Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 2 von 25

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Fluch

Kapitel 1

»Ich versteh das nicht«, sagte Julie und nahm einen Stapel Semester- und Diplomarbeiten voller Eselsohren vom Stuhl neben dem Schreibtisch. »Eigentlich bist du doch ein ordentlicher und gewissenhafter Mensch. Du schmeißt deine Socken nicht einfach auf den Boden. Du läßt deine Unterwäsche nicht auf den Stühlen liegen. Du räumst deinen eigenen Kram auf …«

»Vorsicht«, sagte Gideon. »Das steigt mir noch in den Kopf.«

Vergeblich schaute Julie sich nach einer Stelle um, wo sie den Stapel ablegen konnte. Gideon deutete auf die hintere linke Ecke seines Schreibtisches, die beinahe zehn Zentimeter unter Papieren begraben lag. »Da, an die Wand, damit es nicht runterrutscht.«

Das tat sie, wollte sich setzen und zuckte zusammen. Sie zog ein metallenes Türschild unter sich hervor: »Gideon P. Oliver, Professor für physische Anthropologie«, stand auf dem Innenteil aus Plastik. Sie legte es auf die Papiere.

»Wieso«, fuhr sie fort, »arbeitest du also in einem Büro, das aussieht wie das hier?« Mit großzügiger Geste deutete sie auf den ganzen vollgestopften Raum: den Schreibtisch, den grauen Aktenschrank, die beiden Bücherregale, die Bücherbretter über dem Schreibtisch, die er, entgegen üblichen akademischen Verfahrensweisen, selbst an die Wand montiert hatte. Und alles quoll über von Papieren und Büchern. Viele Bücher lagen offen und wild durcheinander, mit den Rücken nach oben, gespickt mit Papierschnipseln als Lesezeichen.

»Das ist ein pädagogischer Kunstgriff. Es verunsichert die Studenten, wenn die Büros der Professoren nicht genauso aussehen, wie sie es aus dem Kino kennen.«

»Nein«, sagte Julie. »Ich glaube, das hier ist dein wahres Ich. Das Monster unter der Oberfläche.«

»Grrr«, machte Gideon und erhob sich aus dem Sessel, um ihren Kopf herunterzuziehen und sie zärtlich zu küssen. Einen Moment behielt er die Augen geöffnet, schaute zu dem sanften, schönen Gesicht auf. Dann schloß er sie ebenfalls und küßte weiter, ließ seine Lippen über die samtweichen Wangen, dann weiter zum Hals wandern.

»Gideon«, sagte sie und ging ein Stück zurück, »die Tür ist offen. Was ist, wenn einer deiner Studenten vorbeikommt?«

»Ist das dein Ernst? Sonntag morgens während der Winterferien? Da gibt es weit und breit keine Studenten. Auch keine Dozenten. Nur ich, der versucht, endlich diese verdammte Monographie zusammenzubasteln.«

Der Gedanke daran brach den Zauber nachhaltig. Er seufzte, lehnte sich zurück und schlug auf den obersten Papierstoß auf dem Schreibtisch.

»Und, schaffst du’s?«

»Was, das Ding zusammenzubasteln? Ich weiß nicht. Ich hab den Rhythmus verloren oder weiß der Henker. Es kommt mir alles so abgedroschen vor. Oder vielleicht bin ich auch abgedroschen.« Er nahm das oberste Blatt in die Hand. »›Neubeurteilung der Hominiden des mittleren Pleistozäns‹«, las er laut. »›Taxonomische Revisionen auf Grundlage der neuesten osteuropäischen Funde der zweiten Zwischeneiszeit.‹« Er verzog das Gesicht. »Na, was meinst du, packt dich das?«

»Äh …«

»Mich auch nicht, und der Titel ist noch das Beste.«

Sie lachten, und Julie drückte seine Hand. »Komm, du hast heute Geburtstag. Ich lade dich zum Essen ein.«

»Ich dachte, du müßtest arbeiten?«

»Der Olympic National Park kommt für ein paar Stunden auch ohne mich klar. Wieso fahren wir nicht nach Seattle? Gegen eins könnten wir dort sein.«

»Lieber nicht, Julie. Wir würden erst ziemlich spät zurück sein. Ich würde die Arbeit hier wirklich gern zu Ende bringen und sie mir endlich vom Hals schaffen. Dann habe ich die nächsten drei Wochen Zeit für was anderes.«

»Wie zum Beispiel was?«

»Ach, ich weiß nicht. Ein paar Bücherregale fürs Arbeitszimmer bauen … Vielleicht all die Tannenzapfen hinter dem Haus zusammenharken … Die Garage aufräumen …«

