Fluch
Kapitel 24
Die nächsten beiden Tage vergingen wie in einem durchscheinenden Dunst, meistens recht angenehm. Abe kam und ging, war vergnügt und tröstend. Ein fröhlicher, zuversichtlicher Plumm schien alle fünf Minuten seinen Kopf hereinzustecken, um Gideons Hand mit knallig grünen oder roten Tinkturen einzupinseln oder einen seiner obskuren Tests durchzuführen: Zeit für den Prothrombintest, Zeit für den Thromboplastintest, Zeit für Fibrinogen-Titration. Marmolejo, beinahe ebenso vergnügt, kam zweimal – dreimal? –, um über polizeiliche Dinge zu reden. Und immer war Julie da, ruhig, wenn er Ruhe wollte, gesprächig und beruhigend, wenn er das brauchte.
Am dritten Tag sagte Plumm, daß er wieder reisefähig sei und eine Woche Ruhe zu Hause wahrscheinlich das beste sei, um zu garantieren, daß er rechtzeitig mit den Seminaren des nächsten Quartals beginnen konnte. Auf jeden Fall, sagte Plumm bestimmt, sei kein Gedanke daran zu verschwenden, die Arbeit bei der Ausgrabung fortzusetzen. Gideons schwache Proteste, rein pro forma, wurden von Abe zur Seite geschoben: Gideon würde nach Hause fahren. Anweisung des Arztes. Kein Wenn und Aber. Das Skelett im Haus des Priesters konnte warten. Wenn Gideon später zurückkehrte, um in Leos Prozeß auszusagen, konnte er seine Arbeit beenden, falls er sich dem gewachsen fühlte.
Und so saß Gideon, fünf Tage, nachdem er von einer reizbaren Micurus fulvius in einer Ruine der Maya im Dschungel von Yucatán gebissen worden war, auf der grün-weißen Fähre Yakima, die sich lautlos und gemessen ihren Weg durch den nebligen, wunderbar kühlen Puget Sound bahnte. Den Flug von Mérida nach Seattle hatte er, trotz Umsteigens in Houston und Denver, die meiste Zeit verschlafen, während Julie las, aber der Anblick der grün schimmernden Inseln der Meerenge hatte ihn wieder lebendig gemacht, und sie hatten begonnen, wieder über Tlaloc zu reden, als die Fähre sich aus dem Edmonds Dock schob.
»Ist es nicht komisch?« sagte Julie, während sie die mit Kresol gestrichenen Pfähle anschaute, die vorbeiglitten. »Wir dachten alle, es wäre nur um den Kodex gegangen, aber dann war es die Uhr. Nur diese blöde Uhr.«
»Genau«, sagte Gideon. »Leo wußte, daß der Kodex eine verlorene Sache war, bei der massiven Kampagne des Komitees und allem. Aber die Uhr – das war wichtig; das konnte ihn mit dem Mord an Howard in Verbindung bringen.«
»Also, ich verstehe aber immer noch nicht ganz, wieso er das Risiko eingegangen ist, so lange zu warten. Warum hat er nicht schon vor Jahren versucht, sie sich zu holen, als noch nicht wieder gegraben wurde?«
»Aber er ging doch gar kein so großes Risiko ein. Als das Institut die Ausgrabungen in Tlaloc einstellte, haben sie sie richtig eingestellt. ›Für alle Zeiten‹, hieß es damals, was Leo nur recht war. Und selbst wenn die Ausgrabungen in fünfzig Jahren wieder aufgenommen wurden, was konnte die Uhr dann noch groß sagen? Das Problem war, sie haben es sich schon nach fünf Jahren wieder anders überlegt.«
»Also ist er zurückgekommen, um zu versuchen, sie vor Abe zu finden. Das ist auch der Grund für das nächtliche Graben im Tempel?«
»Hm-hmh, aber ich glaube, das hat er ziemlich halbherzig gemacht. Er wußte, daß sich seine Uhr bei dem Kampf mit Howard gelöst hatte, und er hätte sie gern zurückgehabt, um keinem Risiko mehr ausgesetzt zu sein. Aber das war an sich noch kein Grund zur Panik. Er glaubte, es gäbe keine Möglichkeit, ihn damit in Verbindung zu bringen.«
»Bis du aufgetaucht bist und groß getönt hast, daß seine Uhr um zwölf nach vier stehengeblieben ist.«
Gideon wandte seinen Blick von dem Fenster, durch das er hinausgesehen hatte, ihr zu. Seine Augenmuskeln waren immer noch steif, und er mußte den Kopf drehen. Er fand, das verlieh ihm eine gewisse Würde. »Es gibt«, sagte er, »keine Veranlassung, unfreundlich zu sein.«
Sie lachte. »Was würdest du zu einer Schüssel Washington State dam chowder sagen?«
»Als wäre ich gestorben und in den Himmel gekommen«, sagte er ernst und begann sich zu erheben.
