Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 18 von 25

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Fluch

Kapitel 17

Es war durchaus nicht so, daß Javier Marmolejo Gideon Oliver nicht mochte. Ganz im Gegenteil. Er fand ihn sogar sehr sympathisch. Als die naiven, halb hysterischen norteamericanos 1982 gedroht hatten, die Tlaloc-Ermittlungen zur Farce zu machen, hatte er mit freundlichem, gesundem Menschenverstand die Situation gerettet. Und zwar mehr als einmal, aber natürlich war er damals noch nicht el detective de esqueletos gewesen, und genau da lag der Unterschied.

Heute war er, worauf Dr. Plumm bereits hingewiesen hatte, ein bekannter forensischer Experte, nicht einfach nur irgendein harmloser Anthropologe, der in den alten Städten herumalberte. Und Marmolejos Geduld mit berühmten forensischen Experten war begrenzt. Oh, sicher, er hatte auf der Akademie von all der wunderbaren Hilfe erfahren, die man von ihnen bekommen konnte, von diesen Pathologen und Toxikologen, Anthropologen und Odontologen, und er hatte es selbst ein- oder zweimal erlebt, wie sie sich als nützlich erwiesen hatten. Schon gut, sogar mehr als nur ein- oder zweimal. Aber wenn sie fertig waren, war meistens alles nur noch unklarer als zu Beginn der Arbeit. Besonders, wenn es um Mordfälle ging. Wenn ihm jemand die Wahl ließe, dann würde er sie alle hinauswerfen und dafür sorgen, daß sie sich mit ehrlicher Arbeit auf den Universitäten ihre Brötchen verdienten.

Denn wie die meisten Polizisten wußte Marmolejo, daß Morde nicht in Labors oder unter Mikroskopen gelöst werden. Falls überhaupt, klären sie sich von selbst auf. Der Mörder legt ein Geständnis ab oder zeigt versehentlich mit dem Finger auf sich selbst, oder einer seiner Freunde kommt unter einem Stein hervorgekrochen und erledigt es für ihn.

Es sind nicht die »Spuren«, die Mordfälle aufklären, es sind die Informanten. Und die Methode, diese Dreckskerle aufzustöbern, besteht in ganz altmodischer Polizeiarbeit – methodisch, beharrlich und mit einer gehörigen Portion Instinkt und Erfahrung.

Er beugte sich in seinem thronartigen alten Drehstuhl vor, den er 1984 von Colonel Ornelas geerbt hatte, nachdem der betrügerische alte Lustmolch sich die Taschen vollgestopft und geflohen war, nur wenige Tage bevor die wohlverdiente Säuberungsaktion auch ihn erwischt hätte. Die kleinen braunen Hände auf dem Schoß gefaltet, schaute Marmolejo auf den glänzenden Holzschreibtisch vor sich.

Inspektor Marmolejo war ein äußerst ordentlicher Mensch. Er war stolz darauf, wie sein Schreibtisch aussah. Unter der dicken Glasscheibe lagen weder Zettel noch Gedächtnisstützen oder Telefonlisten. Und auf dem Glas selbst keine Aktenstapel, keine Handbücher, keine Berge ungelesener Berichte. Nichts außer dem, worüber er im Augenblick nachdachte. Und in diesem Augenblick lagen dort zwei handschriftlich beschriebene Briefbögen des Hotel Mayaland, die er genau parallel zur Vorderkante des Schreibtisches ausgerichtet hatte.

Er seufzte, bewegte die nicht angezündete Zigarre mit den Lippen etwas tiefer in seinen Mundwinkel und zog die Bögen näher zu sich. Wieder Gideon Oliver. Ein Memorandum. Er las es zum zweiten Mal.

An: Inspektor Marmolejo

Von: Gideon Oliver

Betrifft: Stanley Ard – Umstände seines Todes Ich fürchte, Dr. Plumm sind einige nur zu verständliche Irrtümer bei seiner Analyse des Mordes unterlaufen. Dies sagt absolut nichts über seine allgemeine Kompetenz als Arzt, sondern lediglich etwas über seine mangelnde Vertrautheit mit Morden.

Hier meine eigenen Schlußfolgerungen:

1. Die Verletzung auf Ards Stirn ist keine Austrittswunde, sondern die Eintrittswunde. Auch wenn ein klaffendes Loch wie dieses normalerweise durch die Vibrationen eines Projektils bei Verlassen des Körpers verursacht wird, kann dies gelegentlich auch im Falle einer Kontakt-Eintrittswunde erfolgen – das heißt, daß die Schußwaffe zum Zeitpunkt des Abfeuerns auf die Haut gedrückt wird. Dabei passiert folgendes: Die Mündungsgase haben keine Möglichkeit zu entweichen und dehnen sich statt dessen sofort unter der Haut aus. Und wenn sich direkt unter der Haut Knochen befindet – beispielsweise der Schädel –, werden die Gase mit großem Druck gegen die Unterseite der Haut zurückgedrängt, schaffen sich einen gewaltsamen Weg hinaus und bewirken dabei eine schartige, sternförmige Verletzung, die leicht mit einer Aus-trittswunde verwechselt werden kann. (Allerdings sind bei einer Laboruntersuchung der umgebenden Haut für gewöhnlich Schmauchspuren und Verbrennungen festzustellen.)