»Oh, mein armer Kleiner, du bist ja wirklich down, was? Okay, dann gehen wir einfach irgendwo hier in Port Angeles essen. Wie wär’s mit einem Steak im Bushwacker?«

Er zuckte mit den Achseln und wuchtete sich hoch. »Ja, gut.«

»Was ist los, Gideon? Ist es vielleicht einfach nur der typische Blues zum Einundvierzigsten?«

Ja, der war’s vermutlich. Der und der dunstige, graue Regen, der nun schon seit neun tristen Tagen ununterbrochen fiel und aussah, als würde er bis zum Sommer nicht nachlassen. Gideon war ein erklärter Freund von Regen und Nebel, aber an die trüben, dunklen Winter im Westen des Staates Washington mußte man sich ganz sicher gewöhnen.

Und dann waren seit seiner letzten Ausgrabung schon sage und schreibe anderthalb Jahre vergangen. Anderthalb Jahre ohne den Jungbrunnen der Anthropologie vor Ort, anderthalb Jahre, verbracht in Seminarräumen und Büros. Und meilenweit keine Aussicht auf praktische Arbeit im Feld. Er hatte das Gefühl, erklärte er Julie, als sei seine Karriere festgefahren.

»Wenn ich dich mal vorsichtig erinnern darf«, erwiderte sie kurz, »hast du in diesen anderthalb Jahren an einer neuen Universität angefangen, deine volle Professur erhalten, deinen beachtlichen Ruf als ›Knochendetektiv von Amerika‹ gefestigt …«

»Vorsicht, ja, treib’s nicht zu weit.«

»… und du hast drei wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht.«

»Vier. Ja, Julie, ich weiß, das stimmt ja alles. Aber ich glaube, ich muß mal wieder richtig zupacken, nicht immer nur diesen Schreibtischkram machen. Und damit meine ich nicht, zerstückelte Skelette für das FBI identifizieren.«

»Könntest du dich nicht einfach mit einigen deiner Archäologenfreunde in Verbindung setzen? Würden die sich nicht freuen, wenn du bei einer Ausgrabung dabei wärest?«

»Klar, wenn es dabei auch um ein paar menschliche Knochen geht. Und wenn nicht irgendein anderer physischer Anthropologe bereits zum Team gehört.« Er zuckte mit den Achseln. »Ja. Wahrscheinlich, genau das mach ich.« Und dann würde er Monate, vielleicht sogar Jahre warten, bis sich was ergab. Ungeachtet weitverbreiteter Ansichten tauchten bei Ausgrabungen nämlich nicht gerade häufig Überreste menschlicher Skelette auf.

»Schön. Gut. Beschäftigt dich sonst noch was?«

»Julie, weißt du eigentlich, wie alt Rupert Armstrong LeMoyne ist?«

»Aha, jetzt kommen wir endlich zur Sache. Wer ist Rupert Armstrong LeMoyne?«

»Der Dekan der Fakultät. Er ist neununddreißig. Zwei Jahre jünger als ich.«

»Gideon, wärst du gern Dekan der Fakultät?«

»Natürlich nicht. Darum geht’s auch gar nicht.«

»Möchtest du so schlaff und weiß und selbstzufrieden sein wie Rupert Armstrong LeMoyne?« Sie drückte ihn auf den Schreibtischsessel zurück, ließ sich auf seinen Schoß fallen und umarmte ihn.

Was sich Gideon bereitwillig gefallen ließ. Nach zwei Jahren Ehe überlief ihn immer noch ein angenehmes Prickeln, wenn sie ihn berührte. »Woher weißt du, daß er schlaff, weiß und selbstzufrieden ist?«

»Na, komm, wenn man schon Rupert Armstrong LeMoyne heißt?« Sie öffnete die beiden obersten Knöpfe seines Hemdes und schob eine Hand hinein. »Hat Rupert Armstrong LeMoyne eine kuschelige, warme Brust?« Sie küßte ihn auf den Nasenrücken; seit er auf dem College geboxt hatte, war der platt. »Hat er einen männlichen, attraktiven Zinken? Hat er ein kantiges, sexy Kinn direkt aus den Superman-Comics?« Auch darauf drückte sie einen Kuß, und aus acht Zentimetern Entfernung schaute sie ihm mit leichtem Schielen in die Augen. »Na, wie mache ich mich? Muntert dich das auf?« Ihre Hand lag immer noch auf seiner Brust, streichelte sie mit langsamen, kreisenden Bewegungen.

