Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 9 von 25

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Fluch

Kapitel 8

Gideon summte leise vor sich hin, schnippelte hier und da mit der Gartenschere, zupfte behutsam an der kräftigen braunen Wurzel und setzte sich auf seine Hacken zurück, um die Lage zu beurteilen. Allmählich hatte er sich innerlich entspannt und genoß sogar, wie der Schweiß sich auf seinem Kreuz sammelte.

Es war gut, wieder mit den Händen zu arbeiten, gut, ein neues Skelett ganz für sich allein zu haben. (Er war – schuldbewußt – erleichtert gewesen, als Harvey etwas betreten verkündet hatte, daß er dieses Mal lieber nicht mit Skeletten arbeiten wollte.) Er schnippelte weiter, zupfte wieder, zog mit einem zufriedenen »Aaah« ein zehn Zentimeter langes Wurzelstück weg und warf es durch die Tür hinter sich. Er legte die Schere neben die Machete.

Macheten und Gartenscheren gehörten kaum zu seinem üblichen Handwerkszeug, aber in den buschigen, widerspenstigen Dschungeln Yucatáns kam man ohne sie nicht sonderlich weit. Schlingpflanzen und Wurzeln blühten und gediehen in jeder noch so kleinen Ritze, und keinem Archäologen der Maya-Kultur blieb die frustrierende Erfahrung erspart, daß er tagelang arbeitete, um etwas freizulegen, sich dann eine oder zwei Wochen mit etwas anderem beschäftigen mußte und schließlich bei der Rückkehr zu der ursprünglichen Stele oder Skulptur diese dann noch dichter überwuchert vorfand als zuvor. Auf sämtlichen größeren Ausgrabungsstellen gab es daher Gruppen Macheten schwingender Arbeiter, die ständig damit beschäftigt waren, den unaufhörlich und unglaublich schnell vordringenden Dschungel zurückzuhacken. Ohne sie wären die lange verlorenen Städte innerhalb weniger Jahreszeiten wieder verschlungen – was tatsächlich auch bei vielen der Fall war.

Aber das mit Flechten überzogene Skelett im Eingang des Priesterhauses lag erheblich länger dort als nur ein oder zwei Jahreszeiten; länger als ein oder zwei Jahrhunderte. Die tote graue Farbe des Knochens, die trockenen, bröseligen Kanten, das Fehlen selbst ausgetrockneter Fetzen von Sehnen oder Ligamenten deuteten eher auf drei- bis vierhundert Jahre hin. Auch die Art der Vegetation lieferte einen Anhaltspunkt für das Alter. So erbarmungslos sie von allem Besitz ergriff, drei Jahrhunderte mußte es mindestens schon gedauert haben, um die Eingangshalle so zu erdrosseln. Vom Dach hingen schwammige graue Pflanzen – dort, wo man es überhaupt sehen konnte –, breiige Moose wucherten aus dem Mörtel der Steinmauern, dicht an dicht sprossen Stämme und Wurzeln und Kletterpflanzen aus der vier, fünf Zentimeter dicken Schicht schwarzer Erde und den verfaulenden organischen Stoffen, die über die Jahrhunderte hereingeweht worden waren, immer nur ein oder zwei Körnchen auf einmal, die sich festgesetzt hatten, wo es nur ging.

Und das Skelett war ganz sicher länger als die Pflanzen dort. Das ging eindeutig daraus hervor, wie sich die Wurzeln einiger der ältesten Gewächse, hölzerne, knorrige, knotige Ungeheuer mit gewellten, schwarz gewordenen Blättern um und durch die Knochen rankten. An manchen Stellen wucherten sie sogar aus den Knochen. Wurmartige Ranken krochen aus den Nasen- und Augenhöhlen, aus den Schultergelenken und den Foramina vertebrale, den Wirbellöchern; selbst aus der Schädelgrube und in einem dicken, häßlichen Knoten aus dem Foramen magnum, dem Großen Hinterhauptloch an der Schädelbasis, durch das die Wirbelsäule mit dem Gehirn verbunden ist. Die sanft zugreifende Gewalt hatte mit der Zeit viele Knochen zersplittert und das Skelett als ganzes zu grotesken Verrenkungen verdreht. Das Becken war gebrochen und nach hinten gekippt, der Schädel lag praktisch verkehrt herum.

