Fluch
Kapitel 13
Als Gideon Inspektor Javier Alfonso Marmolejo von der Kriminalpolizei des Bundesstaates Yucatán das letzte Mal gesehen hatte, war er noch Subteniente Marmolejo gewesen, ein koboldhafter, pfiffiger kleinerer Beamter, der mit den Ermittlungen im Fall des gestohlenen Kodex zu tun hatte. Er war von seinem wichtigtuerischen Vorgesetzten für wenig mehr als Übersetzungsaufgaben eingesetzt worden; sein Englisch war ausgezeichnet. (»Das liegt daran, daß amerikanische Staatsbürger bei uns so oft in Straftaten verwickelt sind«, hatte er Gideon mit verschmitzter Doppeldeutigkeit erklärt.)
Zu jener Zeit waren für mexikanische Polizeibeamte pseudomilitärische Kleidung und Titel noch Mode gewesen, aber Marmolejo hatte sich als einziger unter seinen mit Orden behängten Kollegen mit ihren blitzblank gewienerten Stiefeln adrett und unauffällig wie ein Verkäufer gekleidet. Nachdem er jetzt in der Welt vorangekommen war, hatte er nichts an seinem Stil geändert; er trug ein guayabera – das am Hals offene, über den Gürtel fallende weiße mexikanische Hemd –, eine ordentlich gebügelte, hellblaue Hose und gutgepflegte Halbschuhe an kleinen Füßen, die kaum den Boden berührten, wenn er saß.
Obwohl Marmolejo noch keine fünfzig war, hatten die vergangenen sechs Jahre ihre Spuren auf seiner mahagonifarbenen Haut hinterlassen. Ein feines Netz bräunlicher Falten zog sich um seine Augen, so daß er heute ein bißchen weniger pfiffig aussah, sondern vielmehr wie ein weiser alter Affe. Auch sein Verhalten hatte sich geändert: der höhere Rang hatte ihm eine Aura selbstbewußter, lässiger Autorität verliehen.
Nicht, daß er 1982 keine Autorität ausgestrahlt hätte, und zwar trotz seines untergeordneten Dienstgrades. Es hatte Augenblicke gegeben, in denen die polizeiliche Operation unter dem fetten und inkompetenten Colonel, der damals die Leitung gehabt hatte, dicht an der Posse entlanggeschlittert war; doch jedesmal war der ausgeglichene Marmolejo auf die eine oder andere Art in der Lage gewesen zu verhindern, daß alles zu einer opéra bouffe verkam.
»Ein sehr netter Speisesaal«, meinte er, als sie sich an ihrem Tisch niederließen. »Ich komme immer wieder gern her.«
Das Restaurant des Mayaland war der kühlste Ort im Hotel, ein luftiger, gefliester, zwei Etagen hoher Raum mit dicken weißen Wänden und gewaltigen, dunklen, polierten Deckenbalken aus Ceiba-Holz. Vor den mit Fliegendraht geschützten Fenstern befand sich ein langer Balkon mit einem weinumrankten Spalier, das blättrige, grüngetönte Schatten auf die Wände warf. Dahinter lag der himmelblaue Swimmingpool, umrahmt von einer hügeligen, üppigen Landschaft mit tropischen Pflanzen.
Das einzige, was – aus Gideons Sicht – an diesem Raum nicht stimmte, war das gewaltige, eine komplette Schmalseite bedeckende Wandgemälde; eine farbenfrohe Wiedergabe der Maya-Legende des Getreidegottes, gemalt in knalligen Lila- und blutigen Rottönen und voll nackter Frauen mit riesigen Brüsten neben Menschenköpfen, die an den Haaren von Bäumen hingen, und anderen Unerfreulichkeiten, die Teil des Schöpfungsmythos der Maya waren. Durchaus akkurat, aber wohl kaum appetitanregend. Gideon und Julie achteten immer darauf, daß sie ihm den Rücken zukehrten. Heute auch. Marmolejo allerdings hatte sich so gesetzt, daß er das Bild direkt anschauen konnte, und jetzt sah er es sich zufrieden und beinahe zärtlich an. Aber natürlich war Marmolejo ein halber Maya, was ohne Frage einen Unterschied machte.