Mit den Händen auf ihren Hüften zog er sie näher und streichelte dann durch den Stoff ihrer National Park Service-Uniformhose ihren Oberschenkel. Hatte er wirklich noch vor ein paar Minuten lustlos und niedergeschlagen hier gesessen? »Ich weiß nicht, ob man es direkt aufmuntern nennen kann«, meinte er, »aber irgendwas tut sich. Wieso vergessen wir nicht einfach das Mittagessen und fahren für ein, zwei Stunden nach Hause?«

»Sag mir«, fuhr sie unbeirrt fort, »ob Rupert Armstrong LeMoyne der Verfasser des bekanntesten Buches über die vergleichende Phylogenie der frühen Hominiden ist?«

»Des einzigen Buches über die vergleichende Phylogenie der frühen Hominiden.«

»Sei nicht kleinlich. So«, sagte sie und küßte diesmal seine Nasenspitze, »war das jetzt ein verlockendes Angebot für die nächsten beiden Stunden oder nicht?«

»Und ob. Und anschließend denken wir drüber nach, ob wir nicht für ein paar Tage irgendwohin fahren können, wo’s nicht regnet.«

Gerade als er, sie noch immer im Arm, aufstehen wollte, klingelte das Telefon, und beide sanken auf den Sessel zurück. »Das«, sagte Gideon zuversichtlich, »wird ein sehr kurzes Gespräch. Geh du ran. Sag, ich wäre unterwegs zu einer äußerst wichtigen Besprechung.«

»Geht deine Sekretärin auch immer so ans Telefon? Auf deinem Schoß?«

»Wäre eine Überlegung wert, wenn ich eine Sekretärin hätte.«

Sie nahm den Hörer ab. »Sekretariat Dr. Oliver …« Sie legte den Kopf zurück und lachte. Ihr Haar streifte seine Schläfe, und er versuchte sie zu küssen, verfehlte jedoch sein Ziel. »Äh, hallo!« sagte sie. »Ja, ist er, Moment.«

»Vielen, vielen Dank auch«, brummte Gideon.

Julie behielt den Hörer am Ohr. »Ist das Ihr Ernst?« sagte sie, drehte den Kopf und sah Gideon an. »Das wird er nicht glauben.«

Mit einem eigenartigen Grinsen reichte sie ihm den Hörer. »Das glaubst du nicht.«

»Hallo, Gideon?«

Die dünne Stimme des alten Mannes zauberte sofort ein Lächeln auf Gideons Gesicht. Abraham Irving Goldstein, sein ehemaliger Professor und Immer-noch-Mentor. Avram Yitzchak Goldstein aus Minsk, der seine Karriere in Amerika mit siebzehn begonnen – indem er in Brooklyn Lumpen von einem Handkarren aus verhökerte – und sie als hochrangiger Gelehrter beendet hatte. Sein langjähriger Freund Abe Goldstein.

»Abe, hallo! Von wo rufst du an?«

»Von wo soll ich schon anrufen? Aus Yucatán, natürlich. Hör zu, was hältst du davon, ein paar Wochen runter nach Tlaloc zu kommen und mir ein bißchen beim Graben zu helfen? Julie auch, falls sie sich Urlaub nehmen kann.«

Gideon legte eine Hand über die Sprechmuschel und sah Julie an. »Ich glaub’s einfach nicht.«

Abe befand sich als Vorstandsmitglied der Horizon Foundation, einer Stiftung für anthropologische Forschung, bei einer von dieser geförderten Ausgrabung etwa sechzig Meilen von Mérida, in der Nähe der mexikanischen Golfküste. Tlaloc, eine kleinere Kultstätte der Maya, war erst vor zehn Jahren entdeckt und die Arbeiten dort 1980 aufgenommen worden. Nachdem aber 1982 ein Skandal der Ausgrabungsstätte zu trauriger Berühmtheit verholfen hatte, wurden auf Anordnung des Instituto National de Antropologia e Historia der mexikanischen Regierung die Ausgrabungen eingestellt. »Für alle Zeiten«, hatte es theatralisch geheißen, »um die Erinnerung an diese schmachvolle Stunde für immer zu begraben.« Gideon war damals dort gewesen und hatte gerade die Arbeit an der Sammlung menschlicher Knochen beendet, die von Tauchern aus dem etwa hundertfünfzig Meter von den Gebäuden entfernten cenote – dem Opferbrunnen – heraufgeholt worden waren. Wie alle war er schockiert und empört über das, was geschehen war.

