Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 19 von 25

PDF-Seiten

Fluch

Kapitel 18

In fünfeinhalb Jahren hatte sich Mérida nur wenig verändert. Lebendig, laut und ausgelassen, wimmelte die Stadt von rundlichen kleinen Menschen, kaum größer als einsfünfzig, aus denen hier und da Ausländer herausragten wie vereinzelte Gipfel über den Wolken.

Mit ihren einsachtundsechzig bekam Julie nicht oft Gelegenheit herauszuragen, und ganz offensichtlich genoß sie es. »Ich komme mir vor wie Alice im Wunderland«, sagte sie vergnügt zu Gideon über die Köpfe der schwatzenden Kauflustigen, die geschäftig zwischen ihnen hin und her eilten.

Sie kämpften sich aus dem großen öffentlichen Markt von Mérida, waren unterwegs zu ihrer Elf-Uhr-Verabredung mit Marmolejo. Die Bitte des Inspektors, daß Gideon – und Julie, wenn sie wollte – ihn in seinem Büro aufsuchen solle, war zu einem günstigen Zeitpunkt erfolgt: sie waren reif für einen Tapetenwechsel. Natürlich hatte Ards Tod die allgemeine Stimmung gedämpft, doch abgesehen davon waren sie jetzt seit elf Tagen in Yucatán und mußten mal etwas mehr als eine Meile vom Mayaland fortkommen. Sie hatten den Morgenbus aus Cancún an der Haltestelle in Chichén-Itzá genommen (einer von Marmolejos Männern hatte sie dorthin begleitet), und nach einer zweistündigen Fahrt waren sie eine Stunde vor ihrer Verabredung auf dem Busbahnhof von Mérida in der Calle 69 eingetroffen, was ihnen ausreichend Zeit zu einem Bummel über den berühmten mercado ließ.

Sie hatten eigentlich nichts kaufen wollen, waren dann aber doch an einem Stand schwach geworden, an dem die berühmten einheimischen Kordel-Hängematten verkauft wurden. Die Hängematten Yucatáns waren zarte, fadenartige Dinger, und Julie hatte Gideon den Händler fragen lassen, ob die große Ausführung – das matrimonial especial – wirklich das Gewicht zweier Menschen tragen konnte.

Der Händler hatte sich aufgerichtet. »Ich selbst besitze keine Betten in meinem Haus, señor«, hatte er Gideon gesagt. »Nur Hängematten. Und ich habe acht Kinder.«

Zweimal während ihres Spazierganges zu Marmolejos Büro in der Innenstadt hatten sich Jugendliche, die ihn als Amerikaner erkannten (er ragte höher auf als die meisten anderen), an Gideon herangeschlichen und ihm Visitenkarten in die Hand gedrückt. Praktisch an jedem anderen Ort der Welt wären es Einladungen in den Pussy Cat Club oder das Eros Massage Studio gewesen, aber in Mérida gab es nicht sonderlich viel großstädtisches Nachtleben und praktisch überhaupt kein ernstzunehmendes Laster. »Herzlichen willkommen, Gentlemens und Ladies«, stand auf einer dieser Karten. »Endlich haben wir handarbeitete Skulturen zu ihrer Kenntnisnahme gemacht.« Auf der anderen stand: »Restaurant T’ho lät Sie ein zu zufriedenen Abendessen Typischer Speisen von Yucatán.«

Andere junge Männer – eigentlich noch Jungs, manche nicht älter als neun oder zehn – verkauften von Handkarren oder Fahrradanhängern am Bordstein kleine Snacks: spiralförmig geschälte Apfelsinen, Mangos an Stäbchen, in Scheiben geschnittene Papayas und Ananas, braunen, in Chili-Soße getauchten und aus dem Hüllblatt gegessenen Mais.

»So was hat Marmolejo auch gemacht, als er in die große Stadt gekommen ist«, sagte Gideon.

Julie beobachtete, wie ein schwitzendes, mageres Kind von vielleicht zwölf Jahren in einem zerlumpten T-Shirt geschickt eine Kokosnuß aufhackte und sie dann in ein Dutzend Schnitze zerlegte. Das alles mit ein paar schnellen Schlägen einer coa, einer Miniatur-Machete mit einem heimtückischen Haken am Ende.

»Dann hat er es todsicher ganz schön weit gebracht«, sagte sie.

Das hatte er.