»So, Inspektor«, sagte Gideon, als die Kellnerin eine Platte mit Hummerpastete und Crackern servierte, »ich freue mich wirklich, Sie wiederzusehen, auch wenn ich mir dafür erst ein paar Blessuren holen mußte.«
Marmolejo brummte zustimmend und nickte freundlich, nahm die nicht angezündete, halb gerauchte Zigarre aus dem Mund und deponierte sie sorgfältig in einem Aschenbecher. Gideon lächelte leise vor sich hin. Marmolejos allgegenwärtige Zigarre brannte nur selten, und wenn, dann immer nur kurze Zeit. Früher war es ein Running Gag gewesen, ob er überhaupt mehr als eine besaß oder sich einfach nur jeden Morgen immer wieder dieselbe in den Mund steckte und abends auf den Nachttisch legte, wenn er ins Bett ging.
»Jetzt geht es Ihnen aber wieder besser?« erkundigte sich der Inspektor.
»Bestens. Nur ein paar Schrammen.«
»Gut.« Er bestrich einen Cracker mit Pastete, biß dann genußvoll hinein. »Wie ich gehört habe, konnten Sie Ihren Angreifer nicht sehen. Sie würden ihn nicht identifizieren können, wenn Sie ihm noch einmal begegnen?«
»Nein, ich konnte überhaupt nichts sehen.«
»Sie können uns keinerlei Anhaltspunkte geben? Ihnen ist gar nichts aufgefallen?«
Gideon zögerte. »Tja …«
»Wieso fragst du den Inspektor nicht, ob Mexikaner ›auh‹ sagen?« fragte Julie fröhlich.
Marmolejo hatte schlaue, kleine Augen, die so weit über seiner flachen Nase auseinanderstanden, daß man das Gefühl hatte, sie schauten an beiden Seiten an einem vorbei. Er hob fragend die Augenbrauen, senkte die Lider und schaute an beiden Seiten an Gideon vorbei. »Klingt interessant«, sagte er freundlich.
»Julie«, sagte Gideon, plötzlich unsicher – denn er hatte keine Gelegenheit gehabt, diese Diphthong-Sache in einem seiner Nachschlagewerke zu überprüfen –, »ich weiß nicht, ob jetzt der richtige Augenblick ist …«
»Komm schon, Prof, stell deine Theorien auf die Probe. Nicht immer nur reden, sondern auch mal Taten folgen lassen.«
So herausgefordert, blieb Gideon nichts anderes übrig. Was, fragte er sich, würde Marmolejo höchstwahrscheinlich sagen, wenn ihm jemand einen Schlag in den Magen verpaßte?
Der erstaunte Polizist schwieg, während eine Maya-Kellnerin in einem huipil ihre Bestellung aufnahm. Alle wollten das Tagesmenü: Suppe, Red Snapper mit gebackener Banane und Safran-Reis, Dessert. Und Leon Negra, ein dunkles, nach Moschus riechendes Bier aus der Region.
Marmolejo wartete, bis die Kellnerin wieder fort war. Dann fragte er Julie: »Sprechen Sie zufällig Spanisch, Mrs. Oliver?«
»Nein, tut mir leid.«
Marmolejo nickte und wandte sich an Gideon. »Was ich sagen würde, wenn mir jemand einen Schlag in den Magen verpaßt?« Seine langen, schmalen Zähnen schimmerten, als er plötzlich lächelte. »Ich würde sagen: ›Chinga tu madre!‹« Er machte eine energische Geste. »›Pinche madre!‹«
Julie sah ihn forschend an. »Will ich wissen, was das bedeutet?«
»Das sind alte mexikanische Redensarten«, erwiderte Marmolejo trocken. »Sehr schwer zu übersetzen.«
Gideon lachte und erklärte, daß er eigentlich weniger meinte, was er sagen würde, sondern vielmehr, welches Geräusch er von sich geben würde.
»Ah«, sagte Marmolejo, »ansonsten würde ich wahrscheinlich ›ay!‹ sagen.« Er dachte noch ein wenig darüber nach. »Oder vielleicht auch ›ay-ay-ay!‹ Käme drauf an.«
»Sonst nichts?« hakte Gideon nach.
»Also, wenn ich stark genug motiviert wäre, vielleicht auch noch ›hijole!‹ Ich bin sicher, daß Sie mir schon sehr bald erklären werden, wohin das alles führen soll.«
»Sie würden nicht ›auh‹ sagen?« beharrte Gideon.