Mit der Machete hatte er sich etwas Ellbogenfreiheit verschafft, die letzten zweieinhalb Stunden aber mit Schere, Messer und einer Zahnarztsonde vorsichtiger gearbeitet. Obwohl immer noch viel zu tun blieb, hatte er jetzt genug weggeschnitten, um das Skelett zum ersten Mal genauer untersuchen zu können.

Es lag in fötaler Haltung auf seiner linken Seite. Das war die Bestattungsstellung, der man in der Archäologie am häufigsten begegnete – es erforderte das kleinste Loch –, aber dieser Körper war nicht bestattet worden. Er lag auf dem Steinboden unmittelbar hinter der Eingangstür und blockierte den direkten Zugang. Unter dem Gerippe konnte er ein paar vereinzelte Jadeperlen sehen, und neben einem Unterarm lag ein schmaler, eingedrückter Armreif. Die Kleidung war schon vor langer Zeit vermodert.

Diesmal war es ein Mann; ganz sicher hätte Harvey auf den vorspringenden Augenbrauenwulst hingewiesen, die soliden Processus mastoideus – die Warzenfortsätze – und die kantigen Orbita – Augenhöhlen – des Schädels. Und durch ein Netz strohfarbener Wurzelranken war ein Großteil des Beckens sichtbar. Auch das war unverkennbar männlich. Gideon mußte nicht erst die – im wahrsten Sinne des Wortes – Daumenregel der Anthropologen auf das größere Ischiasloch anwenden (steck deinen Daumen rein; ist genug Platz, um damit zu wackeln, dann ist es eine Frau, wenn nicht, ein Mann), um zu erkennen, daß dort kaum Platz genug für einen kleinen Finger, geschweige denn für einen Daumen war. Abgesehen davon schimmerte eine Obsidianscheibe dunkel in dem finsteren Gewirr unterhalb des Schädels, und dazu hatte doch der strenge Bischof Diego de Landa selbst mißbilligend bemerkt, daß »die Männer und nicht die Frauen Spiegel in den Haaren tragen«.

Es schien sich um einen Mann mittleren Alters zu handeln. Auch wenn es noch ein wenig zu früh für präzise Angaben war: die Schädelnähte waren jedenfalls bis auf ein paar Stellen der Sutura lambdoidea – der Lambdanaht – unkenntlich, also war er wahrscheinlich älter als vierzig Jahre. Eine Schätzung, die von den kariösen, dunkelbraunen, abgenutzten Zähnen gestützt wurde. (Die Maya hatten sich hauptsächlich von steingemahlenem Getreide ernährt – was bedeutete, daß sie ebenfalls eine Menge getreidegemahlenen Stein verzehrten –, und das Ergebnis waren Molare, die nicht selten zu kleinen Stümpfen verkommen waren, wenn sie etwa dreißig wurden. Jeder, der glaubte, Löcher in den Zähnen seien erst mit dem raffinierten Zucker aufgekommen, hatte noch nie den Schädel eines frühen amerikanischen Indianers gesehen.)

Er schoß ein halbes Dutzend Blitzlichtaufnahmen mit seiner Minolta-Spiegelreflexkamera und fertigte eine grobe Skizze an. Als er den Schädel drehte, um das Gesicht besser sehen zu können, zuckte er beim Anblick der schlangenartigen, frisch durchtrennten Wurzeln leicht zusammen. Sie ragten aus den Augenhöhlen wie bei einem erbaulichen Relief auf einem mittelalterlichen Sarg. Mit großer Mühe hatten sie zunächst die Knochen in und um die Augenhöhlen auseinandergehebelt und sie dann fest umklammert, wo sie waren, so daß sich die Proportionen in dem Gesicht des Schädels mehr oder weniger verschoben hatten.