Sein Büro erinnerte an eine Kulisse aus Viva Zapata: ein luftiger, staubiger, einstmals prachtvoller Raum mit Bodenfliesen, hohen Fenstern, rissigen Wänden und so wenig Möbeln, daß er wie der Warteraum eines Bahnhofes aussah. Das vorhandene Mobiliar war aus massivem, dunklem Holz und mindestens achtzig oder neunzig Jahre alt; so was in der Richtung von latino-viktorianisch. Es war alles andere als primitiv, aber irgendwie wäre man auch nicht weiter überrascht gewesen, zwei überkreuzte Patronengürtel über der Rückenlehne eines Stuhles zu entdecken oder einen fleckigen Sombrero, nachlässig auf die Ecke des gewaltigen Schreibtisches geworfen.

Marmolejo selbst saß, kerzengerade und kompakt, auf einem reich verzierten Stuhl, auf dem zwei von seiner Größe nebeneinander Platz gefunden hätten. Er entschuldigte sich ausgiebig für seine gestrige Schroffheit und nahm Gideons gleichermaßen aufrichtige Entschuldigung an. Nachdem das geklärt war, fühlten sie sich wohler. Marmolejo bat einen Assistenten, Erfrischungsgetränke zu bringen und schob dann vier fotokopierte und maschinengeschriebene Seiten über den Schreibtisch.

»Das hier haben wir aus Mr. Ards Zimmer. Eine Kopie des Artikels, den er vor einigen Tagen seiner Zeitung geschickt hat.«

Gideon warf einen Blick darauf und zuckte zusammen.

Marmolejos Augenbrauen schossen hoch. »Ist irgend etwas?«

»Nein, nein, nichts.«

Nur daß die Schlagzeile lautete: »Grausiger Todesfluch auf Dschungelausgrabung.«

»Vielleicht sollten Sie sich den Artikel ansehen«, sagte Marmolejo. »Ich dachte, daß Sie als einziges Mitglied sowohl der Ausgrabung von 1982 als auch der jetzigen, als einziger, der über jeden Verdacht erhaben ist« – er deutete eine höfliche Verbeugung an – »vielleicht in der Lage sind zu erkennen, ob irgend etwas darin steht, das Licht in die Angelegenheit bringen könnte.«

Gideon hatte sich schon gefragt, wo Marmolejos Zigarre war. Jetzt zog der Inspektor die obere rechte Schublade des Schreibtisches auf, und ein weißer Onyx-Aschenbecher kam zum Vorschein. Er nahm einen etwa fünf Zentimeter langen Stummel heraus, klemmte ihn in den Mundwinkel und lehnte sich zurück, um abzuwarten, bis Gideon den Artikel gelesen hatte. Er schloß die Schublade wieder, ohne den Aschenbecher herauszunehmen.

Schnell überflog Gideon den Artikel. Es standen keinerlei Geheimnisse darin, keine Hinweise darauf, warum Ard ermordet worden sein könnte. Es war ein vorhersehbar reißerisch aufgemachter Bericht über den Fluch und seine »grauenerregende Verwirklichung«. Das geheimnisvolle Erscheinen eines »fremden, bislang nicht näher identifizierten Dschungeltieres, von dem nur flüsternd sprechende einheimische Arbeiter schwören, es sei ein Kinkajou«, wurde erwähnt. (Nicht erwähnt wurde allerdings das Schild um den Hals des Tieres.) Ard beschrieb die »Nacht voll glühender Qualen, als Tucumbalams Rache heraufbeschworen wurde … und für die selbst die Wissenschaftler noch keine befriedigende Erklärung gefunden haben«. Und es gab drei gestelzte Absätze eines Abschnittes, der wie folgt begann:

Am Abend des 5. Januar wurde Professor Oliver, der mehr als alle anderen zu fürchten hatte (denn wer sonst war so fest entschlossen, den Frieden ihrer Gebeine zu stören?), von einem nicht näher benennbaren inneren Zwang getrieben, die steinernen, verlassenen Stufen der Mauer des uralten zeremoniellen Ballspielplatzes in Chichén-Itzá unter einem mondbeschienenen Himmel hinaufzusteigen. Es war ebenso mutig wie tollkühn, dies zu tun, denn noch jetzt, während diese Zeilen geschrieben werden, erholt sich Dr. Oliver von den Nachwirkungen eines Überfalles einer unsichtbaren, unhörbaren Präsenz …

Gideon seufzte und las schnell weiter. Der Schluß des Artikels hatte, in Anbetracht des inzwischen Geschehenen, etwas Wehmütiges, das es nicht besessen hatte, als Ard es geschrieben hatte.

Und was nun? Wird auch der vierte Teil des Fluches eintreffen, wie es bei den ersten dreien bereits der Fall war? Werden Schädel zertrümmert und Gehirne verspritzt? Oder wird Huluc-Canab mit dem mächtigen Xecotcavach einschreiten, wie er es laut Pimma Byers versprochen hat?

Tief im Dschungel Yucatáns beäugen sich die an der Ausgrabung beteiligten Archäologen voller Nervosität und warten. Und machen sich Gedanken.