Marmolejos Augenbrauen wanderten noch ein wenig höher. »›Auh‹? Nein, ›auh‹ niemals«, sagte er, sprach es für Gideons, wenn schon nicht für Julies Ohren sehr zufriedenstellend wie »a-uuh« aus.
»Hah«, sagte Gideon.
Als die sopa de lima kam – eine scharfe Hühnerbrühe, sehr großzügig mit Limone abgeschmeckt –, stürzten sie sich hungrig darauf, während Gideon alles erklärte.
»So«, sagte Marmolejo, »Sie wollen also sagen, daß diese Person, die Sie mit einer Kette angegriffen hat …«
»Ich glaube, es war eine Kette. Es hat sich angehört wie eine Kette.«
»… mit etwas, von dem Sie glauben, es wäre eine Kette gewesen, kein latino war, sondern ein norteamerkano.«
Gideon nickte.
»Aber sind das die einzigen beiden Möglichkeiten? Könnte er nicht auch ein, oh, ein Deutscher, ein Engländer oder ein Däne gewesen sein? Von überall auf der Welt kommen Touristen her.«
»Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, es war ein Amerikaner.«
»Weil er …« Der Inspektor spitzte gefühlvoll seinen Mund. »… ›auh‹ gesagt hat?« Es war nicht ganz die amerikanische Version, kam aber nahe daran.
»Genau«, sagte Gideon, der den leicht spöttischen Ton registrierte, »und falls Ihnen danach ist, sich einen Vortrag über vergleichende Linguistik anzuhören, bin ich gerne bereit, Ihnen eine ausführliche Erklärung zu liefern.«
»Lehnen Sie ab«, zischte Julie aus dem Mundwinkel.
»Nein, danke«, erwiderte Marmolejo. »Ich glaube Ihnen gern. Aber ich habe noch eine andere Frage. Sie konnten Ihren Angreifer nicht sehen, ist das richtig? Aber wieso hat er dann Sie sehen können? Oder ist zur Beantwortung dieser Frage ein Vortrag über die Prinzipien der Lichtbrechung erforderlich, in welchem Fall ich mich wieder gern auf Ihr Wort verlasse.«
Gideon lachte. 1982 hatte Worthy das bemerkenswerte Mißverhältnis zwischen Marmolejos finsterem indianischem Aussehen und seinem oft eleganten Englisch folgendermaßen zusammengefaßt. »Man sieht den Mann und rechnet schon damit zu hören: ›Ich Ihnen keine beschissene Marke zeigen müssen.‹ Aber statt dessen bekommt man einen Ricardo Montalban.«
»Er stand im Portikus des Tempels der Jaguare«, sagte Gideon, »geschützt vor dem grellen Scheinwerferlicht. Er schaute in die andere Richtung. Er hat mich genau in dem Augenblick angegriffen, als die Lichter verloschen. Seine Augen mußten sich nicht erst auf die Dunkelheit einstellen.«
»Ah, ja, natürlich.« Der Inspektor schenkte sich ein zweites Glas Bier ein und rieb den Rand des Glases mit einem Stück Limone ein. Die Limonen waren mit dem Bier serviert worden. In Yucatán wurde nur sehr wenig ohne Limonen serviert. »Abgesehen von den Mitgliedern Ihrer Expedition, haben Sie noch jemanden in der Nähe gesehen, den Sie kennen – irgendwelche norteamericanos?«.
»Nein.«
»Was zu der bedauerlichen Schlußfolgerung führt, daß es einer Ihrer Kollegen war, der Sie angegriffen hat, nicht wahr?«
»Ja, ich vermute.«
»Haben Sie einen von ihnen gestern abend dort bemerkt?«
Gideon schüttelte den Kopf.