Danach blieb die Ausgrabungsstätte über fünf Jahre lang verschlossen, während sich die Horizon und das Institut in gegenseitigen Beschuldigungen und Verhandlungen ergingen. Am Ende leistete Horizon ansehnliche Wiedergutmachungen, und die Gefahr eines Prozesses war in aller Stille gebannt. Vor sechs Monaten hatte die Regierung weiter nachgegeben und Horizon erlaubt, die Arbeiten »unter strenger Kontrolle durch das Institut« wieder aufzunehmen. Eine der ausdrücklichen Bedingungen lautete, daß Dr. Abraham Goldstein (der an der ersten Ausgrabung nicht beteiligt war) persönlich die Leitung übernahm und seinen untadeligen Ruf und seine Sachkenntnis einem Unternehmen zur Verfügung stellte, das beim ersten Mal auf höchst bedauerliche Weise verpfuscht worden war.

Das alles, daran hatte Gideon keinerlei Zweifel, war von dem »pensionierten« achtundsiebzigjährigen Professor diskret eingefädelt worden, der dann Anfang Dezember Sequim mit Ziel Yucatán verlassen hatte, um die Ausgrabungen vorzubereiten. Gideon war nicht dazugebeten worden; die Arbeiten am cenote waren beendet, und man rechnete nicht mit weiteren Bestattungsfunden.

»Was gibt’s denn, Abe?« fragte Gideon. »Sag nicht, du hättest noch mehr Knochen zutage gefördert?«

»Doch. Du erinnerst dich an das Gebäude, das als Haus des Priesters bezeichnet wurde?«

»Südöstlich des Tempels, völlig überwuchert von Kletterpflanzen? An dem wir damals noch nicht gearbeitet haben?«

»Genau. Nur daß wir jetzt einen Teil der Pflanzen beseitigt haben, und, stell dir vor, ein paar Meter hinter dem Eingang liegt eine Leiche. Ich habe dafür gesorgt, daß bis zu deiner Ankunft nichts angerührt wird. Kannst du kommen?«

»Wie ist das Wetter?« Nicht, daß es eine Rolle spielte. Er spürte bereits, wie die Erregung über eine Ausgrabung in ihm wuchs. Doch er meinte, er müsse sich zumindest den Anschein geben, daß er darüber nachdachte.

»Wie’s hier unten immer ist. Heiß. Sonnig. Feucht. Genau, wie du es nicht magst, aber die Ausgrabung selbst ist ein Vergnügen.«

Gideon sah durch das Fenster, wie der Regen von den Blättern der patschnassen Rhododendronbüsche vor dem Gebäude der natur- und geisteswissenschaftlichen Fakultät strömte. »Wann soll ich gesagt haben, ich mag es nicht heiß und sonnig?« fragte er träumerisch.

Abe lachte. »Junge, du hast ein kurzes Gedächtnis. Also, kannst du nun kommen oder nicht?«

»Ich kann.« Wie ein geölter Blitz konnte er kommen. Er drückte Julies Bein und strahlte sie an. Sie hatte noch jede Menge Urlaub. Sie konnte mitkommen.

»Oh, wunderbar!« sagte Abe. Seine Freude wärmte Gideon das Herz. »Schön!«

»Wie ist die Crew?«

»Die Crew … hab ich das noch nicht erwähnt?«

»Was erwähnt?« fragte Gideon argwöhnisch.

»Sei nicht so mißtrauisch. Nur Amateure, das ist alles. Alte Freunde von dir.«

»Ich dachte, die Regierung besteht diesmal auf Profis.«

»Wenn wir zu den fachspezifischen Sachen kommen, ja. Aber die ersten paar Wochen heißt es einfach nur aufräumen und Vorarbeit leisten, daher haben wir denen, die 1982 auch schon hier waren, die Chance geboten, wieder mitzumachen, wenn sie wollen. Auf unsere Kosten. Von den neun Leuten damals sind fünf wieder dabei, dein alter Student Harvey Feiffer übrigens auch. Wir fanden, daß wir ihnen das schuldig waren, wenn man an den Zores denkt, den sie hatten.«

Zores waren natürlich Schwierigkeiten. Gideons Kenntnisse des Jiddischen hatten während der letzten zehn Jahre beträchtlich zugenommen, denn Abraham Goldstein hatte den Akzent, geschweige denn das Vokabular seiner Handkarren-Zeit nie aufgegeben. Manchmal dick aufgetragen, oft kaum wahrnehmbar, war er nie völlig verschwunden. Ob es um die Behauptung seiner Identität, eine exzentrische Laune (eine unter vielen) oder den schlichten, waschechten Akzent ging, konnte niemand mit Sicherheit sagen, nicht einmal Gideon. Vielleicht nicht einmal Abe selbst. Falls jemand die Kühnheit besaß zu fragen, wieso ein weltberühmter Gelehrter, der sieben Sprachen meisterhaft beherrschte, manchmal mit einem Akzent wie aus Abie’s Irish Rose sprach, reagierte Abe stets gleich. Seine Augen wurden groß und rund, seine Stirn legte sich in eine Million pergamentartiger Falten. »Akzent?« wiederholte er dann erstaunt. »Was für ein Akzent?«