Die frühere Ausgrabung war nur beiläufig erwähnt worden, und keine Silbe über den Kodex. Der war allem Anschein nach für den zweiten Teil der Artikelserie vorgesehen, denn ein Postskriptum versprach: »Die seltsam verworrene Geschichte von Howard Bennett und dem Kodex von Tlaloc.«

Julie hatte den Artikel ebenfalls gelesen. Sie tippte mit dem Finger auf das Postskriptum. »Könnte es sein, daß jemand ihn umgebracht hat, um zu verhindern, daß der nächste Teil geschrieben wird?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Marmolejo. »Könnte das sein?«

»Das bezweifle ich«, sagte Gideon. »Die Geschichte ist bereits Hunderte von Malen gedruckt worden. Es gibt nichts Neues zu erzählen.«

»Was ist mit dem Rest des Artikels?« fragte Marmolejo. »Gibt es irgend etwas, das uns einen Anhaltspunkt liefern könnte?

Vielleicht wollte ihn jemand daran hindern, etwas zu enthüllen, ohne zu wissen, daß es bereits an die Zeitung geschickt worden war.«

Gideon schüttelte den Kopf und gab ihm den Artikel zurück. »Tut mir leid, Inspektor, ich glaube nicht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß jemand einen Mord begeht, um zu verhindern, daß etwas im Flak erscheint. Es ist nicht direkt eine Zeitschrift, der ein vernünftig denkender Mensch größere Beachtung schenkt. Und selbst wenn ihr jemand Beachtung schenken würde, was steht drin, das zu dem Mord an Ard führen könnte? Hier steht nichts, was dank Emma nicht mindestens die Hälfte aller Leute im Hotel ohnehin weiß.«

Die Getränke wurden gebracht. Julie und Gideon bekamen die in Mérida abgefüllte Cristal-Grapefruit-Limonade; Marmolejo trank Coca-Cola. Die Zigarre verschwand für späteren Gebrauch in der Schublade. Nicht nur rauchte er die Dinger nicht, irgendwie schaffte er es auch noch, die Spitzen trocken zu halten.

»Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen«, sagte er. »Erkennen Sie das hier?« Aus einem braunen Umschlag zog er ein kleines gelbes Pen-Tab-Notizbuch und hielt es hoch.

Julie schüttelte den Kopf.

»Das gehörte Ard«, sagte Gideon. »Er hat sich darin Notizen gemacht, als er mich interviewt hat.«

»Ah, gut«, sagte Marmolejo zufrieden. »Ich dachte es mir schon, aber ich freue mich, daß Sie es bestätigen; es wurde unter seiner Leiche gefunden.« Auch das Notizbuch wurde über den Schreibtisch geschoben. Marmolejo war so klein, und der Schreibtisch so breit, daß er sich halb aus seinem Sessel erheben mußte, um es zu bewerkstelligen.

In dem Spiralblock befanden sich nur noch etwa ein Dutzend Blatt, und darauf lediglich ein einziger Eintrag, auf der ersten Seite oben: »Rückkehr zum Tatort«, stand da in Ards geschwungener, unkomplizierter Handschrift. Der letzte Buchstabe löste sich in einen entstellten Haken auf, den die Spitze des Kugelschreibers durch das Papier gestochen hatte, verwandelte sich dann in ein Gekrakel, das schief von der Seite hinauslief. Auf der unteren rechten Ecke der Seite befand sich ein verschmierter Fleck, der wie getrocknetes Blut aussah.

»Ich nehme nicht an, daß Sie wissen, was das bedeutet?« fragte Marmolejo. »›Rückkehr zum Tatort‹?«

»Nein«, erwiderte Gideon. »Eine Notiz für sich selbst? Eine Gedächtnisstütze für die nächste Folge?«

»Das hier … dieses Gekrakel«, sagte Julie, während sie beklommen darauf hinabschaute. »Dieser Fleck. Er muß gerade … hat er es gerade geschrieben, als er ermordet wurde?« Sie hatte die Hände auf dem Schoß. Sie dachte gar nicht daran, sie auch nur in die Nähe des Notizbuches zu bringen.

»Ja, sieht so aus«, sagte Marmolejo. »Das Notizbuch war auf dieser Seite aufgeschlagen, und sein Kugelschreiber lag auch unter ihm.«

»Also … kann es sein, daß es so was wie ein Hinweis auf seinen Mörder ist? Sie wissen schon – ich weiß, es klingt albern –, eine Art, uns zu sagen, wer der Mörder war?«

»Nein, das glaube ich nicht, Julie«, sagte Gideon. »Die Handschrift wirkt bedächtig und sorgfältig, genau, wie er normalerweise auch schrieb. Keinerlei Eile, kein Hinweis auf Erregung. Was bedeuten muß, er wußte nicht, daß er wenig später ermordet wurde. Es bedeutet ferner, daß nicht viele Zweifel daran bestehen können, daß sein Mörder jemand gewesen sein muß, den er kannte, jemand, vor dem er keine Angst hatte.«

Der Inspektor nickte zustimmend.

