der Truthähne« zu nennen, war auf keine allzugroße Gegenliebe gestoßen.)
Das Gebäudeinnere war nackt und kahl und erinnerte an eine ausgebrannte Mietskaserne. Decken, Wände und Boden waren mit einem Kalksteinputz bedeckt; durch jahrhundertelang alles überwuchernde, inzwischen entfernte Pflanzen und ein Jahrtausend feuchter, immer noch sehr präsenter Hitze war der düster und fleckig geworden. Lediglich unterhalb des Daches vermittelten ein paar verblaßte grüne, blaue und rote Farbflecken eine grobe Vorstellung davon, wie es im Jahr 900 nach Christus hier ausgesehen haben mochte. Das einzig Ungewöhnliche war die quadratische, in den Boden geschlagene Öffnung, die, natürlich, in den Treppenschacht hinunterführte.
Auf dem Treppenabsatz zwölf Stufen weiter unten war der größte Teil der westlichen Mauer bereits abgerissen, wobei die entfernten Steinblöcke ordentlich aufgestapelt und mit Filzstift numeriert worden waren. Die Crew und ein weiterer Maya-Arbeiter starrten stumm in die Öffnung. Zwei tragbare Scheinwerfer auf dem Absatz warfen ihr grellgelbes Licht in den kleinen, unerwarteten Raum vor ihnen.
Einer der großen Reize der Anthropologie liegt darin, sich etwas ansehen zu können, das Menschen einer großen, verschwundenen Kultur vor tausend Jahren versiegelt haben und das seitdem kein menschliches Auge mehr erblickt hat. Doch dies hier war mehr, wie in einem Märchen … vielleicht der gläserne Palast im Berg? Der Raum war wie mit Edelsteinen besetzt und wirkte im Kontrast zu der schmutzigen Treppe noch blendender – eine grell funkelnde Eisgrotte im Herzen des Regenwaldes von Yucatán. Aber das Eis war natürlich kristallisiertes Kalziumkarbonat: Stalaktiten an der Decke, Stalagmiten auf dem Boden, und ein glitzernder, versteinerter Widerschein auf den Wänden.
In der Mitte stand eine hüfthohe steinerne Truhe von knapp einem Meter im Quadrat aus vier massiven, hochkant stehenden Steintafeln und verschlossen von einem großen, überstehenden, zwanzig Zentimeter dicken steinernen Deckel. Auch der Deckel war mit kristallinen Ablagerungen überzogen, doch durch den milchig-trüben Überzug konnte Gideon eine kunstvoll behauene Oberfläche von außergewöhnlicher Schönheit sehen. Entlang des Randes befanden sich Datierungsglyphen – Angaben im Long Count, einem der drei Berechnungssysteme des Maya-Kalenders – und in der Mitte eine sorgfältig gearbeitete Figur des halach-uinic des Wahren y Menschen, der aus dem Maul einer Schlange der Unterwelt trat oder darin verschwand. Die rote Farbe war zu einem blassen Rosa verblichen. Abgesehen davon hätte die Truhe auch erst heute morgen fertiggestellt worden sein können. Der Deckel war großartig, an sich schon ein Fund erster Güte. Gideon wagte sich kaum vorzustellen, was wohl darunter verborgen sein mochte.
Howard Bennett hatte ihn nicht hereinkommen sehen. Er trug kein Hemd und hatte die Statur eines Sumo-Ringers – korpulent und geschmeidig, dickes, speckiges Fleisch über einem sehr muskulösen Körper. Im Augenblick starrte er gierig den Deckel an. Die Haut auf seinem glänzenden Nacken und den Schultern zuckte wie bei einem Pferd. Gideon hörte sein tiefes, kehliges Lachen, leise und ganz für sich. Bei diesem Geräusch lief Gideon ein merkwürdiges Schaudern über den Nacken, es war wie eine dunkle Vorahnung.
Howard schaute zu dem Neuankömmling auf. »Und, was sagen Sie jetzt?« sagte er halb jubelnd, halb herausfordernd.