Er lockerte die Schraube an dem Lampenstativ, damit er die Glühbirne so tief wie möglich halten und so drehen konnte, daß ihr Licht seitlich auf den Schädel fiel. Sämtliche kleinen Unebenheiten und Rinnen erschienen plötzlich scharf und reliefartig, und er beugte sich dichter herab, um zu sehen, was zu sehen war. Überrascht blinzelte er, benutzte dann seine sensiblen Fingerspitzen zur weiteren Erkundung, besonders der Gegend um die Augenhöhlen. Merkwürdig, die einzelnen Knochen der Orbita hatten sich über all die Jahre überhaupt nicht voneinander fortbewegt. Sie waren zerschmettert worden. Und die meisten der gebrochenen Splitter waren nach innen getrieben worden, nicht nach außen, wie man es ganz und gar nicht bei Wurzeln erwarten würde, die aus der Hirnschale nach außen stießen.

Es war beinahe, als ob …

Stirnrunzelnd setzte er sich wieder auf die Hacken zurück.

Es war mit Sicherheit beinahe so, als ob …

»… mit Sicherheit beinahe so, als ob die Augen ausgestochen worden wären«, sagte Gideon und schaute von Abe zu den anderen. »Genaugenommen«, fügte er hinzu, »können wir das ›beinahe‹ getrost streichen.«

Die Crew hatte sich im Schatten einiger dösender Akazien eingefunden, saß zwischen den Mauerblöcken der Westgruppe. Es war die einzige größere schattige Stelle auf dem zentralen Platz; der Rest war stoppeliges Gras, der Sonne preisgegeben. Folglich war es ein bevorzugter Ort für Mittagspause und Nachmittagsschläfchen. In den Mittagspausen wurde meist, heute auch, entspannt erzählt und Gefundenes vorgezeigt; die Mitarbeiter plauderten über die Fortschritte des Morgens.

Alle außer Emma und Preston Byers hatten Sandwichpakete aus dem Hotel. Die Byers, schon lange Vegetarier, bereiteten sich ein bescheidenes Mahl aus in Plastikfolie eingeschweißten Sojakuchen, Mungo-Bohnensprossen, die sie angeblich selbst auf der Fensterbank ihres Zimmers gezogen hatten, und Bananen.

Wie es schien, hatten sie ihr Fast-Food-Imperium verkauft und besaßen nun Wellbeing, ein Versandhaus für alles, was das Herz des New-Age-Anhängers begehrte. Wie Leo hatten sie einen reichlichen Vorrat an Broschüren mitgebracht, von denen Gideon ein Exemplar nicht hatte ausschlagen können.

»Der holistisch-makrobiotische Feinschmecker-Supermarkt des Mittleren Westens«, stand dort. »Biodynamisches Vollkorn-Getreide, Reis-Koji, Masa Delight, Bienenpollen-Kautabletten (ein bewährtes Mittel zur Verjüngung der Haut), Löwenzahn-Donner, Tofu-Sahnekäse, 30 verschiedene Seetangarten (unübertroffen zur Reinigung des Dickdarmes), Nori, Braunalgenspitzen, 120 Sorten natürliches Nußmus. Literatur über therapeutisches Trommeln, Tibetanische Streßreduktion, sowie weitere lebensverbessernde Studien. Große Auswahl energiebalancierender Kristalle.«

Bei Gideons Worten hatte Emma Preston einen vielsagenden Blick 2ugeworfen. Er kaute aber ungerührt weiter und lächelte sie gedankenverloren an. Worthy Partridge hörte auf, sein Truthahn-Sandwich zu mampfen, und schaute beklommen auf, als könnten es auf keinen Fall gute Nachrichten sein, ganz egal, was es bedeutete. Doch das war seine Standardreaktion auf alles Neue.

Leo Rose reagierte ebenfalls auf die für ihn typische Art mit einem wiehernden Lachen. »Der Fluch von Tlaloc lebt«, flüsterte er.

