Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 16 von 25

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Fluch

Kapitel 15

Erst am Ende des folgenden Arbeitstages erhielten Julie, Abe und Gideon wieder Gelegenheit zu einem ausgiebigen Gespräch.

Sie waren auf dem Rückweg zum Hotel. Die Crew war fünfundzwanzig, dreißig Meter vor ihnen, außer Sicht- und Hörweite. Hinter ihnen hielt der Polizist einen diskreten Abstand von sechs, sieben Metern, schlenderte so zwanglos wie ein Mann bei einem Spaziergang durch den Zoo.

Tatsächlich hätten sie auch durchaus in einem extrem ausgefallenen, begehbaren Vogelhaus sein können. Sie bewegten sich durch einen feuchten, grünen Korridor, in dem es nur so wimmelte von prächtigen kleinen Vögeln mit blauem, rotem und orangefarbenem Gefieder, die flink wie Schwalben an ihren Köpfen vorbeischossen oder sie ernst und unverhohlen von den Ästen aus beobachteten. Laut Julie handelte es sich um Motmots, Jacamars, Cotingas und Manakins. Und noch einige andere, von denen sie schwor, daß sie nicht in ihrem Die Vögel Mexikos standen.

»Wie ist es mit Ard gelaufen?« erkundigte sich Gideon. »Ich habe ihn heute bei der Ausgrabung bemerkt.«

»Wir hatten ein nettes kleines Gespräch. Er hat leidenschaftlich abgestritten, irgend etwas in den Apfelsaft gekippt zu haben. Er war über diesen Gedanken zutiefst schockiert.«

»Das ist nicht weiter überraschend«, meinte Julie.

»Wollen Sie eine Überraschung hören?« fragte Abe. »Wie wär’s damit: unser geheimnisvolle Buddler war wieder am Werk. Zwei weitere Stufen freigelegt.«

Julie starrte ihn mit offenem Mund an. »Was ist denn mit den Wächtern passiert, die Sie engagiert haben?«

»Ich habe sie für nachts engagiert. Aber gestern war die Ausgrabungsstelle tagsüber verlassen. Was jemand ausgenutzt hat.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich habe einfach nicht dran gedacht. Gestern sind mir ganz andere Dinge durch den Kopf gegangen.« Er zog sich bedrückt in seine eigenen Gedanken zurück, ging allein, mit gesenktem Kopf und hinter dem Rücken verschränkten Händen.

Gideon schüttelte den Kopf. »Was zum Teufel suchen die nur?«

»Also, ich wiederhole mich ja nur ungern«, sagte Julie, »aber ich muß immer wieder daran denken, daß seit dem Einsturz kein Mensch den Kodex wirklich gesehen hat …«

»Unmöglich. Wenn dieser Kodex dort unten wäre, und jemand wüßte davon – oder würde es auch nur denken –, dann wäre die Treppe schon längst ausgegraben worden. Außerdem …«

»Ich weiß«, sagte Julie seufzend. »Ich weiß.«

Gideon blieb stehen, um einen Kragenleguan über den Weg und ins Blätterwerk trippeln zu lassen. »Julie, du denkst doch nicht, daß wir deshalb alle krank werden sollten – damit jemand ungestört die Ausgrabungsstelle für sich allein haben konnte?«

Sie schaute zu ihm auf. »Könnte sein. Und Stan wäre der einzige gewesen, der gesund genug war, um hinauszugehen und zu graben, während wir anderen im Hotel herumgeschlappt sind.«

»Oh, das würde ich nicht sagen. Ich hätte gestern graben können, wenn ich genügend Grund dafür gehabt hätte. Ich wäre nicht direkt versessen darauf gewesen, aber gekonnt hätte ich. Und ich denke, die meisten anderen auch.«

»Vielleicht, aber Stan gibt einen so befriedigenden Schurken ab.«

Gideon lächelte. »Darüber kann ich nicht mit dir streiten.«

Abe kehrte zurück, von wo auch immer er gewesen war. »Habt ihr schon gehört, daß Ard morgen abend abreist? Er sagt, er hätte alles, was er für seine erste Reportage braucht.«

