Fluch
Kapitel 4
Buchstäblich die Entdeckung des Jahrhunderts. Es existierten nur drei weitere Kodizes der Maya, und der letzte war 1860 gefunden worden. Sie alle befanden sich im Besitz von Staatsbibliotheken – in Dresden, Madrid und Paris –, und keiner davon war bislang vollständig übersetzt worden. Vorausgesetzt, daß dieser Kodex thematisch um den gleichen Stoff kreiste wie die anderen, hatte das Wissen über die Zeremonien, Religion und Sprache der Maya soeben um satte dreiunddreißigeindrittel Prozent zugenommen.
Howard lud die restlichen Mitglieder der Crew ein, in die Nische zu treten und sich seinen Fund anzusehen. Ob mehr als einer oder zwei eine Vorstellung von der Bedeutung dessen hatte, was sie da sahen, war zweifelhaft, doch in respektvollem Schweigen linsten sie durch den Schlitz in die steinerne Truhe, traten dann ein paar Schritte zurück, um die beiden Anthropologen ihrer fachmännischen Unterhaltung zu überlassen.
»Gott, wissen Sie, wieviel das wert sein muß?« rief Howard mit donnerndem Lachen.
Eine aufschlußreiche Bemerkung, wenn auch nicht ganz den professionellen Regeln entsprechend – Gideons Ansicht nach jedenfalls nicht. Der Marktwert des Fundes war unbedeutend. Der Kodex war Eigentum der Republik Mexiko, und das zu Recht. Er würde niemals verkauft werden.
»Das könnte seit Palenque der bedeutendste Fund der Maya-Kultur sein«, erwiderte Gideon steif, mindestens genausosehr der Crew wie Howard zuliebe.
Howard ging deshalb noch lange kein Licht auf. »Ich konnte Ihnen morgen zwei Millionen Bucks dafür verschaffen«, sagte er. »Locker.«
Wieder lachte er und stand auf. »Machen wir weiter.« Er drehte sich zu dem Vorarbeiter und gab Anweisungen, die Steinplatte weiterhin äußerst vorsichtig anzuheben und sie abzunehmen, ohne die kunstvollen Reliefdarstellungen zu beschädigen.
Gideon zog sich in eine Ecke des Treppenabsatzes zurück, beobachtete alles schweigend und wischte sich von Zeit zu Zeit den Schweiß aus den Augen. Von dieser Arbeit, die mehr mit Technik als Anthropologie zu tun hatte, verstand er nicht viel.
Howard auch nicht, stellte sich heraus. Während er und die Arbeiter bei der Anstrengung, weitere Holzstangen unter der Deckplatte zu verkeilen, stöhnten und ihnen der Schweiß in Strömen herunterlief, ging etwas schief. Eine der Stangen erhielt einen zu kräftigen Schlag mit dem Vorschlaghammer und sprang wie ein Korken heraus, fiel krachend auf den Boden. Die schwere Steinplatte schwankte träge nach rechts, schaukelte wie ein riesiges Pendel an den Seilen, während die Arbeiter verzweifelt versuchten, sie wieder zu stabilisieren. In qualvollem Zeitlupentempo kippte sie schließlich und schrammte über den Rand der Truhe. Es gab ein Geräusch wie das von diesem letzten, schrecklichen Steinblock, der am Ende von Aida an seinen Platz rutscht. Die Platte krachte gegen die Wand, und eine ihrer reich verzierten Ecken brach ab. Das war an sich schon schlimm genug, doch im Verlauf ihres Sturzes stieß sie auch noch gegen einen der Balken, die bei der Ausgrabung des Treppenschachtes als Stütze verwendet worden waren.
Der Stützbalken wurde vom Sockel gestoßen, und einen atemlosen Augenblick hing er schief da, nur noch gehalten von dem Querbalken darüber. Dann ächzte der Querbalken und kam herunter, und es schien, als käme die Hälfte der gewölbten Decke donnernd in einer Wolke säuerlichen, erstickenden Staubes hinterher. Panische Schreie erklangen, doch als das Husten aufhörte, stellten sie, erstaunlich genug, fest, daß niemand von den großen, keilförmigen Steinquadern getroffen worden war, obwohl das Geröll, mit dem die alten Maya ihre Innenwände gefüllt hatten, auf alle niedergeprasselt war. Gideon hatte am Ende nur eine weitere Beule im Strohhut und einen Kratzer auf dem Handrücken abbekommen. Ein Mitglied der Crew eine kaputte Armbanduhr, ein anderes einen abgesplitterten Zahn. Praktisch jeder hustete und spuckte.
