Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 1 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Vorwort zur dritten Auflage.

 

Nachdem ich durch ein Jahrzehnt Aufnahme und Wirkung dieses Buches

beobachtet, möchte ich dessen dritte Auflage mit einigen Vorbemerkungen

versehen, die gegen Mißverständnisse und unerfüllbare Ansprüche an dasselbe

gerichtet sind. Es sei also vor allem betont, daß die Darstellung hierin durchweg

von der alltäglichen ärztlichen Erfahrung ausgeht, welche durch die Ergebnisse

der psychoanalytischen Untersuchung vertieft und wissenschaftlich bedeutsam

gemacht werden soll. Die drei »Abhandlungen zur Sexualtheorie« können nichts

anderes enthalten, als was die Psychoanalyse anzunehmen nötigt oder zu

bestätigen gestattet. Es ist darum ausgeschlossen, daß sie sich jemals zu einer

»Sexualtheorie« erweitern ließen, und begreiflich, daß sie zu manchen wichtigen

Problemen des Sexuallebens überhaupt nicht Stellung nehmen. Man wolle aber

darum nicht glauben, daß diese übergangenen Kapitel des großen Themas dem

Autor unbekannt geblieben sind oder von ihm als nebensächlich vernachlässigt

wurden.

Die Abhängigkeit dieser Schrift von den psychoanalytischen Erfahrungen,

die zu ihrer Abfassung angeregt haben, zeigt sich aber nicht nur in der Auswahl,

sondern auch in der Anordnung des Stoffes. Überall wird ein gewisser

Instanzenzug eingehalten, werden die akzidentellen Momente vorangestellt, die

dispositionellen im Hintergrunde gelassen und wird die ontogenetische

Entwicklung vor der phylogenetischen berücksichtigt. Das Akzidentelle spielt

nämlich die Hauptrolle in der Analyse, es wird durch sie fast restlos bewältigt;

das Dispositionelle kommt erst hinter ihm zum Vorschein als etwas, was durch

das Erleben geweckt wird, dessen Würdigung aber weit über das Arbeitsgebiet

der Psychoanalyse hinausführt.

Ein ähnliches Verhältnis beherrscht die Relation zwischen Onto- und

Phylogenese. Die Ontogenese kann als eine Wiederholung der Phylogenese

angesehen werden, soweit diese nicht durch ein rezenteres Erleben abgeändert

wird. Die phylogenetische Anlage macht sich hinter dem ontogenetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition eben der Niederschlag

eines früheren Erlebens der Art, zu welchem das neuere Erleben des

Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente hinzukommt.

Neben der durchgängigen Abhängigkeit von der psychoanalytischen

Forschung muß ich die vorsätzliche Unabhängigkeit von der biologischen

Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es

sorgfältig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen

Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium einzutragen,

welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die Technik der

Psychoanalyse ermöglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu erkunden, wieviel

zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln der

psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf Anschlüsse und

Übereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser Untersuchung ergaben, aber

ich brauchte mich nicht beirren zu lassen, wenn die psychoanalytische Methode

in manchen wichtigen Punkten zu Ansichten und Ergebnissen führte, die von

den bloß biologisch gestützten erheblich abwichen.

Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen vorgenommen,

aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen Auflage durch besondere

Zeichen kenntlich zu machen. – Die wissenschaftliche Arbeit auf unserem

Gebiete hat gegenwärtig ihre Fortschritte verlangsamt, doch waren gewisse

Ergänzungen dieser Schrift unentbehrlich, wenn sie mit der neueren

psychoanalytischen Literatur in Fühlung bleiben sollte.

 

Wien, im Oktober 1914.