»Könnte einer von denen Ihnen schaden wollen?«
Gideon lächelte. »Nein. Manche sind zwar ein wenig merkwürdig, aber ich bin noch nicht lange genug hier, um schon jemanden wütend auf mich gemacht zu haben. Zumindest nicht so wütend.«
»Aber genug, daß er Ihnen sagt, Yucatán sofort zu verlassen oder andernfalls zu sterben«, bemerkte Marmolejo sanft. »Ich frage mich, ob hier nicht ein wenig Polizeischutz, natürlich völlig diskret, angebracht wäre.«
»Nein, danke«, erwiderte Gideon energisch. »Wenn Sie damit meinen, daß uns einer Ihrer Männer ständig folgen und auf unserem Balkon hocken soll, während wir schlafen, dann vergessen Sie’s gleich wieder.« Er hatte schon einmal unter Polizeischutz gestanden; alles in allem zog er es vor, von einem Möchtegern-Killer verfolgt zu werden, ganz besonders von einem, der so ineffektiv war wie offensichtlich dieser.
»Gideon«, meinte Julie, »findest du nicht, daß das vielleicht doch eine gute Idee wäre?«
»Ich bin sicher, daß wir dezenter arbeiten können«, sagte Marmolejo.
»Ich weiß, aber …«
»Sie müssen auch an Ihre Frau denken, Dr. Oliver. Wenn Sie in Gefahr schweben, dann auch …« Er hob eine Hand, die Finger gespreizt, und blickte in Julies Richtung.
Natürlich hatte er recht, und das war mehr als genug Grund, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Außerdem würde Marmolejo sowieso tun, was er wollte; er war lediglich höflich. Gideon gab nach. »Okay, danke, Inspektor, sehr nett von Ihnen.«
»Gut, aber ich hätte auch gern Ihre Mitarbeit. Kein Herumspazieren mehr. Kein einsames Herumklettern auf geheimnisvollen Ruinen in der Dunkelheit. Wenn Sie zum Hotel gehen oder es verlassen, dann immer nur in Gesellschaft anderer. In Ordnung?«
»Hören Sie, Inspektor, ich brauche keine …«
»Er verspricht es«, sagte Julie rasch.
»Schön«, sagte Marmolejo. »Und ich verspreche als Gegenleistung, nachts keinen Mann auf Ihrem Balkon zu postieren.«
Während sie ihren Fisch verspeisten, erzählte Gideon den beiden von seiner Unterhaltung mit Emma.
»Emma Byers?« unterbrach Marmolejo. »Die Frau mit dem roten Gesicht? Die große, kräftige Frau?«
Gideon wußte, worauf er hinauswollte. Er hatte selbst schon daran gedacht, besonders seit seiner Unterhaltung mit Emma.
Es war Julie, die die Frage stellte. »Gideon, könnte es sein, daß du von einer Frau angegriffen worden bist?«
»Ich weiß es nicht«, sagte er aufrichtig. »Ich könnte nicht beschwören, daß es ein Mann war. Es hätte auch eine Frau sein können … eine große, kräftige Frau.«
»Was ist mit der Stimme?« sagte Marmolejo. »Sie haben ihn doch sprechen hören.«
»Ich habe ihn – oder sie – grunzen hören. Es war tonlos, nur ein Flüstern. Es hätte sowohl ein Mann als auch eine Frau gewesen sein können.«
»Aber du hast doch gesagt, du hättest eine Weinfahne gerochen«, sagte Julie. »Scheidet Emma damit nicht automatisch aus? Und im übrigen auch Preston? Die essen doch nichts anderes als Seetang und Tofu.«
»Was aber nicht bedeutet, daß sie auch was gegen Alkohol haben. Ich habe selbst schon gesehen, wie sie tranken.« Er schüttelte plötzlich den Kopf. »Nein, tut mir leid, Emma ist zwar ein bißchen seltsam, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie versucht, mir mit einer Kette den Schädel einzuschlagen.«
»Das«, sagte Julie, »liegt nur daran, daß du den Gedanken nicht ertragen kannst, daß dich eventuell eine Frau zusammengeschlagen hat.«
Diese versteckte Beleidigung zwang ihn, einigermaßen detailliert zu erklären, daß er durchaus nicht zusammengeschlagen worden war, sondern sich in Anbetracht der Umstände sogar ziemlich gut gehalten hatte.
Marmolejo schien inzwischen über etwas anderes nachzudenken. »Erzählen Sie mir mehr von diesem Fluch«, sagte er. Er hörte sich Gideons Erläuterungen aufmerksam an, stellte mehrere Zwischenfragen und wurde bei den Antworten immer ernster. Er bat um eine Abschrift, die Gideon ihm versprach.