Julie stand als erste und richtete einen Finger auf ihn. »Du bleibst schön sitzen. Ich geh uns was holen. Ich werde auch heißen Kakao für nachher mitbringen. Dr. Plumm hat gesagt, heiße Flüssigkeiten wären gut für dich.«
»Toll.« Gideon machte es sich wieder vor dem Fenster bequem, genoß das Genesen und das Verwöhntwerden. Alles, was ihm jetzt noch fehlte, war eine Decke um die Beine. Draußen jagten eine Reihe Kormorane auf irgendeiner dringenden Vogelmission keine zehn Zentimeter über das Wasser, wobei sie ihre schwarzen, schlangenartigen Hälse weit nach vorn streckten und wild mit den Flügeln flatterten, um mit der Fähre Schritt zu halten. Hoch oben, weiter nördlich, kreiste unter dicken Wolken ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen träge über dem Sund.
Julie hatte natürlich recht. Wenn diese Unterhaltung über die Uhr nicht gewesen wäre, hätte Leo wahrscheinlich weiter herumgestochert, versucht, auf eigene Faust noch etwas herumzugraben, allerdings nicht übermäßig besorgt. Es blieb immer noch Zeit; der Kodex, die Leiche und die Uhr lagen sicher unter einer dicken Schicht Geröll. Was Leo sehr gut wußte, da er sich ja selbstlos freiwillig gemeldet hatte, die Ausgrabungsarbeiten in der Treppe zu beaufsichtigen.
Doch nachdem er erfahren hatte, daß Ard und Gideon von der Uhr wußten, mußte er einschneidendere Maßnahmen ergreifen. Und so war dann wenige Stunden nach dieser Unterhaltung der Drohbrief gekommen, und der Überfall in Chichén-Itzá war am nächsten Abend erfolgt. Und als Ard ankündigte, daß er Yucatán verlassen wolle, mußte Leo sich ihn sofort vom Hals schaffen. Er konnte nicht riskieren, daß Ard später herausfand – vielleicht, wenn er zurück in den Vereinigten Staaten war, außerhalb seiner Reichweite --, daß eine Uhr, die um 4 Uhr 12 stehengeblieben war, neben einer Leiche gefunden worden war, die auf der Treppe lag. Selbst Stan Ard wäre in der Lage gewesen, auf Grundlage solcher Daten zwei und zwei zusammenzuzählen. Der arme Ard.
Was Gideon betraf, so war seine Uhr in dem Augenblick abgelaufen, als die Armbanduhr von Marmolejos Männern freigelegt worden war. Gott, in welche Panik mußte Leo an diesem Punkt geraten sein – aber natürlich hatte Marmolejo ihm eine Nacht Gnadenfrist gegeben, als er es bis zum nächsten Morgen aufgeschoben hatte, sie auszugraben. Und Gideon selbst hatte Leo erzählt, wie er diese Nacht sinnvoll nutzen konnte; er hatte unverblümt seine Absicht kundgetan, am folgenden Tag eine gründliche Analyse des Skeletts durchzuführen … nachdem er sein Werkzeug aus dem Arbeitsschuppen geholt hatte.
Sein eigenes Schicksal besiegeln, hätte Ard es wahrscheinlich genannt, und für Leo war es ja geradezu ein Wink mit dem Zaunpfahl gewesen. Er mußte jetzt nur noch zum Nebeneingang von Chichén-Itzá gehen, einem der niedlichen kleinen Kinder eine niedliche kleine Giftschlange in einem niedlichen kleinen Korb abkaufen (selbst bei einem Vokabular, das im wesentlichen aus bueno-bueno bestand: wie schwierig konnte das schon gewesen sein?), noch am gleichen Nachmittag zur Ausgrabungsstätte zurückkehren, die Schlange mit geöffnetem Korbdeckel in das Schränkchen stopfen und sie die ganze Nacht dort lassen, damit sie erregter und erregter und wütender wurde. Und wenn dann der herrlich ahnungslose Dr. Oliver am Morgen zurückkam …
»Frage …«, sagte Julie und stellte ein Tablett auf den Tisch. Sie verteilte Pappschalen mit dam chowder sowie Cracker, Plastiklöffel und zwei Tassen Kakao, rutschte dann auf ihren Platz ihm gegenüber.