»Ach, ja?« sagte Julie. »Sollte Marmolejo nicht erst noch mit ihm sprechen?«

»Keine Angst, ich rufe den Inspektor an, sobald wir wieder im Hotel sind.« Er lachte plötzlich. »Fast hätte ich’s vergessen. Ich habe auch ein paar gute Neuigkeiten für euch. Emma hat mich heute nachmittag zu fassen bekommen, um mir mitzuteilen, daß es ihr inzwischen gelungen ist, eine übersinnliche Schnittstelle zweiten Grades zu Huluc-Canab aufzubauen.«

»Toll«, sagte Gideon. »Vielleicht verrät er ihr ja auch, was wir tun müssen, um die Götter versöhnlich zu stimmen.«

»Das hat er. Er sagt, wir müßten mehr Respekt vor Persönlichkeiten aus anderen kulturtemporalen Horizonten zeigen.«

Julie legte den Kopf auf die Seite. »Was bedeutet?«

»Sorry, genauer hat er sich nicht geäußert.«

»Emma«, sinnierte Julie laut. »Emma muß auch immer ihren Senf dazugeben, oder?«

Gideon wußte, was sie dachte. Kurz nach dem Mittagessen hatte Abe ihm eine Neuigkeit mitgeteilt: Preston hatte ihm, Abe, stolz erzählt, daß Emma ein Buch über die Ereignisse in Tlaloc schreiben wolle, erzählt aus der Perspektive von Huluc-Canab, der sich als ahlelob des zehnten Jahrhunderts aus dem nahegelegenen Xlapak zu erkennen gegeben hatte. (Die Tatsache, daß der redselige Huluc-Canab dem Fluch fünfhundert Jahre vorausging, schien seine intimen Kenntnisse desselben nicht im geringsten zu berühren.) Laut Preston hatte Emma bereits mit einem New-Age-Verleger in Los Angeles telefoniert und ein unverbindliches Angebot in sechsstelliger Höhe erhalten für Jenseits der Träume: Die Tlaloc-Dialoge des Huluc-Canab.

Deshalb, betonte Julie jetzt, hing doch für Emma viel von der Erfüllung des Fluches ab; sogar noch erheblich mehr als für Ard.

»Ich weiß nicht, Julie«, meinte Gideon. »Ich kann mir problemlos vorstellen, wie sie uns heimlich was ins Wasser mischt, aber ich kann sie mir immer noch nicht als diejenige vorstellen, die mich in Chichén angegriffen hat. Ich kann es einfach nicht.«

»Ich schon«, sagte Julie. »Diese Frau hat doch nicht alle Tassen im Schrank, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte. Aber bleiben wir fair. Wo wir gerade über exzentrische Charaktere reden, was ist eigentlich mit Worthy?«

»Was soll mit ihm sein?« fragte Gideon.

»Tja, was hat er überhaupt hier zu suchen? Kommt er dir vielleicht wie der Typ vor, dem es Spaß macht, über einem Spaten im Dschungel zu schwitzen?«

»Er arbeitet an dieser Abenteuer-Serie über Maya-Kinder, weißt du noch?«

»O ja, richtig.«

»Ganz zu schweigen davon«, sagte Abe, »daß bei dieser Ausgrabung sämtliche Unkosten übernommen werden. Horizon zahlt alles. Menschen gehen an die miesesten Orte dieser Welt, wenn’s was umsonst gibt. Nicht, daß es hier so mies wäre.«

»Das ist ganz sicher richtig«, sagte Julie lächelnd. »Gut, was ist dann mit Harvey? Abgesehen davon, daß es umsonst ist, was zieht ihn her? Er ist doch jetzt so was wie ein Computer-Spezialist, oder?«

»Er hat Magengeschwüre«, sagte Gideon. »Ein netter, streßfreier Urlaub im Dschungel soll dagegen angeblich gut sein.«