»Und?« fragte er jetzt. »Wann seid ihr hier? Morgen?«

»Morgen?« Gideon lachte. »Wir müssen erst mal alles organisieren, Visa besorgen …«

»Könnt ihr das nicht heute nachmittag erledigen?«

»Heute nachmittag ist schon verplant.« Gideon rieb Julies Rücken und lächelte sie an. Die Tatsache, daß er unbedingt an einer Ausgrabung teilnehmen wollte, bedeutete nicht, daß er allen Realitätssinn verloren hatte. »Außerdem«, fügte er entschieden hinzu, »möchte ich gern noch so eine Monographie abschließen. Wir werden Ende der Woche dort sein. Am Freitag. Wie wär’s damit?«

Ein winziges Zögern. »Freitag? Ein bißchen früher geht’s nicht?«

»Wann zum Beispiel?«

»Zum Beispiel morgen?«

»Wozu die Eile, Abe? Am Freitag sind die Knochen auch noch da.«

»Es geht nicht nur um die Knochen. Hier gibt es etwas, das mir Sorgen macht. Ich brauch deine Meinung.«

»Tjaaa …«

»Außerdem«, sagte Abe mit diesem einschmeichelnden Singsang, was bedeutete, daß die Katze gleich aus dem Sack gelassen würde, »haben wir neues schriftliches Material der Maya entdeckt. Garrison ist aus Tulane runtergekommen, um an der Übersetzung zu arbeiten, und sie ist fast fertig damit. Ich habe sie gebeten, mit ihrer Präsentation noch zu warten, damit du dabeisein kannst. Aber sie muß übermorgen zurück. Ich brauche dir ja wohl nicht zu sagen, daß es eine Sache von historischer Bedeutung ist; aber klar, wenn du es nicht schaffst, dann schaffst du es eben nicht.«

Gideon schwieg.

»Natürlich, es sind nur ein paar Blätter aus der Zeit nach der spanischen Eroberung«, fuhr Abe fort, »aber trotzdem, so etwas passiert nicht alle Tage.«

Oder alle Jahre, oder alle Jahrzehnte. Nun, Gideon konnte die Monographie jederzeit mitnehmen. »Okay«, sagte er, »du hast mich überzeugt. Morgen sind wir da.«

»Gut. Ausgezeichnet. Deine Fahrtkosten werden übernommen – Julies natürlich auch, wenn sie bereit ist, etwas mitzuarbeiten –, und wir bringen euch im Hotel unter. Die Verpflegung übernehmen wir ebenfalls. Eine Bezahlung kann ich leider nicht anbieten. Ich werde nicht bezahlt, warum solltest du also bezahlt werden?«

»Kein Problem.« Gideon war mehr als zufrieden. Er hätte die Reisekosten auch selbst übernommen, wenn es nötig gewesen wäre. »Abe, jetzt verrat mir doch mal, was genau dich beunruhigt?«

»Hör zu, Gideon, der Anruf ist ganz schön teuer. Wenn du hier bist, erklär ich alles. Laß mich wissen, wann ihr ankommt. Ich sorge dafür, daß ihr am Flughafen in Mérida abgeholt werdet.«

»Okay, Abe, danke. Dann sehen wir uns morgen. Falls wir noch einen Flug kriegen.«

Als er den Hörer auflegte, verschränkte Julie die Hände in seinem Nacken, wobei ihre Unterarme auf seinen Schultern lagen. »Wir fliegen also nach Yucatán?«

»Hm-hmh. Wie findest du das?«

»Toll. Da wollte ich schon immer mal hin. Aber weswegen bist du so glücklich? Ich dachte, du haßt die Tropen?«

»Wie kommen die Leute immer nur auf solche Ideen? Ausgrabung ist Ausgrabung. Und im Januar dürfte es da unten schon nicht so schlimm sein.« Er zog ihren Kopf herunter, um sie zu küssen. »Außerdem ist Yucatán sowieso was anderes. Es ist einmalig, du wirst sehen. Der Dschungel, die Ruinen … wenn man erst mal aus Mérida raus ist, kriegt man ein wildes, primitives, elementares Gefühl von Abgeschiedenheit, ein …«

»Weißt du eigentlich«, meinte sie, die noch nie etwas für schwärmerische Prosa übrig gehabt hatte, »daß du noch Rasierschaum hinterm Ohr hast?«

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