Während Gideon sich immer noch vergewisserte, daß alle in Ordnung waren, stieß Howard scharf die Luft aus; ein erleichtertes Aufatmen.
»Ihm ist nichts passiert«, rief er mit zitternder Stimme und meinte damit den Kodex.
Er war durch den Deckel geschützt worden, der immer noch schräg auf der Truhe lag. Nur Gideon schien zu bemerken, daß das wunderbare Basrelief an vier oder fünf Stellen durch herabfallende Steine angeschlagen war. Zusätzlich zu der abgebrochenen Ecke war jetzt ein herrlich erhaltener Fund nicht mehr als ein weiteres Exemplar zerfallender Maya-Kunst. Und es würde noch schlimmer, wenn Howard unbeirrt weitermachte. Aber sicher würde er jetzt aufhören und erst mal in aller Ruhe planen.
Aber nein. »Alles klar«, sagte er auf eine Weise, die Gideon unmißverständlich klarmachte, daß er gerade erst angefangen hatte. »Na dann, alles klar.«
Er spuckte Staub aus, beugte sich über die Truhe und schob seinen Arm, so weit er konnte, unter die Steinplatte, zog vor Anstrengung eine Grimasse. Doch weiter als bis zum Ellbogen kam er nicht, und mit einem frustrierten Grunzen riß er ihn wieder heraus. Er stand auf und starrte mißmutig den Deckel an, als hindere ihn dieser aus schierer Verstocktheit daran, den Kodex zu erreichen. Der rauhe Stein hatte zwei hochrote Striemen auf seinem Unterarm hinterlassen, die träge vor sich hin bluteten. Anscheinend hatte er es nicht einmal bemerkt.
»Ihr müßt alle mit anpacken«, sagte er. »Preston, Gideon, Leo, du da …«
Gideon gelangte zu dem Schluß, daß sich eine Auseinandersetzung nicht länger vermeiden ließ, ob es ihm gefiel oder nicht. »Howard …« Er mußte aufhören, sich mit dem Handrücken den Staub vom Mund zu wischen. Der Schweiß hatte ihn in einen grobkörnigen Schmier verwandelt. »Ich finde, wir sollten jetzt Schluß machen und alle rausschicken. Zuerst muß hier alles wieder richtig abgestützt werden.«
Howard griff ihn sofort an. »Sind Sie verrückt? Den Kodex einfach hier liegenlassen?«
»Der kann warten. Wenn wir noch länger hier bleiben, wird noch jemand ernstlich verletzt.«
Und das war nicht alles. Es ging auch um den Fund selbst.
Howard hatte bereits den prächtigen Deckel beschädigt, und jetzt versuchte er, den Kodex mit all dem Feingefühl eines Grabräubers des neunzehnten Jahrhunderts zu bergen. Man griff nicht einfach mit verschwitzten Fingern hinein und grabschte sich eine solche Kostbarkeit. Bevor der Inhalt der Truhe berührt wurde, mußte alles fein säuberlich inventarisiert, fotografiert und in situ gezeichnet werden. Bevor der Kodex herausgenommen und der Luft draußen ausgesetzt wurde, mußte er untersucht werden, um festzustellen, in welchem Erhaltungszustand er sich befand. Das alles wußte Howard auch selbst, dieser verdammte Idiot. Er hatte sich von seiner Aufregung mitreißen lassen.
Einen Moment funkelte der Leiter der Ausgrabung Gideon wütend an. Und dann war er nur noch süßliche, aalglatte Vernunft. »Ich bitte Sie, Gideon, jetzt werden Sie aber nicht melodramatisch. Keinem wird etwas passieren. Meinen Sie, ich wüßte nicht genau, was ich tue?«
Gideon erwiderte nichts.
»Wenn alle anpacken, können wir ihn in fünfzehn Minuten draußen haben.« Howards Stimme wurde schrill. »Wir können ihn unmöglich ungeschützt hier liegenlassen!«
»Wir können Wachen aufstellen«, sagte Gideon.
Während Howards Mund sich zu einer Antwort öffnete, hörten sie über sich das scharfe, platzende Knacken eines Balkens, und sofort regnete Schmutz von der Decke auf die obersten Stufen. Ein paar Steinchen fielen die Treppe bis zu ihnen herunter.
»Äh, ich glaube, Gideon hat recht«, meinte Leo Rose vorsichtig. Leo war früher Bauunternehmer gewesen und kannte sich bei solchen Dingen aus. »Das Ding kann jeden Augenblick einstürzen.« Ein paar andere brummten zustimmend.
