Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 27 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Die Objektfindung.

Libido des Mannes und nötigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen; mit der

Höhe der Libido steigt dann auch die Sexualüberschätzung, die nur für das sich

weigernde, seine Sexualität verleugnende Weib im vollen Maße zu haben ist. Die

Klitoris behält dann die Rolle, wenn sie beim endlich zugelassenen Sexualakt

selbst erregt wird, diese Erregung an die benachbarten weiblichen Teile weiter

zu leiten, etwa wie ein Span Kienholz dazu benützt werden kann, das härtere

Brennholz in Brand zu setzen. Es nimmt oft eine gewisse Zeit in Anspruch, bis

sich diese Übertragung vollzogen hat, während welcher dann das junge Weib

anästhetisch ist. Diese Anästhesie kann eine dauernde werden, wenn die

Klitoriszone ihre Erregbarkeit abzugeben sich weigert, was gerade durch

ausgiebige Betätigung im Kinderleben vorbereitet wird. Es ist bekannt, daß die

Anästhesie der Frauen häufig nur eine scheinbare, eine lokale ist. Sie sind

anästhetisch am Scheideneingang, aber keineswegs unerregbar von der Klitoris

oder selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen erogenen Anlässen der Anästhesie

gesellen sich dann noch die psychischen, gleichfalls durch Verdrängung

bedingten.

Ist die Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris auf den

Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine für die spätere

Sexualbetätigung leitende Zone gewechselt, während der Mann die seinige von

der Kindheit an beibehalten hat. In diesem Wechsel der leitenden erogenen Zone

sowie in dem Verdrängungsschub der Pubertät, der gleichsam die infantile

Männlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingungen für die Bevorzugung

des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie. Diese Bedingungen hängen

also mit dem Wesen der Weiblichkeit innigst zusammen.

 

Die Objektfindung.

 

Während durch die Pubertätsvorgänge das Primat der Genitalzonen

festgelegt wird und das Vordrängen des erigiert gewordenen Gliedes beim

Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel hinweist, auf das Eindringen in eine

die Genitalzone erregende Körperhöhle, vollzieht sich von psychischer Seite her

die Objektfindung, für welche von der frühesten Kindheit an vorgearbeitet

worden ist. Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit der

Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte der Sexualtrieb ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutterbrust. Er verlor es nur später,

vielleicht gerade zur Zeit, als es dem Kinde möglich wurde, die

Gesamtvorstellung der Person, welcher das ihm Befriedigung spendende Organ

angehörte, zu bilden. Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch

und erst nach Überwindung der Latenzzeit stellt sich das ursprüngliche

Verhältnis wieder her. Nicht ohne guten Grund ist das Saugen des Kindes an der

Brust der Mutter vorbildlich für jede Liebesbeziehung geworden. Die

Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung(65).

 

Sexualobjekt der Säuglingszeit.

 

Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen Beziehungen bleibt

auch nach der Abtrennung der Sexualtätigkeit von der Nahrungsaufnahme ein

wichtiges Stück übrig, welches die Objektwahl vorbereiten, das verlorene Glück

also wiederherstellen hilft. Die ganze Latenzzeit über lernt das Kind andere

Personen, die seiner Hilflosigkeit abhelfen und seine Bedürfnisse befriedigen,

lieben, durchaus nach dem Muster und in Fortsetzung seines

Säuglingsverhältnisses zur Amme. Man wird sich vielleicht sträuben wollen, die

zärtlichen Gefühle und die Wertschätzung des Kindes für seine Pflegepersonen

mit der geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine genauere

psychologische Untersuchung wird diese Identität über jeden Zweifel hinaus

feststellen können. Der Verkehr des Kindes mit seiner Pflegeperson ist für

dasselbe eine unaufhörlich fließende Quelle sexueller Erregung und

Befriedigung von erogenen Zonen aus, zumal da letztere – in der Regel doch die

Mutter – das Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben

stammen, es streichelt, küßt und wiegt und ganz deutlich zum Ersatz für ein

vollgültiges Sexualobjekt nimmt(66). Die Mutter würde wahrscheinlich

erschrecken, wenn man ihr die Aufklärung gäbe, daß sie mit all ihren

Zärtlichkeiten den Sexualtrieb ihres Kindes weckt und dessen spätere Intensität

vorbereitet. Sie hält ihr Tun für asexuelle »reine« Liebe, da sie es doch sorgsam

vermeidet, den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzuführen, als bei der