Manchmal dringen kleinere Mengen der Gase durch den Knochen in den Schädel ein und dehnen sich dort aus, wobei sie die schwächsten Teile des Cranium, das sind die supraorbitalen Platten, herausdrücken und dabei die Lider mit Blut füllen. Mit beinahe absoluter Sicherheit ist dies als Ursache für Ards Augenhämatome anzusehen.

Wie Sie wissen, ist dies keine typische Situation. Ich selbst habe es zunächst falsch gedeutet, bis ich einen Blick auf den darunterliegenden Knochen werfen konnte und sah, daß das Loch im Schädel selbst eine unverkennbare Eintrittswunde war – klein, rund und sauber, die Außenfläche des Knochens in der Nähe des Randes im großen und ganzen intakt.

2. Falls das, was ich sage, zutreffend ist, muß die Interpretation der Ereignisse modifiziert werden:

a) Ard wurde von vorn erschossen, nicht von hinten.

b) Der Mörder hat nicht außerhalb des Zaunes auf der Lauer gelegen, sondern befand sich wie Ard selbst auf dem Hotelgelände. Ks gibt keinen Grund zu der Annahme, daß er versucht hätte, seine Anwesenheit hier vor Ard oder jemand anderem geheimzuhalten.

c) Da es sich bei der Verletzung um eine Kontaktwunde handelt, muß sich der Mörder auf Armeslänge von Ard entfernt befunden haben, was bedeutet, daß der Mörder durchaus jemand gewesen sein kann, den Ard kannte; sehr wahrscheinlich jemand, zu dem er eine vertrauensvolle Beziehung hatte.

Ich bin überzeugt, daß Sie und Ihre Leute inzwischen auch allein zu diesen Schlüssen gelangt sind, aber ich hielt es für das beste, etwas für die Akten einzureichen. Worauf das alles hinausläuft, ist allein Ihr Job. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, werde ich dies gern tun.

Wenn nicht, ist das auch in Ordnung.

Marmolejo lächelte dünn. Bissig, dieser Oliver. Nun, wenigstens konnte man verstehen, was er geschrieben hatte; nicht wie bei manchen anderen von diesen Burschen.

Er schob die Blätter mit einem ärgerlichen Knurren fort. Wer hatte schon mal von dieser Sache mit den sich ausdehnenden Gasen gehört? Das hier war Marmolejos achtzehnter Mord, und bislang war ihm so etwas noch nie begegnet. Und ganz sicher war es auch auf der Akademie nicht erwähnt worden. Folglich hatte er anfänglich auch Plumms Befund akzeptiert. Dr. Lopez, der Polizei-Pathologe, auch, nachdem er endlich eingetroffen war. Doch an diesem Nachmittag, nach der Autopsie, hatte Lopez seine Meinung geändert.

Genau das war es, was die ganze Geschichte so ärgerlich machte. Oliver hatte vollkommen recht.

Er stand auf und ging zu dem großen Fenster. Unmittelbar darunter lag Méridas Plaza Mayor aus der Kolonialzeit, eine gepflegte grüne Insel; auf allen vier Seiten schwappte der träge innerstädtische Verkehr herein, der zum größten Teil aus extrem lauten, extrem übelriechenden alten Lastwagen und Bussen zu bestehen schien.

Nach der Säuberung der Polizei hatte es ein Gerangel um die besten der freigewordenen Büros im Palacio de Gobierno gegeben, und zu Marmolejos Überraschung hatte es die heftigsten Kämpfe um die nach hinten liegenden gegeben, um die mit Blick auf den ruhigen Hof mit seinen modernistischen Wandbildern, die eine Chronik der Entwicklung des mexikanischen Staatsgedankens darstellten. Niemand machte ihm das geräumige, altmodische Büro des Colonels auf der Vorderseite des Gebäudes streitig; zuviel Verkehrslärm, zuviel Verkehrsgestank. Aber Marmolejo mochte den Verkehr. Er stimulierte seinen Verstand, machte ihn wachsam und aufnahmefähig. Er hatte in Tzakol für den Rest seines Lebens genug ländliche Ruhe und Frieden gehabt. In Maßen mochte er sogar den Gestank der Lastwagen.

Und er kam wunderbar ohne die modernistischen Wandgemälde zurecht, die eine Chronik der Entwicklung des mexikanischen Staatsgedankens darstellten.