Schließlich schob der Inspektor den leeren Teller beiseite und nahm seine nicht brennende Zigarre in die Hand, klopfte sie geistesabwesend am Rand des Aschenbechers ab. »Qué cosa«, sagte er leise, schaute dabei unter gesenkten Lidern auf das Wandgemälde des Getreidegottes, wodurch seine Augen wie Schlitze wirkten.
»Wissen Sie, wie Tlaloc hier in der Gegend genannt wird?« fragte er. »Ich meine nicht von den meridanos ich meine von der Landbevölkerung, y den yucatecos. Sie nennen es la ciudad de maldiciónes, die verfluchte Stadt. So haben sie sie schon genannt, lange bevor Außenstehende überhaupt von ihr wußten. So haben schon ihre Väter und Großväter die Stadt genannt.« Ernst steckte er sich die Zigarre in den Mund. »La ciudad de maldiciónes.«
Gideon starrte ihn beklommen an. Was, zum Teufel, sollte das alles? Marmolejo war ein intelligenter, pragmatisch denkender Mann. Ganz gewiß würde er einem vierhundert Jahre alten Fluch keinen Glauben schenken.
Oder vielleicht doch nicht ganz so gewiß. Einmal, nach ein paar Gläschen Brandy, hatte er Gideon von seiner außergewöhnlichen Vergangenheit erzählt. Er war in Tzakol, im Dorf seiner Maya-Mutter, geboren, das Gideon selbst schon gesehen hatte – eine heruntergekommene kleine Ansammlung von Hütten in der Nähe der Grenze zu Quintana Roo, wo Flüche zweifellos so verbreitet und alltäglich waren wie die Schweine, die sich mitten auf den matschigen Straßen sonnten. Als er sieben Jahre alt war, hatte sein Vater die Familie nach Mérida gebracht. Mit elf war er einer in der Armee von Kindern, die in der Nähe des mercado kleine Snacks aus Kokosscheiben und geschälten Orangen verkauften.
Trotz äußerst widriger Umstände hatte er die Schule geschafft und schließlich genug gespart, um sich in die damals von Bestechung und Korruption heimgesuchte Polizei Yucatáns einzukaufen. Heute, nach der Säuberung, war er aufgrund seiner Integrität und seiner Fähigkeiten ein hochrangiger Beamter. Als Erwachsener war er auf die Universität von Yucatán gegangen. VA war einer der wenigen Provinzbeamten, die einen Abschluß auf der neuen nationalen Polizeiakademie gemacht hatten. Er war ein gebildeter Mann.
Aber wer konnte schon sagen, wieviel Tzakol er immer noch unter dieser rationalen, klugen Oberfläche mit sich herumschleppte?
Er bemerkte, wie Gideon ihn ansah, und lachte. »Keine Angst, mein Freund. Ich bezweifle sehr stark, daß es die Götter waren, die Sie mit einer Kette angegriffen haben. Falls es eine Kette war.«
»Freut mich sehr, das zu hören«, meinte Gideon.
Von draußen drang dröhnendes Platschen herein. Jetzt fing es doch noch an zu regnen. Der Regen krachte auf die Oberfläche des Swimmingpools wie ein dressierter Wal, der in ein Becken zurückfallt, stimmte dann ein gewaltiges Trommeln auf dem Wasser, dem großblättrigen Laub und dem Dach des Restaurants an. Julie, die stolz darauf war, im feuchtesten Mikroklima der Vereinigten Staaten aufgewachsen zu sein, hatte etwas Vergleichbares noch nie zuvor erlebt und schaute mit offenem Mund zu.
»Andererseits«, sagte Marmolejo gelassen und griff nach seiner Zigarre, »würde ich sie auch nicht unbedingt herausfordern.«
Durch den Wolkenbruch verschwand die klebrige Feuchtigkeit aus der Luft, als hätte der Regen sie in die Erde gehämmert, und eine herrliche, nach Blüten duftende Brise zog durch den Speiseraum wie Balsam in eine Wunde. Sie lehnten sich zurück, genossen es. Auf Marmolejos Vorschlag bestellten sie Kaffee zu ihrem Karamel-Pudding. Noch vor wenigen Augenblicken wäre heißer Kaffee völlig undenkbar gewesen.