»Nicht nur das«, sagte Abe. »Wenn man bei der Anthropologie erst mal Blut geleckt hat, wird man diese Leidenschaft nicht mehr los. Und nicht zu vergessen«, fügte er mit einem Nicken in Gideons Richtung hinzu, »Harvey hat seine Anthropologie bei einem wunderbaren Lehrer gelernt. Also, wer bleibt dann noch, wenn wir fair bleiben und unsere abfälligen Bemerkungen gleichmäßig verteilen?«

»Preston«, sagte Gideon, »aber Prestons Anwesenheit braucht nicht viel Erklärung.«

Abe nickte. »Wohin Emma auch immer geht, wird auch Preston gehen.«

»Und es bleibt noch Leo«, sagte Julie langsam. »Was macht also ein Bursche wie Leo hier? Was hat er beim letzten Mal hier gemacht?«

»Leo«, sagte Gideon. »Hmh.«

»Hmh«, machte auch Abe. »Leo.«

Ein oder zwei Minuten gingen sie schweigend weiter, während neugierige Vögel um sie herumflitzten und -flatterten. Von einem zimtfarbenen Vogel mit einem pendelförmigen Schwanz auf einem Ast über ihnen kam ein schüchternes, perlendes Ch-ch-chwipp. Vor ihren Füßen schlurfte ein weiterer Leguan resigniert und brummelnd aus dem Weg.

Abe brummelte auch. »Egal, wer es war, ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen. Schön, Emma oder Ard oder irgendwer will, daß es aussieht, als würde sich der Fluch verwirklichen. Fein. Aber wie paßt der Drohbrief da rein? Sagt mir, was für einen Sinn der haben soll.«

»Was soll das alles für einen Sinn haben?« fragte Gideon. »Wieso versuchen, mich umzubringen, wenn es doch nur meine Seele war, die geschlagen werden sollte?«

»Getrommelt«, korrigierte Julie. »Und wieso dazu eine Rohrzange benutzen, wenn man es wie einen Fluch der Maya aussehen lassen will? Es ist so, so …«

»Anachronistisch«, half Abe aus. »Und was ist mit der heimlichen Buddelei? Was soll das?«

Es gab eine Menge Fragen. Und wenig Antworten. Sie waren schon wieder auf dem Hotelgelände, als Julie noch eine Frage einfiel. »Was kommt als nächstes?«

»Als nächstes?« echote Abe, wieder tief in seine eigenen Überlegungen versunken.

»In dem Fluch. Unsere Eingeweide in Flammen zu setzen, war drittens. Was ist viertens?«

»Irgendwas mit Xecotcavach«, sagte Gideon grimmig. »Ich glaube, es war nicht besonders angenehm.«

War es nicht. »Viertens«, besagte die Abschrift, die sie in Abes Bungalow konsultierten, »der namens Xecotcavach wird ihre Schädel durchbohren, so daß ihre Hirne auf die Erde fließen.«

Sie standen da und starrten die Zeilen lange an. Julie schob sich näher an Gideon; ihre Schulter warm an seiner Brust.

»Ich glaube«, sagte Abe, »ich werde Marmolejo sofort anrufen.«

Unmittelbar vor dem Abendessen ging Gideon in den Andenkenladen des Hotels, um ein paar Briefmarken zu kaufen. Leo war dort und wühlte in den Postkarten.

»Leo«, sagte Gideon ohne lange Umschweife, »erlauben Sie mir eine Frage. Was machen Sie hier?«

Die Frage schien ihn zu erschrecken. Er richtete sich von dem Drehständer mit Postkarten auf. »Was ich hier mache?«

»Bei der Ausgrabung. Warum machen Sie bei solchen Sachen mit? Um die Wahrheit zu sagen, ich kann wirklich nicht behaupten, daß Sie mir wie jemand vorkommen, der sich so besonders für die Archäologie der Maya interessiert.«

»Archäologie der Maya?« Leos vergnügtes, grölendes Lachen hallte von den Wänden des kleinen Ladens zurück. »Wen interessiert die Archäologie der Maya auch nur einen Furz? Ich mache bei solchen Sachen mit, weil es eine tolle Möglichkeit ist, Käufer zu treffen, Leute, die sich leisten können, was ich zu verkaufen habe. Was sonst?«