»Wachen?« sagte Howard mit einem heiseren Kichern; er versuchte so zu tun, als sei es ein Scherz. »Woher, zum Teufel, sollen wir denn bis heute abend Leute finden, denen wir vertrauen können?«
»Heute abend können wir es selbst bewachen«, sagte Gideon. »Wir können uns abwechseln.« Er hoffte, daß seine Miene unversöhnlich wirkte. Je schneller das hier vorbei war, desto besser. Er wollte einfach nur, daß alle so schnell wie möglich hier rauskamen.
Howard lächelte ihn weiter an, aber auf seiner Wange zuckte ein Muskel. Urplötzlich gab er sich geschlagen.
»Alles klar, okay«, sagte er leutselig, als käme ihm die ganze Angelegenheit wie eine alberne, kleinliche Streiterei vor, über die großmütig hinwegzugehen er sich leisten konnte. »Also, dann gehen wir.«
Als sie draußen waren, stellte er seine Autorität wieder her. »Wir werden uns abwechseln, die ganze Nacht über Wache halten. Vier Schichten, zwei Leute pro Team, nur Männer.«
»Wieso nur Männer?« wollte eine der drei Frauen wissen.
Howard beachtete sie nicht weiter. »Ich übernehme die erste Schicht. Worthy, Sie werden mir Gesellschaft leisten.«
»Ich?« Worthy Partridge war ein steifer Mann mittleren Alters, Verfasser von Kinderbüchern. »Ich fürchte, ich verstehe nur sehr wenig vom Wacheschieben.«
»Was gibt’s da zu verstehen? Okay, also …« Er sprach nicht weiter, sondern blickte finster und mißtrauisch drein. Avelino Canul, der Maya-Vorarbeiter, drückte sich in der Nähe herum und hörte aufmerksam zu.
»Was willst du, Avelino?« fuhr Howard ihn scharf auf Spanisch an. »Du kannst jetzt nach Hause gehen. Du auch, Nas. Ihr alle.«
Respektvoll erklärte der Vorarbeiter, daß sie auf ihre Bezahlung warteten. Es war Freitag.
Brummend und ungeduldig klopfte Howard die Gesäßtaschen seiner hellbraunen Shorts ab. »Verdammt, das hab’ ich ganz vergessen«, brummte er, wechselte zu Englisch. »Ich habe meine Brieftasche im Hotel vergessen.«
»Sollen wir bis Montag warten?« fragte Avelino hoffnungsvoll. Es passierte nicht zum ersten Mal, und Howard hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, ihnen für die Umstände etwas extra zu geben. Gemessen am Lohn der Maya war es beträchtlich mehr als nur ein kleiner Bonus.
Howard nickte knapp und wartete, daß sie gingen. »So, und ihr anderen fahrt jetzt zurück und eßt zu Abend. Gideon, Sie und Leo übernehmen die nächste Schicht. Seid wieder hier um … Wie spät ist es eigentlich?«
»Kurz nach fünf«, sagte Worthy.
»Okay, seid um neun wieder hier. Worthy und Joe, ihr seid von eins bis vier dran. Danach du und ich, Preston, von vier bis acht.« Er schwieg und schaute Gideon konziliant an. »Na, wie ist das? Findet das Ihre Zustimmung?«
Gideon zögerte. Lieber hätte er selbst die erste Schicht übernommen. Howard hätte es nicht geschadet, sich eine Weile auszuruhen, um wieder ruhiger zu werden. Und Worthy wäre auch nicht seine erste Wahl als Partner gewesen. Aber er hatte die wichtigste Schlacht bereits gewonnen, und ihm stand nicht der Sinn nach einer weiteren Auseinandersetzung. Abgesehen davon war, um es vorsichtig auszudrücken, die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering, daß innerhalb der nächsten vier Stunden schon Tempelräuber auftauchten, um den Kodex zu stehlen, der vor nicht mal zwei Stunden entdeckt worden war.
»Okay«, sagte er. »Wir sehen uns dann um neun.«
»Hier stimmt was nicht«, platzte Leo heraus, normalerweise nicht gerade einer der intuitivsten Menschen.