Was Worthy überhaupt nicht komisch fand. »Ich wüßte nicht, was daran witzig sein soll. Könnte da irgendwas dran sein, Gideon?«

»Hee-hee-hee-heee«, krächzte Leo. »Hoo-hoo-h –«

Worthy brachte ihn mit einem strafenden, finsteren Blick zum Schweigen. »Ich meine nicht, ob an dem Fluch was dran sein könnte«, sagte er scharf. »Ich meine vielmehr, glauben Sie, es – er – wäre dort zurückgelassen worden als eine, Sie wissen schon, Warnung, diese Stätte nicht zu stören?«

»Genau das denke ich«, sagte Gideon. »Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Wortlaut des Fluches, aber irgendwo hieß es doch …«

»Ich schon«, sagte Emma Byers. »Vergangene Nacht habe ich bei meinem Amethyst-Meditationsintervall meinen interpolaren Fluß darauf konzentriert.« Sie errötete und sah die anderen abwehrend an, weil sie schon damit rechnete, angegriffen zu werden. »Ich habe es jetzt multidimensional verinnerlicht«, verkündete sie.

»Ich glaube, das soll wohl heißen«, brummte Worthy zu niemand besonderem, »daß sie den Fluch auswendig gelernt hat. Gott bewahre.«

Gideon machte der Gedanke ebenfalls nicht besonders glücklich. »Also, allzu wichtig ist es wahrscheinlich nicht …«

Emma schloß ihre Augen, ignorierte beide. »›Die Götter von Xibalba werden kommen und ihnen die Augen ausstechen‹«, intonierte sie in einer mittelprächtigen Imitation von Dr. Garrison, allerdings ohne den Akzent.

»Genau«, sagte Gideon. »Aber …«

»›… und ihnen die Köpfe abschneiden‹«, leierte Emma weiter, wobei ihre Augen immer noch fest zusammengekniffen waren, »›und ihre Nerven und Knochen zermalmen und aufreiben, und sie quälen, bis sie sterben und nicht mehr sind. Nur so …‹«

»Danke, Emma«, unterbrach Gideon. »Das reicht. Tja, sieht ganz so aus, als hätte das alles jemand mit dem armen Burschen im Eingang gemacht.«

»Häh?« sagte Harvey. »Woher wollen Sie denn wissen, ob seine Nerven zermalmt worden sind? Ich meine, wenn Sie doch nichts anderes haben als Knochen …«

Gideon senkte den Kopf, um ein Lächeln zu verbergen. Manche Dinge änderten sich nie. Harvey mußte natürlich ein gewisses prosaisches Element in die Sache bringen.

»Sie haben vollkommen recht, Harvey. Das war etwas übertrieben. Über die Nerven kann ich nichts sagen. Aber alles andere paßt. Der Kopf wurde abgeschnitten – oder besser gesagt, abgesägt – mit irgendeiner Klinge, die nicht sonderlich scharf war. Wahrscheinlich einem Messer aus Feuerstein. Und viele der Knochen wurden mit einem schweren Gegenstand zerschmettert. Die Hand- und Fußknochen wurden buchstäblich zu Brei geschlagen, so als wären Hände und Füße auf einen flachen Stein gelegt worden und …«

»Gideon, es reicht, du mußt uns keine Skizze machen«, unterbrach ihn Abe und verzog das Gesicht.

»Äußerst lustig«, schaltete sich jetzt Julie ein. »Ich genieße todsicher mein Mittagessen.«

Gideon beruhigte sich. Er dachte auch nicht besonders gern darüber nach.

Ein paar Augenblicke lang waren das Rascheln und Hicksen der Vögel im schattigen Wald ein paar Meter entfernt die einzigen Laute; die Menschen aßen ihre Sandwiches oder schälten ihr Obst in nachdenklichem Schweigen.

»Dr. Oliver«, sagte Emma Byers unvermittelt, »hatten Sie schon Gelegenheit, die Winter-Ausgabe von Holy Anthro zu lesen?«

»Äh … Holy Anthro?« Was zum Teufel war Holy Anthro? Wollte er das wirklich wissen?