Gideon hatte seine Zweifel, ob es hier irgend etwas zu finden gab, ja nicht verhehlt.
»Phantastisch«, erwiderte er ernst. »Ich habe mich geirrt. Meine Glückwünsche.«
Unter dem Schweißfilm war Howards fleischiges, verlebtes Gesicht hochrot. Mit der Spitze eines alten Paisley-Halstuches wischte er sich den Schweiß von der Oberlippe und lachte.
Howard Bennett lachte oft und gern. Seine ungezwungene, fröhliche Art kam seinem einzigartigen Talent zugute: Ausgrabungen mit begüterten Amateuren zu leiten, die auf Urlaub ebenso versessen waren wie auf das Graben. Nach einem Arbeitstag auf der Grabungsstätte war er immer für einen Abend im nahegelegenen Club Med zu haben oder sogar für eine vierstündige Spritztour nach Mérida, in die Maja Excelsior Bar, die La Discotheque oder ins Boccacio 2000. Im Maja Excelsior gehörte er an Samstagabenden tatsächlich sogar zum festen Inventar. In der kleinen Jazz-Band spielte er Klarinette, die er außergewöhnlich gut beherrschte.
Er hatte eine kurze akademische Laufbahn hinter sich: drei Jahre an drei verschiedenen Universitäten. Er war ein langweiliger und farbloser Dozent gewesen, ein unzuverlässiges Fakultätsmitglied und nur ein mittelmäßiger Forscher. Aber seine beachtliche Methodik im Feld machte ihn zu einem gefragten Ausgrabungsleiter, und er war, soweit Gideon wußte, der einzige Mensch, der sich damit seine Brötchen verdiente. Er nahm inzwischen seit über zehn Jahren an Ausgrabungen in Lateinamerika teil, die letzten beiden Jahre davon in Tlaloc. Während dieser Zeit war er nur zweimal in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, und das auch nur, um seinen Paß und die Visa zu verlängern. Seit mehr als einem Jahrzehnt hatte er in Mexiko, Guatemala und Belize ein Zigeunerleben geführt.
Vor drei Jahren hatte Gideon bei einer mixtekischen Ausgrabung in Oaxaca kurze Zeit mit ihm zusammengearbeitet, und schon damals war er ihm nicht ganz geheuer vorgekommen. Jetzt war es noch schlimmer. Howards hartes, unstetes Leben machte sich bemerkbar: er nahm zu, sein Gesicht wurde schwammig, und zusätzlich zu seinem allabendlichen Trinken genehmigte er sich heute schon zum Mittagessen mehrere Biere. Und er zeigte auch kein sonderliches Interesse, mit Gideon über Archäologie zu reden. Seine Konversation reichte von Gemecker über die miese Bezahlung von Archäologen bis zu offenem Neid über die Lebensführung mancher reichen Amateure. Für Howard waren die zehn Jahre, die er mit wohlhabenden Börsenmaklern und Geschäftsleuten zu tun gehabt hatte, alles andere als gesund gewesen. Er trank heftiger, verfiel geistig und körperlich, und was seinen Beruf betraf, wurde er allmählich immer undurchsichtiger.
Zumindest war das bis zu dem überraschenden Fund der Fall gewesen. Unter seinen buschigen, zusammengewachsenen blonden Augenbrauen grinste er Gideon breit an. »Woran erinnert Sie das?«
»Palenque«, sagte Gideon ruhig.