»Hoppla«, sagte Julie. »Was habe ich verpaßt? Woraus folgt das?«

»Die Verletzung war, wie Sie wissen, eine Kontaktwunde«, begann Marmolejo.

»Nein, wußte ich nicht.«

Marmolejo schien überrascht. »Entschuldigen Sie. Ich nahm an, Dr. Oliver hätte sich Ihnen anvertraut …«

»Ich vertraue mich ihr sehr wohl an«, sagte Gideon. »Ich erspare ihr lediglich einige der unschöneren Details.«

»Wofür ich dir sehr dankbar bin, glaub mir«, sagte Julie. »Aber jetzt bin ich neugierig geworden.«

»Eine Kontaktwunde läßt darauf schließen, daß die Waffe gegen den Kopf gehalten wurde«, sagte Gideon. »Also hat der Mörder offensichtlich unmittelbar neben oder vor ihm gestanden. Was Ard allerdings nicht genug beunruhigt hat, um mit Schreiben aufzuhören. Und er kann nichts davon gewußt haben, daß er jeden Augenblick erschossen würde, denn andernfalls hätte er mit Sicherheit nicht diese netten, runden Buchstaben gemalt. Wenigstens würde ich dann nicht mehr so schreiben.«

»Ich verstehe«, sagte Julie. »Aber das ist doch ein bißchen merkwürdig, oder? Selbst wenn man jemanden kennt, wie drückt man einem eine Kanone an die Stirn und bringt ihn um, ohne daß das Opfer es merkt, bis man den Abzug drückt?«

»Ach, das ist nicht weiter schwierig, denke ich«, sagte Marmolejo. »Hier ist unser Mr. Ard. Er sitzt auf einem Stuhl am Wegesrand und schreibt. Er hört jemanden kommen. Er schaut auf, erkennt die Person, nickt ihr zu, sagt vielleicht noch ›Guten Morgen‹, und schreibt weiter. Die Person geht beiläufig weiter, bis sie auf einer Höhe ist, die Hand bereits auf der Waffe in der Tasche. Genau in dem Moment, in dem er auf gleicher Höhe ist, zieht er blitzschnell die Waffe heraus, drückt sie an seinen Kopf und … nun, Sie wissen ja.«

»Aber wieso gehen Sie davon aus, daß es kein Fremder war?« fragte Julie. »Warum muß es jemand gewesen sein, den er kannte?«

Jetzt antwortete Gideon. »Weil er immer noch geschrieben hat, als er erschossen wurde, Julie. Ganz sicher hätte es ihn doch nervös gemacht, wenn sich ihm jemand so weit näherte – auf dreißig, vierzig Zentimeter –, wenn er ihn nicht gekannt hätte. Er hätte aufgeschaut, aufgehört zu schreiben. Aber ein zufällig vorbeischlendernder Bekannter? Kein Grund zur Beunruhigung.«

»Ja«, sagte Marmolejo anerkennend. »Exakt, wie ich die Sache sehe.«

»Ich weiß nicht«, sagte Julie skeptisch. »Vielleicht hat er ja aufgeschaut. Vielleicht hat er aufgehört zu schreiben. Was doch nicht automatisch auch bedeuten muß, daß er den Kugelschreiber vom Blatt hebt.«

»Sie wollen andeuten, er wäre von einem Fremden ermordet worden?« fragte Marmolejo.

Julie machte einen Rückzieher. »Also, nein, ich deute es nicht an. Nur …« Sie grinste. »Ich weiß auch nicht, was ich damit andeuten will. Ich sollte es sowieso besser den Experten überlassen.«

Marmolejo nickte lebhaft. Ihm sollte es nur recht sein. »Der Schußkanal«, informierte er sie, »entspricht unserem kleinen Szenario. Das Projektil hat den Kopf in einer nach unten gerichteten Linie durchschlagen, ist unmittelbar unter dem Haaransatz ein- und an der Schädelbasis wieder ausgetreten …«

»Was damit übereinstimmt, daß er, mit nach vorn gebeugtem Kopf, auf dem Stuhl gesessen haben muß, während der Mörder stand«, pflichtete Gideon bei. »Haben Sie die Kugel gefunden?«

»Ja, und die Hülse ebenfalls. Kaliber ‚32, Gürtelmunition. Wahrscheinlich aus einem Smith & Wesson-Revolver, einem älteren Modell, obwohl mir der endgültige Bericht im Moment noch nicht vorliegt.« Er trank einen Schluck von seinem Coke. »Sie wissen nicht zufälligerweise, ob ein Mitglied der Crew eine solche Waffe besitzt?«

»Nein, keine Ahnung«, sagte Gideon.