Er ging an den Schreibtisch zurück, legte das Memorandum in den Ausgangskorb, zog ein schlecht fotokopiertes Blatt aus einer Schublade und starrte es ruhig an. Der Fluch von Tlaloc. Er legte einen Finger neben einen inzwischen wohlvertrauten Satz in der Mitte der Seite.

Viertens, der namens Xecotcavach wird ihre Schädel durchbohren, so daß ihre Hirne auf die Erde fließen.

Marmolejo glaubte nicht an Flüche. Nicht direkt. Er glaubte nicht, daß Xecotcavach aus der Unterwelt heraufgestiegen war und Ards Schädel durchbohrt hatte. Nein, das war ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer Waffe des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen. Genausowenig glaubte er, daß es Tucumbalam gewesen war, der höchstpersönlich etwas in das Essen der Crew gemischt hatte, noch daß irgendein anderer Gott der Maya »auh« (in der Aussprache der gringos) gesagt hatte, als Oliver ihm einen Schlag in den Magen verpaßte.

Vielleicht glaubte ja Emma Byers, die ein Buch über den Fluch schrieb und mit der er am Tag zuvor dreißig bizarre Minuten verbracht hatte, wirklich an all diese Dinge, aber Marmolejo nicht. Nicht direkt. Was Marmolejo aber glaubte – und er hatte gelernt, das für sich zu behalten –, war, daß es eine Menge Dinge auf dieser Welt gab, die niemand erklären konnte. Die Professoren nicht, die Doktoren nicht, die Priester nicht. Und ganz sicher nicht Javier Marmolejo.

Er konnte den bösen Blick nicht erklären, aber er hatte selbst erlebt, wie es funktionierte. O ja, er hatte es erlebt. Und er konnte auch nicht erklären, wie es kam, daß sein Onkel Fano, den die Ärzte bereits aufgegeben hatten und der nach Hause gebracht worden war, um in Tzakol zu sterben, dann doch nicht gestorben war. Die Familie hatte einen Heiler kommen lassen, der die Winde versöhnlich gestimmt, Fano ein Amulett aus dem Holz des tancazcbe-Baumes umgehängt und Ix Chel, die Göttin der Gesundheit, angefleht hatte, ihm zu helfen. Und Onkel Fano war genesen. An dem Abend hatte er zum ersten Mal nach Wochen auf seinen eigenen zwei Beinen gestanden, und er hatte überlebt. In Ordnung, nur sechs oder sieben Monate, aber immerhin …

Marmolejo war noch ein Kind gewesen, aber er hatte etwas daraus gelernt. Ein Beamter des Gesundheitsministeriums, Dr. Zuniga, hatte die Familie vorher besucht, als Fano nach Hause zurückgekehrt war. Mit den besten Absichten hatte er erklärt, daß Rituale schön und gut seien, wo sie angebracht waren, daß es aber keine Hoffnung für den sterbenden Mann mehr gebe. Was konnten rituelle Zeremonien gegen Bakterien und Viren ausrichten? Das beste, was die Familie tun könne, sei, sich abzufinden und Fanos letzte Stunden so angenehm wie möglich zu gestalten. Er werde innerhalb weniger Tage sterben.

Doch als Fano nicht starb, blieb Dr. Zunigas Philosophie unerschüttert. Ja, das Ritual hatte genützt, erklärte er geduldig, aber nicht wirklich; nicht so, wie sie glaubten. Es besaß an sich keine Macht. Es war alles nur eine Frage der Einbildung. Fano hatte geglaubt, es würde funktionieren, also hatte es funktioniert. Das war alles. Wo, hatte Dr. Zuniga lächelnd gefragt, liegt da das Geheimnis?

Marmolejo war tief beeindruckt gewesen. Zuerst hatte der Arzt den Angehörigen erzählt, daß die Zeremonie nicht funktionieren könne und warum. Dann anschließend hatte er ihnen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, erklärt, warum genau es doch funktioniert hatte. Das brachte er auf eine Weise fertig, die bewies, daß er sowohl vorher als auch nachher recht gehabt und die Familie sich die ganze Zeit geirrt hatte. Die Tatsache, daß Fano genesen war, wenn auch nur für eine Weile, schien mit allem nicht besonders viel zu tun zu haben.

Es war die erste Begegnung des jungen Marmolejo mit dem Verstand der Wissenschaftler, und heute noch war es sein Schlüssel zur Funktionsweise ihres Denkens: Selbst wenn sie sich irrten, irrten sie sich nicht.

Tja, Oliver war erheblich besser als die meisten. Und glücklicherweise brauchte er jetzt von ihm keine weitere forensische Sachkenntnis, sondern ganz einfache altmodische Informationen. Er nahm den Hörer des Telefons auf seinem Schreibtisch ab und wählte die Nummer des Hotel Mayaland.

»Hola«, sagte er zu dem Angestellten, der sich meldete. »Puedo bablar con Señor Oliver?«

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