Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 24 von 25

PDF-Seiten

Fluch

Kapitel 23

Er fiel nicht mehr. Er hatte den tiefsten Punkt erreicht und begann wieder aufzusteigen. Nein, er war nun schon sehr lange Zeit aufgestiegen, schwebte behutsam und gelassen aus der Schwärze heraus. Der fürchterliche Druck auf seiner Brust war fort. Er konnte wieder atmen.

Er lag auf dem Rücken, lag auf etwas Weichem, Kopf und Schultern leicht erhöht. Ein Bett? Er versuchte, die Augen zu öffnen. Nichts passierte. Es fühlte sich an, als wären sie mit Heftklammern verschlossen. War er gelähmt? Er versuchte seine Hand zu krümmen und spürte, wie Fingernägel die Handfläche berührten. Das war nett. Wenigstens etwas funktionierte.

Langsam – er war sehr müde – hob er die linke Hand an sein Gesicht. Sie plumpste gegen seine Nase, als wäre sie eingeschlafen. Er ließ sie über seine Wange gleiten, schaffte es, nachdem er mehrere Male falsch abgebogen war, sein linkes Auge zu finden, und mit einem Finger schob er das Lid hoch und hielt es oben. Das grelle Licht ließ ihn zusammenzucken, aber wie seltsam, angenehm vertraut alles aussah: robuste Holzstühle, Keramikwasserkrug auf dem Tisch, solide Wände, klar umrissene Ebenen, einfache rechte Winkel. Alles war so wunderbar real und dreidimensional. Er war in ihrem Hotelzimmer, und, ja, er lag im Bett. Er konnte seinen Körper hinunterschauen. Das hellblaue Laken, unter dem er lag, war makellos glatt, hatte dort, wo es gefaltet gewesen war, saubere, gerade Kniffe. Gleichgültig, wie lange er schon hier war, er hatte dagelegen wie eine Statue. Er bewegte die Zehen und war dankbar zu sehen, wie sich die dazugehörigen Hubbel unter dem Laken entsprechend bewegten.

Er versuchte, zur Seite zu blicken, doch seine Augäpfel funktionierten nicht so gut wie die Zehen. Er konnte allerdings den Kopf drehen, und als er dies tat, sah er Julie auf einem der hölzernen Lehnstühle; sie starrte vor sich hin auf den Boden, das schwarze Haar ungekämmt. Hinter ihr fiel das rosafarbene Licht des beginnenden Tages in übereinanderliegenden Streifen durch die Lamellentür herein. Es konnte kaum später als halb sieben sein. Ein ganzer Tag war vergangen? Hatte sie die ganze Nacht neben seinem Bett gesessen?

Sein Arm fühlte sich an wie Wackelpeter. Ihn hochzuhalten war einfach eine zu schwere Aufgabe. Er senkte ihn wieder. Das Lid fiel wieder zu.

»Hi«, sagte er. Was dabei herauskam, war nur ein Krächzen.

Er hörte, wie sie aufschreckte. »Es spricht«, sagte sie vergnügt. »Es bewegt sich.« Aber er hatte die Anspannung in ihren Augen gesehen, die Blässe und Erschöpfung in ihrem Gesicht. Er versuchte ihr zu sagen, daß er wieder in Ordnung war, doch diesmal wollte sich seine Zunge überhaupt nicht bewegen.

»Versuch nicht zu sprechen«, sagte sie. Ihre kühle Hand lag auf seinem Handgelenk. »Dr. Plumm sagt, du wirst schon wieder in Ordnung kommen.«

Dr. Plumm? War er denn krank? War das der Grund, warum seine Augen nicht richtig funktionierten? Was war denn überhaupt mit ihm los? Wie ein Automotor, der lange unbenutzt in einer Garage gelegen hatte, sprang sein Verstand zögernd an, tuckerte im Leerlauf und erwachte stotternd zum Leben.

Er war zur Ausgrabungsstätte gegangen. Er hatte kurz im Arbeitsschuppen haltgemacht …

»Leo!« rief er. Ein weiteres Krächzen. »Julie, sag Marm –«

»Pssst. Keine Sorge. Sie haben ihn.«

Haben ihn? Wer hat ihn?

Er mußte genug herausgebracht haben, um verstanden worden zu sein. »Inspektor Marmolejo hat ihn verhaftet«, sagte sie. »Er sitzt jetzt in Mérida im Gefängnis. Der Inspektor sagt, du seist brillant.«

»Du meinst, ich habe Marmolejo wirklich davon erzählt? Ich dachte, ich hätte nur geträumt.« Das war es, was er zu sagen versuchte, aber es war viel zu kompliziert, um es herauszubekommen, und auf halbem Weg gab er auf.