»Könnten Sie nicht ihre Zimmer durchsuchen?« fragte Julie.

»Nicht ohne Durchsuchungsbefehl«, sagte Marmolejo und lächelte. »So notwendig die Polizeireform immer war, gewisse unpraktische Aspekte hatte sie doch auch.« Er stellte sein Glas auf den Tisch und schaute auf die Uhr. »Zehn nach eins. Vielleicht möchten Sie mir zum Mittagessen Gesellschaft leisten. Und ich würde mich freuen, wenn ich Sie anschließend zurück zum Mayaland fahren kann.«

»Mittagessen klingt gut«, sagte Gideon, »aber es macht uns nichts aus, mit dem Bus zurückzufahren.«

»Aber ich muß sowieso dorthin. Es gibt verschiedene Leute, mit denen ich gern sprechen möchte.«

Er stand auf. Die Zigarre wurde aus der Schublade geholt und wieder in seinen Mund gesteckt. »Wenn Sie mögen, haben wir auch noch Zeit zum Hängemattenkaufen, bevor wir uns auf den Weg machen.«

Gideons Hand wanderte zu der Plastiktüte neben seinem Stuhl. »Wie kommen Sie darauf, daß wir eine Hängematte kaufen wollen?«

»Kaufen denn nicht alle Amerikaner Hängematten, wenn sie nach Mérida kommen? Ich dachte, das wäre so eine amerikanische Eigenart.«

»Wir haben schon eine gekauft«, sagte Julie lachend.

»Doch wohl hoffentlich nicht auf dem mercado?«

»Also, doch, auf dem mercado«, sagte Gideon verteidigend. »Warum auch nicht?«

»Was haben Sie bezahlt?«

»Dreißigtausend Pesos.« Gideon warf Julie einen kurzen Blick zu. Es hatte keinen Sinn, Marmolejo zu sagen, daß sie das Doppelte bezahlt hatten. »Aber es ist eine gute Hängematte. Gut gewebt.«

»Zu dumm«, sagte Marmolejo. »Ich hätte Ihnen eine gute für die Hälfte besorgen können. Kommen Sie, wir essen im Cafe Exprés zu Mittag. Ich denke, es wird Ihnen gefallen.«

Ihre Mahlzeit und die nachfolgende Fahrt bestanden aus drei frustrierenden Stunden, während derer sie versuchten, die Ereignisse der letzten elf Tage zu begreifen. Wie sollten sie Abes Theorem zueinander in Beziehung stehender fauler Tricks und Ereignisse anwenden, das sie alle unterschreiben konnten? Wie sollten sie aus dem Mord an Ard, dem Angriff auf Gideon, der Morddrohung, der geheimen Ausgrabung und allem anderen schlau werden – ganz zu schweigen davon, das alles in Beziehung zueinander bringen? Halbherzige, unausgegorene Ideen wurden ebenso schnell verworfen, wie sie entstanden.

Das einzige, was alles zusammenhielt, war anscheinend, daß sich die Prophezeiungen des Fluches eine nach der anderen erfüllten, und wenn dieses Thema angeschnitten wurde, drängte sich ihnen wie von selbst jedesmal Emma in den Kopf. Für sie stand, sowohl persönlich wie auch finanziell, in der sensationellen Erfüllung des Fluches am meisten auf dem Spiel, und ein blutiger Mord würde ganz sicher dem späteren Verkauf von Jenseits der Träume nicht schaden. Aber würde sie wirklich allein der Vermarktung ihres Buches wegen den schrecklichen Schritt unternehmen – und das schreckliche Risiko eingehen –, Ard umzubringen? War sie so kaltblütig?

Am Ende hielt selbst Julie diese Meinung nicht mehr aufrecht. Es war einfach zu abstrus, zu grotesk.

Marmolejo näherte sich der Sache von einer anderen Seite. »Was, wenn sie es nicht tut, um ihr Buch zu verkaufen, sondern weil Huluc-Canab ihr befiehlt, es zu tun?«

Die drei sahen sich an. »Das«, sagte Gideon, »ist wieder eine andere Geschichte.«

Sie waren erst nach vier Uhr ins Hotel zurückgekehrt, zu spät für eine sinnvolle Arbeit auf dem Ausgrabungsgelände. Während Marmolejo ging, um mit einigen Angestellten des Hotels zu sprechen, blieben Julie und Gideon in ihrem Zimmer. Gideon arbeitete lustlos an seiner Monographie, Julie an ihrem Quartalsbericht. Das Klingeln des Telefons um zwanzig nach fünf war eine willkommene Unterbrechung.