»Ich habe viel darüber nachgedacht«, sagte sie, »und was ich einfach nicht verstehe, ist, warum Leo sich so bemüht hat, es aussehen zu lassen, als steckte Howard hinter allem. Ich meine, er wußte doch, daß es nur noch eine Frage von Tagen war, bis wir das Skelett fanden. In dem Augenblick, in dem Howards Leiche identifiziert wurde, war all sein geschicktes Manövrieren doch hinfällig.«
»Ah, aber er hat nicht damit gerechnet, daß Howard identifiziert wurde. Weißt du, die Sache mit dem Klarinettespielen war nichts als ein verrückter Glücksfall. Und Howard hatte keine Ausweispapiere bei sich.«
»Nein, aber das konnte Leo nicht wissen.«
»Doch, konnte er«, sagte Gideon. »Ich habe darüber nachgedacht, was damals abgelaufen ist, nachdem wir 82 den Kodex gefunden hatten, und mir ist wieder eingefallen, daß der Vorarbeiter nach dem Lohn für die Arbeiter gefragt hatte. Howard sagte, er könnte ihn ihnen nicht geben, weil er seine Brieftasche nicht dabeihätte. Tja, wenn er seine Brieftasche nicht dabeihatte, dann war es ziemlich unwahrscheinlich, daß er irgendwelche Papiere dabei hatte. Es gab keinerlei Grund für ihn, sich seinen Paß in die Tasche zu stecken. Ich bin sicher, daß Leo das nicht entgangen ist.«
Er machte eine kurze Pause, um die sämige weiße Brühe erst einmal zu kosten. Plastiklöffel, Pappschale und alles, sie schmeckte einfach wunderbar, erinnerte an das Meer und den Nordwesten. Es war verdammt gut, wieder zu Hause zu sein.
»Und abgesehen davon«, fuhr er nach dem zweiten Löffel fort, »wußte Leo, daß Howard über zehn Jahre durch Mittelamerika gezogen war, daher war es nicht sonderlich wahrscheinlich, daß ihn jemand anhand seiner zahnärztlichen Unterlagen identifizieren konnte. Es war überhaupt nicht sehr wahrscheinlich, daß ihn jemand identifizieren würde, Punkt.«
»Außer dir.«
Gideon erhob Einspruch. »Pures Glück«, sagte er wieder. »Und die Tatsache, daß ich den Burschen kannte. Aber nachdem ich erst mal aus dem Weg war, wäre Leo aus dem Schneider gewesen. Niemand, der die Uhr wiedererkannte, niemand, der die Leiche identifizieren konnte. Wie sollte ein mexikanischer Pathologe, der Howard nicht kannte, jemals dahinterkommen, daß diese Knochen seine waren? Die Leiche würde als unidentifiziert abgehakt werden und dem armen Howard zusätzlich zu allem anderen auch noch dieser Mord – an sich selbst – in die Schuhe geschoben.«
»Aber du hattest ihn doch bereits identifiziert. Dich umzubringen hätte doch nichts …«
»Aber Leo wußte das doch noch nicht, du erinnerst dich? Marmolejo wollte nicht, daß die Crew davon erfuhr.«
»Hmh, stimmt«, sagte Julie.
Eine Weile konzentrierten sie sich auf das Essen. Draußen vor dem Fenster klatschte ein dunstiger Regen auf das metallene Deck. Es sah kalt aus. Es sah gut aus.