Es war zehn vor neun. Unter einem schwülen, dunkel werdenden Himmel waren sie zur Ausgrabungsstätte zurückgekehrt, wo sie den Arbeitsschuppen leer vorfanden. Weit und breit keine Spur von Howard und Worthy. Auf dem Arbeitstisch lag das leere, rissige Lederholster des alten .32er Revolvers, den Howard hier als Schutz vor bandidos aufbewahrte. Die Lichter brannten, der Generator summte. Auf dem Boden neben einem Stuhl stand eine geöffnete, aber nicht angerührte Flasche Coca-Cola.
»Wahrscheinlich machen sie nur gerade einen Rundgang«, sagte Gideon. »Das ist alles.«
»Ja, klar, kann schon sein.«
Trotzdem wechselten sie beklommene Blicke und eilten über den Platz zum Tempel. Sie hatten gerade den Fuß der Pyramide erreicht, als sie über sich scharrende Geräusche hörten. Sie schauten auf in das Halbdunkel und entdeckten Worthy, der sich ungeschickt die Stufen herunterschleppte.
»Gideon!« rief er. »Leo! Mein Gott!«
Um ein Haar wäre er auf den ungleichmäßigen Steinen ausgerutscht, richtete sich jedoch wieder auf, nachdem er unbeholfen mit seinen langen Armen in der Luft gerudert hatte, und setzte seinen Weg vorsichtiger fort. »Mein Gott«, hörte Gideon ihn wieder flüstern. »Oh, mein Gott.«
Oh, oh, dachte Gideon, mir schwant nichts Gutes.
Als er das Fußende erreichte, warf Worthy den beiden anderen ängstliche Blicke zu. »Wo ist Howard? Habt ihr ihn gesehen?«
Nein, ganz und gar nichts Gutes.
»Was meinen Sie damit, ob wir ihn gesehen haben?« fragte Leo. »Wo ist er?«
Worthy umklammerte Gideons Arm, völlig untypisch für ihn. »Es ist schrecklich … da oben … es ist … es ist …«
Gideon rannte bereits los, nahm zwei Stufen der Pyramide auf einmal. Worthy wimmerte leise und kletterte ihm nach, versuchte mitzuhalten, zu Atem zu kommen und zu erklären, alles gleichzeitig.
»Er hat gesagt – Howard hat gesagt – er hätte etwas gehört … Vor ungefähr einer Stunde. Dann hat er die verdammte Kanone genommen, und ein Brecheisen, und ist losgegangen, weil er nachsehen wollte …«
»Sie sind nicht mit ihm gegangen?« rief Gideon über die Schulter zurück, ohne sein Tempo zu verlangsamen.
»Er hat gesagt, ich sollte nicht. Er hat gesagt, er würde … er würde allein eine Runde machen. Sie wissen ja, wie der Mann ist …«
Das wußte Gideon allerdings. Er erreichte die obere Plattform und rannte über die von Unkraut überwucherte, mit Steinen übersäte Terrasse zum Tempel. Der dichte tropische Regenwald erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen bis an den fernen Horizont: ein trostloses Stahlgrau im verblassenden Tageslicht.
Im Inneren des fensterlosen Tempels war es pechschwarz. Er knipste die Taschenlampe an.
Worthy hatte ihn eingeholt. »Er ist so lange weggewesen … da habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen. Ich wollte nachsehen. Und als ich hier angekommen bin, da hab ich festgestellt … hab ich festgestellt …«
Er mußte nicht erst sagen, was er festgestellt hatte. Gideon stand wie angewurzelt da, fassungslos, hatte den Strahl der Taschenlampe direkt auf die quadratische Öffnung im Steinboden gerichtet.
Darunter befand sich kein Treppenabsatz. Kein Durchgang. Keine Stufen mehr, oder besser, keine Stufen nach den obersten zwei oder drei. Es gab nichts als ein quadratisches Loch voller Geröll und wild durcheinandergewürfelter, behauener Steinblöcke.
Hinter ihnen kam Leo schwerfällig durch den Eingang getrampelt. »Oh, Scheiße«, sagte er. »Das ganze gottverdammte Ding ist eingestürzt. Ich wußte es.«
Es stimmte. Der geheime Zugang, den die Maya in das Innere der mit Schutt aufgefüllten Pyramide gegraben hatten – und anschließend mit mehr Schutt wieder verschlossen hatten, um ihn zu verstecken –, war eingestürzt. Die jahrelange Arbeit von Horizon, die Treppe freizulegen, war innerhalb weniger Sekunden zunichte gemacht worden. Alles war wieder zugeschüttet, so wie die Maya es ursprünglich gewollt hatten.
Worthy starrte Gideon an. Seine Lippen bebten. »Wo ist Howard?« sagte er. »Wo ist der Kodex?«
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