Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Die Objektfindung.
Libido des Mannes und nötigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen; mit der
Höhe der Libido steigt dann auch die Sexualüberschätzung, die nur für das sich
weigernde, seine Sexualität verleugnende Weib im vollen Maße zu haben ist. Die
Klitoris behält dann die Rolle, wenn sie beim endlich zugelassenen Sexualakt
selbst erregt wird, diese Erregung an die benachbarten weiblichen Teile weiter
zu leiten, etwa wie ein Span Kienholz dazu benützt werden kann, das härtere
Brennholz in Brand zu setzen. Es nimmt oft eine gewisse Zeit in Anspruch, bis
sich diese Übertragung vollzogen hat, während welcher dann das junge Weib
anästhetisch ist. Diese Anästhesie kann eine dauernde werden, wenn die
Klitoriszone ihre Erregbarkeit abzugeben sich weigert, was gerade durch
ausgiebige Betätigung im Kinderleben vorbereitet wird. Es ist bekannt, daß die
Anästhesie der Frauen häufig nur eine scheinbare, eine lokale ist. Sie sind
anästhetisch am Scheideneingang, aber keineswegs unerregbar von der Klitoris
oder selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen erogenen Anlässen der Anästhesie
gesellen sich dann noch die psychischen, gleichfalls durch Verdrängung
bedingten.
Ist die Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris auf den
Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine für die spätere
Sexualbetätigung leitende Zone gewechselt, während der Mann die seinige von
der Kindheit an beibehalten hat. In diesem Wechsel der leitenden erogenen Zone
sowie in dem Verdrängungsschub der Pubertät, der gleichsam die infantile
Männlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingungen für die Bevorzugung
des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie. Diese Bedingungen hängen
also mit dem Wesen der Weiblichkeit innigst zusammen.
Die Objektfindung.
Während durch die Pubertätsvorgänge das Primat der Genitalzonen
festgelegt wird und das Vordrängen des erigiert gewordenen Gliedes beim
Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel hinweist, auf das Eindringen in eine
die Genitalzone erregende Körperhöhle, vollzieht sich von psychischer Seite her
die Objektfindung, für welche von der frühesten Kindheit an vorgearbeitet
worden ist. Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit der
Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte der Sexualtrieb ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutterbrust. Er verlor es nur später,
vielleicht gerade zur Zeit, als es dem Kinde möglich wurde, die
Gesamtvorstellung der Person, welcher das ihm Befriedigung spendende Organ
angehörte, zu bilden. Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch
und erst nach Überwindung der Latenzzeit stellt sich das ursprüngliche
Verhältnis wieder her. Nicht ohne guten Grund ist das Saugen des Kindes an der
Brust der Mutter vorbildlich für jede Liebesbeziehung geworden. Die
Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung(65).
Sexualobjekt der Säuglingszeit.
Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen Beziehungen bleibt
auch nach der Abtrennung der Sexualtätigkeit von der Nahrungsaufnahme ein
wichtiges Stück übrig, welches die Objektwahl vorbereiten, das verlorene Glück
also wiederherstellen hilft. Die ganze Latenzzeit über lernt das Kind andere
Personen, die seiner Hilflosigkeit abhelfen und seine Bedürfnisse befriedigen,
lieben, durchaus nach dem Muster und in Fortsetzung seines
Säuglingsverhältnisses zur Amme. Man wird sich vielleicht sträuben wollen, die
zärtlichen Gefühle und die Wertschätzung des Kindes für seine Pflegepersonen
mit der geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine genauere
psychologische Untersuchung wird diese Identität über jeden Zweifel hinaus
feststellen können. Der Verkehr des Kindes mit seiner Pflegeperson ist für
dasselbe eine unaufhörlich fließende Quelle sexueller Erregung und
Befriedigung von erogenen Zonen aus, zumal da letztere – in der Regel doch die
Mutter – das Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben
stammen, es streichelt, küßt und wiegt und ganz deutlich zum Ersatz für ein
vollgültiges Sexualobjekt nimmt(66). Die Mutter würde wahrscheinlich
erschrecken, wenn man ihr die Aufklärung gäbe, daß sie mit all ihren
Zärtlichkeiten den Sexualtrieb ihres Kindes weckt und dessen spätere Intensität
vorbereitet. Sie hält ihr Tun für asexuelle »reine« Liebe, da sie es doch sorgsam
vermeidet, den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzuführen, als bei der
Körperpflege unumgänglich ist. Aber der Geschlechtstrieb wird nicht nur durch
Erregung der Genitalzone geweckt, wie wir ja wissen; was wir Zärtlichkeit
heißen, wird unfehlbar eines Tages seine Wirkung auch auf die Genitalzonen
äußern. Verstünde die Mutter mehr von der hohen Bedeutung der Triebe für das
gesamte Seelenleben, für alle ethischen und psychischen Leistungen, so würde sie sich übrigens auch nach der Aufklärung alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie
erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn sie das Kind lieben lehrt; es soll ja ein tüchtiger
Mensch mit energischem Sexualbedürfnis werden und in seinem Leben all das
vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt. Ein Zuviel von elterlicher
Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem es die sexuelle Reifung
beschleunigt, auch dadurch, daß es das Kind »verwöhnt«, es unfähig macht, im
späteren Leben auf Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem
geringeren Maß davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen späterer
Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich in seinem Verlangen nach
Zärtlichkeit der Eltern erweist, und andererseits werden gerade neuropathische
Eltern, die ja meist zur maßlosen Zärtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen
die Disposition des Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken.
Man ersieht übrigens aus diesem Beispiel, daß es für neurotische Eltern direktere
Wege als den der Vererbung gibt, ihre Störung auf die Kinder zu übertragen.
Infantile Angst.
Die Kinder selbst benehmen sich von frühen Jahren an, als sei ihre
Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur der sexuellen Liebe. Die
Angst der Kinder ist ursprünglich nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß sie
die geliebte Person vermissen; sie kommen darum jedem Fremden mit Angst
entgegen; sie fürchten sich in der Dunkelheit, weil man in dieser die geliebte
Person nicht sieht, und lassen sich beruhigen, wenn sie dieselbe in der
Dunkelheit bei der Hand fassen können. Man überschätzt die Wirkung aller
Kinderschrecken und gruseligen Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man
diesen Schuld gibt, daß sie die Ängstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die
zur Ängstlichkeit neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf, die an anderen
durchaus nicht haften wollen; und zur Ängstlichkeit neigen nur Kinder mit
übergroßem oder vorzeitig entwickeltem oder durch Verzärtelung anspruchsvoll
gewordenem Sexualtrieb. Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene,
indem es seine Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur Befriedigung
zu bringen vermag, und der Erwachsene wird sich dafür, wenn er durch
unbefriedigte Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst wie ein Kind
benehmen, sich zu fürchten beginnen, sowie er allein, d. h. ohne eine Person ist,
deren Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine Angst durch die
kindischesten Maßregeln beschwichtigen wollen(67).
Inzestschranke.
Wenn die Zärtlichkeit der Eltern zum Kinde es glücklich vermieden hat, den
Sexualtrieb desselben vorzeitig, d. h. ehe die körperlichen Bedingungen der
Pubertät gegeben sind, in solcher Stärke zu wecken, daß die seelische Erregung
in unverkennbarer Weise zum Genitalsystem durchbricht, so kann sie ihre
Aufgabe erfüllen, dieses Kind im Alter der Reife bei der Wahl des
Sexualobjektes zu leiten. Gewiß läge es dem Kinde am nächsten, diejenigen
Personen selbst zu Sexualobjekten zu wählen, die es mit einer sozusagen
abgedämpften Libido seit seiner Kindheit liebt(68). Aber durch den Aufschub
der sexuellen Reifung ist die Zeit gewonnen worden, neben anderen
Sexualhemmnissen die Inzestschranke aufzurichten, jene moralischen
Vorschriften in sich aufzunehmen, welche die geliebten Personen der Kindheit
als Blutsverwandte ausdrücklich von der Objektwahl ausschließen. Die
Beachtung dieser Schranke ist vor allem eine Kulturforderung der Gesellschaft,
welche sich gegen die Aufzehrung von Interessen durch die Familie wehren
muß, die sie für die Herstellung höherer sozialer Einheiten braucht, und darum
mit allen Mitteln dahin wirkt, bei jedem einzelnen, speziell beim Jüngling, den
in der Kindheit allein maßgebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu
lockern(69).
Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung vollzogen und das
Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat kaum einen anderen Spielraum,
als sich in Phantasien, d. h. in nicht zur Ausführung bestimmten Vorstellungen
zu ergehen(70). In diesen Phantasien treten bei allen Menschen die infantilen
Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck verstärkt, wieder auf, und
unter ihnen in gesetzmäßiger Häufigkeit und an erster Stelle die meist bereits
durch die Geschlechtsanziehung differenzierte Sexualregung des Kindes für die
Eltern, des Sohnes für die Mutter und der Tochter für den Vater(71). Gleichzeitig
mit der Überwindung und Verwerfung dieser deutlich inzestuösen Phantasien
wird eine der bedeutsamsten, aber auch schmerzhaftesten, psychischen
Leistungen der Pubertätszeit vollzogen, die Ablösung von der Autorität der
Eltern, durch welche erst der für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der
neuen Generation zur alten geschaffen wird. Auf jeder der Stationen des
Entwicklungsganges, den die Individuen durchmachen sollen, wird eine Anzahl
derselben zurückgehalten, und so gibt es auch Personen, welche die Autorität der
Eltern nie überwunden und ihre Zärtlichkeit von denselben nicht oder nur sehr unvollständig zurückgezogen haben. Es sind zumeist Mädchen, die so zur
Freude der Eltern weit über die Pubertät hinaus bei der vollen Kinderliebe
verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich zu finden, daß es diesen Mädchen
in ihrer späteren Ehe an dem Vermögen gebricht, ihren Männern das Gebührende
zu schenken. Sie werden kühle Ehefrauen und bleiben sexuell anästhetisch. Man
lernt daraus, daß die anscheinend nicht sexuelle Liebe zu den Eltern und die
geschlechtliche Liebe aus denselben Quellen gespeist werden, d. h. daß die
erstere nur einer infantilen Fixierung der Libido entspricht.
Je mehr man sich den tieferen Störungen der psychosexuellen Entwicklung
nähert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung der inzestuösen Objektwahl
hervor. Bei den Psychoneurotikern verbleibt infolge von Sexualablehnung ein
großes Stück oder das Ganze der psychosexuellen Tätigkeit zur Objektfindung
im Unbewußten. Für die Mädchen mit übergroßem Zärtlichkeitsbedürfnis und
eben solchem Grausen vor den realen Anforderungen des Sexuallebens wird es
zu einer unwiderstehlichen Versuchung, sich einerseits das Ideal der asexuellen
Liebe im Leben zu verwirklichen und andererseits ihre Libido hinter einer
Zärtlichkeit, die sie ohne Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie
die infantile, in der Pubertät aufgefrischte Neigung zu Eltern oder Geschwistern
fürs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann solchen Personen mühelos
nachweisen, daß sie in diese ihre Blutsverwandten im gemeinverständlichen
Sinne des Wortes verliebt sind, indem sie mit Hilfe der Symptome und anderen
Krankheitsäußerungen ihre unbewußten Gedanken aufspürt und in bewußte
übersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder nach einer unglücklichen
Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den Mechanismus solcher
Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf die infantil bevorzugten
Personen mit Sicherheit aufdecken.
Nachwirkung der infantilen Objektwahl.
Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido glücklich vermieden hat, ist
dem Einfluß derselben nicht völlig entzogen. Es ist ein deutlicher Nachklang
dieser Entwicklungsphase, wenn die erste ernsthafte Verliebtheit des jungen
Mannes, wie so häufig, einem reifen Weibe, die des Mädchens einem älteren,
mit Autorität ausgestatteten Manne gilt, die ihnen das Bild der Mutter und des
Vaters beleben können(72). In freierer Anlehnung an diese Vorbilder geht wohl
die Objektwahl überhaupt vor sich. Vor allem sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie es ihn seit den Anfängen der Kindheit
beherrscht; im vollen Einklang steht es damit, wenn sich die noch lebende
Mutter gegen diese ihre Erneuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet.
Bei solcher Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern für die spätere
Wahl des Sexualobjektes ist es leicht zu verstehen, daß jede Störung dieser
Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen für das Sexualleben nach der Reife
zeitigt; auch die Eifersucht des Liebenden ermangelt nie der infantilen Wurzel
oder wenigstens der infantilen Verstärkung. Zwistigkeiten zwischen den Eltern
selbst, unglückliche Ehe derselben, bedingen die schwerste Prädisposition für
gestörte Sexualentwicklung oder neurotische Erkrankung der Kinder.
Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste, aber nicht die
einzige der Spuren, die, in der Pubertät aufgefrischt, dann der Objektwahl den
Weg weisen. Andere Ansätze derselben Herkunft gestatten dem Manne noch
immer in Anlehnung an seine Kindheit mehr als eine einzige Sexualreihe zu
entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen für die Objektwahl
auszubilden(73).
Verhütung der Inversion.
Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin, das
entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie bekannt, nicht
ohne einiges Tasten gelöst. Die ersten Regungen nach der Pubertät gehen häufig
genug – ohne dauernden Schaden – irre. Dessoir hat mit Recht darauf
aufmerksam gemacht, welche Gesetzmäßigkeit sich in den schwärmerischen
Freundschaften von Jünglingen und Mädchen für ihresgleichen verrät. Die
größte Macht, welche eine dauernde Inversion des Sexualobjektes abwehrt, ist
gewiß die Anziehung, welche die entgegengesetzten Geschlechtscharaktere für
einander äußern; zur Erklärung derselben kann im Zusammenhange dieser
Erörterungen nichts gegeben werden. Aber dieser Faktor reicht für sich allein
nicht hin, die Inversion auszuschließen; es kommen wohl allerlei unterstützende
Momente hinzu. Vor allem die Autoritätshemmung der Gesellschaft; wo die
Inversion nicht als Verbrechen betrachtet wird, da kann man die Erfahrung
machen, daß sie den sexuellen Neigungen nicht weniger Individuen voll
entspricht. Ferner darf man für den Mann annehmen, daß die Kindererinnerung
an die Zärtlichkeit der Mutter und anderer weiblicher Personen, denen er als
Kind überantwortet war, energisch mithilft, seine Wahl auf das Weib zu lenken, während die von seiten des Vaters erfahrene frühzeitige Sexualeinschüchterung
und die Konkurrenzeinstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide
Momente gelten aber auch für das Mädchen, dessen Sexualbetätigung unter der
besonderen Obhut der Mutter steht. Es ergibt sich so eine feindliche Beziehung
zum eigenen Geschlecht, welche die Objektwahl entscheidend in dem für normal
geltenden Sinn beeinflußt. Die Erziehung der Knaben durch männliche Personen
(Sklaven in der antiken Welt) scheint die Homosexualität zu begünstigen; beim
heutigen Adel wird die Häufigkeit der Inversion wohl durch die Verwendung
männlicher Dienerschaft wie durch die geringere persönliche Fürsorge der
Mütter für ihre Kinder um etwas verständlicher. Bei manchen Hysterischen
ergibt sich, daß der frühzeitige Wegfall einer Person des Elternpaares (durch
Tod, Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann die übrigbleibende die ganze
Liebe des Kindes an sich gezogen hatte, die Bedingung für das Geschlecht der
später zum Sexualobjekt gewählten Person festgestellt und damit auch die
dauernde Inversion ermöglicht hat.