Sie sah ihn überrascht an. »Das Journal of Holistic Anthropologe and Shamanistic Enlightenment«, erklärte sie. »Da gab es einen Artikel, der sehr deutlich zu uns spricht.«

»Äh, nein, muß ich wohl übersehen haben«, erwiderte er feige.

»Was ist mit Ihnen, Dr. Goldstein? Ich bin sicher, Sie haben es gelesen.«

»Nein, leider, leider, nicht«, erwiderte Abe mit einem honigsüßen Lächeln. »Bedauerlicherweise bin ich nach Yucatán abgereist, bevor mein Exemplar mit der Post kam.«

Gideon beäugte ihn skeptisch. Bei Abe konnte man nie wissen.

Emma blinzelte, drückte anscheinend so die ihr eigene phlegmatische Art des Erstaunens über die Schlampigkeit zweier angeblicher Profis der Anthropologie aus. »Es war ein Artikel über die Prophezeiungen der alten Maya.«

»Oh, mein Gott.« Worthy biß mit düsterer Miene in eine Orangenscheibe und verdrehte die Augen zum Himmel.

Emma Byers war eine unattraktive Frau, die leicht errötete und manchmal mit den Worten herausplatzte und dann wieder stockte. Aber so leicht ließ sie sich nicht von etwas abbringen. »Es handelte sich um eine kontrollierte wissenschaftliche Untersuchung«, behauptete sie, die Augen auf den Boden gerichtet, »durch das Institut für Transformatives Bewußtsein …«

»Aaah«, meinte Abe.

»Heilige Scheiße«, sagte Worthy.

»… die zweifelsfrei beweist, daß alle zwölf großen Veränderungen im Dow-Jones-Index in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres bis auf zwei Punkte genau im Popol Vuh vorausgesagt worden sind – und das Popol Vuh ist von den Quiché Maya im Jahre 1550 verfaßt worden.« Sie errötete und biß energisch in ihren Sojakuchen.

Die einzige Reaktion kam von Leo. »Wenn ich was über den Dow-Jones des kommenden Jahres erfahren könnte, wäre ich vielleicht interessiert.«

»Preston«, sagte Emma, »du erinnerst dich doch, oder?«

»Was?« Ihr erschreckter Ehegatte ließ beinahe seine Banane fallen. Er schaute sich hilfesuchend um. Nicht zum ersten Mal fragte sich Gideon, wie groß sein Anteil an der Entscheidung der Byers gewesen war, ihr Hamburger-Imperium gegen die fleisch- und fettlosen Herrlichkeiten des New Age einzutauschen.

Aber natürlich war Preston Wachs in ihren Händen und stets mit allem einverstanden. »Also, ja«, meinte er schließlich. »Ja, ich denke schon. Ich glaube, es wurde darauf hingewiesen, daß tausend Dollar, die entsprechend dem, äh, Popol Vuh investiert und reinvestiert wurden, am Ende, äh, fünftausend Dollar gebracht hätten.« Er sah sie hoffnungsvoll an. »Meinst du den Artikel?«

»Fünfundzwanzigtausend Dollar«, korrigierte ihn Emma. »Und jetzt hört euch das an!« Wieder schloß sie die Augen, legte die Stirn in tiefe Falten. »Das ist aus dem Fluch. Ich habe viel darüber nachgedacht. ›Ihre Schätze werden verloren sein, und ihre batabobs und ahlelobs werden sie verlassen …‹«

»He, ich kenn das Lied«, sagte Leo und lachte. »›Oh, batabobs and ahlelobs and little lambs eat ivy …‹«

»Oh, verdammt, Leo!« sagte Emma überraschend hitzig. »Begreift denn keiner, was das bedeutet?« Sie öffnete die Augen und schaute sie ernst an.

Tatsächlich begriff es keiner; nicht einmal Preston, der sich die größte Mühe gab, nach der Bedeutung zu suchen, die klassische Stirn gerunzelt.

