Fluch

Aaron Elkins · Kapitel 3 von 25

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Fluch

Kapitel 2

Seit fünf Stunden flogen sie hoch oben unter einem strahlend blauen Himmel über einer wogenden, weißen Wolkendecke.

»Als sähe man auf eine riesige Schüssel Schlagsahne«, bemerkte Julie in einem ihrer schwächeren Versuche, eine Unterhaltung anzufangen.

»Hmh«, brummte Gideon. Kr hatte immer wieder und ziemlich erfolglos versucht, an der »Neubeurteilung der Hominiden des mittleren Pleistozäns« zu arbeiten, während Julie lust- und genauso ergebnislos über ihrem Quartalsbericht gesessen hatte. Jetzt streckten sich beide und gähnten gleichzeitig.

Julie schlug ihren Ordner zu und startete einen neuen Versuch.

»Bedeutet Tlaloc irgendwas, oder ist es einfach nur ein Name?«

Bereitwillig schob Gideon die Monographie in das Netz der Rückenlehne des Sitzes vor ihm. »Es ist das Náhuatl-Wort für den Regengott, der von den Maya Chac genannt wurde.«

»Náhuatl?«

»Eine uto-aztekische Sprache, eng verwandt mit Pipil.«

»O ja, Pipil«, erwiderte Julie. »Danke für die Aufklärung. Sag mal, wenn es eine Maya-Stadt ist, wieso hat sie dann keinen Maya-Namen?«

»Weil, wie jeder wissen sollte, der Anthropologie studiert hat …«

»Anthro hatte ich nur als Nebenfach. Ich fürchte, bis zu Pipil und Náhuatl bin ich nie gekommen.«

»Also, im zehnten Jahrhundert sind die Tolteken, die zu den Uto-Azteken gehörten, aus Zentralmexiko nach Yucatán gekommen und haben die Maya unterworfen – oder wurden von ihnen assimiliert, je nachdem, ob man die Sache auf kurze oder lange Sicht sehen will. Egal, die meisten berühmten Maya-Ruinen auf Yucatán sind eher toltekischen Ursprungs als Relikte der Mayakultur. Chichén-Itzá zum Beispiel …«

»Du willst also sagen, daß Tlaloc eigentlich keine Maya-Stadt ist?«

»Nein, nein, es ist schon von den Maya, allerdings mit deutlich toltekischem Einfluß. Etwa so, wie man auch sagen könnte, daß Strasbourg eigentlich eine deutsche Stadt ist, wenn auch mit deutlich französischem Einfluß.«

»Ich bin nicht sicher, was die Franzosen davon halten würden.«

»Ich bin auch nicht sicher, was die Maya davon hielten.«

Der Wagen mit dem Mittagessen hatte es nach mehreren Zwischenstationen schließlich bis zur Reihe 24 geschafft. Ordentliche kleine Plastiktabletts mit Klappdeckeln wurden vor sie gestellt: Salat aus Salami, Käse, roten Paprika und grünen Bohnen, ein Brötchen, ein drei mal drei Zentimeter großer Würfel Schokoladenkuchen, ein Dutzend blaue Weintrauben in einem Papierschälchen.

Der untersetzte Mann auf der anderen Seite des Ganges starrte seine Portion durch den transparenten Deckel angewidert an. »Herr im Himmel«, brummelte er vorwurfsvoll, »kann man sich so was vorstellen?«

Aber Gideon fand es in Ordnung; genau das Richtige für zwei Uhr nachmittags, fünfunddreißigtausend Fuß über dem Golf von Mexiko. Julie ebenfalls, und so verputzten sie mit Begeisterung ihre Mahlzeit (ihr Sitznachbar aß den Kuchen und ließ den Rest liegen) und ließen sich danach von einem Steward Kaffee bringen.

»Wie wär’s«, sagte Julie mit Nachdruck, »wenn du mir jetzt all die erbärmlichen Einzelheiten des berühmten Skandals erzählst, der 1982 zur Einstellung der Ausgrabungen in Tlaloc geführt hat?«

Gideon wand sich unbehaglich in dem schmalen Sitz. »Was weißt du davon?« fragte er zögernd.

»Ich kann mich erinnern, in ›Time‹ darüber gelesen zu haben. Jemand hat einen Kodex der Maya gestohlen, stimmt’s?«

»Ja, und das war’s auch schon so ungefähr.« Er zog das Papier von einem Döschen fettarmer Milch und schüttete sie in seinen Kaffee. »Es war tatsächlich der Leiter persönlich. Howard Bennett.«

Nachdem zehn Sekunden nur das Brummen der Triebwerke zu hören war, hob Julie verärgert eine Augenbraue. »Und das war alles?«

»Mehr gibt’s da nicht zu sagen.«

»Aber du warst doch dabei. Ich will die wichtigen Einzelheiten. Was war Howard Bennett für ein Mensch? War er wirklich mit dir befreundet? War vielleicht eine Frau im Spiel? Hattest du je den Verdacht …« Sie sprach nicht weiter und musterte ihn fragend. »Und wieso hast du mir das alles nicht schon längst mal erzählt?«

Er zuckte mit den Achseln. »Es schien mir nicht weiter wichtig. Das war alles, lange bevor wir uns kennengelernt haben.«

»Du bist«, sagte sie, »mit Abstand der einsilbigste Mensch, den ich kenne. Du tratschst nie. Es ist ekelhaft. Ich arbeite bei dieser Ausgrabung mit, also ist es jetzt auch wichtig.« Erwartungsvoll lehnte sie sich zurück, beide Hände um den Kaffeebecher, und drehte sich zur Seite, um Gideon anzusehen. »Und jetzt erzähl mir alles. Fang ganz von vorne an.«

Gideon lehnte sich ebenfalls zurück, starrte auf die Wolkendecke und ließ seine Erinnerung in die Vergangenheit wandern. Sich an die Ereignisse in Tlaloc zu erinnern, war sowohl in beruflicher wie auch persönlicher Hinsicht schmerzlich. Auch wenn er dies vermutlich niemals laut aussprechen würde, war er doch mit Leib und Seele Anthropologe, ging in seinem Fachgebiet auf und war ständig besorgt um seine beruflichen Standards und seinen Ruf, die sich beide, ganz pauschal gesprochen, auf einem erfreulich hohen Niveau bewegten.

Aber Howard Bennett hatte auf beinahe unvorstellbare Weise diese Standards verletzt, und seitdem hatte Gideon kaum darüber gesprochen. Die meisten Menschen, die er kannte, wären überrascht gewesen zu erfahren, daß er damals dabeigewesen war. Dennoch hatte Julie nicht ganz unrecht. Sie hatte Anspruch darauf, mehr zu erfahren. Wie auch immer, dem entschlossenen Funkeln in ihren Augen nach zu schließen, würde er es so oder so nicht länger für sich behalten können.

Er fing ganz von vorn an. »Weißt du, woran ich mich am ehesten erinnere, wenn ich daran denke? Wie heiß es gewesen ist.«

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