»Gideon, was meinst du, was das alles sollte? Was hatte Leo ursprünglich vor? Warum hat er überhaupt versucht, den Kodex zu stehlen? Welche Pläne hatte er damit?«
»Ich glaube nicht, daß es auch nur annähernd so gewesen ist, Julie. Es war kein sorgfältig ausgetüftelter Plan, es gab keine komplexen Motive. Bis fast fünf Uhr wußte ja nicht mal jemand, daß es den Kodex überhaupt gab, und um neun hatte Leo bereits seinen Versuch gestartet, ihn sich zu krallen.«
Er zuckte mit den Achseln. »Ich vermute, Leo hat einfach nur gehört, wie Howard sagte, er könnte zwei Millionen dafür kriegen – ›locker‹, ich glaube, so hat er sich ausgedrückt –, und das reichte, um Leo aktiv werden zu lassen. Zurück zur Ausgrabungsstätte schleichen, ohne von jemandem gesehen zu werden, das Ding einpacken, dann die bandidos dafür verantwortlich machen und sich anschließend in aller Ruhe darum kümmern, das Ding zu verscherbeln. Oder wenigstens muß ihm das vorgeschwebt haben.«
Er schob seine leere Schale fort. »Eines habe ich allerdings noch nicht verstanden. Die Kanone. Wie hat Leo sie 1982 durch die Sicherheitskontrollen des Flughafens aus dem Land und dann später wieder reinbekommen? Und wozu? Das war ein verdammt großes Risiko.«
Julie konzentrierte sich darauf, ein besonders zähes Stück Muschel zu kauen und dann herunterzuschlucken. »Oh, die Antwort darauf weiß ich. Er hat gar nicht.«
»Du meinst, er hat sie fünfeinhalb Jahre irgendwo in der Nähe der Ausgrabungsstätte versteckt? Ich weiß nicht, das scheint mir …«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine, die Waffe ist bei dem Einsturz ebenfalls begraben worden, und dann ist sie irgendwann während der letzten paar Wochen wieder aus dem Schutt aufgetaucht. Leo muß ein ziemlich scharfes Auge auf solche Dinge gehabt haben, und wahrscheinlich hat er sich das Ding gegriffen, bevor die Arbeiter auch nur mitkriegten, was es war. Damit Stan umzubringen, war höchstwahrscheinlich nur eine zusätzliche Idee; eine weitere Möglichkeit, Howard zu belasten.«
Gideon dachte darüber nach. »Gute Überlegung.«
»Inspektor Marmolejo ist darauf gekommen. Die Waffe tauchte vor ein paar Tagen auf, günstigerweise unter einem Busch, gerade mal fünf, sechs Meter von der Stelle entfernt, an der Stan ermordet wurde. Inspektor Marmolejo sagt, das Ding hätte in sämtlichen Ritzen Kalksteinstaub gehabt. Die Waffe war verschüttet.«
»Ach, der gute alte Marmolejo. Du machst so ein finsteres Gesicht. Dich beschäftigt doch immer noch etwas.«
Sie nickte, löffelte den Rest ihrer Suppe. »Also, was meinst du, was diese Geschichte mit dem Fluch sollte? War das so was wie ein Ablenkungsmanöver? War es ein Plan, um Dr. Villanueva so sehr aus der Fassung zu bringen, daß er die Ausgrabung wieder verbot? Leo konnte doch nicht allen Ernstes erwarten, daß jemand – abgesehen von Emma – den Fluch ernst nehmen würde, oder? Oder doch?«
»Nein, ich glaube nicht«, erwiderte Gideon. »Ich glaube auch nicht, daß er versucht hat, es aussehen zu lassen, als würde sich der Fluch erfüllen. Ich glaube vielmehr, daß er einfach versucht hat, es so aussehen zu lassen, als würde ein verzweifelter und verrückter Howard Bennett versuchen, es so aussehen zu lassen, als würde sich der Fluch erfüllen.«
Sie nickte weise. »Das ist gleichzeitig schlau genug und verrückt genug, um die Wahrheit zu sein. Daher die Nachricht von den Göttern auf Howards Schreibmaschine.« Sie zog den Deckel von ihrem Kakao, trank und verzog das Gesicht. Clam chowder war die Stärke der Washington-State-Fähren; der Kakao kam aus einem Tütchen, das man in einem Styropor-Becher mit lauwarmem Wasser anrührte.
Über ihnen tutete das Horn der Fähre, laut und tief und rauh, und das große Schiff begann majestätisch zu wenden, um am Fährenkai von Kingston anzulegen. Hinter der kleinen Hafenstadt erhoben sich die saftig grünen Flanken der Olympic Mountains und verschwanden im Nebel. Dort oben schneite es.
»Zu Hause«, sagte Julie zufrieden. »Reicht das jetzt an aktiver Anthropologie für die nächste Zeit?«
»Worauf du dich verlassen kannst«, sagte Gideon. »Weißt du, was ich als erstes mache, wenn wir zurück sind?«
»Ja«, sagte sie mit ihrem nüchternen Blick, »du wirst ein paar Tage im Bett bleiben, wie Dr. Plumm es dir gesagt hat.«
»Danach.«
»Laß mich nachdenken. Ein paar Bücherregale bauen?«
»Nee.«
»Die Monographie beenden?«
»Nee. Ich werde mein Büro aufräumen. Alles an seinen Platz.«
»Gut.«
»Ich werde mich bessern. Ich bin ein neuer Mensch.«
»Freut mich zu hören.«
Er trank den letzten Schluck Kakao. »Außerdem«, sagte er und lächelte, »hast du dir je die Zeit genommen, mal darüber nachzudenken, was dort unter all diesem Gerumpel lauern könnte?«
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Aaron Elkins