»Pssst«, machte sie wieder. »Ruh dich jetzt aus. Wir können später noch darüber reden.«

Er schaffte es, ihren Handrücken zu tätscheln – beruhigend, wie er hoffte –, und ließ sich entspannt in die Kissen sinken. Wie war das? Die ganze Zeit, während er geglaubt hatte, lautlos in dieses aufgewühlte schwarze Vakuum hinauszubrüllen, war Marmolejo wirklich dort gewesen, hatte ihm zugehört. Und nicht nur das: er mußte auch noch recht gehabt haben.

»Seid um neun zurück«, hatte Howard am Fuß der Pyramide zu ihnen gesagt. Nur nicht ganz. Er hatte begonnen, es zu sagen, o ja, doch er hatte sich selbst unterbrochen. »Wie spät ist es jetzt?« hatte er gefragt, und das war das fehlende Mosaiksteinchen, nach dem Gideon gesucht hatte, ohne es zu wissen – das Steinchen, das nicht paßte.

Denn wenn Howard nach der Uhrzeit gefragt hatte, bedeutete es, daß er keine Uhr getragen hatte, und wenn er keine Uhr getragen hatte, dann konnte die zerbrochene Armbanduhr, die unter dem Handgelenk des Skeletts auf der Treppe lag, wohl kaum seine gewesen sein. Und wenn es nicht Howards Uhr war, wem gehörte sie dann?

Vor einiger Zeit hatte Gideon endlos lange darüber nachgegrübelt, was er und Stan Ard gemeinsam hatten. Mordanschläge waren nämlich nur auf zwei Personen verübt worden: auf Ard (erfolgreich) und auf ihn (kurz davor). Warum? Warum ausgerechnet Ard und Gideon und niemand sonst?

Nachdem ihm erst einmal klargeworden war, daß die Uhr auf der Treppe nicht Howard gehörte, lag die Antwort auf der Hand. In Gedanken war er zu dem Interview zurückgekehrt, das er mit dem Reporter auf der Veranda geführt hatte. Ard hatte Gideon gefragt, woher er wußte, daß die Decke der Treppe um exakt 4 Uhr 12 nachmittags zum ersten Mal ein Stück eingestürzt war. Zunächst hatte Gideon sich nicht erinnern können, doch dann war es ihm wieder eingefallen. Er hatte zu Ard gesagt, daß er es wußte, weil er später bemerkt hatte, daß Leo Roses Uhr, die von den ersten herabfallenden Steinen zerschmettert worden war, genau um zwölf Minuten nach vier stehengeblieben war.

Und dann, nachdem er ihm das erzählt hatte, hatte er Leo herübergerufen und es ungeniert noch mal in seiner Gegenwart wiederholt. Leo hatte freundlich gelacht und mit seiner Villa-direkt-am-See-Nummer angefangen, aber von diesem Augenblick an war ihm klargewesen, daß Gideon und Ard etwas wußten, von dem er nicht zulassen konnte, daß es jeder erfuhr – nicht, wenn Howards Leiche praktisch jeden Tag gefunden werden konnte. Und wenn es soweit war, würde man bei ihr eine zerbrochene Uhr finden. Und auf dieser Uhr würde 4 Uhr 12 abzulesen sein.

Natürlich konnte Gideon das alles nicht mit absoluter Sicherheit sagen, aber es war eine vernünftige Vermutung gewesen: Wenn man neben der Leiche eines ermordeten Mannes eine Uhr mit einem gerissenen Armband findet, und wenn es nicht dessen eigene Uhr ist, dann – worauf jeder aufmerksame Cop blitzschnell hinweisen würde – konnte es sehr gut die Uhr des Mörders sein, in einem Kampf kaputtgegangen und vom Handgelenk gerissen. Normalerweise achtete jeder Mörder peinlichst genau darauf, solche Dinge nicht in der Gegend herumliegen zu lassen. Wenn aber das Opfer mit einem Vorschlaghammer ans Fußende einer Treppe geschlagen worden war und wenn dieser schwingende Hammer dann versehentlich gegen einen bereits schwachen Stützpfeiler krachte und fünf oder zehn Tonnen Schutt auf die Leiche niedergehen ließ, dann war es schon ein kleines Problem, wieder an diese Uhr heranzukommen. Wie an alles andere unter dem Schutt auch – zum Beispiel an einen Kodex der Maya von unschätzbarem Wert.

Der Kodex war bereits geborgen worden. Die Uhr war immer noch dort gewesen, und alles, was fehlte, um herauszufinden, ob die Zeiger belastende 4 Uhr 12 anzeigten, war, einfach hinzugehen und sie umzudrehen. Das war es, was er Marmolejo zu sagen versucht hatte, und anscheinend war es ihm ja gelungen.