»Ja«, flüsterte Howard. »Palenque!«
Jeder würde dabei an Palenque denken, an diese elegante Ruine knapp fünfhundert Kilometer weiter südlich im noch dichteren Dschungel von Chiapas. Dort hatte Alberto Ruz Lhuillier 1952 am Ende einer Treppe in einer etwas größeren Pyramide unter einem etwas größeren Tempel hinter einer falschen Wand, einer schweren dreieckigen Steintür, einen Raum entdeckt, in dessen Mitte sich auch ein steinerner Sarkophag befand, erheblich größer als dieser hier, der von einer mit einem wunderbaren Relief versehenen Kalksteinplatte verschlossen war. In dieser Truhe hatte eine der bedeutendsten Entdeckungen der mesoamerikanischen Archäologie gelegen. Es waren die Gebeine des unter dem Namen Pacal bekannten Priesterherrschers, der hoheitsvoll auf dem Rücken lag, umgeben von den prächtigen Insignien und dem Schmuck eines Maya-Herrschers: Halskette auf Halskette, gewaltige Ohrringe, eine prachtvolle Totenmaske und ein Diadem, alles aus polierter Jade; kunstvoll geschnitzte Ringe an allen zehn Fingern; eine große birnenförmige Perle; eine behutsam zwischen die Zähne plazierte Jadeperle als Wegzehrung für die Reise; zu seinen Füßen eine Jadestatue des Sonnengottes als Begleiter.
Gierig fixierte Howard die Truhe mit seinem Blick. »Was, glauben Sie, werden wir darin finden?« fragte er Gideon und lachte wieder. Sein strohiges, blondes Haar war dunkel und strähnig vor Schweiß, als wäre er geschwommen. Gideon gefielen weder die fiebrig roten Flecken auf seinen Wangen noch sein beinahe rücksichtsloses Verhalten.
»Nicht viel. Die Innenabmessungen können kaum mehr als sechzig mal sechzig sein«, antwortete Gideon vorsichtig, doch Howards Erregung ließ die unangenehm feuchte Luft beinahe knistern und machte ihn allmählich ärgerlich. Er spürte die ersten Anzeichen von pochenden Schmerzen hinter den Schläfen und zwang sich, seine verkrampften Gesichtsmuskeln zu entspannen. »Falls wir es hier mit einer weiteren königlichen Beisetzung zu tun haben, wird man ihn wohl ein bißchen zusammengeknautscht haben, damit er da reinpaßt.«
Die Bemerkung sollte die Atmosphäre entspannen. Harvey lachte auch brav, und ein paar andere kicherten leise. Howard wieherte, ein heiserer Aufschrei, wie durch die Nase ausgestoßen, worauf sich die anderen beklommene Blicke zuwarfen.
»Wissen Sie, was ich jetzt mache?« sagte er unvermittelt. »Ich heb jetzt die Deckplatte ab. Jetzt sofort.« Vergnügt rieb er sich die Hände, während der Schweiß von seinem Kinn tropfte. Er drehte sich zu dem Arbeiter um und sprach in abgehackten spanischen Sätzen.
»Avelino, hier brauch ich einen Dreifuß mit einem Flaschenzug. Und Stützstangen. Geh, sag’s den anderen.«
Gideon runzelte die Stirn. Das hier war ein kitzliges Unternehmen, das man besser bis zum nächsten Tag aufschob, wenn die entsprechenden Vorbereitungen mit mehr Ruhe getroffen worden waren. Er wollte schon etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. Keinem Chef gefiel es, wenn seine Autorität in aller Öffentlichkeit angegriffen wurde, und die Leitung der Ausgrabung lag ganz eindeutig in Howards Händen. Gideon war erst seit ein paar Wochen da, und zwar ausschließlich, um Gebeine zu analysieren. Abgesehen davon war es auch möglich, daß Howard genau wußte, was er tat.
Im Augenblick sah es ganz danach aus. Seine Anweisungen waren präzise, und die winzigen Maya-Arbeiter waren es gewohnt, schwere Dinge in beengten Räumen zu heben. Sie arbeiteten effizient und unterhielten sich leise in ihrer weichen, irgendwie raschelnden Sprache. Nach zwanzig Minuten hatten sie eine Ecke der Steinplatte neun, zehn Zentimeter angehoben, hoch genug, um mehrere Holzstangen darunter verkeilen und so die Platte aufbocken zu können.