Körperpflege unumgänglich ist. Aber der Geschlechtstrieb wird nicht nur durch

Erregung der Genitalzone geweckt, wie wir ja wissen; was wir Zärtlichkeit

heißen, wird unfehlbar eines Tages seine Wirkung auch auf die Genitalzonen

äußern. Verstünde die Mutter mehr von der hohen Bedeutung der Triebe für das

gesamte Seelenleben, für alle ethischen und psychischen Leistungen, so würde sie sich übrigens auch nach der Aufklärung alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie

erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn sie das Kind lieben lehrt; es soll ja ein tüchtiger

Mensch mit energischem Sexualbedürfnis werden und in seinem Leben all das

vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt. Ein Zuviel von elterlicher

Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem es die sexuelle Reifung

beschleunigt, auch dadurch, daß es das Kind »verwöhnt«, es unfähig macht, im

späteren Leben auf Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem

geringeren Maß davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen späterer

Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich in seinem Verlangen nach

Zärtlichkeit der Eltern erweist, und andererseits werden gerade neuropathische

Eltern, die ja meist zur maßlosen Zärtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen

die Disposition des Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken.

Man ersieht übrigens aus diesem Beispiel, daß es für neurotische Eltern direktere

Wege als den der Vererbung gibt, ihre Störung auf die Kinder zu übertragen.

 

Infantile Angst.

 

Die Kinder selbst benehmen sich von frühen Jahren an, als sei ihre

Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur der sexuellen Liebe. Die

Angst der Kinder ist ursprünglich nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß sie

die geliebte Person vermissen; sie kommen darum jedem Fremden mit Angst

entgegen; sie fürchten sich in der Dunkelheit, weil man in dieser die geliebte

Person nicht sieht, und lassen sich beruhigen, wenn sie dieselbe in der

Dunkelheit bei der Hand fassen können. Man überschätzt die Wirkung aller

Kinderschrecken und gruseligen Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man

diesen Schuld gibt, daß sie die Ängstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die

zur Ängstlichkeit neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf, die an anderen

durchaus nicht haften wollen; und zur Ängstlichkeit neigen nur Kinder mit

übergroßem oder vorzeitig entwickeltem oder durch Verzärtelung anspruchsvoll

gewordenem Sexualtrieb. Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene,

indem es seine Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur Befriedigung

zu bringen vermag, und der Erwachsene wird sich dafür, wenn er durch

unbefriedigte Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst wie ein Kind

benehmen, sich zu fürchten beginnen, sowie er allein, d. h. ohne eine Person ist,

deren Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine Angst durch die

kindischesten Maßregeln beschwichtigen wollen(67).

Inzestschranke.

 

 

Wenn die Zärtlichkeit der Eltern zum Kinde es glücklich vermieden hat, den

Sexualtrieb desselben vorzeitig, d. h. ehe die körperlichen Bedingungen der

Pubertät gegeben sind, in solcher Stärke zu wecken, daß die seelische Erregung

in unverkennbarer Weise zum Genitalsystem durchbricht, so kann sie ihre

Aufgabe erfüllen, dieses Kind im Alter der Reife bei der Wahl des

Sexualobjektes zu leiten. Gewiß läge es dem Kinde am nächsten, diejenigen

Personen selbst zu Sexualobjekten zu wählen, die es mit einer sozusagen

abgedämpften Libido seit seiner Kindheit liebt(68). Aber durch den Aufschub

der sexuellen Reifung ist die Zeit gewonnen worden, neben anderen

Sexualhemmnissen die Inzestschranke aufzurichten, jene moralischen

Vorschriften in sich aufzunehmen, welche die geliebten Personen der Kindheit

als Blutsverwandte ausdrücklich von der Objektwahl ausschließen. Die

Beachtung dieser Schranke ist vor allem eine Kulturforderung der Gesellschaft,

welche sich gegen die Aufzehrung von Interessen durch die Familie wehren

muß, die sie für die Herstellung höherer sozialer Einheiten braucht, und darum

mit allen Mitteln dahin wirkt, bei jedem einzelnen, speziell beim Jüngling, den

in der Kindheit allein maßgebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu

lockern(69).

Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung vollzogen und das

Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat kaum einen anderen Spielraum,

als sich in Phantasien, d. h. in nicht zur Ausführung bestimmten Vorstellungen

zu ergehen(70). In diesen Phantasien treten bei allen Menschen die infantilen

Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck verstärkt, wieder auf, und

unter ihnen in gesetzmäßiger Häufigkeit und an erster Stelle die meist bereits

durch die Geschlechtsanziehung differenzierte Sexualregung des Kindes für die

Eltern, des Sohnes für die Mutter und der Tochter für den Vater(71). Gleichzeitig

mit der Überwindung und Verwerfung dieser deutlich inzestuösen Phantasien

wird eine der bedeutsamsten, aber auch schmerzhaftesten, psychischen

Leistungen der Pubertätszeit vollzogen, die Ablösung von der Autorität der

Eltern, durch welche erst der für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der

neuen Generation zur alten geschaffen wird. Auf jeder der Stationen des

Entwicklungsganges, den die Individuen durchmachen sollen, wird eine Anzahl

derselben zurückgehalten, und so gibt es auch Personen, welche die Autorität der

Eltern nie überwunden und ihre Zärtlichkeit von denselben nicht oder nur sehr unvollständig zurückgezogen haben. Es sind zumeist Mädchen, die so zur

Freude der Eltern weit über die Pubertät hinaus bei der vollen Kinderliebe

verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich zu finden, daß es diesen Mädchen

in ihrer späteren Ehe an dem Vermögen gebricht, ihren Männern das Gebührende

zu schenken. Sie werden kühle Ehefrauen und bleiben sexuell anästhetisch. Man

lernt daraus, daß die anscheinend nicht sexuelle Liebe zu den Eltern und die

geschlechtliche Liebe aus denselben Quellen gespeist werden, d. h. daß die

erstere nur einer infantilen Fixierung der Libido entspricht.

Je mehr man sich den tieferen Störungen der psychosexuellen Entwicklung

nähert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung der inzestuösen Objektwahl

hervor. Bei den Psychoneurotikern verbleibt infolge von Sexualablehnung ein

großes Stück oder das Ganze der psychosexuellen Tätigkeit zur Objektfindung

im Unbewußten. Für die Mädchen mit übergroßem Zärtlichkeitsbedürfnis und

eben solchem Grausen vor den realen Anforderungen des Sexuallebens wird es

zu einer unwiderstehlichen Versuchung, sich einerseits das Ideal der asexuellen

Liebe im Leben zu verwirklichen und andererseits ihre Libido hinter einer

Zärtlichkeit, die sie ohne Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie

die infantile, in der Pubertät aufgefrischte Neigung zu Eltern oder Geschwistern

fürs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann solchen Personen mühelos

nachweisen, daß sie in diese ihre Blutsverwandten im gemeinverständlichen

Sinne des Wortes verliebt sind, indem sie mit Hilfe der Symptome und anderen

Krankheitsäußerungen ihre unbewußten Gedanken aufspürt und in bewußte

übersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder nach einer unglücklichen

Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den Mechanismus solcher

Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf die infantil bevorzugten

Personen mit Sicherheit aufdecken.

 

Nachwirkung der infantilen Objektwahl.