»Das dürfte dann wohl Abe sein«, prophezeite Julie, »gerade von der Ausgrabung zurück. Will wissen, wie es mit Marmolejo gelaufen ist.«

Er war es. Das Gespräch sei zufriedenstellend verlaufen, informierte Gideon ihn, viel Neues sei allerdings nicht dabei herausgekommen.

»Tja, ich habe etwas Neues für dich«, sagte Abe, als Gideon seinen Bericht beendet hatte. »Ich will erst noch duschen. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten in der Bar. Bestellst du mir schon mal ein Montejo?«

»Was gibt’s denn, Abe?«

»Ha, wart’s nur ab, du wirst schon sehen.«

Gideon konnte das Funkeln in seinen Augen förmlich sehen.

***

Wie fast alle für jeden Gast zugängliche Räumlichkeiten des Majaland besaß auch die Lolha Bar luftige Gitterkonstruktionen an den Eingängen und Fensteröffnungen statt Türen und verglaster Fenster. Deshalb wehte die leichte Brise am frühen Abend gelegentlich Geräusche und Düfte von draußen herein. Julie und Gideon tranken ihr Bier und hörten zu, wie sich der Gitarrenspieler auf der Veranda mit einer coolen, schlichten Version von »Schafe können sicher weiden«, die unerwartet gut zu den üppigen tropischen Pflanzen und den leise murmelnden Brunnen paßte, auf die Arbeit des Abends einstimmte.

Als die letzten Klänge von Bach verhallten, trat Abe entschlossenen Schrittes aus dem kultivierten Dschungel des Hotels. Sein schmaler, hochgereckter Kopf kam ein gutes Stück vor dem Rest, und seine Füße wirbelten, um aufzuholen. Mit beiden Armen preßte er ein schweres Ringbuch an die Brust.

»Irgendwas sagt mir«, meinte Gideon zu Julie, »daß wir hier kurz vor einem größeren Durchbruch stehen.«

Abe setzte sich, schob das Bier zur Seite, um Platz zu schaffen, und legte das Ringbuch auf den Tisch, umgekehrt, so daß Gideon und Julie die Seite lesen konnten, an der es aufgeschlagen war. Direkt daneben legte er eine Fotokopie der Drohung, die in der vorangegangenen Woche unter ihre Tür geschoben worden war.

»Also, was sagt ihr dazu? Gibt es da noch einen Zweifel?« Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und wirkte äußerst zufrieden.

Das Ringbuch enthielt den täglichen Ausgrabungsbericht der ersten Expedition. Aufgeschlagen war die Seite vom 18. Juni 1982, und unterschrieben hatte Howard.

Julies Blick wanderte ausdruckslos von der Seite zu dem kurzen Brief. Gideon tat das gleiche und fragte sich, woran kein Zweifel mehr bestehen sollte.

Gideon Oliver, verlaß Yucatán, oder du wirst sterben. Das ist kein Schertz. Die Götter von Tlaloc.

Wieder dieses vage Gefühl, daß ihm irgend etwas bekannt vorkam, das Gefühl, es schon einmal gesehen zu haben, aber sonst nichts. Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht …«

»Die aS«, soufflierte Abe und trank ungeduldig von seinem Bier.

»Die as …?« Gideons Kopf schwang von dem Tagebucheintrag zum Drohbrief und zurück. Und schließlich fiel der Groschen. »Das schiefe a! Es ist auf der gleichen Schreibmaschine geschrieben worden!« Aufgeregt beugte er sich vor. »Der fehlende Strich beim w, die Kerbe in den es, auf beiden Seiten genau gleich!« Ein flüchtiger Blick auf weitere Seiten des Ringbuches bewies, daß alles mit der gleichen Maschine getippt worden war. »Abe, das ist ja phantastisch!«

Abe lachte. »Mir hat einfach keine Ruhe gelassen, warum es mir so bekannt vorkam, und dann dämmerte mir schließlich, was es war.«

»Ich bin überzeugt, das alles ist ganz wunderbar«, meinte Julie, »aber ich wünschte, jemand würde sich die Mühe machen, mich wissen zu lassen, warum wir uns jetzt alle so auf die Schulter klopfen.«

»Weil«, sagte Abe, »wir gerade dahintergekommen sind – ihr bemerkt, daß ich das bescheidene ›wir‹ benutze –, daß dieser freundliche kleine Brief an Ihren Mann von niemand anderem als Howard Bennett geschrieben worden ist.« Er legte eine theatralische Pause ein. »Howard Bennett ist hier in Yucatán.«