Gideon glaubte eine Ahnung zu haben, behielt es aber für sich.

»Es sagt exakt voraus, was hier passiert ist«, verkündete Emma. »Der Fluch erfüllt sich. Damals wußten wir es noch nicht, aber es war auch 1982 schon so.«

»Der Fluch … von Tlaloc«, intonierte Leo mit einem metallisch hohlen Klang in seine leere Coca-Cola-Dose, zuckte dann unter Emmas stechendem Blick zusammen. »Ich glaube, ich halte jetzt wohl besser den Mund.«

»Wollt ihr wirklich sagen, ihr seht es nicht?« sagte Emma und wandte sich an alle. Die roten Flecken auf ihrem Gesicht breiteten sich aus und verdunkelten sich noch mehr, vermutlich aus Schmerz, es mit einem Haufen engstirniger Dummköpfe zu tun zu haben. »Howard Bennett war unser batabob, unser Führer, und er hat uns verlassen. Was könnte klarer sein?«

Genau, was Gideon befürchtet hatte. Das hier war gar nicht gut. Das wenige, was er von Flüchen bei archäologischen Expeditionen wußte, hatte er aus Filmen im Kino, und für gewöhnlich wurde dort betont, daß es ein Fehler war, anzufangen, sie zu ernst zu nehmen.

»Das ist doch vollkommen lächerlich«, platzte Worthy unverblümt heraus. Er tupfte seinen kleinen Bart mißmutig mit einer Papierserviette ab. »Ich glaub das einfach nicht. Wir leben in den achtziger Jahren. Das hier ist eine wissenschaftliche Expedition. Wie kommen wir dazu, dieses New-Age-Geschwätz auch nur zu diskutieren?« Er sprach New Age als ein Wort aus, wie »new-age«, das damit fast wie »sewage« – Abwasser – klang.

»Außerdem«, sagte Harvey ganz sachlich, »bringen Sie ein bißchen was durcheinander. Batabobs und ahlelobs, das war doch Teil zwei des Fluches, oder? Tja, wir hatten ja noch nicht mal unseren Teil eins.«

»Völlig richtig«, sagte Worthy verächtlich. »Oder hat irgendwer schon einen blutsaugenden Kinkajou gesehen?«

Leo stimmte ihnen nicht zu. »Aber wißt ihr, es stimmt schon, was Emma sagt«, meinte er, scheinbar angetan von der Idee. Oder vielleicht fand er auch nur, daß es mehr Spaß machte, zur Abwechslung mal die Seiten zu wechseln. »Howard hat uns im Stich gelassen, oder etwa nicht? Und der Kodex, das war unser Schatz, und der ist ja wohl definitiv weg, richtig?« Er war mit seinem Mittagessen fertig und hatte sich wie ein nasser Sack gegen die steinerne Plattform eines der zerfallenen Gebäude zurückgelehnt und die Hände zufrieden auf seinem üppigen Bauch gefaltet. »Vielleicht müssen die Dinge in dem Fluch sich nicht der Reihe nach erfüllen.«

Emma warf ihm einen zwar hoffnungsvollen, aber auch mißtrauischen Blick zu. Schwer zu sagen, ob er es ernst meinte. Falls er überhaupt je irgend etwas ernst meinte. Leo lächelte sie an. Wie ein Buddha. Sie waren fast gleich gekleidet, bemerkte Gideon gedankenverloren: schicke, ungefärbte Leinenhemden und knielange beigefarbene Shorts, die modisch zerknittert und viel zu groß waren. Emma allerdings brachte es fertig, wie eine Reklame für Banana Republic auszusehen, solange man nicht zu genau hinschaute; Leo sah einfach nur wie jemand aus, der in seinen Kleidern geschlafen hatte.