Was aber immer noch eine Menge Fragen offenließ, doch das Nachdenken bereitete ihm Kopfschmerzen. Julie hatte recht. Sie konnten später darüber reden.

Er drehte ihr mit geschlossenen Augen den Kopf zu. »War’s eine lange Nacht?« fragte er, artikulierte sorgfaltig.

»Es geht. Abe hat mir bis vor ein paar Stunden Gesellschaft geleistet, aber am Ende habe ich ihn überreden können, schlafen zu gehen.«

Sie drückte behutsam seine Hand. »Wie fühlst du dich?«

»Eigentlich ziemlich gut. Aber meine Augen scheinen nicht …«

»Dr. Plumm hat gesagt, sie könnten noch eine Weile gelähmt sein, es wäre allerdings nichts, weswegen man sich Sorgen machen müßte. Sie werden schon wieder. Ist alles andere in Ordnung?«

»Ich glaube schon. Ich fühle mich nur ein bißchen schwach. Und bin auch ein bißchen überrascht, daß ich noch lebe.« Die Worte kamen inzwischen müheloser.

»Dafür kannst du dich bei Dr. Plumm bedanken. Er hält immer ein paar Fläschchen Korallennatter-Gegengift bereit, für Gelegenheiten wie diese. Nicht, daß es jemals solche Gelegenheiten gäbe, außer wenn du in der Nähe bist. Er hat dich mit dem Zeug buchstäblich vollgepumpt. Mußte mit dem Flugzeug Nachschub aus Valladolid einfliegen lassen. Außerdem dürftest du bis unter die Halskrause mit anderen intravenös verabreichten Goodies abgefüllt sein. Weißt du, fast hätten wir dich per Hubschrauber zur eisernen Lunge ins Krankenhaus nach Mérida bringen lassen müssen. Dr. Plumm sagt, du seist ein junger Mann, der ganz schön Glück gehabt hat. Ich zitiere.«

»Dann bin ich also von einer Korallennatter gebissen worden? Woher hat er das gewußt?«

»Durch die Kauspuren, vermute ich.«

»Ich dachte, Giftschlangen hinterließen immer nur die beiden Einstichstellen der Giftzähne.«

»Nee, Elapidae nicht. Die kauen auf einem herum.«

»Elapidae?«

»Das ist die Familie. Korallennattern gehören zur Familie der Elapidae.«

»Oh.« Er konnte einen Mullverband auf seiner linken Hand spüren. »Mußte er die Bißwunden einschneiden und das Blut aussaugen?«

»Nein, nach den ersten dreißig Minuten hat das keinen Sinn mehr. Außerdem, bei Micurus bringt das sowieso nichts.«

»Micurus?«

»Das ist die Gattung.«

»Micurus«, wiederholte er langsamer. »Du weißt wirklich die bescheuertsten Sachen.«

Es war sehr angenehm so, mit geschlossenen Augen sich von Julie die Hand halten zu lassen. Er war entspannt und zufrieden, beinahe eingeschlafen. Die intravenösen Goodies, keine Frage.

»Komisch, das mit den Augen«, sinnierte er. »Warum ist ausgerechnet nur der Nervus oculomotorius betroffen und sonst nichts? Nein, warte eine Sekunde, der Nervus abducens muß auch was mitgekriegt haben, weil ich meine Augen nicht zu horizontaler Bewegung veranlassen kann, was bedeuten muß, daß auch noch der Musculus rectus lateralis betroffen ist. Also …«

Sie lachte tief aus der Kehle und legte eine Hand auf seine Brust. »Ich glaube, ich kann jetzt aufhören, mir noch länger Sorgen zu machen«, sagte sie, immer noch lachend. »Du bist wieder ganz der alte.«

Das kehlige Lachen ging in langsame, bebende Schluchzer auf seiner Brust über. Ihre Hände verkrampften sich an seinen Seiten. »Oh, Gideon, Gideon, ich war so … Gott sei Dank, bist du …«

»Na, na«, sagte er schläfrig und hob seine Hand, um ihren Kopf zu streicheln. »Jetzt ist alles wieder in Ordnung.«

Und das war es. Er hörte, wie sein Atmen tiefer und regelmäßiger wurde, spürte seine Hand schlaff von ihrem Kopf gleiten und schien sich selbst zu beobachten, wie er wieder in den Abgrund hinabstieg, langsam dieses Mal, und friedlich, in einen schwarzen und traumlosen Schlaf.

OceanofPDF.com