»Ich möchte Ihnen beiden etwas zeigen«, sagte er. Er stellte seine Tasse ab, nahm von dem freien Stuhl zu seiner Rechten eine Papiertüte und legte sie auf den Tisch. Dann griff er vorsichtig hinein und zog eine alte Stanley-Rohrzange heraus, deren rote Lackierung durch häufige Benutzung beinahe ganz verschwunden war.
»Erkennen Sie das hier?«
»Ich glaube schon«, sagte Julie. »Ist das nicht eines der Ausgrabungswerkzeuge?«
Gideon bestätigte das.
Marmolejo sah Gideon an. »Sonst kommt es Ihnen nicht bekannt vor?«
»Also, ich glaube, es ist die gleiche, die wir auch 82 benutzt haben, falls Sie das meinen.«
Marmolejo schüttelte den Kopf. Das meinte er nicht. Er nahm die schwere Zange sorgfältig in die Hand, nicht am Handgriff, sondern in der Nähe der lockeren Backen, und hob sie hoch. Er schüttelte sie einmal fest und kurz.
Klirr.
Und ob das ein vertrautes Geräusch war. Ruckartig setzte Gideon sich auf. »Damit wollte er mir den Schädel einschlagen! Nicht mit einer Kette, mit einer Rohrzange!«
Mit einem zufriedenen Lächeln legte Marmolejo sie wieder auf den Tisch und zeigte mit seinem Kugelschreiber auf den Kopf der Zange, auf einen kaum erkennbaren weißen Fleck. »Man kann noch genau sehen, wo sie gegen den Kalkstein gekracht ist, als sie Ihren Kopf verfehlte.«
»Wo haben Sie die gefunden?« fragte Julie mit leicht zittriger Stimme.
»Hinter einer der Mauern des Ballspielplatzes, am anderen Ende, vor dem Tempel des Bärtigen Mannes.«
Gideon nickte. »Stimmt, in die Richtung ist er fortgelaufen. Er muß sie von der Mauer geworfen haben. Haben Sie irgendwelche Fingerabdrücke gefunden?«
»Noch nicht, und ich habe auch wenig Hoffnung, daß ich welche finde. Aber selbst wenn dem so wäre, was dann? Im Verlauf der Ausgrabung werden eine Menge Leute damit gearbeitet haben.«
Julie starrte fasziniert und blaß die große Rohrzange an. »Ist die schwer«, sagte sie. »Mein Gott, wenn das Ding dich am Kopf erwischt hätte, würde er … würde er …«
»Wie eine Eierschale«, sagte Gideon. »Tja, damit kann das dann ja wohl als ziemlich gesichert angesehen werden: es muß einer der Crew gewesen sein. Die Werkzeuge werden ausnahmslos im Arbeitsschuppen aufbewahrt.«
»Es sieht so aus«, sagte Marmolejo. »Aaah, hier kommt unser Dessert. Oh, ich liebe flan.«
Die nächsten paar Tage verlief die Ausgrabung beinahe so, als sei nichts Ungewöhnliches passiert. Obwohl Gideon und Julie alles viel genauer beobachteten, wirkte die Crew genausowenig bedrohlich wie sonst. Sie bemerkten keine geheimnisvollen Blicke, kein verdächtiges Verhalten. Niemand schlich schuldbewußt herum. Worthy war Worthy, Leo war Leo, Emma war Emma.
Manche sicherlich ein bißchen seltsam, vielleicht sogar ein wenig mehr als seltsam, aber kein erkennbarer Möchtegern-Mörder darunter.
Marmolejos Schutz entpuppte sich als leise sprechender, uniformierter Beamter, der die Crew auf ihrem Weg von und nach Tlaloc begleitete und sich während des Arbeitstages unauffällig auf dem Ausgrabungsgelände herumtrieb. Andere Polizisten, in Zivil, befanden sich abends im Hotel. Sie hatten nicht nur den Auftrag, Gideon zu schützen, sondern sollten ebenfalls ganz allgemein ein wachsames Auge auf alles halten, was sie auch mit aller gebotener Zurückhaltung taten. Abe hatte versucht, dem uniformierten Mann eine Arbeit anzudrehen – »solange Sie nur in der Gegend herumstehen und sowieso nichts zu tun haben« –, wurde aber höflich zurückgewiesen.