 

Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido glücklich vermieden hat, ist

dem Einfluß derselben nicht völlig entzogen. Es ist ein deutlicher Nachklang

dieser Entwicklungsphase, wenn die erste ernsthafte Verliebtheit des jungen

Mannes, wie so häufig, einem reifen Weibe, die des Mädchens einem älteren,

mit Autorität ausgestatteten Manne gilt, die ihnen das Bild der Mutter und des

Vaters beleben können(72). In freierer Anlehnung an diese Vorbilder geht wohl

die Objektwahl überhaupt vor sich. Vor allem sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie es ihn seit den Anfängen der Kindheit

beherrscht; im vollen Einklang steht es damit, wenn sich die noch lebende

Mutter gegen diese ihre Erneuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet.

Bei solcher Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern für die spätere

Wahl des Sexualobjektes ist es leicht zu verstehen, daß jede Störung dieser

Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen für das Sexualleben nach der Reife

zeitigt; auch die Eifersucht des Liebenden ermangelt nie der infantilen Wurzel

oder wenigstens der infantilen Verstärkung. Zwistigkeiten zwischen den Eltern

selbst, unglückliche Ehe derselben, bedingen die schwerste Prädisposition für

gestörte Sexualentwicklung oder neurotische Erkrankung der Kinder.

Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste, aber nicht die

einzige der Spuren, die, in der Pubertät aufgefrischt, dann der Objektwahl den

Weg weisen. Andere Ansätze derselben Herkunft gestatten dem Manne noch

immer in Anlehnung an seine Kindheit mehr als eine einzige Sexualreihe zu

entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen für die Objektwahl

auszubilden(73).

 

Verhütung der Inversion.

 

Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin, das

entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie bekannt, nicht

ohne einiges Tasten gelöst. Die ersten Regungen nach der Pubertät gehen häufig

genug – ohne dauernden Schaden – irre. Dessoir hat mit Recht darauf

aufmerksam gemacht, welche Gesetzmäßigkeit sich in den schwärmerischen

Freundschaften von Jünglingen und Mädchen für ihresgleichen verrät. Die

größte Macht, welche eine dauernde Inversion des Sexualobjektes abwehrt, ist

gewiß die Anziehung, welche die entgegengesetzten Geschlechtscharaktere für

einander äußern; zur Erklärung derselben kann im Zusammenhange dieser

Erörterungen nichts gegeben werden. Aber dieser Faktor reicht für sich allein

nicht hin, die Inversion auszuschließen; es kommen wohl allerlei unterstützende

Momente hinzu. Vor allem die Autoritätshemmung der Gesellschaft; wo die

Inversion nicht als Verbrechen betrachtet wird, da kann man die Erfahrung

machen, daß sie den sexuellen Neigungen nicht weniger Individuen voll

entspricht. Ferner darf man für den Mann annehmen, daß die Kindererinnerung

an die Zärtlichkeit der Mutter und anderer weiblicher Personen, denen er als

Kind überantwortet war, energisch mithilft, seine Wahl auf das Weib zu lenken, während die von seiten des Vaters erfahrene frühzeitige Sexualeinschüchterung

und die Konkurrenzeinstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide

Momente gelten aber auch für das Mädchen, dessen Sexualbetätigung unter der

besonderen Obhut der Mutter steht. Es ergibt sich so eine feindliche Beziehung

zum eigenen Geschlecht, welche die Objektwahl entscheidend in dem für normal

geltenden Sinn beeinflußt. Die Erziehung der Knaben durch männliche Personen

(Sklaven in der antiken Welt) scheint die Homosexualität zu begünstigen; beim

heutigen Adel wird die Häufigkeit der Inversion wohl durch die Verwendung

männlicher Dienerschaft wie durch die geringere persönliche Fürsorge der

Mütter für ihre Kinder um etwas verständlicher. Bei manchen Hysterischen

ergibt sich, daß der frühzeitige Wegfall einer Person des Elternpaares (durch

Tod, Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann die übrigbleibende die ganze

Liebe des Kindes an sich gezogen hatte, die Bedingung für das Geschlecht der

später zum Sexualobjekt gewählten Person festgestellt und damit auch die

dauernde Inversion ermöglicht hat.