»Leo hat recht«, sagte Emma. »Wer sind wir denn, anderen kulturellen Konzepten unsere westliche Vorstellung von der Zeit als einem linearen Kontinuum aufzuzwingen?«

Worthy gab einen gereizten Laut von sich und sprach zum Himmel. »Wollt ihr wissen, was das hier beweist? Das entsetzliche Versagen unseres Schulsystems. Jeder, der leichtgläubig genug ist, auf das unaufhörliche New-Age-Geschwafel reinzufallen …«

»Ach, ja? Ist das so?« sagte Emma mit rauher Stimme. Sie war beleidigt. »Und Sie meinen, Sie wären in der Lage, beurteilen zu können, was dreitausend Jahre …«

»Kinderchen, Kinderchen«, schaltete Abe sich ein, »wir wollen’s doch nicht übertreiben. Ich bin sicher, niemand behauptet allen Ernstes …«

Aber Worthy fühlte sich angesprochen und unterbrach ihn. »Das ist doch absurd! Wenn wir kein besseres Gesprächsthema finden können, sollten wir besser gleich den Mund halten.«

»Also, ja, ganz meine Meinung«, sagte Preston, fügte dann gütlich hinzu: »Es gibt gewisse Dinge, die wir besser nicht wissen.« Er hatte Glück, etwa einen halben Meter vor Emma zu sitzen; ihre wütenden Blicke prallten von dem sich attraktiv kräuselnden grauen Haar über seinem Kragen ab, ohne Schaden anzurichten.

»Das«, sagte Worthy frostig, »habe ich mitnichten gemeint.«

Als Abe noch Professor gewesen war, erinnerte sich Gideon, hatte er sich normalerweise aus Seminardiskussionen herausgehalten und Gideon und seine anderen Studenten die Dinge unter sich ausfechten lassen. Normalerweise. Aber manchmal kam ein Punkt, an dem der demokratischen Herangehensweise zugunsten einer entschiedenen, väterlichen, nicht anzufechtenden Expertenmeinung ein Riegel vorgeschoben werden mußte. Dieser Punkt war jetzt erreicht.

»Ich bin mit Worthy hundertprozent einer Meinung«, sagte Abe, ließ seinen Blick ernst von einem Mitglied der Crew zum anderen wandern. »Der Fluch, das Skelett im Eingang, das alles ist äußerst interessant. Es lohnt sich bestimmt, darüber in archäologischen Kategorien zu diskutieren.« Er hob einen spinnenhaften Finger. »Aber ganz und gar nicht als übernatürliche Ereignisse.« Er richtete seinen Blick auf Emma, freundlich, aber sehr entschieden. »Um ehrlich zu sein: ich bin schon ein wenig überrascht, daß das hier überhaupt jemand ernst nimmt.«

Emmas verquollenes Gesicht spannte sich an. Sie errötete zwar wieder, sagte jedoch nichts.

»Ach, ich weiß nicht«, meinte Leo, durchaus nicht respektlos. »Sie müssen doch zugeben, daß es schon einen Gedanken wert ist.«

»Hören Sie«, sagte Julie freundlich, »ich war 1982 nicht hier, daher weiß ich im Grunde nicht, wovon ich rede, aber ich habe den Eindruck, daß wir hier verschiedene Dinge durcheinanderbringen. Zunächst einmal ist der Kodex nie unser Schatz gewesen. Und er wurde auch nicht verloren. Dr. Bennett hat ihn gestohlen. Und natürlich ist er anschließend weggelaufen. Man braucht keinen Fluch, um diese Dinge erklären zu können.«

»Völlig richtig«, sagte Abe herzlich. »Kurz gesagt: das Gesetz der Habgier. Also, reden wir nicht mehr von dem Fluch. Der Fall ist erledigt. Ende der Zigarre. Zeit, an die Arbeit zurückzukehren.«

Er stand auf, ein wenig eingerostet, nachdem er so lange auf dem Boden gesessen hatte, und klopfte sich Staub von der Hose. »Andererseits«, sagte er mit seinem allerfeinsten Lächeln, »falls jemand irgendwelchen blutsaugenden Kinkajous begegnen sollte … lassen Sie es mich doch bitte wissen.«

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