Sobald die Streben an Ort und Stelle waren, sprang Howard mit gezückter Taschenlampe vor. Wie vor einem Altar kniete er vor der Truhe, richtete den Lichtstrahl auf die schmale Öffnung und beugte sich dann so weit wie möglich vor, um in den Spalt hineinsehen zu können. Lange Sekunden war nichts zu hören als das leise Klappern der Taschenlampe gegen den Rand der Truhe, die Howard daran entlangwandern ließ.
Schweigend schaute er in die Truhe, die Unterarme gegen den Rand gestemmt, die Stirn darauf gelehnt. Jetzt war das einzige Geräusch ein unregelmäßiges Flattern über ihren Köpfen, wie brutzelndes Fett: Insekten, die an den offenen Lampen verbrannten. Niemand sagte etwas, niemand rührte sich. Wenn sie alle so wie Gideon waren, atmeten sie nicht einmal. Howard hatte ihnen den Rücken zugekehrt, seine weichen, schwammigen Schultern glänzten unter dem Schweiß. Er sieht aus, dachte Gideon, als würde er jeden Moment wie ein Wesen aus einem Roman von H. P. Lovecraft vor dem Sockel der Truhe zu einer Fettlache zerschmelzen.
»Jesus Christus«, sagte Howard mit angespannter, ausdrucksloser Stimme. »Gideon, sehen Sie sich das an.«
Gideon schluckte schwer. Der Nacken schmerzte ihm vor erwartungsvoller Anspannung. Er ging näher hin und wußte nicht, ob Howard die Entdeckung des Jahrhunderts oder die Pleite seines Lebens vor Augen hatte. Als er in die Nische trat, knirschten Stalagmiten unter seinen Füßen – ein erschreckend frisches, klares Geräusch in der schmierigen Hitze. Neben Howard ließ er sich auf ein Knie nieder, während die anderen weiterhin begierig zuschauten. Howard richtete für ihn den Strahl der Taschenlampe in die Truhe.
Atemlos beugte Gideon sich vor, zutiefst dankbar dafür zu leben. Welcher andere Beruf bot Augenblicke wie diesen?
Nachdem er sich an die durch Howards zitternde Taschenlampe hervorgerufenen hüpfenden Schatten gewöhnt hatte, bestand seine erste Reaktion in beißender Enttäuschung. Außer ein paar staubigen, gewöhnlichen Gegenständen wie hundert anderen aus Dutzenden anderer Ausgrabungen befand sich nichts in der Truhe: ein kleiner Haufen Jadeperlen, zwei aus Jakobsmuscheln gefertigte Ohrringe, zwei bemalte Teller und dicht nebeneinander zwei schlanke, rechteckige, ordentlich zusammengefaltete Bündel Baumrinde, ebenfalls mit Farbe bestrichen. Vom Standpunkt des Gelehrten war das alles gewiß wertvoll, aber ganz sicher nicht die Entdeckung des Jahrhunderts. Warum in aller Welt hatten sich die Maya solche Mühe gemacht, diesen unscheinbaren Plunder so gut zu verstecken und aufzubewahren?
Aber Gideon war physischer Anthropologe; Knochen waren sein Metier, nicht Artefakte. Howard war Archäologe, und er wußte es besser. Die Taschenlampe zuckte in seiner Hand.
»Es ist ein Kodex!« flüsterte er mit belegter Stimme.
Gideon schaute wieder hin, und natürlich waren das nicht einfach nur gebündelte Baumrinden. Als der Strahl von Howards Taschenlampe die Schriftzeichen an den oberen Enden der Blätter und die einem Comic-Strip ähnlichen bunten Zeichnungen aus der Dunkelheit herausholte, erkannte er sie auch. Es war ein Maya-Kodex, ein präkolumbisches »Buch« der Maya, das auf dem Rücken lag und in der Mitte aufgeschlagen war, so daß die beiden Hälften ausgebreitet dalagen.
Seine Lippen öffneten sich, doch er wußte nicht, was er sagen sollte. Vielleicht war es ja doch die Entdeckung des Jahrhunderts. Zumindest für die Archäologie der Maya-Kultur.
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