Gideon blinzelte. »Und, kaufen sie?«

»Worauf Sie sich verlassen können. Harvey wird nächsten Monat mit mir zum Salton Sea runterfliegen, um sich mal umzuschauen. Verdammt, ich habe Kreuzfahrten auf dem Amazonas gemacht, ich war auf den Galapagos-Inseln und hab mir Schildkröten angesehen, ich war bei einer Ausgrabung in der Türkei, und jedesmal ist es mir gelungen, einen Verkauf abzuschließen. Und das alles ist auch noch von der Steuer absetzbar. Es gibt nichts Besseres. Deshalb bin ich hier.«

»Oh«, sagte Gideon. »Tja, hatte mich nur so gefragt.«

***

Er lag auf dem Rücken und beobachtete, wie sich der Deckenventilator im Mondschein drehte. Julie lag auf der Seite, hatte ihm den Rücken zugewandt; ihr warmer, nackter Hintern an seiner Hüfte. Sie atmete ruhig und gleichmäßig, aber er wußte, daß sie nicht schlief.

»Julie?«

»Hmh?«

»Ich habe nachgedacht.«

Sie drehte sich zu ihm, machte dabei raschelnde, angenehme nächtliche Geräusche. Ihre Finger fanden seinen Arm und glitten daran herunter, um sein Handgelenk behutsam zu umfassen. Sie wartete darauf, daß er weitersprach.

»Also, ich habe gerade gedacht, wenn du möchtest, daß wir packen und von hier verschwinden, können wir das tun. Falls es jemand auf uns abgesehen hat – ganz besonders auf mich –, ist es vielleicht nicht besonders vernünftig, noch länger zu bleiben. Es gibt keinen Grund, warum nicht ein anderer Anthropologe meinen Job übernehmen sollte. Marmolejo wird morgen die Sicherheitsvorkehrungen verstärken, daher glaube ich eigentlich nicht, daß eine reale Gefahr besteht, aber wer weiß? Ich war derjenige, der gesagt hat, die Drohung bedeutete nichts weiter.«

Sie hob den Kopf, der sich nun als Silhouette vor den Fensterjalousien abzeichnete. »Von hier verschwinden?« wiederholte sie, offensichtlich überrascht. »Weil irgend so eine miese kleine Ratte hier rumläuft und widerliche Briefe unter Türen durchschiebt und mit einer Rohrzange herumschleicht? Um eine der scharfsinnigeren Feststellungen des berühmten G. P. Oliver zu zitieren: ›Man muß sein eigenes Leben leben. Das kann man sich nicht von den Ekeltypen und Widerlingen dieser Welt aus der Hand nehmen lassen.‹«

Er lachte und streichelte die sanfte, feuchte Linie ihres Kinns, zuerst mit den Fingerspitzen und dann mit dem Handrücken. Ihr schwarzes, lockiges Haar schimmerte im schwachen Licht, bewegte sich in der sanften Brise des Ventilators.

»Außerdem«, sagte sie, »bin ich jetzt über zwei Jahre mit dir verheiratet und habe mich von daher an ein gewisses Maß an, äh, Abenteuer in meinem Leben gewöhnt.«

»Gut«, sagte er. Er hatte gewußt, was sie antworten würde, aber sie verdiente ein Mitspracherecht. Seine Hand wanderte zu ihrem Hals, unter den Arm zur seidigen, zarten Seite ihrer Brust. »Hast du auch Probleme mit dem Einschlafen?« erkundigte er sich.

»Ein bißchen.« Sie kuschelte sich wieder an ihn und schob ein Bein über ihn. »Irgendwelche Vorschläge?«

»Ich nehme nicht an, daß du Ovomaltine eingepackt hast?«

»Hm-hmmh.« Ihr Bein glitt langsam seinen Schenkel auf und ab.

»Also, dann«, sagte er und zog sie ganz auf sich, »schlage ich vor, daß wir die Sache eingehend diskutieren.«

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