»Moment«, sagte Julie, »könnten wir vielleicht mal einen Augenblick warten? Ich bin ganz dafür, daß jetzt auch Howard der Böse mitspielt, aber wieso beweist die Tatsache, daß das hier auf der gleichen Maschine geschrieben worden ist, daß Howard beides getippt hat?«

»Es ist seine Schreibmaschine«, erklärte Abe. »Eine Brother EP-20, eine kleine Reiseschreibmaschine, die man in einem Aktenkoffer unterbringen kann. Glauben Sie mir, ich kenne den Polizeibericht in- und auswendig. Als er damals verschwunden ist, ist die Schreibmaschine mit ihm verschwunden, stimmt’s nicht, Gideon?«

»Ja, das stimmt. Er ist noch einmal in sein Zimmer zurück und hat sie geholt, zusammen mit ein paar anderen Dingen.«

»Aber wie könnt ihr so sicher sein, daß er sie mitgenommen hat?« ließ Julie nicht locker. »Bei allem, was ihr wißt, könnte doch auch jemand anderes …«

»Nein«, sagte Gideon. »Der Brief, den er uns geschickt hat – du weißt schon, wie sehr er die leidige kleine Sache bedauert, den Kodex gestohlen zu haben –, war darauf geschrieben. Das hat die Polizei damals zweifelsfrei festgestellt.« Er tippte auf den Brief auf dem Tisch. »Und hier haben wir wieder diese schiefen as. Und ob er hier ist!«

Julie hörte sich das alles an, kaute nachdenklich auf der Innenseite ihrer Wange. Langsam drehte sie sich zu Gideon, eine Augenbraue gefährlich gehoben. »Bilde ich mir das jetzt nur ein, oder ist es nicht schon seit letzter Woche meine Rede, daß er hier wäre? Und hast du selbst mir nicht hundert Gründe genannt, warum er nicht hier wäre, warum er nicht hier sein könnte, warum …«

»Ein guter Wissenschaftler«, erklärte Gideon, »modifiziert seine Arbeitshypothesen entsprechend neuer Daten. Wenn zusätzliche …«

»Wieso gibst du nicht einfach zu, daß du dich geirrt hast?« sagte Abe.

»Ich«, erwiderte Gideon zerknirscht, »habe mich geirrt. Völlig geirrt. Im richtigen Kino, aber im falschen Film.«

»Ja, das warst du«, sagte Julie, »und hast noch dazu über andere ziemlich verächtlich die Nase gerümpft, wenn ich mich recht entsinne.«

»Also schön, ich entschuldige mich. Ehrlich. Wir hätten auf dich hören sollen.«

»Wir?« sagte Abe. »Seit wann bin ich dabei im Spiel?« Er lachte vergnügt, sinnierte dann laut: »Aber was macht er hier? Was will er?«

»Den Kodex«, sagte Julie.

Abe starrte sie an. »Was?«

»Das ist eine weitere von Julies Hypothesen«, erklärte Gideon. »Sie glaubt, der Kodex könnte immer noch dort unter dem Schutt liegen und jetzt sei Howard zurückgekommen, um ihn sich zu holen.«

»Aber das ist unmöglich. Wir wissen, daß er ihn mitgenommen hat – das hat er selbst gesagt. Und wir haben Berichte aus allen Ecken und Enden der Welt. Und …«

»Genau das hat Gideon auch gesagt«, unterbrach Julie süffisant grinsend.

»Wie auch immer, selbst wenn er noch dort wäre, wieso sollte Howard ausgerechnet jetzt zurückkommen? Warum hat er ihn nicht …«

»Genau denselben Vortrag hat mir Gideon immer gehalten, wenn er mir geduldig erklärt hat, daß auch nicht die geringste Möglichkeit bestünde, Howard könne sich in einem Umkreis von tausend Meilen von hier befinden.«

»Ja, aber …« Abe sprach nicht weiter, nickte dann langsam, die Lippen geschürzt wie ein Mann, dem ein Licht aufgeht. »Das würde dann ganz sicher die heimliche Ausgrabung erklären, nicht wahr? Vielleicht sogar die Torheit mit dem Fluch.«

Abes Theorie bezüglich des Fluches war ebenso einfach wie zwingend. Angenommen, der Kodex befand sich tatsächlich noch dort, dann dürfte die Entscheidung des Institutes, die Ausgrabung der Treppe wiederaufzunehmen, Howard ziemlich erschüttert und der Fortgang der Arbeiten ihn zunehmend verzweifelter gemacht haben. Wie konnte er seinen nicht geborgenen Schatz besser schützen, als dafür zu sorgen, daß das Institut den Tempel wieder schloß? Und welche bessere Möglichkeit gab es, das Institut genau dazu zu bewegen, als die schrittweise Erfüllung eines uralten Fluches zu arrangieren? Ein Artikel im Flak würde sie vielleicht nicht gerade auf Trab bringen, aber wie lange hätte es gedauert, bis die Story auch von der seriöseren Presse aufgegriffen wurde?