So unauffällig effizient sie auch zu sein schienen, konnten sie doch nicht verhindern, daß sich der nächste Teil des Fluches von Tlaloc erfüllte. Diesmal war nicht Gideon der Hauptleidtragende.
Zwischen zehn Uhr am folgenden Montagabend bis vier Uhr morgens wurde jedes einzelne Mitglied der Gruppe – laut ihren Erzählungen am Dienstag – von schweren Durchfall-Attacken heimgesucht, einige bis weit in die Morgenstunden. Mehrere, Julie und Abe eingeschlossen, litten unter periodisch auftretenden Krämpfen, und alle waren geschwächt und fühlten sich unwohl, und zwar so sehr, daß Abe die Arbeit für diesen Tag absagte.
Es wurde Mittag, bevor einer nach dem anderen aus seinem Zimmer kam, um den bleichen, geschwächten Kollegen auf der Veranda Gesellschaft zu leisten, wo sie vorsichtig Suppe oder Tee schlürften und über diese letzte Mißfallensbekundung der Götter diskutierten.
Denn natürlich war es genau das, was Emma behauptete. Und wenn sie ihr Publikum schon nicht überzeugt hatte, so war es zumindest passiv und nahezu bewegungsunfähig. Gideon, der dank seiner robusten Konstitution nicht zu sehr leiden mußte, war nach unten gegangen, um eine Kanne Manzanilla-Tee für Julie zu holen. Während er an der Bar wartete, konnte er hören, wie Emma sich lang und breit ausließ.
Die Gruppe saß an dem großen Tisch, den sie sich mehr oder weniger auf Dauer angeeignet hatte, und Emma schien beim Resümee ihres Diskurses angelangt zu sein. In der Nähe stocherte sich ein hängebackiger Mexikaner, von dem Gideon wußte, daß er zu Marmolejos Männern gehörte, träge mit einem Zahnstocher in den Zähnen und starrte friedlich ins Nichts.
»Offensichtlich«, unterrichtete Emma gerade sehr ernst die Crew, »entwickelt sich der Fluch exakt wie vorausgesagt. Schritt für Schritt.«
Das Ausmaß ihres Leidens zeigte sich daran, daß ihr niemand widersprach. Selbst Worthy, der noch vor einem Tag ganz sicher die Herausforderung angenommen hätte, saß in trübem Schweigen da. Er sah aus, als hätte man ihn eine Woche in einer Salzlake eingelegt. Harvey, bleich und glanzlos wie ein Gespenst, starrte skeptisch in seine Suppe. Und Leo, mit dem Muskeltonus einer Bananenschnecke, lag zusammengesunken in seinem Sessel und richtete seine gesamte Aufmerksamkeit darauf, eine Tasse an die Lippen zu heben. Preston, der sowieso kaum widersprochen hätte, streckte alle viere von sich, die Augen zusammengekniffen, das ganze Elend auf seiner attraktiven, fahlen Stirn eingegraben.
Emma, die nicht besser aussah als die anderen, fuhr unbeirrt fort: »Erstens, der blutsaugende Kinkajou sollte kommen, und er ist gekommen. Zweitens …«
Aber, so krank Worthy auch war, das war dann doch zuviel für ihn. »Ach, um Himmels willen«, sagte er bissig, »jeder weiß doch, daß das nur ein Scherz war. Wollen Sie etwa allen Ernstes behaupten, die Götter hätten der armen Kreatur das Schild um den Hals gehängt?«
Sein Beispiel machte Harvey Mut. »Und außerdem«, krächzte er, um die Sache klarzustellen, »war es kein Kinkajou, sondern ein Coatimundi. Das hat Julie gesagt.«
»Genau«, sagte Worthy. »Oder kennen Ihre allwissenden Götter den Unterschied nicht?«
»Worauf es ankommt, ist die Projektion gedanklicher Konstruktionen in unser kollektives Bewußtsein«, erwiderte Emma mit ruhiger Unerschütterlichkeit. »Die Struktur der physischen Realität bedeutet gar nichts. Man muß es nehmen, wie es kommt, Harvey.« Anscheinend war sie zu dem Schluß gekommen, daß für Worthy sowieso jede Hilfe zu spät kam. »Wenn man alles analysiert, stößt man zwangsläufig auf die Heisenbergsche Unschärferelation.«
Was ihre Kritiker natürlich sofort zum Verstummen brachte und ihr Gelegenheit gab, fortzufahren. »Zweitens … nun, Sie alle wissen, was Dr. Oliver zugestoßen ist. Drittens, Tucumbalam würde unsere Innereien in Feuer verwandeln …«
»Urk«, gab Harvey leise von sich und legte seine Stirn auf den Tisch.