Und wenn ein Teil des Fluches nebenbei auch noch zum gewaltsamen Tod seines alten Feindes Gideon Oliver auf den Wällen des Ballspielplatzes von Chichén-Itzá führte, um so besser. Wenn nicht, nun, worum es ging, war unmißverständlich klar geworden, und eine weitere Gelegenheit mochte sich immer noch bieten.

»Wißt ihr«, meinte Gideon langsam, »das erklärt auch manches bei dem Mord an Ard.«

»Du meinst, Ard hätte herausgefunden, daß er hier war, vielleicht sogar, daß er hinter dem Fluch steckt?« fragte Abe.

»›Rückkehr zum Tatort‹ – das stand doch in seinem Notizbuch. Auf wen sonst könnte sich das beziehen, wenn nicht auf Howard?«

Julie machte einen ihrer erfolglosen Versuche, mit den Fingern zu schnippen. »Und was ist mit dem Hinweis auf die Fortsetzung? ›Die seltsam verworrene Geschichte von Howard Bennett und dem Kodex von Tlaloc‹ oder so was in der Richtung. Stan muß herausgefunden haben, daß Howard hier war – vielleicht sogar, daß auch der Kodex noch hier ist –, und Howard hat ihn umgebracht, um zu verhindern, daß er darüber schreibt.«

»Wißt ihr, so könnte es gewesen sein«, sagte Abe. »Bislang hat niemand eine bessere Erklärung.«

Plötzlich fiel für Gideon ein weiteres kleines Mosaiksteinchen an seinen Platz, eines, das er schon vor Stunden richtig hätte einfügen müssen. Er schnippte mit den Fingern.

»Angeber«, sagte Julie.

»Die Waffe!« sagte Gideon. »Die, mit der Ard erschossen worden ist – Marmolejo sagte, es wäre eine ‚32er …«

»… was genau die Waffe ist, die Howard hatte«, sagte Abe. »Er hatte sie bei sich, als er in der Nacht zum Tempel ging. Kein Mensch hat sie später gefunden. Eine alte Smith & Wesson, laut Bericht.«

»Genau. Genau!« Zum ersten Mal begann Gideon, es selbst zu glauben. »Verdammt, es ist Howard. Er ist hier in Yucatán. Seid ihr euch eigentlich klar darüber, daß dies das erste Mal seit dem Diebstahl des Kodex ist …«

»Des versuchten Diebstahles«, korrigierte Julie. »Des angeblichen Diebstahles.«

»… daß wir sicher wissen, wo er sich befindet? Und er weiß nicht, daß wir es wissen. Das ist unsere erste anständige Chance, den Dreckskerl zu finden. Und den Kodex zurückzubekommen.« Er nickte Julie respektvoll zu. »Außer natürlich, der Kodex liegt schon die ganze Zeit über dort unten und wartet nur auf uns.«

»Das wäre was, hmh?« sagte Abe leise.

Gideon winkte einem Kellner, der dezent an der Seite des Säulenbogens wartete. »Tres copas de brandy, por favor. Tiene Cardenal Mendoza?«

Als die Getränke gebracht wurden, stießen die drei an, und Abe lachte glücklich. »Jetzt weiß ich, daß ich von Verrückten umgeben bin«, sagte er, wobei seine hellblauen Augen leuchteten. »Ein Mann erhält eine Morddrohung und kommt schließlich dahinter, daß sie von einem Mörder stammt, der in der Gegend herumläuft und Leute abknallt. Was würde jeder normale Mensch tun? Sich in seinem Zimmer verkriechen, sich einen falschen Bart ankleben, sich ins nächste Flugzeug setzen. Und was macht dieser Bursche? Er bestellt eine Runde Cognac. Noch dazu Cardenal Mendoza.«

»Wobei du ihm nur zu bereitwillig Gesellschaft leistest«, betonte Gideon.

»Habe ich etwa behauptet, ich wäre nicht auch verrückt? Paßt auf, wo steckt Marmolejo? Wir haben ihm eine Menge zu erzählen.«

»Da fallt mir aber ein Stein vom Herzen«, sagte Julie. »Ich dachte schon, ihr zwei hättet vor, ihn allein zu fangen.«

»Wir?« Abes bewegliche Augenbrauen schossen nach oben. »Was für ein Gedanke. Was sind wir denn, Detektive vielleicht?«

OceanofPDF.com