»… unsere Innereien in Feuer und blutigen Ausfluß verwandeln …«
Bei diesen Worten schüttelte sich Worthy, wurde noch grauer und stand auf. »Entschuldigen Sie mich«, sagte er und wandte sich zum Gehen, die Arme fest an seine Seiten geklemmt. Schweiß glitzerte auf seinem spärlichen Bart.
Leo schlug träge die Augen auf und versuchte zu grinsen. »He, Worthy, was ist das für ein Gefühl, zur Abwechslung mal wie alle anderen auch die turista zu haben?«
Worthy blieb stehen und starrte Leo an. »Alles in allem«, sagte er trocken, »ist eine Verstopfung erheblich vorzuziehen.« Und dann begann er steifbeinig auf sein Cottage zuzutraben.
Resolut fuhr Emma fort. »Und jetzt steht uns die vierte Phase bevor. ›Viertens, der namens Xecotcavach …‹«
Leo fiel ihr ins Wort, richtete sich mit Mühe in seinem Sessel fast ganz auf und sah ausnahmsweise bierernst aus. »Emma, was soll die ganze Scheiße? Wenn Sie soviel davon verstehen, wieso verbrennen Sie dann nicht einfach ein bißchen Tofu oder was weiß ich, um die Götter zu besänftigen? Was sollen wir Ihrer Meinung nach denn tun? Von hier verschwinden und nach Hause fahren, oder was?«
Emma funkelte ihn wütend an. »Nein, im Augenblick, glaube ich, noch nicht. Sie wollen uns im Grunde nichts tun, sie wollen uns nur eine Lehre erteilen.« Ihre Zungenspitze zuckte über ihre Lippen. Eine stumpfe Röte verfärbte ihr Gesicht, breitete sich vom Hals nach oben auf den Wangen aus. »Es wird Sie sicherlich interessieren zu erfahren, daß ich glaube, einen biopsychischen Energiestrom zu einer Persönlichkeit hergestellt zu haben, die sich selbst Huluc-Canab nennt. Aber«, fügte sie bescheiden hinzu, »mit Sicherheit kann ich das noch nicht sagen. Vielleicht ist es ja auch nur eine Regression in eine frühere Inkarnation.«
»He, Emma, was sind Sie, ein Medium oder was?«
Der Sprecher war Stan Ard, der von Gideon unbemerkt an einem benachbarten Tisch beim Bier saß und sein Notizbuch auf einem kräftigen Schenkel balancierte.
»Das Wort Medium gefällt mir nicht sehr«, sagte Emma und plusterte sich beim Anblick von Ards sich langsam bewegendem Kugelschreiber sofort auf, »aber, ja, ich gebe zu, ich hatte schon gewisse Erfolge mit dem Empfang gedankenstruktureller Energie von Persönlichkeitsmanifestationen auf der anderen Seite der physisch-realen Leere.«
»Moment«, sagte Ard lachend und schaute von seinem Notizbuch auf. »Persönlichkeits-was?«
»Persönlichkeitsmanifestationen, die sich mit unserer Definition materieller Wirklichkeit nicht fassen lassen«, erklärte Emma hilfsbereit. »Ich stelle sie mir als …«
»Su té, señor«, sagte die Barkeeperin zu Gideon.
»Gracias«, erwiderte er und setzte seine Unterschrift unter den Beleg.
Sie lächelte. »Manzanilla-Tee ist sehr gut gegen das, was Sie plagt«, sagte sie auf Englisch.
»Wir wollen’s hoffen«, meinte Gideon. »Wissen Sie zufälligerweise, ob die turista bei allen Gästen ausgebrochen ist?«
»Nein, señor, ich glaube nicht. Nur bei Ihrer Gruppe.«
»Keine Probleme mit der Wasserversorgung des Hotels?«
»Señor«, sagte sie vorwurfsvoll, »dies hier ist das Mayaland. Zweifellos haben Sie woanders gespeist.«
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